verzweifelter Mann auf Parkbank
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Umgehen mit Leid & Tod

30.10.2015

Karriere, Spaß, Gesundheit – das Leben einfach in vollen Zügen genießen: das steht bei vielen Menschen im Mittelpunkt. Dagegen werden unerfreuliche Themen wie Älter werden, Leid und Tod meist ausgeblendet. Umso schwerer trifft es Viele, wenn sie plötzlich mit einer Krankheit oder dem Tod konfrontiert werden. Dann stellt sich die Frage, wie man mit dem Schicksalsschlag klarkommen soll. Wir haben mit Trauerseelsorger Dr. Wolfgang Holzschuh über den Umgang mit den unangenehmen Themen des Lebens gesprochen.

Dr. Wolfgang Holzschuh

Herr Dr. Holzschuh, beschäftigen sich die Menschen in der heutigen Zeit überhaupt mit Themen wie Leid und Tod?

Ja, besonders dann wenn der Tod oder eine Krankheit in die eigene Familie kommt. Dann ist es unumgänglich, denn dann werden die Menschen damit konfrontiert. Normalerweise geht man aber davon aus, dass die anderen sterben. Das erleben wir auch in den Medien und Nachrichten. Da ist der Tod weit weg und man kann ihn auch relativ gut fern halten. So lässt es sich auch einigermaßen gut leben. Schwierig wird es aber dann, wenn das Thema Leid und Tod in die eigene Familie oder in den eigenen Umkreis kommt. Wenn Freunde, Vater, Mutter, Kinder oder Lebenspartner sterben oder auch wenn man selber krank wird und sich mit dem Thema Tod auseinandersetzen muss. Von daher ist der Tod immer Bestandteil unseres Lebens. Er kann ganz plötzlich kommen oder auch langsam und erwartet, wenn jemand krank ist.

Es ist sicher so, dass wir in unserer Gesellschaft verlernt haben, mit dem Tod umzugehen, weil die entsprechenden Verhaltensweisen immer weniger werden. Die Kirche hat an Einfluss verloren, die Riten, die auch die Trauernden stabilisiert haben, werden oft gar nicht mehr verstanden. Das hat zur Folge, dass der Bestatter alles übernimmt. Sodass diese Abschiedsriten gar nicht mehr stattfinden. Dadurch entsteht dann aber auch eine Unsicherheit wie man mit dem Verstorbenen umgeht und auch wie man sich selber in der Trauer verhält. Dabei steigt auch die Angst. Insofern schiebt man das Thema soweit wie möglich von sich weg, weil niemand gerne stirbt. Und dennoch gibt es in unserem Leben nichts Sichereres als den Tod. Das wissen wir alle.

Wie wird mit diesen Themen umgegangen?

Das hängt vom Kommunikationsstil in der Familie ab. Welchen Umgang sie pflegt, ob man über solch existenziellen Dingen sprechen kann und dass man auch gehört wird. Aber solche Dinge auszusprechen ist nur möglich, wenn ein Stück weit eine Vertrauensbasis besteht. Wenn ich das Gefühl habe, die anderen verstehen mich. Aber in der Familie ist es häufig schwierig, da die Verhaltensweisen der Trauer oft recht unterschiedlich sind. Mann oder Frau trauern unterschiedlich. Auch Kinder oder Jugendliche. Dann ist es oft nicht leicht, etwas Gemeinsames zu finden.

Für gewöhnlich ist es schon so, dass man versucht erst mal irgendwie klarzukommen, wenn man damit konfrontiert ist. Es ist natürlich erst mal ein Schock. Dann müssen auch notwendige Dinge für die Beerdigung und den Abschied organisiert werden. Was Trauer wirklich ist, kommt erst nach und nach, wenn man spürt, dass der Verstorbene wirklich nicht mehr kommt.

Warum werden diese Themen in unserer Gesellschaft oft tabuisiert?


