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Sterben in Würde

27.01.2015

Warum der Mensch an der Hand, nicht durch die Hand eines anderen sterben sollte

"Mein Wille geschehe" – vieles im Leben läuft heute nach diesem Motto ab, denn Freiheit und Selbstbestimmung sind hohe Güter. Aber gerade in Krankheit, Alter und vor dem Tod kommen viele Menschen an eine Grenze. Sich nicht mehr selbständig versorgen zu können, auf andere angewiesen sein – das alles ist ungewohnt und macht Angst. Deshalb werden Stimmen laut, die auch bis zum letzten Schritt Autonomie fordern: Der assistierte Suizid soll eine einfache Lösung bieten. Doch dabei wird Entscheidendes ausgeblendet: Durch den Suizid wird nicht das Leid gelindert, sondern der Leidende ausgelöscht. Deshalb ist es das Anliegen vieler Menschen, sich für Kranke und Sterbende Zeit zu nehmen, ihnen in ihrer Not beizustehen, Hospizpflege und Palliativmedizin auszubauen, Schmerzen zu lindern, den Sterbenden an der Hand zu begleiten – statt ihn durch sein Zutun auszulöschen. 

Der renommierte Philosoph Prof. Robert Spaemann, die Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben Mechthild Löhr sowie engagierte Christen sprechen über ein wahrhaft würdevolles Sterben und ihre ganz persönlichen Erfahrungen in der Begleitung von Sterbenden.  

Prof. Dr. Robert Spaemann über ein Sterben in Würde

Der renommierte Philosoph Prof. Robert Spaemann spricht im Interview mit Julia Wächter über paradoxe Verschiebungen im Begriff der Würde, über Gefahren, die sich aus einer Legalisierung des assistierten Suizids ergeben würden, sowie über die Aufgaben der Kirche und jedes einzelnen Menschen.


Der Begriff "Sterben in Würde" wird sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern der Sterbehilfe verwendet. Wie kommt es zu dieser mutmaßlichen Verschiebung und Umdeutung im Begriff der Würde?

Die Würde kommt nicht dem Menschen als einem ausschließlich organischen Lebewesen zu, sondern deshalb, weil er ein spirituelles Subjekt, ein Ich ist. Es wird aber immer stärker eine Trennung zwischen dem Menschen als biologischem Wesen und einem über der Materie schwebenden Ich vorgenommen. Die Anhänger des Selbstmordes sprechen davon, dieses Ich würde mit dem Tod verschwinden. Folglich hätte der Mensch, der dann kein Mensch mehr wäre, keine Würde mehr. Dabei wird er nicht als Leib-Seele-Wesen verstanden, sondern – man müsste eigentlich sagen – als eine reine Seele. Das ist natürlich paradox, weil diese Leute meistens zugleich Biologisten und Materialisten sind. Sie müssten eigentlich die entgegengesetzte Theorie vertreten. Die ganze moderne Ideologie leidet unter einem tiefen inneren Widerspruch und das zeigt sich gerade an der Doppelbedeutung des Wortes Würde.

 

Angenommen, ein Mensch, der Suizid begeht, ist der Überzeugung, dass mit dem Tod alles ein Ende nimmt. Wie kann dieser Mensch trotz der Härte seines Daseins ein – aus seiner Sicht – "Nichts"  bevorzugen?

Sein Dasein wird diesem Menschen immer unangenehmer und so kommt es zum Bilanzselbstmord. Man wägt Vor- und Nachteile ab und entscheidet anschließend, welcher Pol überwiegt. Der Mensch macht sich somit selbst zu einer Sache. Solidarität mit dem Sünder, aber klare Missbilligung der Sünde ist hier zu fordern.

 

Ist die Auffassung, der Mensch könne nicht absoluter Herr über sein eigenes Leben sein, auch bei Nichtgläubigen rechtfertigbar?

Das ist keine Erfindung der Christen. Schon Sokrates schrieb, das Leben sei uns geschenkt. Ein Ungläubiger jedoch glaubt nicht daran, dass der Mensch einen Herrn hat. Höchstens Argumente, die auf dem Naturgesetz basieren, könnten von ihm als sinnvoll erachtet werden. So kann man auch das Verbot der Beihilfe zur Tötung aus den Erfordernissen der allgemeinen Sicherheit verdeutlichen. Der Mensch muss gegenüber allen seinen Mitmenschen seines Lebens vollkommen sicher sein. Und das ist er nicht mehr, wenn es eine Tötungserlaubnis gibt. Der Mensch ist nicht absoluter Herr über sich, sondern er muss auch die anderen respektieren. Wenn er wirklich ungläubig ist, wird er eventuell sogar die Pflicht gegenüber dem Nächsten nicht respektieren. Dann führt die Argumentation dem hartnäckigen Ungläubigen gegenüber nicht zum Erfolg. Es gibt allerdings wenige Menschen, die wirklich gewiss sind, dass es keinen Gott gibt. Die meisten Menschen heute sind Agnostiker: Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, vielleicht ja, vielleicht nein. Einem solchen Menschen gegenüber kann man noch argumentieren, beispielsweise mit der Pascalschen Wette: Wenn nichts auf dem Spiel stünde, wäre es vielleicht egal, ob es Gott gibt. Wenn es aber um die Ewigkeit geht und wenn man nur einen Hauch von Zweifel an einer absoluten Gottlosigkeit hegt, dann gilt die Prämisse, so zu handeln, als wenn es die Wahrheit wäre. Der Glaube ist eine große Freude und ein Trost. Was hätte man verloren, wenn es Gott nicht gäbe? Gar nichts.


