Sich an den Händen haltendes liebendes Paar bei Sonnenuntergang auf Feld vor einem Zaun
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„Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan“ (Johannes Paul II.)

02.04.2014

Zum Wert der kirchlichen Ehe- und Sexualmoral für den Menschen der Gegenwart

 

von Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg

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Warum es jetzt wichtig ist, für menschliche Liebe und Sexualität einzutreten

Kaum in einem anderen Lebensbereich tut sich die kirchliche Verkündigung heute schwerer, einigermaßen unvoreingenommen wahr- und erst recht ernst genommen zu werden, als in Fragen der Gestaltung menschlicher Sexualität. Die Sexualmoral der Kirche erscheint einem Großteil der Menschen – treue und gläubige Katholiken nicht ausgenommen – wohlwollend ausgedrückt als zu idealistisch und hochgesteckt in ihren Grundsätzen und Erwartungen; weniger wohlwollend gesehen, halten kritische Zeitgenossen die kirchliche Sexuallehre für schlichtweg realitätsfern, rigoristisch und alles andere als lebensdienlich – kurz gesagt: für eine lustfeindliche „Verbotsmoral“.

Nun kann ein selbstkritischer Blick auf die lange Geschichte der kirchlichen Verkündigung im Bereich des „Sechsten Gebotes“ nicht übersehen, dass tatsächlich Fehlformen einer engstirnigen und engherzigen Sexualmoral oft nur strikte Verbote kannten, wo gerade auch die Freude an der guten Schöpfungswirklichkeit Gottes zum Ausdruck hätte kommen müssen. Doch wird eine um Gerechtigkeit bemühte Sicht der Dinge auch anerkennen können, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten sowohl lehramtliche Stellungnahmen als auch kirchliche Verkündigung bzw. Pastoral weit davon entfernt haben, einer rigiden Verbotsmoral das Wort zu reden. Wer heute nach wie vor meint, vor einer vermeintlichen kirchlichen Verbotsmoral warnen zu müssen, gleicht einem Katastrophenmelder, der nach dem Löschzug der Feuerwehr ruft, während in Wahrheit eine Überschwemmung droht. Es geht doch darum, Orientierungshilfen zu geben, die geeignet sind, den modernen Menschen nicht zuletzt vor den negativen Auswirkungen einer zweifellos vorhandenen Hypersexualisierung unserer Gesellschaft zu bewahren.

Keine unsachlichen Tabus

Denn während früher das Thema Sexualität mit einem Tabu behaftet war, ist es heute eher zu einem Tabu geworden, offen über die verheerenden Folgen der sexuellen Freizügigkeit zu sprechen. Eine eindeutige Wortmeldung, die mit diesem neuen Tabu bricht und erschütternd offen aus den Erfahrungen der Jugendarbeit die Situation ungeschminkt darstellt, ist das 2008 von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher veröffentlichte Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“. Im Vorwort [zu diesem Buch] heißt es: „Die verheißene sexuelle Befreiung ist längst völlig aus dem Ruder gelaufen. Der versprochene Spaß wird täglich beworben, über diejenigen, die die Zeche bezahlen, spricht man kaum; seien es Zwangsprostituierte, Sexsüchtige oder Kinder, die durch Frühsexualisierung die Fähigkeit verlieren, noch irgendwelche stabilen Beziehungen jenseits vom Sex aufzubauen – mit allen Folgen, die das hat.“


Hier wird deutlich, dass in der Frage nach einer wirklich humanen Gestalt menschlicher Sexualität das Wohl und Wehe der ganzen Person auf dem Spiel steht. Insofern geht es der kirchlichen Sexualmoral zunächst auch nicht um möglichst detaillierte Einzelvorschriften im Bereich der Genitalität, sondern weit mehr um eine Kultur der Verantwortung vor dem Schöpfer und seinen Gaben, um Respekt vor der Würde des Anderen und der eigenen Person, um Beziehungsfähigkeit und Liebesfähigkeit – und zwar als Voraussetzung für ein umfassend gelingendes menschliches Leben.

