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Impulse zu den Fastensonntagen 2017

In der Fastenzeit laden wir Sie ein, sich jeden Sonntag mit einem Impuls zu besinnen. Die Impulse orientieren sich an den Lesungen des jeweiligen Fastensonntags.

1. Fastensonntag: Alle sind Sünder

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Die Lesungen des ersten Fastensonntags sprechen von der Sünde des Menschen. Aber sie zeigen auch einen Weg der Rettung.

Mit der Fastenzeit beginnt das große Abspecken. Die Gelegenheit ist gekommen, das ein oder andere Kilo loszuwerden, mehr Sport zu treiben und sich um den eigenen Körper zu kümmern. Dieses Bild der Fastenzeit begegnet oft: Körperliche Entsagung soll zu mehr Gesundheit führen. Weniger Kalorien, weniger Zucker, mehr Hochleistungen. Aber: Ist das der Sinn der christlichen Fastenzeit?

 

Jesus in der Wüste

Wirft man einen Blick in die Lesungen des ersten Fastensonntags könnte man sich fast bestätigt fühlen. Im Evangelium nach Matthäus (Matthäus 4, 1-11) heißt es, Jesus war vierzig Tage lang in der Wüste, um zu fasten. Und bekanntlich gibt es in der Wüste keine großen Gaumenfreuden, sondern eher weniger bis gar nichts zu essen; besonders, wenn man auf sich allein gestellt ist. Hat Jesus also eine Fitnesskur in der Wüste gemacht? Was das der Grund, weshalb er sich dorthin zurückzog, um zu fasten? Vermutlich eher nicht. Er wurde, so Matthäus, von Gottes Geist in die Wüste geführt, gerade um dort "verführt" zu werden.

 

Eine teuflische Probe

Am Ende seiner Fastenzeit begegnet er daher dem Teufel. Der will ihn auf die Probe stellen, er will wissen ob Jesus, der Sohn Gottes, wirklich so perfekt und wirklich ohne Sünde ist. Also fordert er Jesus, der mittlerweile Hunger bekommen hat, auf, aus Steinen Brot zu machen. Jesus fällt auf die List des Bösen nicht herein, er zitiert aus der Bibel: "Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt." Der Teufel gibt nicht auf, nun verlangt er, Jesus solle sich von der Spitze des Tempels in Jerusalem herabstürzen. Normalerweise wohl der sichere Tod. Der Teufel aber zitiert die Bibel und sagt, Gott würde seinen Engeln befehlen, Jesus auf Händen zu tragen, ihn also aus dem tödlichen Sturz auffangen und den Tod verhindern. Jesus verneint wieder. Also fährt der Teufel sein letztes Geschütz auf: Er bietet Jesus die Herrschaft über die ganze Welt an, wenn er nur ihn anbeten würde. Auch das wird Jesus nicht tun.

 

Über allem: Anbetung Gottes

Das ist schon eine seltsame Geschichte. Der Teufel tritt in der Wüste auf, um Jesus zu verführen. Und noch viel seltsamer: Bei der zweiten Versuchung zitiert der Teufel wörtlich aus der Bibel. Wieso kann sich Jesus dagegen überhaupt wehren, der Teufel kann ja seine Aussage wirklich hervorragend untermauern, mit dem Wort Gottes aus der Heiligen Schrift. Aber in dem Augenblick, indem er die Bibel zitiert, ist sie nicht mehr Gottes Wort, er pervertiert die Aussage, wendet sie in ihr Gegenteil. Die Antworten Jesu zeigen die Prioritäten, die er setzt. Bei der ersten Versuchung soll Jesus die schnelle Möglichkeit wählen, mal eben aus Steinen Brot machen - und damit nicht mehr auf Gott, sondern auf sich selbst und seine Wünsche hören. Indem er dann nicht von der Spitze des Tempels springt, macht er klar: Auf Gott kommt es an. Auch wenn Gott ihn retten würde, will er das nicht herausfordernd, nicht provozieren. Er will auf Gott warten, auf den richtigen Zeitpunkt. Und mit der dritten Versuchung - Anbetung des Teufels gegen Weltherrschaft - macht Jesus deutlich, dass über allem die Anbetung steht; nicht des Teufels, sondern Gottes.