Der Wert in unserer Gesellschaft ist Gesundheit, da sind Tod und Alter die natürlichen Feinde. Das kann man auch an der Anti-Aging-Bewegung sehen oder an den ganzen Cremes, die helfen sollen, dass man nicht alt aussieht. Auch der Spruch: man ist nur so alt, wie man sich fühlt, ist in. Aber das Alter schreitet fort – mit Creme oder ohne Creme. Auch Erfolg und Jugend haben einen hohen Wert in unserer Gesellschaft. Da sind Krankheit und Sterben Gegenpole, die man versucht auszuklammern, weil sie sehr schmerzhaft sind.

Ich meine aber, wir müssen das Leben ganzheitlich sehen. Es gehört beides dazu – Freude und Schmerz, das Leben und auch der Tod. Der Tod ist auch eine Grenze, die uns zum Nachdenken bringt. In den Psalmen heißt es ja auch, dass wir unsere Tage zählen sollen und dass wir auch weise werden sollen. Wenn wir dies im Blick haben, dann leben wir auch anders.

Ist es sinnvoll sich mit Leid und Tod auseinanderzusetzen, auch wenn man nicht selbst betroffen ist?

Ja, ich denke schon, denn man ist ja immer wieder damit konfrontiert, zum Beispiel auch in der Pfarrei. Das fängt schon bei den Ministranten an, wenn sie auf einer Beerdigung ministrieren. Da brechen auch Fragen nach dem Leben und Fragen nach dem Sinn auf. Da muss man das Thema auch aufgreifen und damit umgehen. Es ist also kein Thema, das erst im hohen Alter kommt, sonders es ist immer da. Nur für einen persönlich ist es so, dass es immer Auslöser gibt oder auch in der Familie verschiedene biographische Hintergründe da sind, sodass sich die Menschen dann näher mit dem Thema beschäftigen – und dann erst mal versuchen für sich klarzukommen und andere zu begleiten.

Sie haben bereits Cremes und Tipps angesprochen, die es gibt um jung auszusehen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft wollen alt werden, aber nicht älter werden und nicht alt sein. Warum fällt den Menschen das Alt sein so schwer?

Alt zu werden und Alt zu sein ist eine große Herausforderung im eigenen Leben, vielleicht auch die Herausforderung überhaupt. Wenn Körperfunktion und Fitness nachlassen, wenn man immer mehr eingeschränkt ist, spürt man das. Durch die Hightech-Medizin geht das sehr weit, was früher nicht in dieser Form möglich war: bis zum äußersten Pflegefall. Mit dem klarzukommen, dass man weniger kann, vielleicht auch von anderen abhängig wird und sich selbst nicht mehr versorgen kann, ist schon eine sehr große Herausforderung. Vor allem weil das Alter in unserer Gesellschaft nicht sehr geehrt und wertgeschätzt wird. Das ist beispielsweise in China oder asiatischen Kulturen anders, wo alte Menschen auch als weise Menschen gelten.
 
Im Altenheim, in dem ich arbeite, habe ich oft das Gefühl, dass sich die alten Menschen überflüssig vorkommen, obwohl sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben und Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut haben. Sie haben das Gefühl den anderen Menschen auf der Tasche zu sitzen, weil sie nicht mehr leistungsfähig sind, weil sie bedürftig sind. Das hat auch mit der Wertschätzung des Alters zu tun. Ich denke, das haben diese Menschen nicht verdient. Das ist wichtig, dass man sie entsprechend ehrt.

Wenn man Fähigkeiten verliert, ist man möglicherweise auf andere angewiesen, vielleicht sogar pflegebedürftig. Das ist so manchem sicher peinlich. Wie kann trotzdem die Würde bewahrt werden?

Wichtig ist hierbei auch die medizinische und pflegerische Seite, da ist in den letzten Jahren viel geschehen, so dass gut für die Menschen gesorgt wird. Aber ich denke das ist nicht alles. Menschliche Zuwendung, menschliche Nähe, Verständnis und Sympathie sind wichtig. Aber das kann man eben nicht bezahlen, auch nicht verschlüsseln und abrechnen. Ein gutes Wort, Wertschätzung oder ein Lächeln lassen sich nicht messen. Solche Dinge, die den menschlichen Vollzug erst so richtig wertvoll machen, und die die Begegnung auch lebendig machen, kann man eben nicht in Geld aufwiegen.