Gibt es ein objektives richtig und falsch im Falle des Sterbens oder kann jeder für sich selbst entscheiden, was "würdig" ist?

Am Ende wird dieser letzte Schritt des Sterbens nicht mehr in vollem Bewusstsein vollzogen. Aber das ist bei dem Selbstmörder genau dasselbe wie bei demjenigen, der eines natürlichen Todes stirbt. Das Sterben in Würde ist ja ein Sterben, das ein leib-seelischer Vorgang ist. Der Mensch stirbt, indem die Seele sich vom Leib trennt. Es stirbt nicht der Organismus für sich und es stirbt nicht die Seele für sich, sondern der Tod ist ein auf den ganzen Menschen Bezogenes.

Auch für die Todeskriterien in Hinblick auf die Hirntoddebatte ist das wichtig. Wann tritt eigentlich der Tod ein? Traditionellerweise war es so, dass der Mensch für tot erklärt wurde, wenn er nicht mehr atmet. Dann hat man früher vorsichtshalber einen Arzt dazu gezogen, der prüfen musste, ob die Angehörigen, die sehen, dass er gestorben ist, Recht haben oder ob da doch noch etwas Leben ist. Damals holte man den Arzt also, um sicher zu sein, jemanden nicht vorzeitig zu töten. Und manchmal konnte er sagen: Moment, dieser Mensch ist noch nicht tot. Es gibt noch eine Spur von Atem beispielsweise. Jetzt aber ist es genau umgekehrt. Bei der künstlichen Lebensverlängerung, wenn ein Mensch an Apparate angeschlossen ist und nur durch deren Hilfe am Leben bleibt, wird heute oft davon gesprochen, der Mensch sehe nur lebendig aus, er atmet noch und hat noch eine rosige Gesichtsfarbe, aber das sei alles nur wegen der Maschinen. In Wirklichkeit aber sei er tot – ein Appell zur Organentnahme. Der Arzt spielt nun die umgekehrte Rolle. Früher war es die Rolle der Vorsicht, nicht zu früh jemanden zu begraben. Jetzt dient er dazu, die Skrupel beiseite zu räumen und zu sagen: Lass mal, der ist tot.

In der Harvard-Definition war der Tod des Menschen der Hirntod. Das hatte dann zur Folge, dass man Leuten die Organe entnahm, die gar nicht wirklich tot waren, und im Grunde wussten die Ärzte das auch. Warum haben sie sonst den Menschen bei der Organentnahme eine Narkose gegeben? Gibt man Leichen eine Narkose? Inzwischen ist deutlich geworden, dass die ganze Hirntoddefinition nicht stimmt. Daraus ziehen die einen die Folgerung: Stopp, ihr könnt diesen Menschen nicht die Organe entnehmen, sie sind nicht tot. Die anderen sagen: Na gut, dann machen wir jetzt ein Gesetz, das das Töten erlaubt. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, die Person sei tot und höre auf, Person zu sein, wenn sie nicht mehr als Person ansprechbar sei. Diese Unterscheidung zwischen Menschsein und Personsein ist aber ganz verhängnisvoll. Der Mensch als Ganzes ist Person und steht in personalen Rollen: Er ist Vater, Mutter, Tochter, Tante und so weiter. Das sind alles personal besetzte Rollen, die nicht an ein Ende kommen, in dem Augenblick, in dem der Mensch außer Bewusstsein ist. Die extremen Vertreter der gegenteiligen Position behaupten, der Mensch habe aufgehört, Person zu sein, wenn er schläft. Wenn er wieder aufwacht, ist er nicht dieselbe Person als diejenige, die eingeschlafen ist. Er erbt nur bestimmte Erinnerungsstücke. Wenn ich mich also an meine Kindheit erinnere, wäre ich das gar nicht wirklich. Ein solcher Kampf ist zum Schluss nicht mehr wissenschaftlich entscheidbar, denn die Frage "Wann ist der Mensch tot?" ist keine Frage an die Wissenschaft, sondern unterliegt der Wahrnehmung innerhalb einer Gesellschaft. Wir nehmen den Toten als Toten wahr, wir behandeln ihn als Toten, wir behandeln den Leichnam entsprechend. Darum ist es auch eine Katastrophe, dass die katholische Kirche die Feuerbestattung begleitet, denn sie greift aufgrund der niedrigen Kosten immer mehr um sich. Ich habe immer vorgeschlagen, dass die Gemeinden einspringen, wenn jemand die Erdbestattung nicht bezahlen kann. Wenn die Kirche die Feuerbestattung nicht begleiten würde, würden viele Leute es nicht tun. 

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Glauben Sie auch, ähnliches würde einsetzen, wenn man die Tötung und den assistierten Suizid legalisiert?

Ja.



