Weihrauch im Regensburger Dom
Weihräucherung durch Bischof Rudolf Voderholzer im Regensburger Dom

Die Liturgie der Kartage

Die ganze Tiefe der liturgischen Tradition eröffnet sich in der Karwoche vom Palmsonntag bis Ostern

Allein der Geruch beim Betreten einer Kirche lässt innehalten. Verbrannter, duftender Weihrauch verbindet sich mit dem Wachsgeruch unzähliger Kerzen, entzündet von betenden Menschen, freudigen, hoffnungsvollen, trauernden. Wenn Katholiken ihren Glauben feiern, spricht das alle Sinne an: Die Augen sehen die Riten, die Ohren hören das Wort Gottes, die Nase nimmt die Düfte auf und die Hände schlagen das Zeichen des Kreuzes über den eigenen Körper. Über Jahrhunderte ist die Liturgie, wie man sie heute kennt, gewachsen, hat sich entwickelt und unterschiedliche Einflüsse aus aller Welt und allen Zeiten aufgenommen.

Die Mitte des Glaubens

Das macht die Liturgie so ansprechend und heilig, bisweilen auch ein bisschen geheimnisvoll. Gilt das für alle katholischen Gottesdienste, so ganz besonders für die Feiern in der heiligen Woche, also die Tage zwischen dem Palmsonntag und Ostern. In diesen Tagen eröffnet sich die ganze Tiefe und der ganze Reichtum der liturgischen Tradition. Denn diese Tage sind für alle Christen etwas ganz Besonderes. Sie markieren die Mitte des christlichen Glaubens: das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.

Passend zu Ort und Tag

Während viele Elemente der christlichen Liturgie aus Rom stammen, hat die Feier dieser Tage ihren Ursprung in Jerusalem. Die dortigen Christen standen schon in den ersten Jahrhunderten vor einer einzigartigen Situation: Was alle Christen feierten, hatte sich in ihrer Stadt ereignet. Deshalb verbindet man in Jerusalem die Feier der Karwoche mit den Orten, von denen man glaubte oder sicher wusste, dass Jesus dort lebte, predigte, litt und starb. Man verbindet den Inhalt der Feste mit den Orten, wo sie sich ursprünglich ereignet hatten. Und gleichzeitig liest und betet man Texte, die zu diesen besonderen Tagen passen.

Palmsonntag: Der Weg nach Jerusalem

Palmzweige im Regensburger Dom

Das beginnt am Palmsonntag. Bis heute versammeln sich die Christen an diesem Tag nicht in der Kirche, sondern an einem Platz davor. Sie halten grüne Zweige, Palmenblätter oder kleine Sträuße aus Palmkätzchen in ihren Händen. Diese Zweige werden geweiht und gemeinsam mit dem Priester ziehen die Gläubigen in die Kirche. Damit wollen sie an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnern. Bevor er starb, kam Jesus nach Jerusalem, auf einem Esel ritt er in die Stadt hinein. Auf seinem Weg legten die Einwohner von Jerusalem ihre Gewänder und Zweige auf die Straße und sagten: "Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!"

Die Erzählung dieses Einzugs liest man bis heute am Palmsonntag. Das geht auf die Liturgie in Jerusalem zurück. Die Christen versammelten sich dort an dem Platz vor Jerusalem, von dem man dachte, Jesu hätte dort seinen Ritt in die Stadt begonnen. So passt der Ort, an dem man feiert, genau zum Tag. Gleichzeitig liest man nicht irgendwelche Lesungen, betet nicht irgendwelche Gebete - sondern genau die, welche zu diesem Tag passen. Außerhalb des Heiligen Landes kann man sich natürlich nicht vor Jerusalem treffen. Deshalb versucht man, den Weg Jesu in die Stadt Jerusalem - und damit auch seinem Tod entgegen - durch die Prozession in die Kirche nachzuvollziehen.

 

Die tiefe Mitte

Zugleich wird als Evangelium dieses Tages ein Passionsbericht vorgetragen, ein Text, der sich schon mit dem Leiden und Sterben Jesu beschäftigt. Am Palmsonntag weitet sich der Blick also bereits: Nicht nur auf den Einzug in Jerusalem konzentriert sich die Kirche, sondern auch schon auf die Geschehnisse am Gründonnerstag und am Karfreitag. Das hat seinen Grund: Was in der Heiligen Woche in Jerusalem geschah, gehört tief zusammen. Den triumphalen Einzug in Jerusalem kann man ebenso wenig vom Kreuzestod Jesu trennen wie seine Auferstehung. Das bildet eine Einheit.