Diese Menschlichkeit ist auch die Schwierigkeit. Darunter leiden auch viele Bedienstete und das Pflegepersonal, denn die Schlüssel werden immer enger und auch die Zeit für den einzelnen Patienten immer weniger. Das ist ein richtiger Druck, da bleibt dann auch viel Menschlichkeit einfach auf der Strecke. Aber ich denke gerade in der Seniorenarbeit liegt ein großes Feld, denn die Alterspyramide wird sich in den nächsten Jahren umdrehen. Und von daher müssen wir auch von der Kirche diese Menschen noch viel mehr im Blick haben. Denn sie, die fitten Senioren,  tragen auch das Ehrenamt, weil sie genug Zeit haben.

Leid, Tod, Alt werden und Fähigkeiten verlieren – das ist für die meisten Betroffenen ein harter Schlag. Inwiefern kann der christliche Glaube helfen?


Der christliche Glaube hilft insofern, dass er Vertrauen schafft. Glauben heißt vom Wortstamm her auch Vertrauen. Wenn ich darauf vertraue, dass Gott mich in dieser Situation, in der ich mich befinde, nicht alleine lässt und mit mir geht, hat das eine positive Wirkung auf den Menschen selber. Wer wirklich glaubt und vertraut, dass er gehalten ist in Gottes Hand, muss nicht alles alleine machen. Er hat also das Gefühl, dass er geführt oder auch getragen ist. Ich denke, diese Grundhaltung ist etwas vom Wertvollsten im Leben. Insofern ist der Glaube dann auch eine Hilfe. Sowohl für den Betreffenden aber auch für das Umfeld.

Der christliche Glaube hat nicht nur die Gegenwart im Blick, sondern auch, wie der Satz „Christus - Gestern, heute und in Ewigkeit“ aussagt, das Allumstrahlende. Der christliche Glaube gibt uns Zuversicht, ja eine Zukunft. Und zwar in der Hoffnung auf die Auferstehung. Das Leben mündet also letztlich nicht nur in den Abgrund, sondern in eine Neuschöpfung in Christus. Sodass wir dort eine Gemeinschaft haben mit ihm. Das ist eine tröstliche Perspektive, allerdings keine Vertröstung. Denn ich meine das ewige Leben fängt hier schon an, indem wir an ihn glauben. Das sagt uns auch Johannes in seinem Evangelium.

Wohin können sich Betroffene wenden? Wo bekommen sie Unterstützung?

Trauernde finden sicher in ihrer eigenen Pfarrei eine gute Seelsorge, wo sie sich immer hinwenden können. Auch hauptamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oder die Caritas-Beratungsstellen. Es gibt zudem Seminar zum Beispiel im Haus Werdenfels bei Regensburg, wo wir speziell für Trauernde Angebote haben. In manchen Pfarreien gibt es auch Trauergruppen oder Trauercafés, wo sich Menschen treffen und austauschen können. Ich finde es ganz wichtig, dass sich Trauernde treffen, denn dann erfahren sie ein Stück mehr Solidarität und Solidargemeinschaft. Die Trauernden stützen einander, weil sie das Gefühl haben, gehört und ein Stück weit verstanden zu werden. Andere geben oftmals das Signal: Hör doch auf mit deiner Trauer, wir wollen endlich, dass du wieder funktionierst und das alles wieder ist wie vorher. Doch das ist für Trauernde nicht so. Es ist für sie so, dass es wieder gutwerden kann, aber es bleibt anders ohne den Verstorbenen.

Die große Herausforderung bei der Trauer ist, dass man dem Verstorbenen einen angemessenen Platz im Herzen gibt. Sodass man mit dieser inneren Kraft verbunden bleibt, ohne dass man sich davon vereinnahmen lässt. Man muss lernen den Verstorbenen freizugeben. Diese innere Veränderung ist ein langer Prozess. Das dauert. Dennoch sage ich allen, die mit Trauernden zu tun haben: alles was Sie tun, um das Vertrauen in das Leben zu fördern, ist gut für die Trauernden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Trauerpastoral im Bistum Regensburg

Wer von Leid und Tod selbst betroffen ist, wird nicht allein gelassen: Die Trauerpastoral im Bistum Regensburg ist für Sie da. Wir begleiten Sie auf dem Weg durch die Trauer.