Zwei Frauen, kleiner Junge und Mann aus Guatemala wandern auf Landstraße
Guatemaltekische Familie © Adveniat

"Frieden jetzt! Gerechtigkeit schafft Zukunft" - Adveniat-Aktion 2015

15.12.2015

Bürgerkrieg und Drogenkonflikte beherrschen weite Teile Lateinamerikas. Deswegen will das Hilfswerk Adveniat mit seiner Jahresaktion 2015 Friedensarbeit fördern und vor allem auch soziale Gerechtigkeit - denn sie ist der Grundstein für Frieden. Die Hilfsprojekte in Lateinamerika stellen sich dem Kreislauf von Gewalt und Ungerechtigkeit entgegen. In Kolumbien, wo sich die Menschen nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs nichts sehnlicher wünschen als Frieden. Und in Guatemala, wo das Militärregime der indigenen Bevölkerung unbeschreibliches Leid zugefügt hat.

Unter dem Motto "Frieden jetzt! Gerechtigkeit schafft Zukunft" stellt das Lateinamerika-Hilfswerk die Friedensarbeit der katholischen Kirche in den Blickpunkt der Jahresaktion 2015.

Friedensarbeit in Südamerika gegen ein Leben in Unsicherheit und Angst

Die Kirche „Voto Nacional“ liegt im armen Süden von Bogota und wird gerade saniert. Direkt vor der Herz Jesu Kirche übernachten viele Obdachlose. © Adveniat

Trotz des anhaltenden Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre ist die Kriminalität in vielen Ländern Südamerikas gestiegen. Immer mehr Menschen werden Opfer von Gewalt - ein Leben in Unsicherheit und Angst ist für viele trauriger Alltag. Grund dafür ist unter anderem die bestehende Ungerechtigkeit.

 

Die Analyse der vergangenen Jahre zeigt, dass die Sicherheitspolitik der "harten Hand", das bloße Verstärken der Polizeiapparate, nicht funktioniert hat. Die kirchliche Friedens- und Menschenrechtsarbeit in Lateinamerika ermöglicht, unterstützt und begleitet Prozesse der Versöhnung, des sozialen und strukturellen Wandels und des Aufbaus einer gerechten Gesellschaft.

 

Kolumbien und Guatemala sind die Projektländer der diesjährigen Adveniat-Aktion. In Kolumbien vermittelt die Kirche zwischen der Regierung und den bewaffneten Gruppen, in Guatemala ist sie die Stimme der Opfer und Anwältin für eine Aufarbeitung der schrecklichen Bürgerkriegsvergangenheit - damit die Menschen eine Chance auf eine gerechtere, friedliche Zukunft haben.

 

In der Adventszeit sind unsere Partner aus Guatemala und Kolumbien in den deutschen Bistümern unterwegs und berichten über ihren Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden.

Kolumbien: Krieg zwischen Regierung und Guerilla

Padre Darío Echeverri González © Adveniat

Für den Claretinerpater Darío Echeverri González ist der Einsatz für Frieden und Versöhnung eine Herzenssache – nicht nur in seiner Pfarrei in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, sondern auch als Generalsekretär der Nationalen Versöhnungskommission. In dieser Funktion begleitet er die Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der linksgerichteten FARC-Guerilla in Havanna.

 

Padre González hat in den vielen Jahren, in denen er sich für den Friedensprozess in Kolumbien engagiert, alle Facetten menschlicher Grausamkeit kennengelernt. Doch angesichts der Erzählungen von Francia Elena Marquez Mina ist selbst er sprachlos. Eigentlich kennt er die schaurigen Berichte der jungen afrokolumbianischen Frau aus der Urwaldregion Cauca bereits. Doch dieses Mal ist auch er überrascht: „Was meinst Du mit dem Zerhackhaus?“ Ohne den Blick zu heben erzählt Francia von der Hütte, in der Goldsucher Francias Nachbarn in Stücke hackten − „wie Zwiebeln“.

 

Der Padre ist Dauergast in den Medien des Landes. Selbst in den bedrückendsten Situationen kann er dabei einen inneren Schalter umlegen und ruhig und besonnen die richtigen Worte finden.

 

Den Bürgerkriegsopfern versucht der Padre vor allem Zuversicht zu geben. Als Koordinator der Nationalen Versöhnungskommission hat er sechzig von ihnen nach Havanna begleitet. Stellvertretend für die vielen tausend Ungehörten, berichteten sie vor den Verhandlungsführern von ihren bewegenden Schicksalen. Auch Francia war dabei. „Dein Zeugnis hat die Anwesenden dort sehr aufgerüttelt“, erinnert er die ängstlich wirkende junge Frau.

