Liebespaar
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Bleiben Sie Mensch

21.11.2014

Gedanken nach einer Tagung zur Theologie des Leibes

Liebe, Leib und Leidenschaft: Am vergangenen Wochenende stand die katholische Universität Eichstätt ganz im Zeichen der Theologie des Leibes. Der Heilige Johanes Paul II entfaltete sie in seinen berühmten Mittwochskatechesen und führte damit die Gedanken fort, die Paul VI. in seiner Enzyklika Humanae Vitae zugrunde legte, jenes Lehrschreiben aus dem Jahre 1968, das Papst Franziskus vor wenigen Wochen „prophetisch“ nannte.  

Der Prophet und seine Enzyklika

Es ist prophetisch, weil es die Menschen davor warnte, sich seiner Würde und Freiheit zu entledigen. Etwa indem der Körper des Menschen, sein Leib, betrachtet wird wie ein Instrument, wie ein zur Verfügung stehendes Objekt, dessen man sich bedient, wenn es nützt, den man bejammert, wenn er versagt, den man gestaltet, um etwas darzustellen. Dabei ist der Leib so sehr unsere Person, wie unser Herz, wie unsere Gefühle, wie unsere Empfindungen, unser Geist und unsere Seele. Er ist der Weg, über den wir sprechen, wir Liebe zum Ausdruck bringen, wir uns zuwenden oder selbst sichtbar werden. Der Mensch ist eine Einheit in allen seinen Wesensmerkmalen und nur zusammengenommen, also ganzheitlich, ist er Person.

Person sein: so ähnlich wie Gott selbst

Was die Kirche und die philosophische Tradition Europas meinen, wenn sie von „Person“ sprechen, das war das Thema, das Bischof Dr. Rudolf Voderholzer für die rund 300 Zuhörerinnen und Zuhörer entfaltete. Dabei ging der Bischof in seinen Beispielen vor allem auch auf die aktuellen Fragen nach der kirchlichen Sexualethik ein.

Den Menschen zu begreifen als Person, als Ebenbild Gottes, das sei die entscheidende Grundlage für sämtliche Einzelaussagen der Kirche zu den verschiedenen Fragen menschlicher Sexualität, Ehe und Familie. Gerate diese Basis aus dem Blick oder unterschätze man die Tragweite der jeweiligen anthropologischen Einsichten und Vorgaben, dann erschienen konkrete Normen – nicht zuletzt auf dem Gebiet der Sexualmoral – schnell willkürlich und unverständlich. Bischof Voderholzer: „Die kirchlichen Weisungen zur Sexualmoral setzen einen lebendigen Glauben an den Schöpfergott voraus, der sich in der Geschichte für den Menschen engagiert und den Menschen in sein Heilswerk einbezieht.“

Der Bischof bezog sich in seinem Vortrag ausdrücklich auf die Enzyklika Humane Vitae. Sie gehe davon aus, dass der Mensch seinem Wesen nach weder bloß ein „hochentwickeltes Tier mit ausgeprägter Gehirnspezialisierung“ sei, noch eine mehr oder weniger geglückte „Kombination von Leib und Seele“. Zitat: „Im Licht des biblischen Zeugnisses ist der Mensch „Ebenbild Gottes“. Das ist die Spitzenaussage christlicher Anthropologie. Und dem entsprechend wird auch die menschliche Liebe gedeutet: nämlich von Gott her, der selbst Liebe ist – dreifaltige Liebe, ewige Selbstverschenkung.“

Was die Liebe zweier Menschen mit dem lieben Gott zu hat

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Die Behauptung, die Liebe zweier Menschen habe etwas mit Gott zu tun, mag vielen Menschen merkwürdig und unverständlich erscheinen. Als Christen glauben wir, dass sich in jeder menschlichen Liebe ein Teil der göttlichen Liebe widerspiegele. Bischof Voderholzer: „Der Mensch – so sieht es die lange theologische Tradition, die dahintersteht – soll in seinem Handeln ein Bild und Zeugnis der freien Selbsthingabe Gottes sein. Diese Auffassung liegt der kirchlichen Lehre von Sexualität und ehelicher Liebe zugrunde. Es geht um ein Streben nach wahrhaft personaler Gemeinschaft zwischen zwei Menschen und um die Teilhabe an der schöpferischen Tätigkeit Gottes, der selbst der Lebendige ist und Leben schenkt.“