Wer ist der Mensch? Das Leitbild der Kirche

Die entscheidende Grundlage für sämtliche Einzelaussagen der Kirche zu den verschiedenen Fragen menschlicher Sexualität, Ehe und Familie bildet die Vorstellung von dem, was der Mensch ist bzw. wie er seine Existenz im Licht der biblischen Offenbarung deuten kann. Gerät diese Basis aus dem Blick oder unterschätzt man die Tragweite der jeweiligen anthropologischen Einsichten und Vorgaben, dann erscheinen konkrete Normen – nicht zuletzt auf dem Gebiet der Sexualmoral – schnell willkürlich und unverständlich. Die kirchlichen Weisungen zur Sexualmoral setzen einen lebendigen Glauben an den Schöpfergott voraus, der sich in der Geschichte für den Menschen engagiert und den Menschen in sein Heilswerk einbezieht.

Interessanterweise ist gerade die vielfach als „Pillenenzyklika“ geschmähte Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) von Papst Paul VI. genau von dieser Überlegung ausgegangen. Ausdrücklich ist sie darum bemüht, das christliche Menschenbild in seiner Bedeutung und in seinen Konsequenzen für die Gestaltung menschlicher Sexualität und Partnerschaft in der Ehe herauszustellen. Darin hat „Humanae vitae“ ‑ noch vor jeder inhaltlichen Norm ‑ bleibend Gültiges und Unverzichtbares gesagt: Der Mensch – so führt es die Enzyklika vor Augen – ist seinem Wesen nach weder bloß ein „hochentwickeltes Tier mit ausgeprägter Gehirnspezialisierung“ noch eine mehr oder weniger geglückte „Kombination von Leib und Seele“. Im Licht des biblischen Zeugnisses ist der Mensch „Ebenbild Gottes“. Das ist die Spitzenaussage christlicher Anthropologie. Und dem entsprechend wird auch die menschliche Liebe gedeutet: nämlich von Gott her, der selbst Liebe ist – dreifaltige Liebe, ewige Selbstverschenkung.

 

Was hat die Liebe zweier Menschen mit Gott zu tun?

In jeder menschlichen Liebe spiegelt sich ein Teil der göttlichen Liebe wider. Der Mensch – so sieht es die lange theologische Tradition, die dahintersteht – soll in seinem Handeln ein Bild und Zeugnis der freien Selbsthingabe Gottes sein. Diese Auffassung liegt der kirchlichen Lehre von Sexualität und ehelicher Liebe zugrunde. Es geht um ein Streben nach wahrhaft personaler Gemeinschaft zwischen zwei Menschen und um die Teilhabe an der schöpferischen Tätigkeit Gottes, der selbst der Lebendige ist und Leben schenkt.

„Vollmenschliche Liebe“ – so die Enzyklika – „[…] entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden.“ (HV 9).

Auf der Basis des christlichen Menschenbildes müssen alle Formen der Verkürzung des Menschen auf bloße Funktionalität oder Zweckerfüllung zurückgewiesen werden. Der Mensch ist keine Maschine, die nach Belieben ein- oder ausgeschaltet werden kann. Der andere muss als freies, personales Gegenüber, nicht als Sache gesehen werden, über die, in welcher Weise auch immer, verfügt werden könnte. Insofern hat dann auch gerade die Sexualität, in der sich der Mensch selbst verschenkt, einen Stellenwert, der den ganzen Menschen angeht, also „ganzheitlich“ zu verstehen ist und nicht auf einzelne physiologische Vorgänge reduziert werden kann.

Das wiederum hat seine Konsequenzen für die kirchliche Lehre über die Ehe. Eine entsprechende Gemeinschaft zwischen Mann und Frau existiert in der personalen Begegnung zweier selbständiger Menschen, deren gegenseitige freie Hingabe sich in Zeichen und Gesten der Liebe und der Freundschaft ausdrückt.

 

Von der Angemessenheit kirchlicher Idealvorstellungen


Zugegeben: Das ist eine sehr ideale Sicht der Verhältnisse und niemand wird ernsthaft leugnen, dass sich menschliche Sexualität und Beziehung im banalen Alltag oft genug vor dem Hintergrund sehr handfester Erwartungen, Interessen und konkreter Auseinandersetzungen gestaltet. Eine „paradiesische“ Wirklichkeit von menschlicher Sexualität und Beziehung gibt es in dieser Welt nicht. Das gehört im Sinne eines gesunden Realismus ebenso zur biblisch-christlichen Anthropologie, die sich – wie es in der Erzählung vom Sündenfall vor Augen kommt – der Entfremdung des Menschen von Gott, vom Mitmenschen und von sich selbst durchaus bewusst ist. Aber verliert deshalb die ideale Zielgestalt ihre Gültigkeit und Anziehungskraft? Muss es nicht gerade mit Blick auf die „harten Realitäten“ darum gehen, in der kirchlichen Verkündigung trotz allem an das Große zu erinnern, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben (vgl. 1 Kor 2,9), um dann daraufhin orientiert immer wieder neuen Mut zu einer echten Humanisierung von Sexualität und Beziehung zu machen?

In diesem Sinn wird man wohl auch Papst Franziskus verstehen dürfen, wenn er vor wenigen Tagen in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ zur Bedeutung und zum Anliegen der Enzyklika „Humanae vitae“ folgendes gesagt hat:

„Alles hängt davon ab, wie man ‚Humanae vitae‘ interpretiert. Paul VI. selbst riet am Schluss den Beichtvätern, viel Erbarmen und Aufmerksamkeit für die konkreten Lebenslagen walten zu lassen. Aber seine Genialität war prophetisch, er hatte den Mut, sich gegen die Mehrheit zu stellen, die moralische Disziplin zu verteidigen, eine kulturelle Bremse zu ziehen […]. Die Frage ist nicht, ob man die Lehre ändert, sondern, ob man in die Tiefe geht und dafür sorgt, dass die Pastoral die einzelnen Lebenslagen und das, wozu die Menschen jeweils imstande sind, berücksichtigt.“ (http://de.radiovaticana.va/news/2014/03/05) 

Verhütung mit positiven Nebenwirkungen

Mit dem Hinweis auf die Enzyklika „Humanae vitae“ ist zweifelsohne ein neuralgischer Punkt der kirchlichen Sexualmoral angesprochen, der – wie die Zusammenfassung der Antworten aus den deutschen (Erz-)Diözesen auf die Fragen des Vorbereitungsdokumentes für die III. Außerordentliche Vollversammlung der Bischofssynode 2014 nahelegt – nach wie vor eine besondere Herausforderung für die Verkündigung darstellt.

Oft wird das Leitbild einer „verantworteten Elternschaft“ in erster Linie auf die Frage der individuellen Verantwortung für die Zahl der Kinder reduziert; aber darin erschöpft sich der moralische Anspruch nicht. Denn „verantwortete Elternschaft“ meint ja zunächst ganz grundlegend, dass Eltern ihre Kinder weder als Projektionsfläche eigener Ängste oder Träume noch als bloße Adressaten einer überbordenden Zuneigung betrachten. Stattdessen geht es darum, dass Eltern ihre Kinder als eigenständige Subjekte erkennen und anerkennen, denen sie „aktive Liebe“ schulden, das heißt Fürsorge in einem Balanceakt zwischen Schutz (Bindung an die Eltern) und Selbstentfaltung (Ablösung von den Eltern).


Inmitten einer Gesellschaft, die seit Jahren besorgniserregend niedrige Geburtenraten aufweist und in der viele mit „Kinderreichtum“ regelmäßig den Aspekt „Armutsrisiko“ in Verbindung bringen, kommt es theologisch-ethisch gesehen zunächst darauf an, den Sinn und den Wert und die Schönheit der Weitergabe des Lebens überhaupt aufzuzeigen, d. h. konkret: überhaupt die Bedeutung von Kindern herauszustellen. Kinder sind bedeutsam für die Gesellschaft, für deren Atmosphäre und Lebendigkeit; sie sind bedeutsam für den einzelnen, der dadurch zu weiterer personaler Reifung gelangt, indem er hineinwächst in die Aufgaben und Möglichkeiten eines Vaters oder einer Mutter. Kinder sind Zukunft. Vor allem aber sind Kinder bedeutsam durch sich selber. Das Menschsein als solches ist schon als Wert zu sehen; es ist besser zu sein als nicht zu sein. Darüber hinaus ist im Glauben ein Kind als Gedanke und Geschöpf Gottes zu begreifen: von ihm gewollt, gehalten, erlöst und geliebt.

Nicht zuletzt von daher muss und kann es als eine der höchsten Möglichkeiten des Menschen gelten, durch eigenes Tun die Bedingungen zu setzen, dass eine neue menschliche Person ins Dasein tritt, ein Wesen von gleicher Würde und in gleichem direkten Bezug zu Gott, wie es einem selber gewährt ist. Darin besteht die Würde und, wenn Sie so wollen, auch die Heiligkeit des Zeugungsaktes.

Warum die Kirche mit ihrem „Nein“ zu künstlicher Verhütung ihrer Zeit voraus ist

Obwohl das Problem der Methoden der Empfängnisregelung seit einigen Jahrzehnten in der katholischen Kirche zu den besonders umstrittenen Fragen gehört, wird man es zunächst als nachgeordnet ansehen müssen. Denn die grundlegende Problematik in diesem ganzen Themenfeld ist die Frage, wie es um die Verpflichtung bzw. Bereitschaft, Kindern das Leben zu schenken, überhaupt bestellt ist. Erst als Folge der auf diese ganz grundsätzliche Frage gegebenen Antwort stellt sich dann die Frage nach den Mitteln und Methoden, die zur Begrenzung der Kinderzahl gewählt werden dürfen oder nicht.

Sofern das kirchliche Lehramt hier den begründeten Standpunkt vertritt, dass alle künstlichen Mittel und Methoden moralisch unzulässig sind und allein die Methode der sog. Natürlichen Familienplanung gewählt werden kann, bedeutet dies keinen plumpen Naturalismus. Der Grund für diese ethische Position liegt im Respekt vor dem Wesen und Sinn der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau und in der Ehrfurcht vor dem Geheimnis des menschlichen Lebens. Papst Paul VI. ging es in „Humanae vitae“ – das wird oft viel zu wenig gesehen – maßgeblich darum, dass die Quelle des Lebens, der Zeugungsakt, durch den eine neue menschliche Person ins Dasein tritt, frei bleibt von jeglicher Manipulation, ist es doch Gott selbst, der sich vermittels der Selbstverschenkung der Ehegatten als der Schöpfer erweist und der Welt auf diese Weise Zukunft eröffnet. Zugleich hat Paul VI. aber auch sehr hellsichtig auf ernste Gefahren in der modernen Gesellschaft hingewiesen, u. a. auf die Gefahr zunehmender Sexualisierung in der Gesellschaft und – damit verbunden – die Gefahr einer Verselbständigung egoistischer Interessen.

Einmal ganz abgesehen von der Beobachtung, dass Natur und Natürlichkeit in vielen anderen Bereichen des modernen menschlichen Lebens derzeit Hochkonjunktur haben und nicht zuletzt die Wirkungen hormoneller Eingriffe in die biologische Fruchtbarkeit von Frauen zunehmend kritisch reflektiert werden, sind es in besonderer Weise die besseren Voraussetzungen für eine Entwicklung personaler Werte wie Rücksicht, gegenseitige Achtung, gemeinsame Verantwortung, Selbstbeherrschung und Treue, welche den Vorzug eines „natürlichen“ Weges der Empfängnisregelung gegenüber „künstlichen“ Mitteln und Methoden durchaus plausibel und wichtig erscheinen lassen. Schließlich wird man gewiss – wenn auch rhetorisch – fragen dürfen, ob die künstlichen Mittel der Empfängnisverhütung die Zuneigung der Eheleute wirklich gefördert und vertieft haben, ob die Liebe durch die „Pille“ in den Ehen gewachsen ist und Beziehungen dadurch stabiler geworden sind. 

Die Hochschätzung der Ehe als „Sakrament des Alltags“

Es wird nicht jede Ehe geschieden

Zur Legitimierung sexueller Beziehungen wird die Ehe in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Einschätzung nicht mehr benötigt, weil sich einerseits die Einstellung zur Sexualität erheblich verändert hat und weil andererseits bei den heute gegebenen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung sexuelle Beziehungen folgenlos bleiben können.