Viele Menschen bevorzugen die Feuerbestattung wegen der andererseits hohen Kosten und aus Rücksicht auf ihre Angehörigen, die für diese Kosten aufkommen müssen. Übertragen auf die Debatte um die Sterbehilfe: Wird der Mensch sich für ein Weiterleben rechtfertigen müssen?

Dieses Argument spielt eine große Rolle und ist bereits heute Realität. Man muss dem Patienten zusichern können: Du bist nicht schuld, dass deine Angehörigen so viel zahlen müssen. Das kann man aber nur sagen, wenn es keinen anderen Ausweg für die Angehörigen gibt. Dass es strafbar wäre, würde einen solchen falschen Ausweg unmöglich machen, denn so kann der Sterbewillige das nicht verlangen. Man muss dabei den großen Unterscheid zwischen Selbsttötung und Beihilfe heranziehen, der darin besteht, dass Selbsttötung den Gesetzgeber nicht zu interessieren braucht. Es gibt Länder, in denen der versuchte Selbstmord strafbar ist. Das halte ich für falsch. Der Mensch kann aussteigen. Ob das sittlich gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Als Christ würde man es als nicht erlaubt ansehen. Aber der weltliche Gesetzgeber kann sich darauf berufen, er habe über den Todeswilligen, der ja aus dem ganzen Gesellschaftssystem aussteigen will, keine Gerichtsvollmacht. In dem Augenblick allerdings, in dem zwei Personen betroffen sind, greift das Gesetz. Und es muss greifen. Was ein Mensch mit einem anderen tut, unterliegt der Gesetzgebung. Deshalb darf man nicht folgern, da der Selbstmord nicht verboten ist, muss auch die Beihilfe erlaubt sein. Außerdem macht man einen großen Fehler, wenn man sagt, die Selbsttötung sei erlaubt. Sie ist weder erlaubt noch nicht erlaubt. Da hat der Staat nichts zu befehlen, nichts zu verbieten. Wenn das Gesetz im Falle des assistierten Suizids nicht greifen würde, steigt der Druck, die Selbsttötung zu verlangen. Bis hin zu dem Umgekehrten, dass Menschen in Ländern, in denen der assistierte Suizid legal ist, ohne ihre Zustimmung getötet werden. Aus Angst kommen Menschen nach Deutschland, weil sie sich hier sicherer fühlen. 



Sie haben bereits die Bedeutung des Arztes angesprochen. Würde sich das Ethos des Arztes verändern, wenn er zum Töten berechtigt oder verpflichtet wird?


Unbedingt. Es ist ein Ruin des ärztlichen Ethos. Das ärztliche Ethos ist bestimmt durch den Imperativ zu heilen, Leiden zu beseitigen oder zu mildern. Aber nicht dadurch, dass man den Leidenden abschafft. Da endet die Aufgabe des Arztes. Der Kranke muss das Gefühl haben, ich kann niemanden dazu bewegen, mich zu töten. Und das tröstet. Für die Autorität des Arztes ist es katastrophal im Augenblick, da der Patient das Gefühl hat: Jetzt ist er noch so nett, morgen bringt er mich um. Dann wird der Arzt ein Macher, der über Tod und Leben entscheidet. Das ist furchtbar. Dazu zählt ebenso, dass man niemanden aus seinem Leben befreien wollen kann, denn befreien setzt einen Zustand voraus, den der Befreiende anstrebt. Das Paradoxe ist, dass die einzige Handlung im Leben, die vollkommen autonom ist, der Selbstmord ist. Tot zu sein ist aber kein Zustand, den ich anstreben kann, denn damit beseitige ich mich als Freiheitssubjekt. 



Der Mensch braucht Vertrauen. Viele geben trotz anhaltender Schmerzen den Wunsch auf, zu sterben, wenn sie Liebe, Zuwendung und Unterstützung von anderen Menschen erfahren. Wie ist mit dieser Erfahrung angemessen umzugehen? Gibt es auch einen wirklichen Wunsch, zu sterben, der nicht durch Vertrauen und Liebe beseitigt werden kann?

Den Wunsch, zu sterben, hat mancher, der schwer krank ist. Aber das ist etwas völlig anderes, als der Wunsch getötet zu werden. Die Bitte richtet man allenfalls an Gott: Ruf mich! Angenommen, ein mir nahestehender Mensch würde mir die Bitte vortragen, ihm beim Sterben zu helfen, ihn umzubringen, dann müsste ich antworten: Du kannst nicht verlangen, dass ich von dir sage, es soll dich nicht mehr geben. Das geht über das hinaus, was ein Mensch tun und sagen darf. Dieser Mensch könnte alles verlangen, aber er kann nicht verlangen, dass ich möchte, dass er verschwindet. Und wenn er fragen würde, ob ich ihn zu einer Sterbehilfeorganisation in die Schweiz begleite, würde ich versuchen, ihm das auszureden. Ich würde ihm nicht helfen, aber ich würde ihn dennoch begleiten und bei ihm bleiben. Aber er muss wissen, ich halte das, was er tut, für ganz grundlegend falsch. Er soll es sich bis zum Schluss überlegen. Das ist Solidarität auch mit dem Sünder. Egal was er tut, ich bleibe bei ihm. Aber man kann keine Barmherzigkeit üben, indem man die Sünde begünstigt. Den Sünder lieben und die Sünde hassen, schreibt der heilige Augustinus. 