 

Die 1995 von der Kirche einberufene, unabhängig agierende Versöhnungskommission hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Boden für eine erfolgreiche Umsetzung des Friedensprozesses zu bereiten. Voraussetzung dafür sei, dass den Angehörigen der rund 220.000 Todesopfer und den rund sechs Millionen von ihrem Land vertriebenen Menschen Gerechtigkeit widerfahre, sagt der Padre.

 

Die Kommission ist in allen Konfliktregionen des Landes vertreten. Dafür hat sie regionale Untergruppen gebildet, die mit allen Beteiligten das Gespräch suchen. Adveniat unterstützt diese äußerst komplexe Friedensarbeit seit Jahren mit finanziellen Mitteln und ermöglicht es der Kommission damit, mitten in diesem kriegerischen Chaos präsent zu sein.

 

 

Guatemala: Hilfe für ein geschundenes Volk

Ernestina López Bac © Adveniat

Ernestina López Bac ist in den 1950er Jahren etwas Bemerkenswertes gelungen: Als Angehörige der Kaqchikel-Ethnie und zudem noch als Frau besuchte sie die Schule und studierte. Beides ist bis heute in Guatemala nicht selbstverständlich. Darum stellt sie ihr Wissen und ihr Engagement als Verantwortliche für die Indígena-Pastoral bei der guatemaltekischen Bischofskonferenz in den Dienst ihres Volkes.

 

Den 2. November 1981 wird Ernestina López Bac niemals vergessen. Sie war in El Salvador bei den Bethlehemschwestern, als sie die Nachricht erreichte, dass ihr Vater ermordet worden sei. "Es war gegen fünf Uhr am Nachmittag", erinnert sie sich. "Er wurde beim Gebet erschossen, mit vier Schüssen." Ihre Welt brach zusammen.

Immer wieder war er bedroht worden. Ihr Vater war ein Katechet, kein politischer Aktivist, aber ein Mann, der sich für die Indígenas in seiner Gemeinde engagiert hatte, ihnen ein Bewusstsein für die eigenen Rechte zu vermitteln versuchte. Und der die Ungleichheit und Diskriminierung in seinem Land offen kritisiert hatte. Schnell war er als Kommunist verschrien, ein lebensgefährlicher Vorwurf im Guatemala der 1980er Jahre.

 

Der Bürgerkrieg von 1960 bis 1996 gilt mit rund 200.000 Toten als einer der längsten und blutigsten auf dem ganzen Kontinent. 626 Massaker, 45.000 Verschwundene und 1,5 Millionen Flüchtlinge sind die Bilanz. Später stellte eine Wahrheitskommission fest: Es handelte sich um systematische Gewaltakte, die sich primär gegen die Maya-Bevölkerung des Landes richteten. Verübt wurden sie in 80 Prozent der Fälle von der Armee und paramilitärischen Gruppen.

 

Wer in jener Zeit die bestehenden Machtstrukturen kritisierte und Rechte für die marginalisierten Bevölkerungsgruppen forderte, lebte gefährlich. "Ich hatte ihm immer wieder geraten: Betet nicht zusammen! Trefft euch nicht mehr!", erzählt Ernestina López. Doch ihr Vater wollte sich nicht verstecken: "Wenn es Gottes Wille ist, dass ich gehe", pflegte er zu antworten, "dann werde ich mich nicht wehren." Sie erschossen ihn in der Kapelle. "Er hatte nichts bei sich, außer dem Kreuz in der Hand." Ernestinas Stimme stockt, während sie sich daran erinnert. Sie blickt zu Boden, kämpft mit den Tränen. Eigentlich möchte sie davon nicht mehr reden, immer noch wühlt sie der Verlust ihres Vaters auf. Er hat sie für ihr Leben geprägt. Und er war es auch, der schon früh ihr Potenzial erkannte.

 

Bereits im Alter von acht Jahren schickte ihr Vater sie zur Schule, der einzigen Schule, die damals Indígenas aufnahm. Eine große Chance, denn der Zugang zu Bildung war und ist für Indígenas in Guatemala nicht selbstverständlich, noch weniger für Frauen. Sie konnte ihr Potenzial nutzen, bekam ein Stipendium und studierte Psychologie und Pädagogik an der katholischen Universität Rafael Landívar, später machte sie ein Diplom in Theologie und Religionswissenschaften. Ihre Laufbahn betrachtet sie als Geschenk und Aufgabe gleichermaßen; sie ist sich sicher, dass Gott diesen Weg für sie ausgesucht hat. Deswegen stellt sie ihr Wissen und ihr Engagement in den Dienst der indigenen Gemeinden als verantwortliche Koordinatorin für die Indígena-Pastoral, die von Adveniat unterstützt wird.