Bleiben wir Menschen

Zusammenfassend forderte Bischof Voderholzer: „Auf der Basis des christlichen Menschenbildes müssen alle Formen der Verkürzung des Menschen auf bloße Funktionalität oder Zweckerfüllung zurückgewiesen werden. Der Mensch ist keine Maschine, die nach Belieben ein- oder ausgeschaltet werden kann. Der andere muss als freies, personales Gegenüber, nicht als Sache gesehen werden, über die, in welcher Weise auch immer, verfügt werden könnte. Insofern hat dann auch gerade die Sexualität, in der sich der Mensch selbst verschenkt, einen Stellenwert, der den ganzen Menschen angeht, also „ganzheitlich“ zu verstehen ist und nicht auf einzelne physiologische Vorgänge reduziert werden kann.“

Viele Fragen und eine Meldung

Die Fragen aus dem Publikum, darunter sehr viele Studentinnen und Studenten, führten den Bischof zu den Themen aktueller Debatten, wie die die Hilfe zum Suicid oder die um sich greifende Gendertheorie, die den Menschen und seine Geschlechtlichkeit als kulturell geformte und manipulierbare Knetmasse begreift.

Seine Antworten gaben den Stoff für eine kna-Meldung:

Gender ist Gift

*„Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat die «Gender-Ideologie» scharf kritisiert. Es sei ein «verhängnisvoller Irrtum», das Geschlecht eines Menschen als «beliebiges und frei wählbares Kulturgut zu betrachten», sagte Voderholzer am Freitag bei einem Internationalen Kongress über «Liebe, Leib und Leidenschaft» vor mehr als 200 Zuhörern in der Katholischen Universität in Eichstätt. Schon der Alternativbegriff «Gender» sei an sich ein «vergiftetes Wort», das außerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht salonfähig gemacht werden solle.

In ihren radikalen Ausprägungen handele es sich bei der «Gender-Ideologie» um eine dualistische Irrlehre, wie sie der Manichäismus in der Spätantike gewesen sei, sagte der Regensburger Bischof. Die Möglichkeit zum Vater-Sein und Mutter-Sein sei eine «schöpfungsmäßige Bestimmung des Menschseins» als Mann und Frau. Diese prinzipielle Differenz zwischen den Geschlechtern zu leugnen, komme einer Realitätsverweigerung gleich. Dabei sei nicht entscheidend, ob dieses Potenzial in jedem Fall realisiert werde oder nicht. Der bewusste Verzicht auf Ehe oder Elternschaft sei aber etwas anderes als eine Verleugnung oder Verdrängung dieser Möglichkeit.

Mit Blick auf den menschlichen Geschlechtsakt wies Voderholzer auf einen «ernstzunehmenden Unterschied zwischen Machen und Zeugen» hin. Es sei «ein schrecklicher Gedanke, ihn in die Nähe von Laboren und Tiefkühlkammern zu rücken». Die zentrale Intention von Papst Paul VI. bei der Abfassung der Enzyklika «Humanae Vitae» sei es gewesen, den Zeugungsakt als Quelle des Lebens von jeder Manipulation freizuhalten. Die Festlegung des katholischen Lehramtes auf natürliche Methoden der Empfängnisregelung befördere Werte wie Rücksicht, gegenseitige Achtung und Treue. Es sei die Frage, ob auch durch die Pille die Liebe in ehelichen Beziehungen gewachsen sei.

Der Bischof warb mit Nachdruck dafür, Kinder als eigenständige Wesen zu achten. Verantwortete Elternschaft heiße, Kinder weder als Projektionsfläche für eigene Träume und Ängste noch als Objekte überbordender Fürsorge zu behandeln. Angesichts einer besorgniserregend niedrigen Geburtenrate gelte es für die Kirche, den Menschen die Schönheit der Weitergabe des Lebens aufzuzeigen.

Voderholzer äußerte sich auf Nachfrage auch zur Debatte um aktive Sterbehilfe und assistierten Suizid. Dabei wandte er sich gegen das Argument der Selbstbestimmung aufseiten der Befürworter. «Ein Akt, der die Autonomie eines Menschen endgültig beendet, kann nicht autonom sein», sagte der Bischof. Wenn durch eine Legalisierung die Tür auch nur «einen kleinen Spalt» geöffnet würde, gerieten alte Menschen am Lebensende unter einen so starken Druck, dass es mit ihrer Autonomie vorbei sei. Stattdessen würden sie einer «brutalen Fremdbestimmung ausgeliefert»*.

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