 

Jesus ist solidarisch

Der Abschnitt, der im Matthäusevangelium direkt vor der Versuchung Jesu geschildert wird, ist die Taufe Jesu. So wie alle sündigen Menschen zog Jesus in die Wüste, zum Jordan. Dort ließ er sich vom Täufer Johannes taufen. Obwohl er keine Sünde hatte, zeigt er sich mit den Menschen solidarisch. Und genau das geschieht nun auch in der Versuchung. Jesus teilt das Leben der Menschen, er ist - auch wenn er der Sohn Gottes ist - gleichzeitig ganz und gar Mensch. Er steht nicht über den Versuchungen, auch er wird vom Teufel, vom Bösen, angefallen. Aber er wehrt sich. Und dadurch zeigt er, was es heißt, dass er der Sohn Gottes ist. Es bedeutet eben nicht, dass er sich die weltliche Macht sichert. Er widersteht dem Satan und will nicht alle Reiche der Welt beherrschen. Denn er ist nicht König wie alle anderen Könige, nicht Herrscher wie es all die Mächtigen sind. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", wird er sagen, als er in Jerusalem vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus steht.

 

Der Mensch ist mehr als Materie

Im Evangelium geht es also nicht alleine um eine körperliche Angelegenheit. Matthäus berichtet die Geschichte nicht, weil es ihm darauf ankäme, ob Jesus vierzig Tage lang nun etwas gegessen hätte oder nichts. Ihm geht es vielmehr um das Verhältnis zu Gott. Das steht ihm Zentrum der Fastenzeit und das steht auch im Zentrum der Versuchungsgeschichte Jesu. Dieses Verhältnis aber ist nicht immer ungetrübt und davon berichtet die erste Lesung des Sonntags aus dem Buch Genesis (Genesis 2,7-9; 3,1-7), die Erzählung vom sogenannten "Sündenfall". Die ersten Menschen bekommen ihren Lebensatem von Gott. Irgendwas also ist im Menschen, das mehr ist als reine Materie. Gott haucht in den Menschen und macht ihn dadurch eigentlich erst zum Menschen, er gibt ihm seine Seele. Diese ersten Menschen wohnen im "Garten Eden", dort aber verführt sie die Schlange. Von einem ganz bestimmten Baum hatte Gott verboten zu essen - und genau das machen die Menschen jetzt, sie nehmen eine Frucht des Baumes und essen.

 

Die Bibel ist kein Protokoll

Das wirkt schon etwas befremdlich. Eine sprechende Schlange? Ein wunderbarer Garten? Wo soll der denn gewesen sein? Entscheidend ist, dass die Welt des Orient, in der das Alte Testament entstanden ist, tiefe Einsichten und Erkenntnisse nicht wie heute in Aufsätzen oder wissenschaftlichen Beiträgen formuliert hat, sondern in Erzählungen. Dabei geht es nicht unbedingt darum, ein bestimmtes Geschehen möglichst originalgetreu wiederzugeben. Die Bibel ist kein Protokoll. Vielmehr ist das Ziel dieser Schriften, etwas Wichtiges, gekleidet in eine Erzählung, zu sagen. Und genau das tut die Schöpfungsgeschichte. Katholische Christen glauben nicht, dass Gott die Welt in exakt sechs Tagen zu je 24 Stunden geschaffen hat. Darum geht es nicht. Es geht um die viel wichtigere Aussage: Diese Welt ist kein Zufallsprodukt, sondern sie ist gewollt und geschaffen - von Gott. Ob das nun in sechs Tagen oder in Millionen von Jahren geschah, das ist nicht das Entscheidende.

 

Menschen verlassen den Weg Gottes

Ebenso ist es mit der Erzählung über die Sünde in der Lesung des ersten Fastensonntags. Es geht darum, dass der Mensch von Gott gewollt und gemacht ist, mit seinem Atem ausgestattet. Und es geht darum, dass kein Mensch jemals alles richtigmacht - schon die ersten Menschen, in der Erzählung in den perfekten, grünen Garten versetzt - sündigen, das heißt: Sie verlassen den Weg, den Gott für sie wollte. Sie handeln nicht nach dem Willen Gottes, sondern nach ihrem eigenen Willen. Ob sie nun von einer Schlange, die das Böse darstellen soll, oder von einem anderen Wesen verführt wurden, das ist nicht wichtig. Entscheidend ist: Jeder Mensch ist Sünder.