Sterben und Tod sind Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Warum schiebt der Mensch Tod, Leid und Schmerz aus seinem Sichtfeld? Geschieht dies aus Angst? Aus Unbequemlichkeit?

Es ist unangenehm. Dahinter steckt die Vorstellung, es gäbe keine Wahrheit, nur Lust und Unlust. Wenn es nicht so etwas wie eine Wahrheit gibt über den Menschen, demgemäß diese Wahrheit ihren festen Punkt in Gott hat, wird daraus geschlossen, alles sei erlaubt. 


Ist es möglich, eine Kultur des Sterbens wieder in die Gesellschaft zu integrieren?
 

Nur in Grenzen. Direkt gesellschaftspolitisch wirken kann man verhältnismäßig wenig, aber man sollte es tun. Angesichts dessen, was heute passiert, auch in der Genderdebatte, muss man kämpfen. Aber es gibt viele Dinge, große Trends, die man schwer beeinflussen kann. Das einzige, was man tun kann, ist es, zu versuchen, selber richtig zu leben, und das in einem Kreis von Menschen, die auch versuchen, richtig zu leben und eine große Anziehungskraft über andere ausüben können. Es muss in einem Meer Inseln des richtigen Lebens geben.


Was könnten solche Inseln sein? Einzelne Menschen, die Kirche?

Vor allem die Kirche ist die große Insel. Aber solche Inseln sind überall, wo es Menschen gibt, die so leben, als wenn Gott existierte. Dann hat man getan, was man kann. Die Kirche muss nicht zu viel Zeit verschwenden, Überlegungen anzustellen, wie wir den modernen Menschen erreichen können. Gut, das ist eine Frage, die man natürlich auch stellen muss. Aber die entscheidende Frage ist vielmehr: Was müssen wir tun, um in unserer widergöttlichen Zeit nach Gottes Willen zu leben? Wie sieht ein solches Leben aus?

Würdevolles Sterben ermöglichen – Erfahrungen mit Sterbenden

Menschen, die sich für ein würdevolles Sterben – ohne Tötung  –  einsetzen, erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen mit Kranken und Sterbenden sowie ihren Motivationen, diese Menschen an der Hand zu begleiten und sich für einen würdevollen und solidarischen Umgang mit Sterbenden in der Gesellschaft stark zu machen.

"Oft sind es die kleinen Sachen"

Petra F. Seitzer, Religionspädagogin, Palliative-Care-Fachkraft und Vorsitzende des Hospiz-Verein Regensburg e. V.

Unsere siebzig ehrenamtlichen Mitarbeiter sind für die Patienten und ihre Angehörigen da. Oft haben die Patienten den Wunsch, mit Außenstehenden zu sprechen, weil sie ihre Angehörigen nicht zusätzlich belasten wollen. Sie sind froh, wenn einfach jemand da ist. Oft sind es die kleinen Sachen. Mir persönlich ist mein Glaube Motivation für diese Arbeit, denn ich begleite den Sterbenden in der Hoffnung, dass er in einer anderen Hand aufgenommen wird, wenn ich ihn aus meiner Hand geben muss. Viele Ehrenamtliche haben in ihrem eigenen Umfeld erfahren, dass Begleitung hilft. Die Motivation der Mitarbeiter hat sich aber auch gewandelt innerhalb der fünfundzwanzig Jahre, seitdem der Hospiz-Verein Regensburg besteht. Inzwischen gibt es viele junge Leute, die einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten oder sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen wollen. 

Würde Sterbehilfe legalisiert werden, würde man weiteren Entwicklungen die Tür öffnen, die man nicht mehr aufhalten kann. Noch dazu geht der Ruf nach einer Regelung der Sterbehilfe zu großen Teilen von gesunden Menschen aus. Auch muss man an die Ärzte denken. Zum Thema Schwangerschaftsabbruch wurden vor vierzig Jahren die gleichen Diskussionen geführt, und es gibt durchaus Ärzte, die nur schwer damit leben können, Schwangerschaftsabbrüche durchführen zu müssen. 


"Ich habe das Gefühl, sie werden erwartet"

Bärbel Kiechle, Krankenschwester mit der Weiterbildung Palliative Care im Regensburger Caritas Krankenhaus St. Josef

Unser Leben ist ein Geschenk, das kann man nicht einfach so wegwerfen! Wenn Menschen Unterstützung brauchen, beispielsweise bei der Körperpflege, glauben einige, sie verlieren damit auch ihre Würde. "Ich bin ja nichts mehr wert", heißt es dann. Und jeder Mensch kennt das: Es gibt Phasen im Leben, in denen alles zu viel wird. Gerade dann aber, auch und besonders am Sterbebett, braucht es Menschen, die da sind und die sagen: Auch wenn du Wunden hast oder sich dein Äußeres verändert hat – Du bist es wert! 

Erst vor kurzem wurde mir richtig bewusst, dass es immer wieder Patienten gibt, die über eine längere Zeit die Hand halten wollen und Kontakt suchen, denn oft kommt vor dem Tod eine Unruhe im Menschen auf. Auch wenn die Palliativmedizin Schmerzen ertragbar werden lässt, bereitet es Angst, die Kontrolle über den Körper zu verlieren. Irgendwann aber tritt dann die Phase ein, in der sie die Hand nicht mehr brauchen. Man spürt dann den Frieden und ich habe das Gefühl, sie sind jetzt vor dem Ende des Weges, den sie alleine beschreiten können. Deshalb begleite ich Sterbende, weil ich glaube, dass sie dorthin gehen, wo sie keine Schmerzen haben und es ihnen gut geht. Mein Glaube trägt mich – ich habe das Gefühl, sie werden erwartet.


"Sterben ist Teil des Lebens"

Markus Böhnert, Theologiestudent und Priesteramtskandidat 

Der Tod hat eine Würde. Doch diese Würde erhalten wir nicht dadurch, dass wir unseren Todeszeitpunkt selbst bestimmen, sondern dadurch, dass Gott uns zu sich ruft. Ich finde, wir dürfen diesem Ruf Gottes nicht durch aktive Sterbehilfe oder Euthanasie zuvorkommen. Gott ist Herr über Leben und Tod. Für uns Menschen ist es wichtig, dass wir unsere sterbenden Mitmenschen in ihrem Leiden begleiten. Wir müssen ihnen durch liebevolle Pflege zeigen, dass sie den Weg des Sterbens nicht alleine gehen müssen, weil wir sie an die Hand nehmen. Dabei ist es entscheidend, den Menschen ganz persönlich in den Blick zu nehmen. 

Auch in jungen Jahren wird man immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Gerade wenn man sich wie ich auf die Seelsorge vorbereitet, kommt man vermehrt mit kranken und sterbenden Menschen in Berührung. Deshalb sollte Sterben kein Tabuthema in unserer Gesellschaft sein. Vielmehr müssen wir uns bewusst machen, dass es Teil des Lebens ist. Als angehender Priester glaube ich, dass der Tod nicht das Ende, sondern nur der Übergang ist. Im Tod werden wir Gott schauen. Wer den Tod als Ruf Gottes erwartet, stirbt immer in Würde.


v.l.n.r. Johanna Zettl, Brigitte Mehler-Pfletscher

Als die ehrenamtliche Hospizbegleiterin Johanna Zettl beide Elternteile von Brigitte Mehler-Pfletscher zu Hause in ihrem Sterben begleitete, entstand zwischen beiden eine bis heute währende Freundschaft. 


"Stark wie der Tod ist die Liebe"

Johanna Zettl, ehrenamtliche Hospizbegleiterin des Ambulanten Hospizdienstes der Caritas im Landkreis Tirschenreuth

Oftmals wird gesagt, der Sterbende würde "nichts mehr mitbekommen". Das zu behaupten ist eine Anmaßung. Wir müssen es vielmehr auf uns beziehen: Wir bekommen nicht mehr mit, was in diesem Leben passiert. Die Kommunikation geschieht hier nicht über das Sprechen, denn viele können nicht mehr sprechen. Es muss ein anderes Sprechen sein, und manchmal geht das nur noch über die Hände. Bei Brigitte Mehlers Vater kam ich mit eiskalten Händen an. Ich fragte, ob ich ihm die Hand halten dürfte und fügte hinzu "Ich habe aber ganz kalte Hände". Darauf antwortete mir der Sterbende: "Aber ich habe warme, ich kann sie wärmen." Man lernt nicht nur durch jede Begleitung dazu, man bekommt auch immer etwas zurück, denn stark wie der Tod ist die Liebe. Wenn assistierte Selbsttötung am Lebensende allerdings legal wird, dann trauen sich alte und kranke Menschen nicht mehr leben.


Brigitte Mehler-Pfletscher, Apothekerin 

Meine Eltern waren immer selbstbestimmt. Wir waren eine gute Familie, in der jeder für den anderen da war. Plötzlich das Sterben – ich habe alles getan, aber irgendwann merkte ich, ich kann ihnen nicht mehr das geben, was sie brauchen. Durch die Hospizbegleiterin habe ich große Hilfe erfahren. Man ist froh, dass jemand da ist, der dich in deinem Sinne unterstützt. Es war für mich die allergrößte Hilfe und es entstand sofort ein Verhältnis des Vertrauens zwischen uns. In einer solchen Situation zwischen Leben und Tod spürst du, was der Mensch wirklich braucht. Man hat natürlich Angst, auch berufsbedingt, denn es könnten viele Komplikationen auftreten. Angst ist für mich das Gegenteil von Liebe und so habe ich einfach nur begonnen, zu beten. Kurz vor seinem Tod hat mein Vater nochmals die Augen geöffnet und über das ganze Gesicht gelächelt. Ich empfand das als ein "Dankeschön". Dann ist er zurückgefallen. Man hat das Gefühl, er geht in die Ewigkeit Gottes. 