 

Ernestinas Lebensgeschichte ist beispielhaft für viele Schicksale in Guatemala. Hunderttausende haben während des Bürgerkrieges Angehörige verloren. Aber in einem Land, in dem 98 Prozent der Straftaten nicht geahndet werden, warten viele bis heute auf Gerechtigkeit. Ernestina kennt die Mörder ihres Vaters. Doch Aufklärung wollten ihre Brüder und ihre Mutter nicht, zu hart sei das für sie alle, sagt sie. Sie respektiert das und hat ihren Frieden mit der Vergangenheit gemacht. "Ich habe den Mördern verziehen, ich bete für sie", sagt sie, "denn wenn wir Rache üben, wird der Kreislauf der Gewalt immer weitergehen." Sie vertraut darauf, dass Gott über die Taten richten wird. An diesen Punkt zu kommen, war für sie ein langer, schmerzvoller Weg, in dem sie für sich einen Sinn erkennt. "Heute betrachte ich es als Geschenk", sagt sie. "Ich bin dankbar und stolz, Tochter eines Märtyrers zu sein. Mein Vater hat mir gezeigt, wie man den Glauben lebt. Er hat Zeugnis abgelegt für seinen Glauben und für seine Überzeugungen. Es war eine schmerzhafte Erfahrung, aber sie hat mich stark gemacht, und ich werde sein Erbe weitertragen."

Wie können Sie den Menschen helfen?

Mit jährlich rund 2.000 Projekten steht Adveniat seinen Partnern in Lateinamerika und der Karibik bei und bahnt gemeinsam mit ihnen Wege aus der Not der Menschen für ein Leben in Würde. Mit Ihrer Weihnachtsgabe bei der Kollekte im Weihnachtsgottesdienst oder als Spende setzen Sie ein Zeichen der Solidarität und Nächstenliebe. Ihre Hilfe trägt dazu bei, eine stabile finanzielle Grundlage zu schaffen, um in den Konfliktregionen Lateinamerikas und der Karibik Projekte des Friedens und der Versöhnung zu fördern.

 

Möchten Sie Adveniat unterstützen?

Das Lateinamerika-Hilfswerk freut sich über jede Spende auf das Spendenkonto 17345 bei der Bank im Bistum Essen (BLZ 360 602 95),

 

IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45

 

SWIFT/BIC: GENODED1BBE.

 

Sie möchten noch mehr über Adveniat erfahren? Hier finden Sie umfangreiche Informationen rund um die Adveniat-Aktion 2015 sowie alles Wissenswerte über Adveniat.

Was ist Adveniat?

Plakat zur Adveniat-Aktion 2015.

Adveniat ist das Südamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Es fördert die Arbeit der Kirche in Lateinamerika und in der Karibik zugunsten von armen und benachteiligten Menschen. Dazu gehören zum Beispiel die Schaffung einer Infrastruktur - etwa der Bau von Gemeindezentren, Kapellen und Bildungshäusern - und die Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften.

 

Die "Adveniat-Aktion" ist die Weihnachtskampagne der katholischen Kirche in Deutschland. Sie umfasst eine Reihe von Veranstaltungen, die Adveniat in der Adventszeit in Zusammenarbeit mit den Bistümern Deutschlands organisiert. Das Lateinamerika-Hilfswerk weist im Rahmen der Aktion auf die Nöte der Armen und Benachteiligten in Lateinamerika und die Arbeit von Adveniat hin und wirbt für Spenden. Im Advent 2015 finden in ganz Deutschland Gottesdienste, Benefizkonzerte, Diskussionsforen und Vorträge mit Gästen aus Lateinamerika statt. Unterstützt wird die Adveniat-Aktion in diesem Jahr auch von Kolping International.

 

So hilft Adveniat

Adveniat denkt sich keine Projekte aus: Jedes Einzelne ist eine Antwort auf die Anfrage einer Ordensschwester, eines Priesters oder von engagierten Menschen vor Ort. Sie wissen, wo Hilfe nötig ist, und kennen die Brennpunkte ihrer Region. Die Kirche ist in ihrer Option für die Armen nahe bei den Menschen, vor allem bei denen, die Opfer von Gewalt und Unterdrückung geworden sind - Adveniat unterstützt sie dabei.

 

Seit über 50 Jahren fördert Adveniat kirchliche Initiativen zugunsten der Benachteiligten in Lateinamerika und der Karibik. Viele der Projekte helfen, Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen.