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Impulse zu den Fastensonntagen 2017

In der Fastenzeit laden wir Sie ein, sich jeden Sonntag mit einem Impuls zu besinnen. Die Impulse orientieren sich an den Lesungen des jeweiligen Fastensonntags.

1. Fastensonntag: Alle sind Sünder

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Die Lesungen des ersten Fastensonntags sprechen von der Sünde des Menschen. Aber sie zeigen auch einen Weg der Rettung.

Mit der Fastenzeit beginnt das große Abspecken. Die Gelegenheit ist gekommen, das ein oder andere Kilo loszuwerden, mehr Sport zu treiben und sich um den eigenen Körper zu kümmern. Dieses Bild der Fastenzeit begegnet oft: Körperliche Entsagung soll zu mehr Gesundheit führen. Weniger Kalorien, weniger Zucker, mehr Hochleistungen. Aber: Ist das der Sinn der christlichen Fastenzeit?

 

Jesus in der Wüste

Wirft man einen Blick in die Lesungen des ersten Fastensonntags könnte man sich fast bestätigt fühlen. Im Evangelium nach Matthäus (Matthäus 4, 1-11) heißt es, Jesus war vierzig Tage lang in der Wüste, um zu fasten. Und bekanntlich gibt es in der Wüste keine großen Gaumenfreuden, sondern eher weniger bis gar nichts zu essen; besonders, wenn man auf sich allein gestellt ist. Hat Jesus also eine Fitnesskur in der Wüste gemacht? Was das der Grund, weshalb er sich dorthin zurückzog, um zu fasten? Vermutlich eher nicht. Er wurde, so Matthäus, von Gottes Geist in die Wüste geführt, gerade um dort "verführt" zu werden.

 

Eine teuflische Probe

Am Ende seiner Fastenzeit begegnet er daher dem Teufel. Der will ihn auf die Probe stellen, er will wissen ob Jesus, der Sohn Gottes, wirklich so perfekt und wirklich ohne Sünde ist. Also fordert er Jesus, der mittlerweile Hunger bekommen hat, auf, aus Steinen Brot zu machen. Jesus fällt auf die List des Bösen nicht herein, er zitiert aus der Bibel: "Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt." Der Teufel gibt nicht auf, nun verlangt er, Jesus solle sich von der Spitze des Tempels in Jerusalem herabstürzen. Normalerweise wohl der sichere Tod. Der Teufel aber zitiert die Bibel und sagt, Gott würde seinen Engeln befehlen, Jesus auf Händen zu tragen, ihn also aus dem tödlichen Sturz auffangen und den Tod verhindern. Jesus verneint wieder. Also fährt der Teufel sein letztes Geschütz auf: Er bietet Jesus die Herrschaft über die ganze Welt an, wenn er nur ihn anbeten würde. Auch das wird Jesus nicht tun.

 

Über allem: Anbetung Gottes

Das ist schon eine seltsame Geschichte. Der Teufel tritt in der Wüste auf, um Jesus zu verführen. Und noch viel seltsamer: Bei der zweiten Versuchung zitiert der Teufel wörtlich aus der Bibel. Wieso kann sich Jesus dagegen überhaupt wehren, der Teufel kann ja seine Aussage wirklich hervorragend untermauern, mit dem Wort Gottes aus der Heiligen Schrift. Aber in dem Augenblick, indem er die Bibel zitiert, ist sie nicht mehr Gottes Wort, er pervertiert die Aussage, wendet sie in ihr Gegenteil. Die Antworten Jesu zeigen die Prioritäten, die er setzt. Bei der ersten Versuchung soll Jesus die schnelle Möglichkeit wählen, mal eben aus Steinen Brot machen - und damit nicht mehr auf Gott, sondern auf sich selbst und seine Wünsche hören. Indem er dann nicht von der Spitze des Tempels springt, macht er klar: Auf Gott kommt es an. Auch wenn Gott ihn retten würde, will er das nicht herausfordernd, nicht provozieren. Er will auf Gott warten, auf den richtigen Zeitpunkt. Und mit der dritten Versuchung - Anbetung des Teufels gegen Weltherrschaft - macht Jesus deutlich, dass über allem die Anbetung steht; nicht des Teufels, sondern Gottes.

 

Jesus ist solidarisch

Der Abschnitt, der im Matthäusevangelium direkt vor der Versuchung Jesu geschildert wird, ist die Taufe Jesu. So wie alle sündigen Menschen zog Jesus in die Wüste, zum Jordan. Dort ließ er sich vom Täufer Johannes taufen. Obwohl er keine Sünde hatte, zeigt er sich mit den Menschen solidarisch. Und genau das geschieht nun auch in der Versuchung. Jesus teilt das Leben der Menschen, er ist - auch wenn er der Sohn Gottes ist - gleichzeitig ganz und gar Mensch. Er steht nicht über den Versuchungen, auch er wird vom Teufel, vom Bösen, angefallen. Aber er wehrt sich. Und dadurch zeigt er, was es heißt, dass er der Sohn Gottes ist. Es bedeutet eben nicht, dass er sich die weltliche Macht sichert. Er widersteht dem Satan und will nicht alle Reiche der Welt beherrschen. Denn er ist nicht König wie alle anderen Könige, nicht Herrscher wie es all die Mächtigen sind. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", wird er sagen, als er in Jerusalem vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus steht.

 

Der Mensch ist mehr als Materie

Im Evangelium geht es also nicht alleine um eine körperliche Angelegenheit. Matthäus berichtet die Geschichte nicht, weil es ihm darauf ankäme, ob Jesus vierzig Tage lang nun etwas gegessen hätte oder nichts. Ihm geht es vielmehr um das Verhältnis zu Gott. Das steht ihm Zentrum der Fastenzeit und das steht auch im Zentrum der Versuchungsgeschichte Jesu. Dieses Verhältnis aber ist nicht immer ungetrübt und davon berichtet die erste Lesung des Sonntags aus dem Buch Genesis (Genesis 2,7-9; 3,1-7), die Erzählung vom sogenannten "Sündenfall". Die ersten Menschen bekommen ihren Lebensatem von Gott. Irgendwas also ist im Menschen, das mehr ist als reine Materie. Gott haucht in den Menschen und macht ihn dadurch eigentlich erst zum Menschen, er gibt ihm seine Seele. Diese ersten Menschen wohnen im "Garten Eden", dort aber verführt sie die Schlange. Von einem ganz bestimmten Baum hatte Gott verboten zu essen - und genau das machen die Menschen jetzt, sie nehmen eine Frucht des Baumes und essen.

 

Die Bibel ist kein Protokoll

Das wirkt schon etwas befremdlich. Eine sprechende Schlange? Ein wunderbarer Garten? Wo soll der denn gewesen sein? Entscheidend ist, dass die Welt des Orient, in der das Alte Testament entstanden ist, tiefe Einsichten und Erkenntnisse nicht wie heute in Aufsätzen oder wissenschaftlichen Beiträgen formuliert hat, sondern in Erzählungen. Dabei geht es nicht unbedingt darum, ein bestimmtes Geschehen möglichst originalgetreu wiederzugeben. Die Bibel ist kein Protokoll. Vielmehr ist das Ziel dieser Schriften, etwas Wichtiges, gekleidet in eine Erzählung, zu sagen. Und genau das tut die Schöpfungsgeschichte. Katholische Christen glauben nicht, dass Gott die Welt in exakt sechs Tagen zu je 24 Stunden geschaffen hat. Darum geht es nicht. Es geht um die viel wichtigere Aussage: Diese Welt ist kein Zufallsprodukt, sondern sie ist gewollt und geschaffen - von Gott. Ob das nun in sechs Tagen oder in Millionen von Jahren geschah, das ist nicht das Entscheidende.

 

Menschen verlassen den Weg Gottes

Ebenso ist es mit der Erzählung über die Sünde in der Lesung des ersten Fastensonntags. Es geht darum, dass der Mensch von Gott gewollt und gemacht ist, mit seinem Atem ausgestattet. Und es geht darum, dass kein Mensch jemals alles richtigmacht - schon die ersten Menschen, in der Erzählung in den perfekten, grünen Garten versetzt - sündigen, das heißt: Sie verlassen den Weg, den Gott für sie wollte. Sie handeln nicht nach dem Willen Gottes, sondern nach ihrem eigenen Willen. Ob sie nun von einer Schlange, die das Böse darstellen soll, oder von einem anderen Wesen verführt wurden, das ist nicht wichtig. Entscheidend ist: Jeder Mensch ist Sünder.

 

Paulus: Alle sind Sünder

Das wirkt nun wieder etwas seltsam. Die meisten Menschen tun in ihrem Leben doch nichts wirklich Schlimmes. Sünder - das sind Mörder, Vergewaltiger, Drogenbosse. Der Durchschnitt der Menschen aber sündigt nicht. Oder? Die zweite Lesung des Tages stammt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Römer 5,12-19). Paulus sagt dort: "Der Tod gelangte zu allen Menschen, weil alle sündigten." Alle. Nicht viele, einige, die meisten; "alle", sagt Paulus. Jeder Mensch ist Sünder. Das müssen nicht immer die wahnsinnigen Sünden sein, die großen Verbrechen. Das kann auch eine Kleinigkeit im Alltag sein. Der kleine, tägliche Egoismus; der Geiz und die Gier; die Konzentration auf alles, nur nicht auf Gott. Und genau das weiß Paulus und kann daher so sicher und plakativ sagen: Alle sündigen.

 

Trost in der Schuld

Das ist ernüchternd. Egal was ich tue Paulus hat mit seiner Aussage recht: Jeder Mensch ist Sünder. Trostlos. Zum Verzweifeln. Aber Paulus sagt noch etwas Anderes. So wie durch einen Menschen - gemeint ist Adam - die Sünde in die Welt kam und seitdem nicht mehr vom Menschen wegzudenken ist, so kommt auch durch einen Menschen die Erlösung: Jesus Christus. Diese Erlösung geschieht am Kreuz, durch den Tod und dann durch die Auferstehung Jesu. Und genau das ist es, worauf die Fastenzeit vorbereiten will: Auf die Feier von Ostern. In 40 Tagen sollen die Christen sich wieder neu ihres eigenen Lebens und ihres Glaubens bewusstwerden. Dieser Weg ist nicht immer einfach, so war es auch für Jesus nicht. Es kann schmerzlich sein, sich auf die eigene Schuld einzulassen, das eigene Leben zu analysieren. Aber der Text von Paulus kann ein Trost sein. Ja, wir alle sind Sünder. Aber für uns alle gibt es die Möglichkeit zur Erlösung.

2. Fastensonntag: Jesus muss leiden

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Das Evangelium des Zweiten Fastensonntags (Matthäus 17,1-9) zählt vielleicht zu den sonderbarsten Erzählungen der ganzen Bibel. Jesus besteigt mit drei seiner Jünger - Petrus, Jakobus und Johannes - einen hohen Berg, dessen Name aber nicht genannt wird. Oben angelangt wird Jesus ganz weiß: Seine Kleider wurden weiß wie das Licht, sein Gesicht leuchtete wie die Sonne. Direkt danach erscheinen Mose und Elija, die großen Propheten des Alten Testamentes und unterhalten sich mit Jesus. Was sie sagen, ist nicht bekannt.

 

Der geliebte Sohn

Petrus nun hat nichts Besseres zu tun, als Jesus zu fragen, ob er Hütten bauen soll - eine für ihn, eine für Elija, eine für Mose. Und schon ändert sich die Szenerie: Eine Wolke erscheint und aus ihr spricht eine Stimme. Sie sagt: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören." Die Jünger haben Angst, Jesus tröstet sie, Mose und Elija sind verschwunden.

 

Fragen über Fragen

Am Ende dieser sogenannten "Verklärung" Jesu verbietet er den drei Jüngern, davon etwas zu erzählen, zumindest "bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist." Diese Geschichte gibt wirklich mehr Fragen auf als sie Antworte geben könnte. Zu vieles erscheint so unklar: Warum nur drei der Jünger? Warum erscheinen Propheten, und weshalb gerade diese beiden? Weshalb will Petrus plötzlich Hütten aufbauen? Und vor allem: Wieso sollen die Jünger die Begebenheit verschweigen?

 

Wer ist Jesus?

Der erste Schlüssel für die Geschichte liegt in dem Abschnitt, der dieser Begebenheit vorausgeht. Jesus fragt seine Jünger, für wenn die Leute ihn halten, was die Menschen um Jesus denn überhaupt glauben, das er ist. Einige denken, er sei Johannes der Täufer, andere halten ihn für den Propheten Elija, wieder andere für Jeremia oder einen anderen Propheten. Und dann stellt Jesus die entscheidende Frage: "Für wen haltet ihr mich?" Und Petrus antwortet prompt: "Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!" Die Antwort ist richtig, aber Jesus verbietet schon hier, das weiterzuerzählen. Kurz darauf sagt Jesus seinen Jüngern, dass er in Jerusalem sterben, aber auch auferstehen werde. Petrus, der sich das nicht vorstellen kann, für den es keine Option ist, dass Jesus leiden muss, widerspricht. Das kann doch nicht sein! Und Jesus? Der nennt Petrus einen Satan. Obwohl er also kurz zuvor genau richtig gesagt hatte, dass Jesus der Christus, also der Retter ist, hat er überhaupt nicht verstanden, was das bedeutet. Und deshalb verbietet Jesus den Jüngern auch, weiterzuerzählen, dass er der Christus ist. Denn erst nach seinem Tod kann wirklich verstanden werden, wie Jesus rettet: Durch den Tod, indem er sich für die Menschen selbst foltern und ermorden lässt. Einen anderen Weg gibt es nicht. Petrus hat das noch nicht verstanden. Vor dem Kreuz Jesu kann noch niemand begreifen, was es heißt, dass er der Messias ist.

 

Der göttliche Jesus

Es scheint noch nicht klar zu sein, wer dieser Jesus denn ist. Und deshalb geht er mit den drei Jüngern auf den Berg. Indem er "verklärt" wird, nicht mehr nur menschlich, sondern auch göttlich dargestellt wird, ist klar: Ja, er ist wirklich der Sohn Gottes. Seine lichthafte Erscheinung weist auch schon auf Ostern voraus, auf Jesus als den Auferstandenen, den Sieger über den Tod. Als Mose und Elija hinzutreten, wird deutlich, dass er nicht einer der Propheten ist, der wiedergekommen ist. Er ist etwas anderes, etwas neues. Indem er mit den beiden spricht, zeigt Jesus, dass er zugleich in einer ganz tiefen Verbundenheit mit dem Volk Israel steht. Er kommt nicht und wischt alles beiseite - im Gegenteil: Er selbst ist im Gespräch mit den Propheten. Er und sie gehören zusammen. Das muss eine faszinierende und schöne Situation gewesen sein. Vielleicht will Petrus auch deshalb Hütten bauen, um seinem Wunsch Ausdruck zu verleihen, es möge nicht gleich wieder vorbei sein. Mose, Elija und der leuchtende Jesu sollten länger bleiben.

 

Matthäus erklärt Jesu

Es scheint so, als wollte Matthäus genau in der Mitte seines Evangeliums erklären, wer Jesus ist. Er ist der Christus, also der "Gesalbte" Gottes, der Sohn Gottes - das hatte Petrus gesagt, und er hatte Recht damit. Er ist dann aber auch der, der am Kreuz sterben muss und will, auch wenn seine Jünger das nicht akzeptieren können. Und schließlich ist er auch der "Herrliche", der verklärt auf dem Berg steht und voller Licht leuchtet. Die Stimme aus der Wolke - Gottes Stimme - fasst das zusammen: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören."

 

Abraham hört

Was es bedeutet, ganz auf Gott zu hören, das erklärt die erste Lesung des Sonntags. Gott spricht zu Abraham. Von dem weiß man zu diesem Zeitpunkt des Genesis-Buches noch nicht wirklich viel. Aber Gott sagt: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterland in das Land, das ich dir zeigen werde!" Abraham soll alles hinter sich lassen, die gewohnte Heimat, Familie und Kultur. Weg in ein Land, das er gar nicht kennt, in die vollkommene Fremde. Der Grund: Gott sagt es so. Und Abraham tut es. Unvorstellbar. Er fragt nicht groß nach, diskutiert nicht mit Gott, sondern tut es einfach. Zugleich verspricht Gott etwas: Er werde Abraham zu einem großen Volk machen, mit vielen Nachfahren; er wird die segnen, die Abraham segnen und die verfluchen, die Abraham verfluchen. Er stellt sich also ganz und gar auf die Seite des Menschen. Und Abraham glaubt das ohne wenn und aber.

 

Paulus leidet

Die zweite Lesung aus dem Zweiten Brief an Timotheus wirkt zunächst sehr befremdlich. Paulus bittet den angesprochenen Timotheus: "Leide mit mir für das Evangelium." Eigentlich ist das Evangelium doch - wörtlich aus dem Griechischen übersetzt - eine "gute Botschaft". Also eher etwas, über das man sich freut. Aber leiden? Auch für Jesus geht es ohne das Leid nicht. Deshalb kündigt er mehrmals im Evangelium sein Leiden an, deswegen verbietet er zunächst auch, darüber zu sprechen, dass er der Messias ist. Denn wer nicht weiß oder nicht versteht, dass zu seiner Aufgabe und zur Rettung der Menschen dieses Leid dazugehört, der hat Jesus nicht verstanden und kann nicht wissen, weshalb er der Retter der Welt ist.

 

Das Evangelium des Paulus

Danach fasst Paulus in einem einzigen Satz beinahe die ganze frohe Botschaft zusammen: Jesus "hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium." Und spätestens jetzt wird klar: Jesus, im Licht stehend, auferstanden, triumphierend - das ist nur die eine Seite. Genauso gehört zu ihm das Leiden, das grausame und unmenschliche Sterben am Kreuz. Das steht im Zentrum der Fastenzeit. Aber bei allem Leid ist das eben die frohe Botschaft. Denn dieses Leiden ist nicht vergeblich. Dieses Leiden bringt der ganzen Welt das ewige Leben.

3. Fastensonntag: Jesus ist das Leben

Jesus ist das Leben

Das Evangelium des dritten Fastensonntags (Johannes 4,5-42) hat viel mit Wasser zu tun. Jesus kommt zu einem Brunnen, den der Patriarch Jakob gebaut haben soll, und trifft dort eine Frau. Jesus bittet sie um Wasser - und sie ist empört. Juden hatten normalerweise keinen Kontakt zu den Samaritanern, die ein Mischvolk und eben nicht besonders beliebt waren. Jesus ist das egal, er bittet dennoch. Er sagt: "Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben." Man weiß erstmal nicht, was damit gemeint ist. Wieso sollte denn plötzlich die Frau Jesus um Wasser bitten? Und was ist "lebendiges Wasser"? Die Frau versteht es ebenso wenig, kann Jesus nicht glauben, dass er ohne Schöpfgefäß Wasser aus dem tiefen Brunnen holen kann. Dann müsste er doch größer sein als Jakob, der Erbauer des Brunnens?

 

Ist Jesus ein Prophet?

Die Frau versteht nicht, dass Jesus nicht von normalem, handelsüblichem Wasser spricht; es geht ihm um mehr, um tieferes. Also setzt er nach: "Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben." Die Frau versteht das wörtlich und will dieses Wasser, denn dann müsste sie ja nie wieder den mühsamen Weg auf sich nehmen, zum Brunnen laufen, dort Wasser schöpfen und es wieder nach Hause tragen. Jesus reagiert nicht. Er befiehlt der Frau, ihren Mann zu holen. Sie aber hat keinen Mann, das sagt sie Jesus. Daraufhin kann er ihr ganz genau ihre Familiensituation ins Gesicht sagen: Fünf Männer hatte sie, jetzt ist sie mit jemandem zusammen, der nicht wirklich ihr "Mann" ist. "Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist", bekennt die Frau daraufhin.

 

Hat er gegessen?

Jesus sagt ihr, er sei der Messias, die Frau eilt in den Ort, aus dem sie kommt, und erzählt allen das seltsame Erlebnis mit dem seltsamen Fremden am Brunnen - "Vielleicht ist er der Messias" hofft sie. In der Zwischenzeit wollen die Jünger Jesus zum Essen drängen. Er lehnt ab: "Ich lebe von einer Speise, die ihr nicht kennt." Und das Schema wiederholt sich. Jesus spricht von etwas geistlichem, die Jünger aber verstehen es nicht und überlegen, ob ihm jemand unbemerkt etwas zu essen gegeben haben könnte. Schließlich kommen die Bewohner des Ortes, glauben an ihn und behalten Jesus zwei Tage bei sich.

 

Wasser ist überlebenswichtig

Ein seltsamer Abschnitt aus dem Evangelium ist das. Es scheint, als würde um den heißen Brei herumgeredet, verklausuliert, und mehrmals deutlich aneinander vorbei. Jesus benutzt Bilder, die seine Gesprächspartner erstmal nicht verstehen können. Eines ist dabei entscheidend. Jesus wählt diese Bilder ja nicht zufällig oder unbedacht. Im Gegenteil: "Wasser" ist ein unglaublich starkes Bild. In unserem westlichen Komfort mag das nicht begreiflich sein, aber dennoch ist Wasser in vielen Ländern nicht zur Genüge vorhanden. Es ist mühsam, den täglichen Weg zum Brunnen vielleicht sogar mehrmals zurückzulegen. Und die Gefahr von stehendem, schlecht werdendem Wasser ist groß. In diese Welt platzen die Worte Jesu, der ein lebendiges Wasser verspricht, von dem man letztlich einmal trinken muss, um jeden Durst zu löschen.

 

Jesus ist Wasser

Von ihm selbst her komme das Wasser, sagt Jesus. Es geht ihm nicht um das materielle Wasser. Es geht ihm um den Menschen. Wer zu Jesus gehört, der hat dieses lebendige Wasser, diese von Gott kommende Kraft, die nicht mehr versiegt. Das Wasser ist auch ein Symbol für das Leben. Das Wasser ist das Elementarste, was der Mensch zum Leben braucht, ohne geht es sicherlich nicht. Jesus ist dieses Leben.

 

Israel ist wütend

Von diesem Leben berichtet auch die erste Lesung des Sonntags (Exodus 17,3-7). Mose hat die Israeliten aus der Gefangenschaft und Sklaverei in Ägypten befreit. Auf dem mühsamen und beschwerlichen Weg durch die Wüste beginnt das Volk wütend zu werden, sie sind mit der allgemeinen Situation unzufrieden. Sie sind sogar so wütend, dass sie es Mose vorwerfen, dass er sie aus Ägypten befreit hatte - nur um sie verdursten zu lassen? Gott aber verspricht Mose, er solle mit dem Stab, mit dem er schon in Ägypten die Wundertaten getan hatte, auf einen Stein schlagen und aus diesem Stein werde dann Wasser kommen.

 

Gott ist in ihrer Mitte

Und genau das passiert. Wasser kommt aus dem Stein, Israel überlebt. Mose nennt diesen Ort dann "Massa und Meríba", übersetzt heißt das "Probe und Streit", weil die Israeliten mit Mose stritten und dadurch Gott auf die Probe stellten. Sie hätten Gott auf die Probe gestellt, "indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?" Das verwundert erstmal. Denn davon wurde nichts berichtet, es steht nichts im Text, dass die Israeliten an der Präsenz Gottes zweifelten. Aber spätestens durch das aus dem Stein kommende Wasser ist klar: Gott ist da. Und Gott ist Leben.

 

Der Glaube reift

Und das begreift die Frau im Evangelium, Stück für Stück, auch von Jesus. Sie erkennt, dass er Leben ist und Leben schenkt. Zunächst denkt sie, dieser Jesus müsse wohl etwas Größeres sein als der Patriarch Jakob, dann reift in ihr die Erkenntnis, er sei wohl ein Prophet. Am Ende wächst in ihr die Gewissheit, er sei der Messias. Das ist eigentlich der Glaubensweg jedes Menschen, Stück für Stück Jesus nachfolgend. Und damit greift das Evangelium des dritten Fastensonntags indirekt die beiden vorhergehenden Fastensonntage auf. Am ersten Sonntag wurde berichtet, dass Jesus vom Teufel in Versuchung geführt wurde. Und die entscheidende Frage war: Wie ist dieser Jesus, wie wird er reagieren, was wird er tun? Und genau diese Frage scheint auch im Evangelium des dritten Sonntags durch: Jesus schenkt Leben, Jesus gibt Wasser und Leben, wie es sonst keiner geben kann.

 

Wer ist Jesus?

Die Frage des Zweiten Fastensonntags und der dort verkündeten Verklärung Jesu war die Frage, wer Jesus ist. Ist er Elija, ein anderer Prophet - oder jemand anderes, jemand neues? Und genau darum geht es, wenn sich das Bekenntnis der Frau steigert. Jesus ist nicht der wiedergekehrte Jakob, auch nicht ein wiedergekommener Prophet. Er ist der Messias, das heißt: Der Retter der Welt.

 

Tod für die Sünder

Darum geht es schließlich in der zweiten Lesung (Römerbrief 5,1-2.5-8). Zu der Zeit, als wir noch schwach und gottlos waren, da ist Christus für uns Menschen gestorben. "Jesus ist für uns Menschen gestorben" ist ein Satz, den viele schon so oft gehört haben, dass er zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Viele machen sich keine Gedanken darüber, zumindest keine großen. Für Paulus ist das so selbstverständlich nicht. Er sagt: Nun gut, für einen Gerechten zu sterben, das ist vielleicht schon schwierig, aber immer noch verständlich. Aber Jesus stirbt ja nicht für Gerechte. Er stirbt für Sünder, Verbrecher, Unmenschen. Er setzt sein Leben nicht für gute Menschen aufs Spiel, sondern für Böse. Das ist unverständlich.

 

Grundmotiv: Die Liebe und das Leben

Und doch hat er es getan. "Aus Liebe", sagt Paulus, ist Christus für uns gestorben. Nicht weil wir gut sind, im Gegenteil: Weil wir schlecht sind. Das große Motiv, dass sich durch alle drei Lesungen des Dritten Fastensonntags zieht, ist somit das "Leben". Leben schenkt Gott seinem Volk Israel in der Wüste durch das Wasser. Lebendiges Wasser - Leben schlechthin - ist Jesus Christus. Dieser Jesus hat den Menschen das ewige Leben geschenkt, durch seinen Tod am Kreuz.

4. Fastensonntag: Die Blinden sehend machen

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Jesus - ein Zauberer?

Im Evangelium des vierten Fastensonntags (Johannesevangelium 9,1-41) begegnet Jesus einem Blinden, der von Geburt an nichts sehen konnte. In der Antike galt die Blindheit als besonders schlimm, man vermutete als Grund die Sündhaftigkeit des Blinden oder seiner Eltern. So auch die Jünger Jesu. Sie fragen ihn: "Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?" Im Hintergrund steht hier die Vorstellung von einem Gott, der Sünden sofort bestraft. Und besonders grausam: Sogar die Fehler der Eltern könnten dem Blinden geschadet haben - obwohl er dafür nun ja wirklich nichts kann. Jesus räumt daher direkt damit auf. Nicht die Sünde ist es, die ihn blind gemacht hat, sondern das "Wirken Gottes". Dieses Wirken Gottes soll an dem Mann offenbart werden.

 

Ein Trick?

Das klingt nun zunächst nicht weniger grausam. Gott hat diesen Menschen also geschlagen, nur damit Jesus an ihm wirken kann? Jesus macht nun etwas sehr Seltsames. Er spuckt auf den Boden und macht aus der Erde und seinem Speichel einen Teig und legt ihn dem Blinden auf die Augen. Er solle sich den Teig an einem Teich abwaschen. Der Mann gehorcht und kann sehen. Damit wirkt Jesus wie ein Zauberer. Mit einem verwirrenden Trick - dem Teig - vollbringt er etwas, was man sich als Zuschauer und heute als Zuhörer nicht erklären kann. Denn warum der Mann plötzlich, zum ersten Mal in seinem Leben, sehen kann, wird nicht erklärt.

 

Ein Heilmittel

Dahinter steckt vermutlich folgendes: Speichel galt in der Antike als heilsam, als wirksames Mittel für allerlei Augenkrankheiten. Den Teig macht Jesus wohl, weil sich die ganze Geschichte an einem Sabbath abspielt, an dem Juden keine Arbeiten verrichten dürfen, dazu gehörte auch das Kneten von Teig. Jesus verstößt also ganz ausdrücklich gegen das Gebot, am Sabbath nicht zu arbeiten. Die Menschen rund um ihn wundern sich: Sie sehen den Blinden, merken, dass er sehen kann und fragen sich, wie das geschehen konnte. Er erklärt es ihnen, sie schicken ihn zu den Pharisäern, einer religiösen Elite der damaligen Zeit.

 

Ein Bekenntnis

Auch ihnen erklärte er, was geschehen war. Und die Pharisäer sind sich nicht einig. Einerseits: Wie kann Jesus "von Gott sein", wenn er den Sabbath gebrochen hat? Andererseits: Wie kann er heilen, wenn er ein ganz gewöhnlicher Sünder ist? Sie befragen den Blinden nochmals und wollen wissen, was der selbst über Jesus denkt. Er sagt: "Er ist ein Prophet." Die gelehrten und klugen Pharisäer glauben ihm nicht und befragen ihn nochmals. Der Blinde aber bleibt bei seiner Geschichte und sagt: "Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat." Schließlich kommt Jesus noch einmal zu diesem Mann und fragt ihn, ob er an den "Menschensohn" glaube, er meint damit sich selbst, den Messias. Der Blinde fragt verständlicherweise, wer das denn sei - Jesus erklärt es ihm und der Blinde sagt: "Ich glaube, Herr!" Jesus sagt daraufhin, er sei gekommen, um die Blinden sehend zu machen, die Sehenden aber blind zu machen.

 

Ein Missverständnis

Die Erzählungen aus dem Johannesevangelium sind oft nicht leicht zu verstehen. Das liegt auch daran, dass der Evangelist kaum etwas mehr liebt als Missverständnisse. In seinem Evangelium sprechen Menschen zwar oft miteinander, letztlich aber doch aneinander vorbei. Man versteht sich nicht. Im Evangelium des dritten Fastensonntags war das schon so: Jesus redet mit einer Frau von einem Wasser, das jeden Durst für immer stillen kann. Lange sprechen sie miteinander, aber die Frau versteht nicht, dass Jesus kein gewöhnliches Trinkwasser meint, sondern vielmehr sich selbst. Und so ist das auch an diesem Sonntag. Im Vordergrund geht es darum, dass ein Mann, der mit seinen Augen nicht sehen konnte, plötzlich sieht. Er wird so wie alle anderen, kann die Umwelt optisch wahrnehmen.

 

Ein Alleinstellungsmerkmal

Die tiefere Botschaft meint aber ein ganz anderes Sehen. Es geht um das Sehen, das Erkennen Gottes. Und um eine gewisse Ironie: Der Blinde, der vermeintlich gar nichts wahrnehmen kann, ist am Ende der Einzige, der wirklich gesehen hat. Sein Bekenntnis zu Jesus steigert sich im Verlauf der Geschichte, auch das war am vergangenen Sonntag und der dortigen Lesung ganz ähnlich. Am Anfang sagt er, Jesus sei ein Prophet. Nochmals befragt, meint er, niemand habe je einen Blindgeborenen sehend gemacht. Jesus ist also nicht wie alle anderen Propheten - er ist irgendwie einmalig, kann etwas tun, das andere nicht getan haben. Am Ende des Evangeliums schließlich glaubt er Jesus. Er glaubt, dass er der Messias ist und nennt ihn "Herr".

 

Ein anderes Gesetz

Währenddessen erkennen und verstehen die Pharisäer nichts. Die Männer, von denen man meinen möchte, sie würden sich in religiösen Dingen bestens auskennen, verstehen es nicht, die Zeichen zu deuten, die Jesus tut. Obwohl sie rein körperlich sehen können, sind sie die eigentlich Blinden. Im Evangelium geht es also um eine Umkehr der gesellschaftlichen Ordnung. Jesus geht nicht zu denen, die angesehen sind, sondern zu einem Blinden, aus der Gesellschaft wohl verstoßen. Für Gott gelten andere Gesetze.

 

Eine überraschende Wahl

Das wird auch in der ersten Lesung des Sonntags (1 Samuel 16,1b.6-7.10-13b) klar. Samuel, der Prophet Gottes, wird zu einem Mann namens Isai geschickt. Einen seiner Söhne soll er zum König für Israel salben. Natürlich beginnt man bei den ältesten, den wichtigsten Söhnen. Bei denen also, unter denen man wohl den künftigen Herrscher vermuten dürfte. Sieben Söhne treten vor den Propheten, alle werden von Gott abgelehnt. Es geht ihm nicht um deren gutes Aussehen und ihre kräftige Gestalt. Also muss der Jüngste geholt werden, David. Der hütet gerade die Schafe - zu mehr kann man ihn nicht gebrauchen. Er ist es, den Gott auserwählt. Der, von dem man es am wenigsten denken würde, der eigentlich der Letzte in der Rangfolge unter seinen Brüdern ist. Für Gott gelten andere Gesetze.

 

Eine Herausforderung

Wer Gott nachfolgt, sieht die Welt also irgendwie mit anderen Augen - oder sollte sie zumindest so sehen. Das bringt die zweite Lesung (Epheserbrief 5,8-14) zum Ausdruck. Im Epheserbrief werden die Gläubigen ermahnt, als "Kinder des Lichts" zu leben. Stark wird unterschieden zwischen der Dunkelheit und dem Licht, dem Guten und dem Bösen. Eben dieses Licht wird erst durch Gott sichtbar. Darum geht es dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Jesus ist kein Zauberer, der mit mehr oder weniger billiger Magie versucht, die Menge zu belustigen oder zu erstaunen. Indem er die Macht hat, den Blinden sehend zu machen, wird klar, wer er ist: Der Messias. Der Blinde erkennt es, Stück für Stück reift in ihm das Bekenntnis. Genau das ist die Aufgabe und die Herausforderung der Fastenzeit: Sich wieder neu davon zu vergewissern, dass Jesus der Herr ist. Wieder neu zu suchen, wo sein Licht leuchtet - und zu fragen, wo das eigene Leben nicht von diesem Licht, sondern von der Finsternis gezeichnet ist.

5. Fastensonntag: Auferstehung und Leben

Für Jesus wird es langsam ernst. Er ist auf dem Weg nach Jerusalem. Dort wird er sterben, und das weiß Jesus. Obwohl ihm ganz bewusst ist, dass in Jerusalem der grausame und einsame Tod am Kreuz auf ihn wartet, macht er sich auf den Weg und geht seinem Ende entgegen. Noch vor dem Einzug in Jerusalem stirbt sein guter Freund Lazarus - diese Geschichte (Johannes-Evangelium 11, 1-45) wird am 5. Fastensonntag vorgelesen.

 

Lazarus ist tot

Jesus erreicht die Nachricht, dass Lazarus krank ist. Anstatt sofort zu seinem Freund zu gehen, macht er eine seltsame Andeutung: "Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes." Nachdem er zwei Tage gewartet hat, geht er los, Richtung Judäa, wo die Heimatstadt von Lazarus und seinen beiden Schwestern, Bethanien, liegt. Auf dem Weg offenbart er seinen Jüngern, was er von Anfang an wusste: "Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt."

 

Freude über den Tod?

War Lazarus denn dann wirklich ein guter Freund Jesu? Wenn Jesus froh ist, dass Lazarus tot ist, ja, den Tod als eine wunderbare Gelegenheit für den Glauben der Jünger sehen kann? Als er dann in Bethanien ankommt, stürmt ihm Marta entgegen, die Schwester des Lazarus. Und sie wirf ihm das vor, woran wohl auch die Jünger dachten und was auch Jesus wusste: Wäre er zum Todeszeitpunkt schon hier gewesen, dann wäre Lazarus nicht gestorben. Er würde noch leben. Zugleich aber vertraut Marta immer noch auf die Macht Jesu: "Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben."

 

"Ich bin die Auferstehung und das Leben"

Jesus rechtfertigt sich nicht für seine Trödelei, er geht mit keinem Wort darauf ein, sondern sagt: "Dein Bruder wird auferstehen." Marta versteht, was Jesus sagt, aber denkt nur an die Auferstehung am Ende der Zeiten, bei der Vollendung der Welt. Und da befragt Jesus sie nach ihrem Glauben: "Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?"

 

Jesus weint

Marta glaubt es und bekennt Jesus als den Messias, als den Retter der Welt. Sie geht weg und holt ihre Schwester Maria. Sie fällt Jesus zu Füßen, macht ihm aber beinahe wörtlich den gleichen Vorwurf wie Marta: Wäre er hier gewesen, wäre Lazarus nicht gestorben. Jesus sieht, wie traurig die beiden Schwestern sind, er sieht auch die Trauer der vielen Trauergäste um ihn herum - und weint. Im Johannesevangelium wirkt Jesus manchmal so überhöht, dass neben der Gottheit Jesu seine Menschlichkeit kaum mehr spürbar ist. Und doch bricht der Mensch Jesus immer wieder durch: Er weint. Und es wirkt, als sei er nicht nur traurig darüber, dass Lazarus sterben musste, sondern traurig über die ganze Macht des Todes. Nicht nur der einzelne Fall Lazarus erschüttert Jesus - sondern die Tatsache, dass jeder Mensch eines Tages sterben muss und der Tod diesen Kampf noch jedes Mal gewonnen hat.

 

Keine Wiederbelebung

Was Maria und Marta schon sagten, wird nun von den anwesenden Trauergästen noch härter vorgebracht: Wenn Jesus einen Blinden heilen konnte, dann hätte er doch wohl auch den kranken Lazarus gesundmachen können. Zum dritten Mal wird Jesus - wenn auch nur indirekt - für den Tod des Lazarus verantwortlich gemacht. Wie selbstverständlich tritt er dann zu dem großen Stein, der das Grab verschließt und fordert, es zu öffnen. Marta warnt vorsichtig: "Herr, er riecht schon, denn es ist bereits der vierte Tag." Damit ist nun vollkommen sichergestellt, dass Lazarus tot ist. Wer vier Tage tot in einem Grab liegt und noch dazu schon verwest, ist wirklich tot. Lazarus kann nicht mehr schlafen oder bewusstlos sein. Entscheidend sind dabei auch die vier Tage: Drei Tage lang verweilt nach damaliger jüdischer Vorstellung die Seele eines Toten noch bei seinem Leichnam. Diese Zeit ist verstrichen, eine einfache Wiederbelebung scheidet also aus.

 

Jesus und der Vater sind eins

Da fragt Jesus Marta: "Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes gesehen?" Nein, das hatte er nicht. Das hatte er so ähnlich ganz am Beginn der Geschichte seinen Jüngern gesagt, als sie noch nicht in Bethanien und damit auch noch nicht bei Marta und Maria waren. Aber der Sache nach geht es darum, an diese Aussage zu erinnern: Der Tod des Lazarus soll Jesus verherrlichen. Denn durch diesen Tod soll etwas an Jesus gezeigt werden: Er hat die Macht, die Toten aufzuerwecken. Jesus betet zum Vater, bittet ihn aber in diesem Gespräch um nichts. Er stellt nur fest und dankt. "Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast." Vater und Sohn wollen so sehr dasselbe, dass Jesus gar nicht bitten muss. Er muss gar nicht sagen, was ihm auf der Seele brennt und was er sich wünscht - Gott, der ganz eins mit ihm ist, weiß das schon immer.

 

Das größte Zeichen

Und Jesus ruft: "Lazarus, komm heraus!" Und Lazarus kommt, die Zeichen des Begrabenen hängen noch an ihm, er trägt noch das Schweißtuch, ist noch mit Stoff umbunden. Das wirkt beinahe gruslig, wenn man sich das vorstellen möchte. Doch darum geht es nicht. Johannes betont in diesem Evangelium mehrmals, dass Lazarus definitiv tot ist: Jesus sagt es zu Beginn, der Leichengeruch und die Tatsache, dass er schon seit vier Tagen tot ist, sprechen dafür. Jesus heilt keinen Kranken, er weckt auch nicht einen nur Scheintoten aus seinem Schlaf auf. Er hat wirklich einen Toten zurückgeholt ins Leben. Das ist das größte der "Zeichen" im Johannesevangelium - so heißen bei ihm die Wunder. Denn durch Jesu Taten wird klar, wer er ist. Sie sind ein Zeichen dafür, dass er wirklich der Sohn Gottes ist. Das war beim Blindgeborenen, den Jesus wieder sehend machte, schon so. Mehr aber noch hier: Einen Toten zurück ins Leben holen - das kann kein gewöhnlicher Wunderheiler und auch kein Arzt. Wer diese Macht besitzt, muss der Sohn Gottes sein. Das Ergebnis: "Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn."

 

Lazarus muss sterben

Damit hat das Evangelium des fünften Fastensonntags zwei Botschaften: Jesus ist wirklich der Sohn Gottes, der Retter der Welt. Zugleich aber wird gesagt, wie er Retter der Welt ist, nämlich durch Leben und Auferstehung. Man möchte meinen, dass sich damit die Auferstehung Jesu an Ostern irgendwie erübrigt hat. Das große Wunder, Tote lebend zu machen, ist doch schon geschehen. Aber es ist nur ein Vorzeichen. Lazarus muss zurück in das Leben, er ist noch nicht ganz der Macht des Todes entrissen. Das geschieht erst durch den Tod und die Auferstehung Jesu.

 

Gott öffnet Gräber

Jene große Macht Gottes, den Tod zu bezwingen, verkündet auch die erste Lesung (Ezechiel 37, 12b-14). Gott verspricht, die Gräber der Toten zu öffnen. Wird das geschehen, wird man auch erkennen, dass er wirklich der Herr ist. Auch hier ist die Macht, Tote aufzuerwecken, etwas, das ganz Gott vorbehalten ist. Dieses Handeln wird zum Erkennungszeichen des Herrn. In dieser Auferweckung wird Gott seinen Geist in die Menschen hauchen. Dieser Geist ist es, der lebendig macht, der das wahre Leben schenkt.

 

Auferstehung für jeden Menschen

Die Bedeutung dieses Geistes unterstreicht auch die zweite Lesung (Römerbrief 8, 8-11). Wer Christ geworden ist, ist nicht mehr vom Fleisch, vom Materiellen bestimmt, sondern vom Geist Gottes. Dieser Geist war es, der Christus an Ostern von den Toten auferweckt hat. Wer diesen Geist hat, kann darauf vertrauen, durch Gott auch nach dem Tod lebendig gemacht zu werden. Damit weist der fünfte Fastensonntag schon ganz stark auf Ostern hin. Auferstehung und Leben stehen im Mittelpunkt. Dazu ist Christus in die Welt gekommen, um dieses Geschenk zu bringen. Durch den Geist Gottes haben wir Anteil daran. Die Auferstehung ist nicht reserviert für Lazarus oder Jesus. Es ist die Bestimmung jedes Menschen.

Palmsonntag: Der König am Kreuz

Jesus ist König. Das ist die erste Botschaft des Palmsonntags. An diesem Tag beginnen Katholiken den Gottesdienst nicht in ihren Kirchen, sondern an einem Ort außerhalb des Gotteshauses. Dort wartet die Gemeinde mit Palmzweigen oder Büschen aus Palmkätzchen. Das erinnert an das Evangelium, das an diesem Ort gelesen wird (Matthäusevangelium 21, 1-11). Dort wird vom Einzug Jesu in Jerusalem berichtet. Jesus schickt zunächst zwei Jünger in ein Dorf und sagt ihnen exakt voraus, dort würden sie eine Eselin und ihr Fohlen finden. Die sollten sie losbinden und ihm bringen. Was erst mal wie ein Diebstahl wirkt, hat in der Geschichte des alten Orients eine tiefere Bedeutung: Das Nutzen von Transporttieren ist ein Privileg des Herrschers. Damit tritt Jesus auf wie ein König.

 

In Gottes Namen

Um das noch zu unterstreichen, zitiert Matthäus den Propheten Sacharja: "Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir." Ohne Probleme bringen die Jünger die beiden Esel und Jesus reitet - schwer vorstellbar und doch so im Text gesagt - auf diesen beiden Tieren in die Stadt Jerusalem hinein. Auf dem Weg wird seine Position als König dann noch deutlicher: Die Menschen breiten ihre Kleider vor Jesus auf dem Weg aus. Auch das ist ein Zeichen hoher Würde, das nur sehr angesehenen Menschen zuteilwird. Die Bürger von Jerusalem singen: "Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!" Jesus ist also zunächst Sohn Davids, Nachkomme des großen Königs von Israel. Und er kommt von Gott: Im Namen des Höchsten ist er nach Jerusalem gekommen.

 

Unerträgliche Schmerzen

Das Evangelium (Matthäusevangelium 26, 14 - 27, 66), das anschließend in der Messe verkündet wird, scheint dies zu konterkarieren. War Jesus bei seinem Einzug der große König, ausgestattet mit Vorrechten eines Herrschers, so ist er nun im Passionsbericht gezeichnet von Schwäche und Schmerz. Nach dem letzten Mahl mit seinen Jüngern wird Jesus, verraten von Judas, von den Römern festgenommen. Vor dem Hohen Rat der Juden wird er verhört und von Pilatus auf Drängen der Hohepriester und Anführer Jerusalems zum Tod am Kreuz verurteilt. In der Antike war das mit der grausamste Tod, den ein Mensch sterben konnte. Der Gekreuzigte leidet, hängt teilweise mehrere Tage am Kreuz, bis er letztlich durch Versagen der Muskulatur erstickt. Dieses Los trifft Jesus, er macht sich, das Kreuz auf den Schultern, auf den Weg zum Hügel Golgota, wo diese Hinrichtungen vollzogen wurden.

 

Von Gott verlassen

Am Kreuz hängend, wird Jesus noch verspottet. Anderen Menschen habe er durch seine Heilungen helfen können, sich selbst aber könne er nicht helfen. Er ist der ganz von Gott verlassene, wie er dort am Kreuz hängt. Kurz vor seinem Tod schreit er das dann auch heraus: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Einer der Umherstehenden gibt ihm zu Trinken, ein Schwamm voller Essig wird Jesus hingehalten. Was sich erst mal nach einer wenigstens halbwegs gnädigen Geste anhört, hat es in sich: Die Gekreuzigten wurden natürlich leicht ohnmächtig. Ein Ohnmächtiger aber erlebt seine unerträglichen Schmerzen nicht mehr. Dass wusste man zu verhindern. Der beißende Geruch des Essigs weckt den am Kreuz hängenden wieder auf. Sollte er tatsächlich vom Essig trinken, wird der Durst nur noch schlimmer.

 

Verlassen von fast allen

Nach dieser Geste stirbt Jesus. Er ist von all seinen Aposteln verlassen. Einer seiner besten Freunde hatte ihn verraten, ein anderer - Petrus - dreimal geleugnet, Jesus zu kennen. Die Männer, die auf ihrem Weg durch das Land Israel gesehen hatten, was Jesus tat, welche Macht er hatte und letztlich auch bekannt hatten, dass er der Messias, der Sohn Gottes ist, haben ihn verlassen. Die Angst ist zu groß und Jesus muss seine letzten Stunden beinahe alleine durchleiden. Die großen Apostel sind fort, geblieben sind aber einige Frauen, die Jesus begleitet hatten. Sie ließen sich nicht abschrecken. Nach dem Tod Jesu beginnt ein beinahe apokalyptisches Szenario: Ein großes Erdbeben erschüttert Jerusalem und in Folge dessen reißt im Tempel der Vorhang entzwei, jener Vorhang, der das Allerheiligste im Tempel abgetrennt hatte. Die Gräber, so berichtet Matthäus, hätten sich geöffnet, und viele Heilige seien auferweckt worden. Was sich eher nach einem Horrorfilm anhört, will unterstreichen, was im Moment der Kreuzigung geschehen ist: Die Macht des Todes wurde von Jesus gebrochen.

 

Wirklich Gottes Sohn

Im schwärzesten Augenblick Jesu, als von seinem Königtum und seiner Gottheit nichts übrig geblieben scheint, hat er doch die größte Macht erwiesen. Das begreifen nun auch die Anwesenden. Ein römischer Hauptmann und einige seiner Soldaten erschrecken über das Geschehen. Und sie bekennen: "Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!" Die Botschaft erscheint nun zunächst nicht gerade neu. Und doch ist das ein entscheidender Punkt im Evangelium. Bislang war jedem, der dies bekannte, verboten worden, es weiter zu sagen. Als Petrus bekennt, Jesus sei der Sohn des lebendigen Gottes, verbietet Jesus den Aposteln, diese Erkenntnis zu verbreiten. Als er mit drei Jüngern von seiner herrlichen Verklärung zurückkommt, dürfen auch sie nichts von den Geschehnissen berichten.

 

Geboren, um zu sterben

Wer auch immer Jesus als den Messias, den Christus bekennt, darf es nicht weitersagen. Und das hat auch seinen Grund. Wer nicht weiß oder nicht versteht, dass Jesus am Kreuz sein Leben hingeben muss, hat nicht verstanden, wer Jesus ist. Er kann nicht begreifen, wie Jesus der Messias ist. Zu seinem Auftrag gehört nicht nur, Kranke zu heilen, Wunder zu tun und wie ein König in Jerusalem einzuziehen. Er ist vor allem gekommen, um am Kreuz zu sterben. Die römischen Soldaten sind daher die ersten, deren Bekenntnis zu Jesus nicht eingeschränkt oder gar verboten wird. Sie haben gesehen, was es bedeutet, dass er der Messias ist. Sie haben ihn am Kreuz elendig sterben sehen. Sie können nun als erste wirklich begreifen und bekennen: "Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!"

 

Freiwillig zum Sklaven geworden

Was am Kreuz geschah, erklärt auch die zweite Lesung des Palmsonntags (Philipperbrief 2, 6-11). Ein kurzer Hymnus, den vielleicht schon Paulus nicht selbst gedichtet, sondern einfach übernommen hat. Ein uralter, liturgischer Text also. Dort wird gesagt, Jesus sei wie Gott gewesen, habe daran aber "nicht festgehalten". Er wurde aus freien Stücken wie ein Sklave, wurde Mensch. Durch seinen Tod am Kreuz aber hat ihn Gott erhöht. Von jetzt an muss jeder Mensch bekennen: "Jesus Christus ist der Herr."

 

König der Schmerzen

Die Herrschaft Jesu ist also keine weltliche Macht. Er ist nicht König, wie andere. Er befehligt keine Heere, führt keine Kriege, übt keine Gewalt. Und doch ist er der eigentliche Herr der ganzen Welt. So unverständlich es für uns sein mag, seine wahre Herrschaft offenbart sich am Kreuz: Im Leid, in der Schwäche, im Elend.

Gründonnerstag: Liebe bis zum Tod

Im Zentrum der kirchlichen Gründonnerstagsfeier stehen gleich zwei schwer begreifbare Ereignisse. Das Evangelium des Tages (Johannesevangelium 13, 1-15) berichtet vom letzten Abend im Leben Jesu und von der Fußwaschung. Die beiden Lesungen sprechen dann über die Eucharistie. Zunächst versammelt sich Jesus mit seinen Jüngern zum Abendessen. Bisher nichts Außergewöhnliches. Was Jesus dann aber tut, können die Apostel nicht begreifen: Er will ihnen die Füße waschen. Petrus nimmt das nicht hin, Jesus versucht, es ihm zu erklären: "Wer vom Bad kommt ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen." Nach seinem Dienst setzt er sich und fordert von den Jüngern, auch sie sollten untereinander so handeln, wie er gehandelt hat. Auch sie also sollen sich gegenseitig die Füße waschen.

 

Ein Sklavendienst

Im Hintergrund steht wohl der Brauch bei antiken Festmählern. Wer zum Abendessen eingeladen war, kam natürlich gebadet und geölt. Auf dem Weg zum Gastgeber aber ließ es sich nicht vermeiden, dass die Füße, nur in Sandalen gekleidet, dreckig wurden. Obwohl man also eigentlich ganz sauber war, kam man nie ganz ohne Dreck beim Festessen an. Also warteten bereits an der Türe Sklaven, die den Gästen die Füße wuschen. Erst dann waren sie wirklich ganz sauber. Dieser Sklavendienst war dabei das niedrigste, was man sich vorstellen konnte. Nur die untersten, geringsten Sklaven hatten die Füße zu waschen; in Israel scheint es gar so gewesen zu sein, dass ein jüdischer Sklave diese Aufgabe einfach verweigern konnte.

 

Jesu Testament

Indem Jesus das tut, erniedrigt er sich selbst vollkommen. Der Grund wird direkt zu Beginn des Evangelienabschnitts genannt: "Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung." Jesus ist sich ganz bewusst, dass sein Weg hier endet. Er hat nicht mehr viel Zeit und hinterlässt seinen Jüngern damit in kurzer Zeit noch das wichtigste. Im Johannesevangelium ist das nicht nur die Fußwaschung, sondern auch sein Testament. Seine letzten Worte, die er zwischen dem Mahl und seiner Festnahme spricht. In diesem dichten Augenblick fasst Jesus dann sein ganzes Wirken und seine ganze Predigt in einem einfachen Symbol zusammen: Er wäscht die Füße. Er übernimmt aus Liebe den untersten Dienst.

 

Knecht oder Meister?

Dass die Jünger das nicht begreifen, ist nicht verwunderlich. Jesus selbst sagt nach der Fußwaschung: "Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es." Der Meister benimmt sich wie ein Knecht. Klar, dass Petrus das verhindern will. Er kann diese Erniedrigung kaum mit ansehen. Jesus aber interveniert. Würde Petrus die Fußwaschung nicht zulassen, hätte er keinen Anteil an ihm. Aber wieso dann nur die Füße, fragt Petrus, nicht aber auch die Hände und den Kopf? Hier erklärt Jesus nun, wie bereits erwähnt, dass der schon rein sei, der vom Bad kommt; man muss dann nur noch die Füße waschen.

 

Die Liebe spüren

Wie Jesus das sagt, wird aber sofort klar, dass es hier nicht mehr bloß um eine Frage von Sauberkeit gehen kann. Es geht um Reinheit, nicht körperlich, sondern geistig verstanden. Wie er es aber meint, ist bis heute unklar. Einige sehen im von Jesus genannten Bad die Taufe. Wer getauft ist, gehört schon zu ihm, ist schon rein. Und trotzdem sammelt sich im Leben immer wieder Dreck an. Durch die Sünde wird diese Reinheit immer wieder zugeschüttet. Also braucht man regelmäßig eine "Fußwaschung", ein Bekennen und Verzeihen der eigenen Schuld - die Beichte? Möglicherweise ist das gemeint. Vielleicht aber geht es nicht so sehr um Schuld und Sünde. Es ist ja nicht damit getan, einmal getauft zu werden. Beim Glauben geht es um ein ganzes Leben, das sich immer mehr auf Jesus ausrichtet. Man ist zwar eigentlich schon gewaschen, gehört durch die Taufe zu ihm, glaubt an ihn. Aber darüber hinaus braucht man immer wieder die Begegnung mit ihm. Jeder Christ braucht immer wieder diese Momente der Fußwaschung, in denen sich Christus vor uns kniet und wir seine große Liebe erkennen und spüren. Eine Liebe, die bis zur Vollendung, bis zu seinem Tod am Kreuz geht.

 

Im Hintergrund: Pesach

Der zweite große Akzent des Gründonnerstags ist das Abendmahl und die von Jesus gestiftete Feier der Eucharistie. Für die drei synoptischen Evangelien - also die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas - handelte es sich dabei um ein Pesach-Mahl. Für den Evangelisten Johannes nicht. In allen Evangelien ist die Chronologie der letzten Tage Jeus die gleiche: Am Donnerstagabend feiert er das Mahl, am Freitag stirbt er am Kreuz, am Samstag liegt er am Grab, am frühen Sonntagmorgen stand er von den Toten auf. Hier gibt es keine Unterschiede. Klar ist auch, dass in dieser Zeit das Pesach-Fest der Juden stattfand. Bei diesem Fest feierte man den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Zentral war ein feierliches Mahl am ersten Abend des Festes, bei dem man gemeinsam aß, ritualisiert vier Becher Wein trank und vom Auszug aus Ägypten erzählte - bis heute feiern die Juden so Pesach. Für die drei synoptischen Evangelien war dieses wichtige Mahl am Donnerstagabend. Damit steht die Stiftung der Eucharistie in einem ganz engen Zusammenhang mit der uralten jüdischen Tradition. Für Johannes aber wurde erst am Abend des Karfreitags Pesach gefeiert. Damit war Jesu letztes Mahl keine Pesachfeier. Am Freitagnachmittag jedoch, als Jesus starb, wären die Lämmer für dieses Mahl geschlachtet worden. So verbindet Johannes Pesach und das Leiden Jesu: Jesus stirbt wie ein Pesachlamm. Egal, für welchen Ablauf man sich entscheidet: Schon die frühe Kirche konnte nicht umhin, das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu vor dem Hintergrund des Pesach zu interpretieren.

 

Pesach: Ein gemeinsames Mahl

Von genau dieser Feier nun berichtet die erste Lesung am Gründonnerstag (Exodus 12, 1-8.11-14). Zum einen geht es um den Auszug aus Ägypten: Das Blut der geschlachteten Lämmer sollten die Israeliten an ihre Türstöcke streichen. Wenn Gott nachts durch Ägypten geht und als letzte der sogenannten zehn Plagen alle Erstgeborenen unter den Ägyptern erschlägt, ist das Blut an der Tür das Signal, die dort wohnenden Israeliten zu verschonen. Der erste Teil der Lesung gibt dann aber Anweisungen, wie das Pesachfest künftig zu feiern wäre, nicht mehr im Land Ägypten, sondern dann schon in der Freiheit. Lämmer sollen geschlachtet werden, jede Familie soll für sich ein Lamm essen, zusammen mit ungesäuertem Brot und bitteren Kräutern. Damit wird die Situation vorgestellt, in der sich - wenigstens nach Ansicht der drei Synoptiker - auch das letzte Mahl in Jesu Leben abgespielt hat.

 

Jesus ist ganz gegenwärtig

Was er nun bei diesem Mahl getan hat, berichtet die zweite Lesung (Erster Korintherbrief 11,23-26). Jesus nahm Brot, dankte Gott, brach es und sprach: "Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Dann nahm er den Becher mit Wein und sagte: "Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!" Was Jesus hier tut, entspricht ganz dem jüdischen Mahl, bei dem auch Segensworte über Brot und Wein gesprochen werden. Irgendetwas ist aber anders, denn Jesus verbindet Brot und Wein mit sich selbst, mit seinem eigenen ganzen Leben. Er gibt sich selbst hin und nimmt damit den Tod am kommenden Tag vorweg. Für die Kirche ist Jesus in jeder Eucharistiefeier daher ganz gegenwärtig. Nicht in einem lediglich symbolischen Sinne, nicht als bloßes Zeichen. Sondern wirklich, ganz real.

 

 

Roter Faden: Die Liebe

Auch diese Botschaft ist geprägt von der großen Liebe Jesu. Seine letzten Taten in Jerusalem, am letzten Abend und in den letzten Stunden am Kreuz, sind ganz Liebe. Sie zeigen, was seine wirkliche Bestimmung ist, warum er Mensch wurde und sterben wollte: Um den Menschen Gottes grenzenlose Liebe zu zeigen und durch diese Liebe das ewige Leben zu ermöglichen. Diese Botschaft durchzieht die Heilige Woche wie ein roter Faden.

Karfreitag: Der Retter der Welt

Das Johannesevangelium erzählt in seinem Passionsbericht (Johannesevangelium 18,1 - 19,4) eine absurde Geschichte. Jesus weiß ganz genau, was ihm blüht. Offenen Auges geht er in sein Verderben hinein. Der Tod am Kreuz war dabei alles andere als angenehm. Etwas Grausameres kann man sich nur schwer vorstellen. Dennoch ist für Jesus der entscheidende Zeitpunkt gekommen. Er tut alles, um seine Gefangennahme und seine Kreuzigung zu ermöglichen. Zweimal fragt Jesus selbst seine Verfolger, wen sie denn suchen. Nicht sie fragen nach ihm, sondern er selbst nimmt ihnen die Suche nach dem richtigen Mann ab, begibt sich direkt in ihre Arme. Dann will Petrus die Gefangennahme verhindern, indem er einem Diener des Hohepriesters das Ohr abschlägt. Ein kurz aufwallendes Moment der Hoffnung: Kann man die Soldaten noch zurückdrängen und damit das Leben Jesu retten? Nein. Jesus selbst tadelt Petrus und nimmt damit alle Hoffnung, dass er der Situation noch entfliehen wird.

 

Ein ganz anderer König

Im Verhör vor Pilatus wird er dann gefragt, ob er ein König sein. Jesus bejaht - mit einer entscheidenden Einschränkung: "Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich nicht den Juden ausgeliefert würde." Machen sie aber nicht. Genauso wenig wendet sich Jesus selbst gegen seine Verfolger. Er, der einen Blinden heilen und gar einen Toten zurück ins Leben holen konnte, hätte doch wohl die Macht, sein eigenes Leben zu bewahren. Aber er will es nicht. Er geht den Weg, den er nach Gottes Willen gehen muss und selbst gehen will. Das zeigt auch sein letztes Wort am Kreuz: "Es ist vollbracht." Jesus ist nicht nur dankbar um das Ende seines Martyriums, begrüßt nicht nur den Tod, der sein Leid beendet. Vielmehr zeigt er, was im Augenblick seines Todes geschieht: Seine Mission ist erfüllt. Im Gespräch mit Nikodemus, zu Beginn seines Wirkens, hatte er die eigene Aufgabe genannt: "Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird." Das ist es, was nun am Kreuz vollbracht ist: Die Rettung der Welt.

 

Wer ist der Messias?

Einen kleinen Hinweis auf diese Sendung gibt es auch im Passionsbericht selbst. Ganz unscheinbar, aber doch wichtig. Johannes berichtet von der sogenannten Pesach-Amnestie. Immer zum Pesach-Fest konnte sich das Volk einen Verurteilten aussuchen, der begnadigt wurde. Pilatus bietet eine Wahl zwischen Jesus und einem gewissen Barabbas an. "Barabbas aber war ein Straßenräuber", sagt Johannes. Dass Volk wählt den gewalttätigen Barabbas anstelle des sanften, friedlichen Jesus. Was zunächst einfach nur an reine Boshaftigkeit denken lässt, hat möglicherweise einen tieferen Sinn. Was wir mit Räuber übersetzen, könnte man auch als Widerstandskämpfer übertragen. Dann wäre Barabbas nicht ein einfacher Verbrecher, sondern ein politischer Aufrührer - vielleicht sogar als messianische Gestalt, mit der Behauptung, selbst der von Gott gesandte Messias zu sein. Aufschluss gibt auch sein Name. Barabbas heißt übersetzt "Sohn des Vaters": Das ist es, was Jesus andauernd von sich behauptet, nämlich Sohn des höchsten Vaters zu sein. Damit stehen dort zwei ähnliche, aber ganz andere Menschen. Beide sind Söhne des Vaters, beide nehmen für sich in Anspruch, der Messias zu sein. Doch unterschiedlicher könnte das Selbstverständnis der beiden Männer nicht sein. Was der eine mit Gewalt erreichen will, vollendet der andere, indem er ohne Gegenwehr Gewalt erträgt und leidet. Auch diese kurze Episode erklärt also, was da am Kreuz passiert. Jesus folgt ganz seinem Auftrag. Er ist der Messias, eben weil er am Kreuz stirbt, eben weil er dort seine ganze Schwachheit zeigt.

 

Zwei Gärten

Und noch eine dritte Auffälligkeit lässt sich bei Johannes finden. Sowohl am Beginn, als auch am Ende des Passionsberichts erwähnt er einen Garten. Am Anfang ist es der Garten, in dem Jesus gefangen genommen wird, am Ende der Garten, in dem sich sein Grab befindet. Durch diese auffällige Erwähnung kommt man kaum umhin, an einen anderen wichtigen Garten der biblischen Geschichte zu denken: Den Garten Eden, in dem die ersten Menschen lebten. Deren Geschichte hatte kein rosiges Ende genommen. Den eigenen Willen stellten sie über Gottes Willen und wandten sich damit von ihm ab. Die Folge: Vertreibung aus dem paradiesischen Garten. Diese Erzählung handelt von der Sündhaftigkeit jedes Menschen. Alle wenden sich von Gott ab. Bei Jesus wendet sich diese Geschichte. In seinem Leiden stellt er Gottes Willen ganz über seinen eigenen und wendet sich damit nicht von Gott ab, sondern ihm ganz zu. Er überwindet die Sünde.

 

Gestorben für uns

Dass dieser Sieg über Sünde und Schuld auch mit uns etwas zu tun hat, berichtet die zweite Lesung (Hebräerbrief 4, 4-16; 5,7-9). Hohepriester, Mittler zwischen Gott und Mensch, wird Jesus da genannt. Die Christen hätten "nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat." Das ist die Kernbotschaft des Kreuzes: In Jesus Christus ist Gott ganz Mensch geworden. Er wurde aber nicht zu einem Menschen erster Klasse, sondern zum Menschen unterster Klasse. Den grausamsten Tod nahm er freiwillig auf sich. So kann Gott mit den Menschen mitfühlen. Er regiert nicht nur von oben herab, er stellt sich ganz an die Seite der Menschen, geht auch den schlimmsten und schmerzhaftesten Moment mit.

 

Durch Leiden zum Sieg

Von diesem Leiden berichtet auch die erste Lesung des Karfreitags (Jesaja 52, 13 - 53, 12). In diesem "Lied vom Gottesknecht" wird ein Mann beschrieben, den das Christentum oft mit Jesus Christus identifiziert hat. Als Knecht wird er beschrieben, der Erfolg hat. Dann aber muss man sich wundern, woher dieser Erfolg rühren mag, denn ausführlich wird das Leiden dieses Mannes beschrieben: "Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht." Und doch sei das Leiden dieses Mannes zum Heil für alle geworden: "Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt." An diesem zerschlagenen Knecht aber fand Gott Gefallen; deswegen ist er auch erfolgreich. Dieses Lied dreht unsere menschlichen Kategorien auf den Kopf. Leid und Schmerz werden zu Erfolg und Verdienst.

 

Wirklich der Retter der Welt

Insgesamt dreht der Karfreitag menschliche Erwartungen auf den Kopf. Der Sohn Gottes muss sterben. Er, der von sich sagte, er sei das Licht der Welt, wird geschlagen, scheinbar besiegt. Doch nur scheinbar. Durch sein Kreuz und Leid hat er die Sünde besiegt. Indem in ihm Gott selbst für die Menschen leidet, hat er den Weg zu Gott und zum ewigen Leben geöffnet. Die schwärzeste Stunde im Leben Jesu, der einsame Tod am Kreuz, wird zum entscheidenden Wendepunkt der Geschichte: "Er ist zum Urheber des ewigen Heils geworden", heißt es im Hebräerbrief. Auf diese Botschaft gibt es seit der frühen Kirche eigentlich nur eine mögliche Reaktion: Die Verehrung des Kreuzes. Bis heute wird nach dem Passionsbericht und dem Gebet der Fürbitten ein großes Kreuz enthüllt und anschließend von den Gläubigen verehrt. Im gebrochenen und besiegten Jesus erkennen wir schon den siegreichen Gott. Der Karfreitag drängt uns dazu, uns das Bekenntnis der Menschen aus Samaria anzueignen: "Er ist wirklich der Retter der Welt."

Osternacht: Glückliche Schuld

Die Feier der Osternacht hat etwas Geheimnisvolles. Mitten in der Nacht treffen sich die Gläubigen vor der Kirche. Das Osterfeuer knistert und erhellt damit die Dunkelheit, wenigstens ein kleines bisschen. Nachdem die Osterkerze an diesem Feuer entzündet wurde, zieht die ganze Gemeinde in die stockfinstere Kirche ein. Der einzige Leitfaden, um nicht zu stolpern, ist die Osterkerze. Stück für Stück breitet sich dieses kleine Licht dann in der ganzen Kirche aus, wenn die Gläubigen auch ihre eigenen Kerzen daran entzünden. Auch ohne elektrisches Licht wird die Nacht so zum Tag.

 

Die Nacht der Zukunft

Etwas Geheimnisvolles haben auch die Lesungen, die in der Osternacht gelesen werden. Das beginnt schon mit dem sogenannten Exsultet, dem seit alter Zeit überlieferten Lobgesang auf die Osterkerze. In diesem Lied wird auf wunderbare Weise das Geheimnis von Ostern erklärt. Dabei stellt es die Auferstehung Jesu in den Kontext der ganzen Heilsgeschichte. Christen feiern an Ostern nicht nur die Auferstehung, sie feiern die ganze Geschichte Gottes mit den Menschen, feiern seine liebevolle Gegenwart und seine heilbringende Zukunft. So kann man die Nacht, in der sich die Gläubigen gerade in der Kirche versammeln, auch als die Nacht bezeichnen, in der das Volk Israel aus Ägypten auszog. Als die Nacht, in der Gott als Feuersäule seinem Volk voranging. Es ist die Nacht, "in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg." In dieser Nacht wird die Geschichte so gegenwärtig, dass wir mitten in ihr stehen.

 

Gott ist der Schöpfer der Welt

Diese Intention verfolgen auch die Lesungen der Nacht, die teilweise bis auf früheste Traditionen in Jerusalem zurückgehen. Das beginnt mit der ersten Lesung (Genesis 1,1 - 2,2). In diesen ersten Wochen der Schrift wird von der Schöpfung der Welt berichtet. Stück für Stück ruft Gott alles ins Sein, was wir heute als unsere Welt bezeichnen. Am Ende und an der Spitze dieser Werke steht der Mensch, den Gott als sein Abbild schuf. Ihnen gibt er die Herrschaft über alle Lebewesen der Welt. Das ist nicht als gewaltvolle und ausbeutende Herrschaft gemeint. Der Mensch darf sich nicht alles herausnehmen. Vielmehr geht es um eine Macht über die Welt, die das Leben erst so recht ermöglicht: Durch die Leitung und den Schutz des Menschen kann diese Welt gedeihen. Durch diese Lesung wird in der Osternacht nicht nur die Auferstehung Jesu gefeiert, sondern auch der Beginn der Welt. Der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt, ist der Gott, der diese Welt und alles Leben in ihr überhaupt erst ins Sein gerufen hat.

 

Gott ist da

Die dritte Lesung (Exodus 14,15 - 15,1) erzählt dann vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Eigentlich waren die Juden in Ägypten zunächst freundlich aufgenommen worden, mit der Zeit wurden sie aber zu Dienern und Sklaven. Mose war von Gott geschickt, in seinem Namen den Pharao von der Freilassung der Israeliten zu überzeugen. Dieser war nicht dazu bereit. Neun Wunder konnten ihn nicht überzeugen. Erst als in Ägypten durch Gottes Handeln alle Erstgeborenen starben, ließ er die Juden gehen. Dieser Entschluss hielt aber nicht lange an: Kurz danach zog er ihnen mit seinem Heer hinterher. Es gelang ihm, die Fliehenden zwischen dem Roten Meer und seinen Soldaten einzuschließen. Die Juden sahen dem Tod schon ins Gesicht, da spaltete Gott durch Mose das Wasser. Trockenen Fußes konnten die Juden durch das Meer gehen. Als der Pharao mit seinem Wagen nachziehen wollte, kehrten die Fluten zurück und bargen die Ägypter unter sich. Gott steht also auf der Seite seines Volkes. Er verlässt es nicht. Er setzt sich ein für die Unterdrückten.

 

Er ist auferstanden

All die Heilstaten, von denen diese Lesungen sprechen, gipfeln in der Auferstehung. Das Matthäusevangelium (28, 1-10) berichtet, dass am frühen Sonntagmorgen zwei Frauen zum Grab Jesu kamen. Sie wollten ihn salben. Am Freitagabend, kurz vor dem Sabbath, war das nicht mehr möglich gewesen. Plötzlich bebt die Erde, ein Engel schiebt den Stein, der das Grab verschließt, beiseite und verkündet den Frauen: "Jesus ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat." Die Frauen gehen, um diese große Botschaft auch den anderen Jüngern mitzuteilen. Auf dem Weg begegnet ihnen Jesus: Er ist wirklich auferstanden.

 

Durch Jesus zum Leben

Durch diese Auferstehung hat Jesus auch unseren Tod besiegt, wie die Lesung aus dem Neuen Testament sagt (Römerbrief 6, 3-11). Wie wir ist Jesus gestorben. Er hat sich ganz zum Menschen gemacht - bis zur letzten Konsequenz, dem gewaltsamen Tod am Kreuz. Durch seine Auferstehung hat er uns die Hoffnung geschenkt, dass auch wir auferstehen: "Wenn wir nämlich ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereint sein." Durch Jesu Tod und Auferstehung wurde dem Tod die letzte Macht genommen. Der Mensch muss zwar weiterhin sterben, aber das letzte Wort behält nun die Auferstehung. So entsteht ein Bogen von der ersten Lesung und der Erschaffung der Welt bis hin zur Auferstehung. Gott schafft diese Welt neu durch seinen Sohn. Das verweist aber zugleich auch in die Zukunft. Noch ist die Welt nicht vollendet, noch gibt es den Tod. Als Christ wartet man deshalb immer auf das Ende dieser Welt, auf ihre Vollendung.

 

Freude über die Sünde

Das Geheimnis der Osternacht ist so tief, dass man die überquellende Freude am Beginn der Osternacht im Exsultet direkt spüren kann: "Wahrhaft, umsonst wären wir geboren, hätte uns der Erlöser nicht gerettet. O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!" Das Wunder der Auferstehung ist so groß, dass sich das Exsultet über die menschliche Sünde freut, ohne die eine Erlösung nicht nötig wäre. Freuen sollen wir uns über die Sünde in der Welt. Das ist sicher paradox - und dennoch nachvollziehbar. Denn in die Auferstehung Jesu sind alle mithineingenommen. Er hat die Welt neu gemacht durch sein Leben und seinen Tod. So wurde er zum Anker der Hoffnung. Dieses Licht hat sich über die ganze Welt verbreitet.

Ostermontag: Auf dem Weg mit Jesus

Der Ausgangspunkt des Evangeliums am Ostermontag (Lukasevangelium 24, 13-35) hat noch viel von der Stimmung des Karfreitags: Zwei Jünger Jesu, von denen man ansonsten nichts weiß, machen sich am Ostersonntag auf den Weg nach Emmaus. Sie sind enttäuscht über die Geschehnisse in Jerusalem. Jesus, an den sie geglaubt hatten, hat nicht den Sieg errungen. Er ist gestorben. Besonders betont Lukas hier, dass schon drei Tage seit dem Tod Jesu vergangen sind. Wer drei Tage tot ist, ist wirklich tot. In einem Schlaf oder Scheintod wird er sich nach so langer Zeit wohl kaum mehr befinden. Gleichzeitig drückt dies vielleicht auch aus, dass die beiden Jünger wirklich mit einer Auferstehung Jesu am dritten Tage gerechnet hatten, so wie er es vorhergesagt hatte. Doch der dritte Tag ist schon angebrochen, passiert ist noch nichts.

 

Mit Blindheit geschlagen

Die beiden Jünger haben zwar von den Frauen erfahren, dass Jesus nach dem Wort der Engel leben würde - aber sie glauben es nicht. Wie mit Blindheit waren sie geschlagen, berichtet Lukas. Mitten auf dem Weg tritt Jesus zu ihnen. Sie erkennen ihn nicht, sehen in ihm nur einen Wanderer, der zufällig den gleichen Weg hat wie sie. Mit ihm unterhalten sie sich auf dem Weg und sind erstaunt, dass dieser Fremde scheinbar nichts von den Ereignissen in Jerusalem mitbekommen hat. Also erzählen sie ihm von Jesus: "Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk." Als Propheten bekennen sie ihn, nicht aber als den Messias, als den Retter der Welt.

 

Jesus bricht das Brot

Der Fremde, scheinbar ahnungslos über die Jerusalemer Ereignisse, beginnt nun aber, die beiden zu unterrichten: "Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und den Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht." Noch immer begreifen die Jünger nicht, wer da mit ihnen auf dem Weg ist. Sie kommen in Emmaus an und Jesus tut so, als wolle er weitergehen. Die beiden Jünger bitten ihn daraufhin, mit ihnen in Emmaus zu bleiben. Er bleibt, setzt sich mit ihnen an den Tisch und bricht das Brot - so wie er es am letzten Abend vor seinem Tod getan hatte. Jetzt erkennen die beiden ihn, wie Schuppen fällt es ihnen von den Augen. In dem Augenblick, in dem sie erkennen, wer da mit ihnen am Tisch sitzt, verschwindet Jesus. Die beiden aber brechen sofort auf, zurück nach Jerusalem. Dort berichten sie den anderen, was geschehen war. Gerade noch drängten sie Jesus, bei ihnen zu bleiben, es sei ja schon Nacht, da solle man nicht mehr auf der Straße unterwegs sein. Das Erlebte aber zwingt sie geradezu, umzukehren. Sie können nicht schweigen. Sie müssen den anderen erzählen, dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist.

 

 

Ein Bild der Kirche

Was mit den beiden hier passiert, geht nicht nur sie etwas an. Es geht vielmehr um die ganze Kirche. Denn was an diesem Ostersonntag auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus geschieht, ist ein Modell für die Kirche. Zunächst sind da zwei gemeinsam unterwegs. Kirche geht nie alleine: Die Suche nach Gott, das Reden über Jesus Christus braucht immer eine Gemeinschaft, und wenn sie noch so klein und unbedeutend erscheinen mag. Sobald das der Fall ist, ist Jesus gegenwärtig - auch wenn man das manchmal nicht merkt. Nicht einmal die Jünger Jesu, die mit ihm lange unterwegs waren, spürten es. Und dennoch ist er da. Für diese Kirche ist es weiter wichtig, dass das Wort Gottes gehört wird. Jesus selbst legt seinen Jüngern hier die Schrift aus. Darin aber erschöpft es sich nicht; zum Leben der Kirche gehört immer auch die Eucharistiefeier. Dabei ist es Jesus selbst, der das Brot bricht. Er ist ganz gegenwärtig.

 

Glauben ohne Beweis?

Wo das geschieht - die Jünger also gemeinsam auf dem Weg sind, die Schrift hören und das Brot brechen - da schwindet ihre Blindheit. Plötzlich erkennen sie, wer Jesus ist. Erst jetzt können sie wirklich glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Eine Botschaft des Ostermontags ist damit auch, dass man Auferstehung nicht beweisen, sondern nur glauben kann. Daher bieten die ersten beiden Lesungen auch zwei Glaubensbekenntnisse der frühen Kirche. In der ersten Lesung (Apostelgeschichte 2, 14.22-33) spricht Petrus zum versammelten Volk von Jerusalem. Der gekreuzigte Jesus wurde von Gott auferweckt, der Tod konnte ihn nicht festhalten. All die Apostel seien Zeugen für diese große Tat Gottes: Denn sie haben den Herrn gesehen. Beweisen kann das auch Petrus nicht. Wie soll das auch gehen? Aber er und alle anderen, die den Auferstandenen gesehen haben, sind Zeugen. Ihnen soll das Volk glauben.

 

Der Kern des Evangeliums

Ähnlich verkündet auch Paulus den Glauben in der zweiten Lesung (Erster Korintherbrief 15, 1-8.11). In ganz knappen Worten schildert er dort das Evangelium, das er verkündet hat: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf." Das ist sein ganzes Glaubensbekenntnis, und doch ist darin alles enthalten. Er selbst hat dieses Evangelium nicht erfunden, er selbst hat es lediglich empfangen und weitergegeben. Damit wird auch Paulus zu einem dieser Zeugen, die nicht beweisen können, dass Jesus in seiner Auferstehung den Tod besiegt hat, die aber glaubwürdig ihre eigene Erfahrung weitergeben dürfen.

 

Schweigen? Unmöglich!

So wie den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus geht auch Petrus und Paulus das Herz über. Sie können von der großen Erfahrung mit dem Auferstandenen nicht schweigen. Beide verkünden unablässig den Glauben und beiden wird diese Mission das Leben kosten. Aber sie haben von Anfang an begriffen, dass die Auferstehung Jesu nicht nur ein weiteres Wunder ist. Die Auferstehung kann nicht in einem Atemzug genannt werden mit den anderen Heilungen von Kranken und Blinden. Denn durch die Auferstehung hat Jesus dem Tod die Macht genommen. Nicht nur er selbst lebt, sondern durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er allen Menschen die Türe zum ewigen Leben geöffnet. Das ist die große Hoffnung von Ostern. Das ist die große Hoffnung der Christen.