"Der Glaube hilft den Menschen im Sterben"

Roswitha Kreuzer, ehrenamtliche Hospizbegleiterin 

Seit elf Jahren bin ich ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Dabei begleite ich Menschen in Seniorenheimen, Krankenhäusern, Palliativstationen oder im stationären Hospiz. Überwiegend aber komme ich zu ihnen nach Hause. Die Angehörigen machen das wunderbar, geben alles, kümmern sich. Sie haben aber auch Angst, dass sie es bis zum Schluss nicht alleine schaffen. Wenn man zu diesen Menschen kommt, sehen sie es als eine große Erleichterung an, zu wissen, man geht mit ihnen diesen Weg. Ich bin da, ich kann sie unterstützen, sie können mir ihr Herz ausschütten. So kann auch den Angehörigen wieder Zuversicht gegeben werden, was sich ebenso auf die kranken Menschen ganz stark auswirkt. Häufig verbringe ich mehrere Stunden am Tag in der Familie. In der Schlussphase komme ich meist jeden Tag vorbei und manchmal bleibe ich auch über Nacht.

Ich bin ein gläubiger Mensch, und der Glaube hilft den Menschen im Sterben. Mit einer Frau beispielsweise konnte ich nicht mehr kommunizieren. Ich wusste, dass sie gläubig war. Deshalb habe ich mich einfach zu ihr gesetzt und in einem leisen Ton das Vaterunser und das Ave Maria gebetet. Ich merkte, wie sie immer ruhiger wurde. Sie war bereit, zu gehen.


"Aktive Sterbehilfe ist keine Hilfe, sondern ein Abschieben im tödlichen Sinne"


Franz Prem, Diakon und katholischer Klinikseelsorger im Caritas-Krankenhaus St. Josef sowie im Universitätsklinikum Regensburg

Sterben in Würde bedeutet, dass man den Sterbenden in seiner ganzen Person annimmt und ihn auf seinem letzten Weg nicht alleine lässt. Als Klinikseelsorger begleite ich Menschen während ihrer Krankheit. Ich versuche ihnen neue Zuversicht zu geben und für sie da zu sein, wenn sie in ihrer Not jemanden an ihrer Seite brauchen. Leid lässt sich freilich nicht ausblenden, es gehört zum Leben dazu. Zu meiner Erfahrung gehört auch, dass gerade dann, wenn Leid und Tod anstehen, die Religion eine große Hilfe und Stütze sein kann. Das blendet aber freilich den Schmerz nicht aus. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Mensch, der unter starken Schmerzen leidet, an den Punkt kommt, an dem er sagt: Ich möchte jetzt sterben, ich halte das nicht mehr aus. Glauben Sie mir, das macht betroffen. Man sieht die Not und kann den Wunsch gut nachvollziehen. Aber – und auch das ist meine Erfahrung – hinter dem Ruf steckt in vielen Fällen auch der Wunsch des Patienten, in seiner Not nicht alleine gelassen zu werden. "Seid mir bitte nahe, bitte kümmert euch um mich": dies ist oft der eigentliche Grund, der hinter dem Wunsch zu sterben deutlich erkennbar ist. 

Eine Legalisierung des assistierten Suizids würde für alle Beteiligten eine unvorstellbare psychische Belastung herbeiführen. Ärzte, Pflegepersonal und Angehörige, die gebeten werden, beim Sterben zu assistieren, indem sie das Mittel hinstellen oder sogar reichen müssen, geraten hier in eine äußerst schwierige Gewissenssituation. Umgekehrt sehe ich auch die Gefahr, dass der Leidende selbst unter dem Druck, seinen Angehörigen nicht länger zur Last fallen zu wollen, viel zu früh zu einem Mittel greift und ihm auch viel zu schnell nahelegt: "Du hast ja jetzt nichts mehr vom Leben, möchtest du nicht lieber sterben, das würde auch uns viel Geld und Zeit ersparen." So würde aktive Sterbehilfe an einen Punkt geraten, an dem sie nicht mehr als Hilfe und Begleitung beim Sterben, sondern als Abschieben im tödlichen Sinne verstanden werden muss.     



"Was wir jetzt entscheiden, ist unsere Zukunft"

Lisa Singer, Studentin

Leben in Würde bedeutet, dass der Sterbende gerade im Alter noch einmal eine Wertschätzung erfährt. Für mich ist es entscheidend, dass ich weiß, dass der Tod nicht etwas Endgültiges ist. Es geht weiter. Ich hoffe, dass es auch bei meinem eigenen Tod meinen Angehörigen helfen wird, zu wissen, dass es für mich "besser" wird, denn der Tod kann auch eine Erlösung sein. Mit dreizehn Jahren überlebte ich mehrere schwere Operationen. Damals war ich zwar noch relativ jung und als Kind versteht man das noch nicht in der Gänze, aber man spürt schon ganz gut, dass es eine kritische Situation ist. Deshalb habe ich auch viel über dieses Thema nachgedacht. Ich glaube, wenn man sich bewusst macht, dass das Leben endlich ist, schätzt man wieder mehr den einzelnen Moment. 

Würde der assistierte Suizid legalisiert werden, würde unsere Gesellschafft in eine äußerst schräge Lage kommen, weil wir damit etwas darüber aussagen, was wir als lebenswert und als lebensunwert empfinden. Das dürfen wir uns nicht anmaßen! Der Druck würde enorm wachsen. Man müsste sich für ein Weiterleben rechtfertigen – eine ganz schreckliche Situation, wie ich finde. Gerade politisch und gesellschaftlich gesehen ist das Thema auch für uns junge Leute so wichtig, denn was wir jetzt entscheiden, ist unsere Zukunft. Darum hoffe ich, dass sich viele junge Menschen mit in die gesellschaftliche Diskussion einbringen und sich in der Politik genügend Kräfte sammeln, damit Sterbebegleitung, Palliativmedizin und Hospize ausgebaut werden. Wir sollten uns aus diesem Bereich nicht heraushalten!


"Der Leidende ist wertvoll und bedeutsam - bis zum letzten Atemzug"

Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL)

Aktive Sterbehilfe darf keine Antwort auf die stark individualisierten Lebensumstände und die sozialen wie demographischen Veränderungen und Krisen unserer Zeit werden. Die zunehmende Individualisierung heute, über 40 % Single Haushalte und eine bald auf über drei Millionen wachsende Zahl von Pflegebedürftigen fordern unsere Gesellschaft zu neuer und verstärkter Solidarität heraus. Daher darf unsere Antwort auf die wachsenden Ängste der Menschen, wie auch die wachsende Verdrängung von Leiden und Sterben, nicht das Angebot des schnellen, sicheren Todes und die pharmakologisch unterstützte Sterbehilfe sein. Wir müssen konkrete Hilfen durch Schmerztherapie und Suizidprävention verstärken, nicht aber die Angebotspalette von Sterbehilfe fachkundig erweitern. Sonst könnte es bald in vielen Pflegeheimen, Krankenhäusern und Familien heißen: "Dafür gibt es doch eine einfache Lösung: Sterbehilfe!"

Richtig ist: jeder kann sich töten. So weit geht die menschliche Freiheit tatsächlich, aber die meisten tun es, weil sie verzweifelt, depressiv und ausgebrannt, manchmal schwerkrank sind, aus einer als ausweglos empfundenen Zwangslage heraus, die nur noch den Tod als "Lösung" sieht. Aber sollte ein Christ dabei mitwirken oder den Suizid als "Lösung von Lebensfragen" akzeptieren? Die Kranken- und Sterbepastoral der Kirche wird in unserer alternden, genussorientierten Gesellschaft zu einem zentralen Handlungsfeld werden, in dem sich Christen neu als aufmerksame, fähige und geduldige Sterbebegleiter bewähren müssen. Dies ist und bleibt unser christlicher Auftrag, gerade den Sterbenden liebevolle Begleitung zu schenken. Ich selbst habe schon einige Sterbebegleitungen erleben dürfen und bin seit langem Gründungsmitglied bei einem ambulanten Hospiz. Es ist also für mich mehr als persönliche Erfahrung, wenn ich sage: Jeder will vor allem bis zum Schluss begleitet, geliebt und umsorgt werden. Unter erbärmlichen Umständen hat dies Mutter Theresa in ihren Sterbehäuser in Kalkutta vorgelebt. Wo das geschieht, werden auch Schmerzen und Leiden ertragen, denn der Andere zeigt, dass ihm der Leidende bis zum letzten Atemzug wertvoll und bedeutsam ist. Dann kann menschenwürdiges Sterben gelingen, für beide Seiten, den Sterbenden und die Begleitenden. 



Der assistierte Suizid – Aktuelle Rechtslage in Deutschland

Der assistierte Suizid meint im Zusammenhang der Sterbehilfe in der Regel das Bereitstellen eines tödlichen Medikaments für den Sterbewilligen, ohne ihm dies direkt zu verabreichen. Der Sterbewillige selbst muss schließlich aus eigenem und freiem Willen das Medikament ohne Zutun eines Zweiten einnehmen. Weil in Deutschland der Suizid als Haupthandlung straffrei ist, zumal sich der Handelnde einer Strafe durch seinen Tod entzieht, steht auch die Beihilfe derzeit nicht unter Strafe. Die Formulierung "straffrei" gibt aber weder Rückschlussmöglichkeit auf ein ausdrückliches Erlauben oder Verbieten der Handlung durch den Staat, noch auf eine moralische Wertung. 

Im Bundestag wird derzeit über eine mögliche Neuregelung, eine Legalisierung oder ein Verbot des assistierten Suizids debattiert. 

"Brennendes Thema in Gesellschaft und Politik" – Mechthild Löhr über die Neuregelung im Bundestag

Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), spricht über die derzeitige Lage im Bundestag und die Notwendigkeit, das Gesetz neu zu bestimmen. 

 

Warum bedarf es einer Neuregelung des assistierten Suizids?

Die Angst vor Krankheit, Leiden, Sterben und Tod ist inzwischen zum großen, brennenden Thema in Gesellschaft und Politik geworden. Dem Wunsch nach einem "autonomen" Lebensstil folgt schrittweise nun der Wunsch nach dem "selbstbestimmten" Tod. Galt bislang noch der Suizid als tragisches Ende und die Selbsttötung als Verzweiflungstat, als Ausdruck meist tiefster Depression in einer als ausweglos empfundenen Situation, so fordern jetzt prominente Befürworter des sogenannten "Freitods" sogar ein "positives Recht auf Selbsttötung als Ausdruck von Menschenwürde". Wer dazu nicht selbst fähig oder willens ist, kann sich schon seit Jahren tatkräftig "helfen" lassen. Denn noch ist es in Deutschland im Unterschied zu vielen anderen Ländern der Welt völlig straffrei, wenn eine Privatperson oder ein Verein aktiv am Suizid mitwirkt und ihn nicht selten dadurch erst ermöglicht! Ja, es kann sogar als "helfende" Dienstleistung werbend angeboten werden, die Art der Selbsttötung und ihre konkrete Verwirklichung mit vorzubereiten und zu unterstützen. Wer aber kennt wirklich die genauen Tatbestände in einer solchen Situation? Wird hier gezielt unterstützt, ermöglicht oder gedrängt? Wessen Interessen sind im Mittelpunkt? Allen voran haben erfreulicherweise bereits 2012 die Ärzte durch die Bundesärztekammer sehr deutlich gemacht, dass sie weiter Hilfe beim Sterben, aber nicht zum Sterben leisten wollen. Jede Form von aktiver Sterbehilfe, die in anderen Ländern Euthanasie genannt wird, sollte jetzt vom Gesetzgeber untersagt werden! Denn wenn sie angeboten wird, wird sie auch genutzt werden. Aber: Wollen wir eine Zukunft, in der der "Tod auf Bestellung" Alltag geworden ist? Wollen wir Ärzte, die nicht nur als Palliativmediziner, sondern auch als Tötungsspezialisten ausgebildet werden? Kann es wirklich straffrei bleiben, wenn einer dem anderen einen tödlichen Becher oder eine Dosis Pillen reicht, weil dieser seinen Lebensmut zu diesem Zeitpunkt verloren hat?  


Welche Konzepte stehen derzeit im Bundestag zur Debatte?

Bei der Frage: leiste ich aktive Beihilfe zum Suizid? geht es nicht um Konzepte, sondern um ein konkretes Ja oder Nein zur Selbsttötung und zur aktiv betriebenen Sterbehilfe. Diese Fragen werden am Ende jeden Einzelnen und jede Familie persönlich betreffen, denn es geht tatsächlich um unser Leben und unseren Tod. Nahezu alle bisherigen politischen Stellungnahmen zur Sterbehilfe lassen leider deutlicher oder indirekter erkennen, dass man den Ärzten und Privaten, sofern sie nicht gewerblich oder organisiert tätig sind, die Sterbehilfe als persönliche Angelegenheit am Lebensende zur "autonomen" Gestaltung überlassen will. Wer nicht mehr leben und / oder leiden will, soll jederzeit frei sein, sich durch völlig straffreie "Mithilfe" auch straffrei das Leben zu nehmen. Auf der Homepage von Lebensschutz in Rheinlandpfalz (www.cdl-rlp.de) findet sich aktuell eine hoch interessante Zusammenstellung aller bisherigen Vorschläge im Bundestag. Details sind noch offen, da bisher erst wenige Entwürfe für einen neuen § 217 StGB konkret vorliegen. Doch zum Schluss geht es nicht um rhetorische Girlanden, die Sie da überall nachlesen können, auch nicht um bloße Verbote von Vereinen und Organisationen, die eh kaum einer will, sondern um die zentrale Gretchenfrage: Ist aktive Mitwirkung am Suizid zulässig oder gar wünschenswert? Und da formulieren erschreckenderweise leider etliche Stellungnahmen in unterschiedlicher Weise: Ja, Mitwirkung am Suizid soll akzeptiert sein. Diese Orientierung geht quer durch die Parteien, auch wenn vielleicht bei der Linken und der SPD aus alter humanistischer Tradition und aufgrund des nach wie vor materialistisch geprägten Menschen- und Geschichtsbildes die Begeisterung für die Freigabe von Suizid und seine "positive" Unterstützung als "Menschenrecht" besonders ausgeprägt ist. Darum kommt es nun in den Auseinandersetzungen vor allem auch auf die Ärzteschaft, die Palliativmediziner, die Experten für Suizidprophylaxe und auch die kirchlichen Proteste an: Wird dieser dramatische Richtungswechsel in Deutschland 2015 tatsächlich vollzogen? 


Welchen Einfluss hat die Auflösung des Fraktionszwangs auf die Entscheidungen?

"Wollen Sie so noch weiterleben oder wollen Sie eine fachkundige Beihilfe zur Selbsttötung?" oder "Wie lange willst Du Dir dieses Leiden noch antun?": Die persönliche Brisanz dieser Fragen erklärt auch, warum hier allein mit dem Fraktionszwang nicht genug getan wäre. Jedoch würde ich eigentlich von Christen im Parlament erwarten, dass sie grundsätzlich dem Suizid und der Mitwirkung daran, so wie in vielen anderen Ländern der Welt auch, eindeutig ablehnend gegenüberstehen. Die Auseinandersetzung gewinnt derzeitig an Schärfe und es gehen nun bei manchen erst die roten Alarmlichter an, welche Entwicklung hier bald Raum greifen könnte. Vielen Menschen wird erst langsam klar, um was es hier wirklich geht: um ihre eigene Zukunft! Wir als Christdemokraten für das Leben sehen da keine Zwischenlösungen, wenn wir die Kranken und Schwachen in unserer Gesellschaft wirklich konsequent schützen wollen.