Bei all diesen Entwicklungen darf jedoch nicht übersehen werden, dass die hohen Scheidungsraten oder die wachsende Zahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften nur die eine Seite darstellen. Denn wenn heute über ein Drittel aller Ehen wieder geschieden wird, so heißt das auf der anderen Seite doch auch, dass zwei Drittel der Ehen von dauerhaftem Bestand sind. Gewiss kann man diese dauerhaften Ehen bei weitem nicht alle als durchweg glücklich und erfüllend betrachten. Aber so viel wird man doch sagen dürfen: Trotz einer gestiegenen Instabilität können Ehen auch heute dauerhaft gelingen und es gibt viele sehr gute Familien, die ihr Bestes tun, um den christlichen Glauben zu leben und in der modernen Gesellschaft mit ihren vielfältigen Schwierigkeiten und Herausforderungen eindrucksvoll zu bezeugen.

 

Zu hoher Erwartungsdruck lässt Ehen scheitern

Allerdings verbinden sich mit der Ehe häufig so hohe Erwartungen, dass das manche zögern oder zurückschrecken lässt. Sie fragen sich, ob sie selbst und ihr Partner diesen Erwartungen tatsächlich gerecht werden können. Denn das Glück, das eine gelungene Ehe verspricht, ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit, wo sie sich selbst zu finden hoffen, wo ihre Sehnsucht nach einem gelungenen und erfüllten Leben noch einen konkreten Ort hat.

Nachdem die Moderne alle anderen persönlichen Sinnverheißungen nach und nach ausgetrocknet hat, nachdem eine religiöse Sinndeutung für viele Menschen heute nicht mehr erreichbar ist, bleibt oft nur noch die Partnerschafts- und Liebesbeziehung, die ein persönliches Glücks- und Sinnversprechen bereithält. Wo dieses Bedürfnis nicht mehr durch Religion befriedigt wird, sucht es sich andere Wege der Befriedigung. Was bedeutet das dann aber im Sinne einer Herausforderung und Chance für die Lehre der Kirche über die Ehe?

 

Herausforderung für die Lehre der Kirche über die Ehe

Zunächst tut die Kirche in jedem Fall gut daran – und das war zentrales Anliegen auch des Fragebogens im Vorfeld der nächsten Bischofssynode –, wenn sie den Blick richtet auf das, was sich zwischen den Geschlechtern heute ereignet und möglichst differenziert wahrnimmt, was sich hier an Fragen, Sehnsüchten oder auch an Aporien des menschlichen Lebens artikuliert. Doch das bedeutet nicht, dass sich die kirchliche Lehre einfach der Macht des Faktischen unterwirft, ihr gewissermaßen nach dem Mund redet und über alles schnell den Segen spricht. Vielmehr geht es darum, die menschliche Lebenswirklichkeit im Licht des Glaubens zu deuten und vom Glauben her Lebenshilfen anzubieten. Nur so kann es gelingen, das, was vom christlichen Glauben her zur Wirklichkeit der Ehe zu sagen ist, auch den Menschen in der Moderne wieder als heilsam und verheißungsvoll verständlich zu machen.

Als Ansatzpunkt einer solchen Theologie der Ehe kann im Grunde nur das dienen, was Menschen heute an Erwartungen und Versprechungen mit einer Partnerschaft bzw. Ehe verbinden. Im Hinblick darauf haben Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrem Buch „Das ganz normale Chaos der Liebe“ bereits 1990 von der Liebe als einer „Rest- und Neureligion“ bzw. auch „Nachreligion“ gesprochen, womit ausgedrückt werden soll, dass in den Liebesbeziehungen zwischen Männern und Frauen heute oftmals das gesucht wird, was früher in der Religion gesucht wurde, nämlich Sinnstiftung, die Verheißung von Glück und Heil, ein umfassend gelungenes Leben. Wo aber der jeweilige Ehepartner oder das Kind zum „ein und alles“ in der Welt werden, kommt es zur Vergötzung einer geschöpflichen Wirklichkeit, und zugleich zu einer maßlosen Überforderung. Wir brauchen einander nicht „ein und alles“ sein. Gerade eine Christliche Ehe ist dadurch gekennzeichnet, dass Gott das gemeinsame „ein und alles“ ist. So gesehen kann eine christliche Ehe auch nur gelingen, wenn sie getragen ist vom Gebet der Eheleute füreinander und miteinander. Ja, es gibt etwas, was Menschen mehr miteinander verbindet, als miteinander zu schlafen. Was Menschen tiefer verbindet, ist miteinander zu beten – hat Heinrich Böll einmal geschrieben. Wo Gott das gemeinsame „ein und alles“ der Eheleute und der Kinder ist, da gibt es Raum für Unzulänglichkeit und Schwäche und Versagen, da gibt es aber auch Kraft und Motivation zu Erbarmen und Vergebung.


Was bedeutet es für die Ehepartner, dass die Ehe ein Sakrament ist?

Die theologische Sicht der Ehe als Sakrament kann hier also in einer doppelten Perspektive Wichtiges nahe bringen: Zum einen betont sie tatsächlich die hohe Qualität der partnerschaftlich gelebten Beziehung, die einen „Vorgeschmack des Paradieses“ und eine Vorstellung der treuen Liebe Gottes zu den Menschen vermitteln kann; zum anderen entlastet die Sicht der Ehe als Sakrament aber auch von übermenschlichen Erwartungen an die Heilsmöglichkeiten durch den jeweiligen anderen Partner in der Ehe. Denn kein Mensch, auch wenn er noch so liebt und geliebt wird, kann die letzte und tiefste Erfüllung der Sehnsucht nach Leben und Liebe für einen anderen Menschen sein. Das kann nur Gott allein.

Wenn von der Ehe als Sakrament gesprochen wird, geht es deshalb nicht in erster Linie um einen ethischen Imperativ, der den Menschen beansprucht, sondern vorgängig dazu um einen theologischen Indikativ, d. h. um eine Gabe und eine Kraft, die dem Menschen geschenkt werden und die ihm helfen, das gemeinsame Leben mit dem Ehepartner in unauflöslicher Gemeinschaft und Treue zu bestehen.

Die besondere Hochschätzung der Ehe als „Sakrament des Alltags“ steht vor der Herausforderung, wieder besser verstehbar und erfahrbar zu machen, dass eine sakramentale Ehe den Menschen letztlich nicht überfordert, sondern ihm eine zentrale Dimension seines Menschseins erschließen kann und ihn so gerade zu einer größeren Menschlichkeit befreit. Eben darin liegt die Bedeutung, die dem Ehesakrament heute zugesprochen werden kann: dass es nämlich in der kleinen, oft so mühseligen und schwierigen, alles andere als idealen Welt des Alltags mit der Botschaft des Evangeliums ganz konkret und real konfrontiert, aber auch dessen heilsame und rettende Kraft sichtbar und erfahrbar machen kann. 

Was die Kirche jetzt tun muss - Plädoyer für eine Intensivierung der Ehespiritualität

Die entscheidende Frage lautet wohl: Lässt sich das sakramentale Eheverständnis unserer katholischen Tradition so erschließen, dass es im Zusammenhang modernisierter Lebens- und Partnerschaftsverhältnisse heute wieder neu als hilfreich und lebensfördernd zu begreifen ist? Das kann nur gelingen, wenn der Sinnhorizont wieder deutlich wird, den das kirchliche Eheverständnis zugleich voraussetzt und eröffnet. Denn ohne diesen Sinnhorizont hängt alles, was sich hinsichtlich einer Ehemoral sagen lässt, letztlich in der Luft.

Bedenklich und kontraproduktiv für das Anliegen kirchlicher Verkündigung und Pastoral ist es daher, wenn Brautpaare in der Vorbereitung auf die Trauung kaum mehr mit dem Wesen und dem Sinngehalt des Ehesakramentes wirklich inhaltlich konfrontiert werden, sondern lediglich durch ein weitgehend formales Verfahren geschleust werden. Da wird ihnen genau das vorenthalten, was ihnen das Sakrament der Ehe, gerade heute, an Lebenshilfe, Halt und Orientierung vermitteln könnte. Mit anderen Worten: Es geht heute darum, den Sinngehalt und damit auch das lebenserhellende und lebensfördernde Potential des Ehesakramentes unter den fundamental gewandelten Bedingungen der Moderne neu bzw. wieder zur Geltung zu bringen.

In diesem Kontext erscheint die Entwicklung und Vermittlung einer realitätsnahen und erfahrungsbezogenen Ehespiritualität heute dringender als je zuvor. Denn wenn eine christliche, sakramentale Ehe in modernen Lebenszusammenhängen gelingen soll, dann ist das nur möglich auf der Basis einer entsprechenden und festen geistlichen Grundlage. Und eine solche lässt sich heute immer seltener als selbstverständlich gegeben voraussetzen und muss deshalb eigens entwickelt und vermittelt werden. Es gibt – mit Recht – viel Sorge und Mühe um die Spiritualität von Priestern oder Ordensleuten; für Eheleute hingegen ist trotz gewachsenen Problembewusstseins eine entsprechend intensive geistliche Sorge für das „Sakrament des Alltags“ noch immer nicht zu erkennen. Engagierte Christen aber wollen durchaus von ihrer Kirche wissen, wie die Ehe als Sakrament, als ganz persönliche Berufung im Kontext einer säkularisierten, zerfließenden und profillosen Gesellschaft gelebt werden kann.

Das Erbe Papst Johannes Pauls II.: Die Theologie des Leibes

In drei Wochen, am Weißen Sonntag, wird in Rom Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen. Zu seinem größten Vermächtnis gehört eine Theologie des Leibes, die er schon als Philosophieprofessor in Krakau entworfen und dann in einer mehrjährigen Katechesenreihe als Papst entfaltet hat. Es handelt sich um einen Schatz, der noch kaum gehoben ist. Die hier vorgetragenen Gedanken entspringen zu großen Teilen der Katechesenreihe des Papstes. Allen, die an den Fragen des Miteinanders in der christlichen Ehe und ihrer Verwurzelung im göttlichen Heilsplan interessiert sind, kann ich die Mittwochskatechesen zur Lektüre sehr ans Herz legen. Der ein oder andere unter Ihnen, der sich vielleicht noch selbst an die Verkündigung Johannes Pauls II. erinnern kann, weiß wie lebensnah und teilweise auch verblüffend praxisorientiert der polnische Papst darin sein konnte. Als Erstsemester war ich auf der Theresienwiese dabei, als er vor allem zu uns jungen Leuten sprach. Zuvor hatte er schon in Köln die wunderbare Formulierung gebraucht:

„Man kann nicht auf Probe leben,
man kann nicht auf Probe sterben.
Man kann nicht auf Probe lieben,
nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen.“
(Johannes Paul II., Predigt zum Thema Ehe und Familie auf dem Butzweiler Hof in Köln am 15. November 1980)

Seine Katechesen wurden bereits Mitte der 80er Jahre als Bücher herausgegeben. Sie sind mittlerweile online verfügbar (www.stjosef.at).


Für alle Eheleute beinhalten sie einen großen Schatz für das christliche Verständnis ihrer Beziehung, ihrer Liebe und ihrer Ehe und Familie.

Ich möchte schließen mit einem Zitat aus der Pastoralkonstitution Gaudium et spes, das noch einmal zeigt: Die kirchliche Ehe- und Sexualmoral will den Menschen nicht durch unmenschliche Regeln knechten, sondern ihm dabei helfen, groß und heilig und so wirklich menschlich zu werden:

„Echte eheliche Liebe wird in die göttliche Liebe aufgenommen und durch die erlösende Kraft Christi und die Heilsvermittlung der Kirche gelenkt und bereichert, damit die Ehegatten wirksam zu Gott hingeführt werden und in ihrer hohen Aufgabe als Vater und Mutter unterstützt und gefestigt werden [Hinweis auf Lumen gentium 15–16.40–41.47]. […] Diese Liebe hat der Herr durch eine besondere Gabe seiner Gnade und Liebe geheilt, vollendet und erhöht. Eine solche Liebe, die Menschliches und Göttliches in sich eint, führt die Gatten zur freien gegenseitigen Übereignung ihrer selbst, die sich in zarter Zuneigung und in der Tat bewährt, und durchdringt ihr ganzes Leben [Hinweis auf Pius XI., Casti connubii, 1930]; ja gerade durch ihre Selbstlosigkeit in Leben und Tun verwirklicht sie sich und wächst.“ (GS 48f.)