 

Paulus: Alle sind Sünder

Das wirkt nun wieder etwas seltsam. Die meisten Menschen tun in ihrem Leben doch nichts wirklich Schlimmes. Sünder - das sind Mörder, Vergewaltiger, Drogenbosse. Der Durchschnitt der Menschen aber sündigt nicht. Oder? Die zweite Lesung des Tages stammt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Römer 5,12-19). Paulus sagt dort: "Der Tod gelangte zu allen Menschen, weil alle sündigten." Alle. Nicht viele, einige, die meisten; "alle", sagt Paulus. Jeder Mensch ist Sünder. Das müssen nicht immer die wahnsinnigen Sünden sein, die großen Verbrechen. Das kann auch eine Kleinigkeit im Alltag sein. Der kleine, tägliche Egoismus; der Geiz und die Gier; die Konzentration auf alles, nur nicht auf Gott. Und genau das weiß Paulus und kann daher so sicher und plakativ sagen: Alle sündigen.

 

Trost in der Schuld

Das ist ernüchternd. Egal was ich tue Paulus hat mit seiner Aussage recht: Jeder Mensch ist Sünder. Trostlos. Zum Verzweifeln. Aber Paulus sagt noch etwas Anderes. So wie durch einen Menschen - gemeint ist Adam - die Sünde in die Welt kam und seitdem nicht mehr vom Menschen wegzudenken ist, so kommt auch durch einen Menschen die Erlösung: Jesus Christus. Diese Erlösung geschieht am Kreuz, durch den Tod und dann durch die Auferstehung Jesu. Und genau das ist es, worauf die Fastenzeit vorbereiten will: Auf die Feier von Ostern. In 40 Tagen sollen die Christen sich wieder neu ihres eigenen Lebens und ihres Glaubens bewusstwerden. Dieser Weg ist nicht immer einfach, so war es auch für Jesus nicht. Es kann schmerzlich sein, sich auf die eigene Schuld einzulassen, das eigene Leben zu analysieren. Aber der Text von Paulus kann ein Trost sein. Ja, wir alle sind Sünder. Aber für uns alle gibt es die Möglichkeit zur Erlösung.

2. Fastensonntag: Jesus muss leiden

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Das Evangelium des Zweiten Fastensonntags (Matthäus 17,1-9) zählt vielleicht zu den sonderbarsten Erzählungen der ganzen Bibel. Jesus besteigt mit drei seiner Jünger - Petrus, Jakobus und Johannes - einen hohen Berg, dessen Name aber nicht genannt wird. Oben angelangt wird Jesus ganz weiß: Seine Kleider wurden weiß wie das Licht, sein Gesicht leuchtete wie die Sonne. Direkt danach erscheinen Mose und Elija, die großen Propheten des Alten Testamentes und unterhalten sich mit Jesus. Was sie sagen, ist nicht bekannt.

 

Der geliebte Sohn

Petrus nun hat nichts Besseres zu tun, als Jesus zu fragen, ob er Hütten bauen soll - eine für ihn, eine für Elija, eine für Mose. Und schon ändert sich die Szenerie: Eine Wolke erscheint und aus ihr spricht eine Stimme. Sie sagt: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören." Die Jünger haben Angst, Jesus tröstet sie, Mose und Elija sind verschwunden.

 

Fragen über Fragen

Am Ende dieser sogenannten "Verklärung" Jesu verbietet er den drei Jüngern, davon etwas zu erzählen, zumindest "bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist." Diese Geschichte gibt wirklich mehr Fragen auf als sie Antworte geben könnte. Zu vieles erscheint so unklar: Warum nur drei der Jünger? Warum erscheinen Propheten, und weshalb gerade diese beiden? Weshalb will Petrus plötzlich Hütten aufbauen? Und vor allem: Wieso sollen die Jünger die Begebenheit verschweigen?

 

Wer ist Jesus?

Der erste Schlüssel für die Geschichte liegt in dem Abschnitt, der dieser Begebenheit vorausgeht. Jesus fragt seine Jünger, für wenn die Leute ihn halten, was die Menschen um Jesus denn überhaupt glauben, das er ist. Einige denken, er sei Johannes der Täufer, andere halten ihn für den Propheten Elija, wieder andere für Jeremia oder einen anderen Propheten. Und dann stellt Jesus die entscheidende Frage: "Für wen haltet ihr mich?" Und Petrus antwortet prompt: "Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!" Die Antwort ist richtig, aber Jesus verbietet schon hier, das weiterzuerzählen. Kurz darauf sagt Jesus seinen Jüngern, dass er in Jerusalem sterben, aber auch auferstehen werde. Petrus, der sich das nicht vorstellen kann, für den es keine Option ist, dass Jesus leiden muss, widerspricht. Das kann doch nicht sein! Und Jesus? Der nennt Petrus einen Satan. Obwohl er also kurz zuvor genau richtig gesagt hatte, dass Jesus der Christus, also der Retter ist, hat er überhaupt nicht verstanden, was das bedeutet. Und deshalb verbietet Jesus den Jüngern auch, weiterzuerzählen, dass er der Christus ist. Denn erst nach seinem Tod kann wirklich verstanden werden, wie Jesus rettet: Durch den Tod, indem er sich für die Menschen selbst foltern und ermorden lässt. Einen anderen Weg gibt es nicht. Petrus hat das noch nicht verstanden. Vor dem Kreuz Jesu kann noch niemand begreifen, was es heißt, dass er der Messias ist.

 

Der göttliche Jesus

Es scheint noch nicht klar zu sein, wer dieser Jesus denn ist. Und deshalb geht er mit den drei Jüngern auf den Berg. Indem er "verklärt" wird, nicht mehr nur menschlich, sondern auch göttlich dargestellt wird, ist klar: Ja, er ist wirklich der Sohn Gottes. Seine lichthafte Erscheinung weist auch schon auf Ostern voraus, auf Jesus als den Auferstandenen, den Sieger über den Tod. Als Mose und Elija hinzutreten, wird deutlich, dass er nicht einer der Propheten ist, der wiedergekommen ist. Er ist etwas anderes, etwas neues. Indem er mit den beiden spricht, zeigt Jesus, dass er zugleich in einer ganz tiefen Verbundenheit mit dem Volk Israel steht. Er kommt nicht und wischt alles beiseite - im Gegenteil: Er selbst ist im Gespräch mit den Propheten. Er und sie gehören zusammen. Das muss eine faszinierende und schöne Situation gewesen sein. Vielleicht will Petrus auch deshalb Hütten bauen, um seinem Wunsch Ausdruck zu verleihen, es möge nicht gleich wieder vorbei sein. Mose, Elija und der leuchtende Jesu sollten länger bleiben.

 

Matthäus erklärt Jesu

Es scheint so, als wollte Matthäus genau in der Mitte seines Evangeliums erklären, wer Jesus ist. Er ist der Christus, also der "Gesalbte" Gottes, der Sohn Gottes - das hatte Petrus gesagt, und er hatte Recht damit. Er ist dann aber auch der, der am Kreuz sterben muss und will, auch wenn seine Jünger das nicht akzeptieren können. Und schließlich ist er auch der "Herrliche", der verklärt auf dem Berg steht und voller Licht leuchtet. Die Stimme aus der Wolke - Gottes Stimme - fasst das zusammen: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören."

 

Abraham hört

Was es bedeutet, ganz auf Gott zu hören, das erklärt die erste Lesung des Sonntags. Gott spricht zu Abraham. Von dem weiß man zu diesem Zeitpunkt des Genesis-Buches noch nicht wirklich viel. Aber Gott sagt: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterland in das Land, das ich dir zeigen werde!" Abraham soll alles hinter sich lassen, die gewohnte Heimat, Familie und Kultur. Weg in ein Land, das er gar nicht kennt, in die vollkommene Fremde. Der Grund: Gott sagt es so. Und Abraham tut es. Unvorstellbar. Er fragt nicht groß nach, diskutiert nicht mit Gott, sondern tut es einfach. Zugleich verspricht Gott etwas: Er werde Abraham zu einem großen Volk machen, mit vielen Nachfahren; er wird die segnen, die Abraham segnen und die verfluchen, die Abraham verfluchen. Er stellt sich also ganz und gar auf die Seite des Menschen. Und Abraham glaubt das ohne wenn und aber.

 

Paulus leidet

Die zweite Lesung aus dem Zweiten Brief an Timotheus wirkt zunächst sehr befremdlich. Paulus bittet den angesprochenen Timotheus: "Leide mit mir für das Evangelium." Eigentlich ist das Evangelium doch - wörtlich aus dem Griechischen übersetzt - eine "gute Botschaft". Also eher etwas, über das man sich freut. Aber leiden? Auch für Jesus geht es ohne das Leid nicht. Deshalb kündigt er mehrmals im Evangelium sein Leiden an, deswegen verbietet er zunächst auch, darüber zu sprechen, dass er der Messias ist. Denn wer nicht weiß oder nicht versteht, dass zu seiner Aufgabe und zur Rettung der Menschen dieses Leid dazugehört, der hat Jesus nicht verstanden und kann nicht wissen, weshalb er der Retter der Welt ist.

 

Das Evangelium des Paulus

Danach fasst Paulus in einem einzigen Satz beinahe die ganze frohe Botschaft zusammen: Jesus "hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium." Und spätestens jetzt wird klar: Jesus, im Licht stehend, auferstanden, triumphierend - das ist nur die eine Seite. Genauso gehört zu ihm das Leiden, das grausame und unmenschliche Sterben am Kreuz. Das steht im Zentrum der Fastenzeit. Aber bei allem Leid ist das eben die frohe Botschaft. Denn dieses Leiden ist nicht vergeblich. Dieses Leiden bringt der ganzen Welt das ewige Leben.

3. Fastensonntag: Jesus ist das Leben

Jesus ist das Leben

Das Evangelium des dritten Fastensonntags (Johannes 4,5-42) hat viel mit Wasser zu tun. Jesus kommt zu einem Brunnen, den der Patriarch Jakob gebaut haben soll, und trifft dort eine Frau. Jesus bittet sie um Wasser - und sie ist empört. Juden hatten normalerweise keinen Kontakt zu den Samaritanern, die ein Mischvolk und eben nicht besonders beliebt waren. Jesus ist das egal, er bittet dennoch. Er sagt: "Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben." Man weiß erstmal nicht, was damit gemeint ist. Wieso sollte denn plötzlich die Frau Jesus um Wasser bitten? Und was ist "lebendiges Wasser"? Die Frau versteht es ebenso wenig, kann Jesus nicht glauben, dass er ohne Schöpfgefäß Wasser aus dem tiefen Brunnen holen kann. Dann müsste er doch größer sein als Jakob, der Erbauer des Brunnens?

 

Ist Jesus ein Prophet?

Die Frau versteht nicht, dass Jesus nicht von normalem, handelsüblichem Wasser spricht; es geht ihm um mehr, um tieferes. Also setzt er nach: "Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben." Die Frau versteht das wörtlich und will dieses Wasser, denn dann müsste sie ja nie wieder den mühsamen Weg auf sich nehmen, zum Brunnen laufen, dort Wasser schöpfen und es wieder nach Hause tragen. Jesus reagiert nicht. Er befiehlt der Frau, ihren Mann zu holen. Sie aber hat keinen Mann, das sagt sie Jesus. Daraufhin kann er ihr ganz genau ihre Familiensituation ins Gesicht sagen: Fünf Männer hatte sie, jetzt ist sie mit jemandem zusammen, der nicht wirklich ihr "Mann" ist. "Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist", bekennt die Frau daraufhin.

 

Hat er gegessen?

Jesus sagt ihr, er sei der Messias, die Frau eilt in den Ort, aus dem sie kommt, und erzählt allen das seltsame Erlebnis mit dem seltsamen Fremden am Brunnen - "Vielleicht ist er der Messias" hofft sie. In der Zwischenzeit wollen die Jünger Jesus zum Essen drängen. Er lehnt ab: "Ich lebe von einer Speise, die ihr nicht kennt." Und das Schema wiederholt sich. Jesus spricht von etwas geistlichem, die Jünger aber verstehen es nicht und überlegen, ob ihm jemand unbemerkt etwas zu essen gegeben haben könnte. Schließlich kommen die Bewohner des Ortes, glauben an ihn und behalten Jesus zwei Tage bei sich.

 

Wasser ist überlebenswichtig

Ein seltsamer Abschnitt aus dem Evangelium ist das. Es scheint, als würde um den heißen Brei herumgeredet, verklausuliert, und mehrmals deutlich aneinander vorbei. Jesus benutzt Bilder, die seine Gesprächspartner erstmal nicht verstehen können. Eines ist dabei entscheidend. Jesus wählt diese Bilder ja nicht zufällig oder unbedacht. Im Gegenteil: "Wasser" ist ein unglaublich starkes Bild. In unserem westlichen Komfort mag das nicht begreiflich sein, aber dennoch ist Wasser in vielen Ländern nicht zur Genüge vorhanden. Es ist mühsam, den täglichen Weg zum Brunnen vielleicht sogar mehrmals zurückzulegen. Und die Gefahr von stehendem, schlecht werdendem Wasser ist groß. In diese Welt platzen die Worte Jesu, der ein lebendiges Wasser verspricht, von dem man letztlich einmal trinken muss, um jeden Durst zu löschen.

 

Jesus ist Wasser

Von ihm selbst her komme das Wasser, sagt Jesus. Es geht ihm nicht um das materielle Wasser. Es geht ihm um den Menschen. Wer zu Jesus gehört, der hat dieses lebendige Wasser, diese von Gott kommende Kraft, die nicht mehr versiegt. Das Wasser ist auch ein Symbol für das Leben. Das Wasser ist das Elementarste, was der Mensch zum Leben braucht, ohne geht es sicherlich nicht. Jesus ist dieses Leben.

 

Israel ist wütend

Von diesem Leben berichtet auch die erste Lesung des Sonntags (Exodus 17,3-7). Mose hat die Israeliten aus der Gefangenschaft und Sklaverei in Ägypten befreit. Auf dem mühsamen und beschwerlichen Weg durch die Wüste beginnt das Volk wütend zu werden, sie sind mit der allgemeinen Situation unzufrieden. Sie sind sogar so wütend, dass sie es Mose vorwerfen, dass er sie aus Ägypten befreit hatte - nur um sie verdursten zu lassen? Gott aber verspricht Mose, er solle mit dem Stab, mit dem er schon in Ägypten die Wundertaten getan hatte, auf einen Stein schlagen und aus diesem Stein werde dann Wasser kommen.

 

Gott ist in ihrer Mitte

Und genau das passiert. Wasser kommt aus dem Stein, Israel überlebt. Mose nennt diesen Ort dann "Massa und Meríba", übersetzt heißt das "Probe und Streit", weil die Israeliten mit Mose stritten und dadurch Gott auf die Probe stellten. Sie hätten Gott auf die Probe gestellt, "indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?" Das verwundert erstmal. Denn davon wurde nichts berichtet, es steht nichts im Text, dass die Israeliten an der Präsenz Gottes zweifelten. Aber spätestens durch das aus dem Stein kommende Wasser ist klar: Gott ist da. Und Gott ist Leben.

 

Der Glaube reift

Und das begreift die Frau im Evangelium, Stück für Stück, auch von Jesus. Sie erkennt, dass er Leben ist und Leben schenkt. Zunächst denkt sie, dieser Jesus müsse wohl etwas Größeres sein als der Patriarch Jakob, dann reift in ihr die Erkenntnis, er sei wohl ein Prophet. Am Ende wächst in ihr die Gewissheit, er sei der Messias. Das ist eigentlich der Glaubensweg jedes Menschen, Stück für Stück Jesus nachfolgend. Und damit greift das Evangelium des dritten Fastensonntags indirekt die beiden vorhergehenden Fastensonntage auf. Am ersten Sonntag wurde berichtet, dass Jesus vom Teufel in Versuchung geführt wurde. Und die entscheidende Frage war: Wie ist dieser Jesus, wie wird er reagieren, was wird er tun? Und genau diese Frage scheint auch im Evangelium des dritten Sonntags durch: Jesus schenkt Leben, Jesus gibt Wasser und Leben, wie es sonst keiner geben kann.

 

Wer ist Jesus?

Die Frage des Zweiten Fastensonntags und der dort verkündeten Verklärung Jesu war die Frage, wer Jesus ist. Ist er Elija, ein anderer Prophet - oder jemand anderes, jemand neues? Und genau darum geht es, wenn sich das Bekenntnis der Frau steigert. Jesus ist nicht der wiedergekehrte Jakob, auch nicht ein wiedergekommener Prophet. Er ist der Messias, das heißt: Der Retter der Welt.

 

Tod für die Sünder

Darum geht es schließlich in der zweiten Lesung (Römerbrief 5,1-2.5-8). Zu der Zeit, als wir noch schwach und gottlos waren, da ist Christus für uns Menschen gestorben. "Jesus ist für uns Menschen gestorben" ist ein Satz, den viele schon so oft gehört haben, dass er zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Viele machen sich keine Gedanken darüber, zumindest keine großen. Für Paulus ist das so selbstverständlich nicht. Er sagt: Nun gut, für einen Gerechten zu sterben, das ist vielleicht schon schwierig, aber immer noch verständlich. Aber Jesus stirbt ja nicht für Gerechte. Er stirbt für Sünder, Verbrecher, Unmenschen. Er setzt sein Leben nicht für gute Menschen aufs Spiel, sondern für Böse. Das ist unverständlich.