Gründonnerstag: Fußwaschung, Eucharistie und Angst

Fußwaschung an einem Gründonnerstag

Eine besondere Feier kennt auch der Gründonnerstag. Es geht um drei Ereignisse: Am Abend vor seinem Leiden feierte Jesus mit seinen Aposteln ein letztes Abendmahl. Bevor sie sich an den Tisch setzten, wusch Jesus ihnen die Füße. In der Antike war das der niedrigste Knechtsdienst, den oft die geringsten Sklaven verrichten mussten. Indem Jesus als der höchste Herr diese Aufgabe an seinen Aposteln vollzieht, setzt er ein Zeichen äußerster Liebe. Die Kirche erinnert an diesem Tag aber auch an die Einsetzung der Eucharistie: Beim Mahl bezeichnete Jesus das Brot als seinen Leib, der hingegeben wird, und den Wein als sein Blut, das vergossen wird. Damit nimmt er genau das voraus, was einen Tag später am Kreuz geschehen sollte: Er stirbt, um die Welt zu erlösen. Seinen Jüngern gab er den Auftrag, ein Mahl als Erinnerung an sein letztes Abendmahl und an seinen Tod zu feiern. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte die Messe, wie sie heute gefeiert wird. Schließlich feiert die Kirche noch ein Drittes. Nach diesem Mahl ging Jesus zum nahe gelegenen Ölberg, dort wartete er auf Judas, der ihn verraten würde. Angst überfiel ihn vor den kommenden Schmerzen und dem bevorstehenden Tod.

 

Eine Nacht der Wache

In Jerusalem ging man deshalb in der Nacht zum Ölberg und blieb die Nacht über wach, so wie auch Jesus an diesem Ort wachend auf seinen Verräter wartete. Dazu las man die Passionsberichte aus den vier Evangelien. Wieder passten also das gefeierte Ereignis, der Ort der Feier und die gelesenen Texte zusammen. Auch heute noch erinnert die Liturgie an das Geschehen dieses letzten Abends Jesu. Wie er seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, wäscht der Priester in der Messe zwölf Männern und Frauen die Füße. So wie Jesus seine Jünger verließ, als er gefangen wurde, wird die Eucharistie aus dem Tabernakel, ihrem eigentlichen Platz, entfernt und an einen anderen Ort innerhalb der Kirche gebracht. Und so wie Jesus die Nacht über wachte und die Jerusalemer Christen ihm das am Ölberg gleichtaten, wachen die Christen in vielen Gemeinden die ganze Nacht über in der Kirche oder in einer Kapelle. Auch so wird das nachvollzogen, was am Gründonnerstag geschah.

Karfreitag: Der gekreuzigte Gott

Jesus am Kreuz

In der Nacht bricht schon der Karfreitag an, der Trauertag, an dem die Kirche des Leidens und Sterbens Jesu Christi gedenkt. Der biblischen Überlieferung zufolge starb Jesus um die neunte Stunde, also gegen 15 Uhr. Deswegen beginnt auf der ganzen Welt die Karfreitagsliturgie zu genau dieser Zeit. Eindrucksvoll geht der Priester zunächst zu Boden und bleibt dort ausgestreckt liegen. Ein Zeichen der Trauer, aber auch der Ehrfurcht vor dem gekreuzigten Jesus. Im Laufe der Liturgie wird dann ein verhülltes Kreuz enthüllt und von den Gläubigen verehrt. Auch zum Zeitpunkt der größten Schwäche des Gottessohnes Jesus wird ihm damit die Verehrung als wahrer Gott zuteil; auch wenn es wirkt, als sei Jesus gescheitert, so geschlagen, verletzt und geschändet, wie er am Kreuz hängt. Selbst in diesem Augenblick bleibt er der Sohn Gottes.

 

Am frühen Morgen

Der Karfreitag ist ein ganz stiller Tag, er ist beherrscht von der Trauer über den Tod Jesu. Genauso wird auch der folgende Karsamstag begannen, an dem die Kirche einer alten Tradition zufolge keinen besonderen Gottesdienst feiert, man trifft sich nur zum Gebet. So traurig dieser Tag endet, so ausdrucksstark beginnt der nächste Gottesdienst: die Feier der Osternacht. Mitten in der Nacht beziehungsweise am frühen Morgen versammeln sich die Christen, um die Auferstehung Jesu zu feiern. Zunächst wird die neue Osterkerze an einem Feuer außerhalb der Kirche entzündet. Mit dieser Kerze zieht die Gemeinde in die finstere Kirche, dreimal ruft der Diakon dabei: "Lumen Christi" - Christus ist das Licht.