 

Grundmotiv: Die Liebe und das Leben

Und doch hat er es getan. "Aus Liebe", sagt Paulus, ist Christus für uns gestorben. Nicht weil wir gut sind, im Gegenteil: Weil wir schlecht sind. Das große Motiv, dass sich durch alle drei Lesungen des Dritten Fastensonntags zieht, ist somit das "Leben". Leben schenkt Gott seinem Volk Israel in der Wüste durch das Wasser. Lebendiges Wasser - Leben schlechthin - ist Jesus Christus. Dieser Jesus hat den Menschen das ewige Leben geschenkt, durch seinen Tod am Kreuz.

4. Fastensonntag: Die Blinden sehend machen

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Jesus - ein Zauberer?

Im Evangelium des vierten Fastensonntags (Johannesevangelium 9,1-41) begegnet Jesus einem Blinden, der von Geburt an nichts sehen konnte. In der Antike galt die Blindheit als besonders schlimm, man vermutete als Grund die Sündhaftigkeit des Blinden oder seiner Eltern. So auch die Jünger Jesu. Sie fragen ihn: "Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?" Im Hintergrund steht hier die Vorstellung von einem Gott, der Sünden sofort bestraft. Und besonders grausam: Sogar die Fehler der Eltern könnten dem Blinden geschadet haben - obwohl er dafür nun ja wirklich nichts kann. Jesus räumt daher direkt damit auf. Nicht die Sünde ist es, die ihn blind gemacht hat, sondern das "Wirken Gottes". Dieses Wirken Gottes soll an dem Mann offenbart werden.

 

Ein Trick?

Das klingt nun zunächst nicht weniger grausam. Gott hat diesen Menschen also geschlagen, nur damit Jesus an ihm wirken kann? Jesus macht nun etwas sehr Seltsames. Er spuckt auf den Boden und macht aus der Erde und seinem Speichel einen Teig und legt ihn dem Blinden auf die Augen. Er solle sich den Teig an einem Teich abwaschen. Der Mann gehorcht und kann sehen. Damit wirkt Jesus wie ein Zauberer. Mit einem verwirrenden Trick - dem Teig - vollbringt er etwas, was man sich als Zuschauer und heute als Zuhörer nicht erklären kann. Denn warum der Mann plötzlich, zum ersten Mal in seinem Leben, sehen kann, wird nicht erklärt.

 

Ein Heilmittel

Dahinter steckt vermutlich folgendes: Speichel galt in der Antike als heilsam, als wirksames Mittel für allerlei Augenkrankheiten. Den Teig macht Jesus wohl, weil sich die ganze Geschichte an einem Sabbath abspielt, an dem Juden keine Arbeiten verrichten dürfen, dazu gehörte auch das Kneten von Teig. Jesus verstößt also ganz ausdrücklich gegen das Gebot, am Sabbath nicht zu arbeiten. Die Menschen rund um ihn wundern sich: Sie sehen den Blinden, merken, dass er sehen kann und fragen sich, wie das geschehen konnte. Er erklärt es ihnen, sie schicken ihn zu den Pharisäern, einer religiösen Elite der damaligen Zeit.

 

Ein Bekenntnis

Auch ihnen erklärte er, was geschehen war. Und die Pharisäer sind sich nicht einig. Einerseits: Wie kann Jesus "von Gott sein", wenn er den Sabbath gebrochen hat? Andererseits: Wie kann er heilen, wenn er ein ganz gewöhnlicher Sünder ist? Sie befragen den Blinden nochmals und wollen wissen, was der selbst über Jesus denkt. Er sagt: "Er ist ein Prophet." Die gelehrten und klugen Pharisäer glauben ihm nicht und befragen ihn nochmals. Der Blinde aber bleibt bei seiner Geschichte und sagt: "Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat." Schließlich kommt Jesus noch einmal zu diesem Mann und fragt ihn, ob er an den "Menschensohn" glaube, er meint damit sich selbst, den Messias. Der Blinde fragt verständlicherweise, wer das denn sei - Jesus erklärt es ihm und der Blinde sagt: "Ich glaube, Herr!" Jesus sagt daraufhin, er sei gekommen, um die Blinden sehend zu machen, die Sehenden aber blind zu machen.

 

Ein Missverständnis

Die Erzählungen aus dem Johannesevangelium sind oft nicht leicht zu verstehen. Das liegt auch daran, dass der Evangelist kaum etwas mehr liebt als Missverständnisse. In seinem Evangelium sprechen Menschen zwar oft miteinander, letztlich aber doch aneinander vorbei. Man versteht sich nicht. Im Evangelium des dritten Fastensonntags war das schon so: Jesus redet mit einer Frau von einem Wasser, das jeden Durst für immer stillen kann. Lange sprechen sie miteinander, aber die Frau versteht nicht, dass Jesus kein gewöhnliches Trinkwasser meint, sondern vielmehr sich selbst. Und so ist das auch an diesem Sonntag. Im Vordergrund geht es darum, dass ein Mann, der mit seinen Augen nicht sehen konnte, plötzlich sieht. Er wird so wie alle anderen, kann die Umwelt optisch wahrnehmen.

 

Ein Alleinstellungsmerkmal

Die tiefere Botschaft meint aber ein ganz anderes Sehen. Es geht um das Sehen, das Erkennen Gottes. Und um eine gewisse Ironie: Der Blinde, der vermeintlich gar nichts wahrnehmen kann, ist am Ende der Einzige, der wirklich gesehen hat. Sein Bekenntnis zu Jesus steigert sich im Verlauf der Geschichte, auch das war am vergangenen Sonntag und der dortigen Lesung ganz ähnlich. Am Anfang sagt er, Jesus sei ein Prophet. Nochmals befragt, meint er, niemand habe je einen Blindgeborenen sehend gemacht. Jesus ist also nicht wie alle anderen Propheten - er ist irgendwie einmalig, kann etwas tun, das andere nicht getan haben. Am Ende des Evangeliums schließlich glaubt er Jesus. Er glaubt, dass er der Messias ist und nennt ihn "Herr".

 

Ein anderes Gesetz

Währenddessen erkennen und verstehen die Pharisäer nichts. Die Männer, von denen man meinen möchte, sie würden sich in religiösen Dingen bestens auskennen, verstehen es nicht, die Zeichen zu deuten, die Jesus tut. Obwohl sie rein körperlich sehen können, sind sie die eigentlich Blinden. Im Evangelium geht es also um eine Umkehr der gesellschaftlichen Ordnung. Jesus geht nicht zu denen, die angesehen sind, sondern zu einem Blinden, aus der Gesellschaft wohl verstoßen. Für Gott gelten andere Gesetze.

 

Eine überraschende Wahl

Das wird auch in der ersten Lesung des Sonntags (1 Samuel 16,1b.6-7.10-13b) klar. Samuel, der Prophet Gottes, wird zu einem Mann namens Isai geschickt. Einen seiner Söhne soll er zum König für Israel salben. Natürlich beginnt man bei den ältesten, den wichtigsten Söhnen. Bei denen also, unter denen man wohl den künftigen Herrscher vermuten dürfte. Sieben Söhne treten vor den Propheten, alle werden von Gott abgelehnt. Es geht ihm nicht um deren gutes Aussehen und ihre kräftige Gestalt. Also muss der Jüngste geholt werden, David. Der hütet gerade die Schafe - zu mehr kann man ihn nicht gebrauchen. Er ist es, den Gott auserwählt. Der, von dem man es am wenigsten denken würde, der eigentlich der Letzte in der Rangfolge unter seinen Brüdern ist. Für Gott gelten andere Gesetze.

 

Eine Herausforderung

Wer Gott nachfolgt, sieht die Welt also irgendwie mit anderen Augen - oder sollte sie zumindest so sehen. Das bringt die zweite Lesung (Epheserbrief 5,8-14) zum Ausdruck. Im Epheserbrief werden die Gläubigen ermahnt, als "Kinder des Lichts" zu leben. Stark wird unterschieden zwischen der Dunkelheit und dem Licht, dem Guten und dem Bösen. Eben dieses Licht wird erst durch Gott sichtbar. Darum geht es dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Jesus ist kein Zauberer, der mit mehr oder weniger billiger Magie versucht, die Menge zu belustigen oder zu erstaunen. Indem er die Macht hat, den Blinden sehend zu machen, wird klar, wer er ist: Der Messias. Der Blinde erkennt es, Stück für Stück reift in ihm das Bekenntnis. Genau das ist die Aufgabe und die Herausforderung der Fastenzeit: Sich wieder neu davon zu vergewissern, dass Jesus der Herr ist. Wieder neu zu suchen, wo sein Licht leuchtet - und zu fragen, wo das eigene Leben nicht von diesem Licht, sondern von der Finsternis gezeichnet ist.