Karsamstag: Glückliche Schuld?

Ministranten mit Lichtern in der Osternacht

In der immer noch dunklen Kirche hört die Gemeinde dann Lesungen aus dem Alten Testament. Im Mittelpunkt steht dabei das heilvolle Wirken Gottes an den Menschen, von der Erschaffung der Welt über die Berufung Abrahams, den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten bis zu den Worten der Propheten. Danach wird die Kirche erleuchtet und das Evangelium von der Auferstehung Jesu verkündet. Einer alten Tradition folgend gehört auch die Taufe in diese Nacht. Schon in der alten Kirche bereiteten sich die Täuflinge die Fastenzeit über auf den großen Tag ihrer Taufe an Ostern vor. Deswegen werden bis heute in vielen Gemeinden in der Osternacht Kinder, aber auch Erwachsene getauft.

 

Tod aus dem Leben

Die Liturgie dieser Tage ist besonders reich. In allen Feiern geht es darum, den Weg Jesu nachzuvollziehen: Deswegen gibt es die Prozession in die Kirche am Palmsonntag, das Wachen in der Nacht vom Gründonnerstag, die Karfreitagsfeier um 15 Uhr und die Feier der Osternacht mitten in der Nacht in Erinnerung daran, dass Jesus am frühen Morgen von den Toten erstand. Dabei geht es aber nicht um ein Nachspiel. Es geht nicht darum, so zu tun, als sei man im Jerusalem vor 2000 Jahren dabei, als Jesus in Jerusalem einzog, nicht wissend, was nur wenige Tage darauf am Kreuz geschah. Es geht am Karfreitag nicht darum, zu vergessen, dass Jesus nicht nur der Gekreuzigte, sondern auch der Auferstandene ist, um in möglichst tiefer Trauer oder gar Verzweiflung den Tag zu begehen. Vielmehr geht es an all diesen Tagen immer um das Ganze: Um Leben und Sterben, um Tod und Auferstehung, um Leid und Freude.

 

 

Ostersonntag: Gott wirkt in der Welt

Das geschmückte Kreuz als Zeichen der Auferstehung Jesu Christi

In der immer noch dunklen Kirche hört die Gemeinde dann Lesungen aus dem Alten Testament. Im Mittelpunkt steht dabei das heilvolle Wirken Gottes an den Menschen, von der Erschaffung der Welt über die Berufung Abrahams, den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten bis zu den Worten der Propheten. Danach wird die Kirche erleuchtet und das Evangelium von der Auferstehung Jesu verkündet. Einer alten Tradition folgend gehört auch die Taufe in diese Nacht. Schon in der alten Kirche bereiteten sich die Täuflinge die Fastenzeit über auf den großen Tag ihrer Taufe an Ostern vor. Deswegen werden bis heute in vielen Gemeinden in der Osternacht Kinder, aber auch Erwachsene getauft.

 

Tod aus dem Leben

Die Liturgie dieser Tage ist besonders reich. In allen Feiern geht es darum, den Weg Jesu nachzuvollziehen: Deswegen gibt es die Prozession in die Kirche am Palmsonntag, das Wachen in der Nacht vom Gründonnerstag, die Karfreitagsfeier um 15 Uhr und die Feier der Osternacht mitten in der Nacht in Erinnerung daran, dass Jesus am frühen Morgen von den Toten erstand. Dabei geht es aber nicht um ein Nachspiel. Es geht nicht darum, so zu tun, als sei man im Jerusalem vor 2000 Jahren dabei, als Jesus in Jerusalem einzog, nicht wissend, was nur wenige Tage darauf am Kreuz geschah. Es geht am Karfreitag nicht darum, zu vergessen, dass Jesus nicht nur der Gekreuzigte, sondern auch der Auferstandene ist, um in möglichst tiefer Trauer oder gar Verzweiflung den Tag zu begehen. Vielmehr geht es an all diesen Tagen immer um das Ganze: Um Leben und Sterben, um Tod und Auferstehung, um Leid und Freude.