Wunder

22.08.2017

Ein Mittel wirkt wahre Wunder, es geschehen noch Zeichen und Wunder, jemand erlebt sein blaues Wunder – Wunder kommen in unserem Sprachgebrauch häufig vor. Doch was sind eigentlich Wunder? Und gibt es sie wirklich?

Wunder sind keine Mirakel: Interview mit Domvikar Georg Schwager

Domvikar Monsignore Georg Schwager
Domvikar Georg Schwager

In der katholischen Kirche werden Wunder anerkannt. Davor werden sie aber einem strengen Prüfungsverfahren unterzogen. Einer, der sich damit auskennt, ist Domvikar Monsignore Georg Schwager. Er ist der Leiter der Abteilung für Selig- und Heiligsprechungsprozesse im Bistum Regensburg.

 

Herr Domvikar Schwager, was ist ein Wunder?

Nach der biblischen Sichtweise sind Wunder Zeichen der Nähe und der fürsorgenden Liebe Gottes (vgl. KKK 1151). Schon im Alten Testament wird jedes Ereignis, das die Größe und Macht Gottes offenbart, als „Wunder“ bewertet (vgl. LThK, 2. Aufl., S. 1253 ff.) . In den Wundern Jesu soll das anbrechende Reich Gottes wahrgenommen werden. Wunder sind also im kirchlichen Kontext keine „Mirakel“; sie wollen Hinweis sein auf Gott, dem alles Leben seinen Ursprung und seinen Sinn verdankt. Gottes Macht kennt keine Grenzen. So kann der gläubige Mensch auch überall Gottes helfende Hand und seine Spuren in der Schöpfung wahrnehmen.


Gibt es verschiedene Kategorien an Wundern? Welche?


Ja, es gibt verschiedene Kategorien. Im Bereich der Selig- und Heiligsprechungsverfahren werden meist medizinische Krankenheilungen untersucht und nach entsprechender Prüfung, sofern zutreffend, als Wunder anerkannt. Dies vor allem deshalb, weil bei einer medizinischen Heilung am Sichersten eine vollständige und genaue Dokumentation des jeweiligen Falles vorgelegt werden kann. Aber auch Wunder auf technischem Gebiet oder Naturwunder können Gegenstand eines Verfahrens sein.


Warum sind Wunder für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren nötig?


Man verzichtet auch heute nicht auf Wunder, weil durch sie eine gewisse Objektivität gewährleistet werden soll. Wunder können wir Menschen nicht „machen“; man kann sie nur erbeten und sich von Gott schenken lassen. Die schwere prozessuale Hürde der Wunder soll letzten Endes den Glauben zum Ausdruck bringen, dass „Gott selbst es ist, der das vorbildliche Tun und Wirken eines Dieners Gottes auf Erden nach dessen Tod durch Zeichen und Wunder bekräftigt“(Winfried Schulz, Das neue Selig- und Heiligsprechungsverfahren, Paderborn 1988, S. 136.). Freilich wurde und wird auch darüber diskutiert, ob der Nachweis eines Wunders in unserer Zeit noch gefordert werden soll. Der Papst hat auf jeden Fall die Möglichkeit, davon Abstand zu nehmen.


Es gibt viele Menschen, die Wundern gegenüber eher skeptisch sind. Wer garantiert dafür, dass es sich wirklich um Wunder handelt? Wie?

Eine gesunde Skepsis ist auf diesem Gebiet immer angebracht. Doch man sollte nicht von vornherein die Möglichkeit eines Wunders ausschließen. Hier sind unser Glaube und unser Vertrauen auf die Größe Gottes gefordert. „Denn für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1, 37). Bei den Wunderprozessen der einzelnen Kanonisationsverfahren sind in die Prüfung Theologen, aber vor allem auch Sachverständige derjenigen Gebiete eingebunden, auf deren Ebene ein mutmaßliches Wunder angezeigt wird. Es soll damit auf möglichst breiter Basis erörtert und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus beleuchtet werden. Eines steht fest: Rein natürlich erklärbare Geschehnisse werden von der Kirche nicht vorschnell als Wunder anerkannt.


Haben Sie selbst schon einmal ein Wunder erlebt?


Ein Wunder in dem von der Heiligsprechungskongregation geforderten Sinn habe ich an mir selbst natürlich noch nicht erlebt. Ich kenne aber persönlich Menschen, an denen sich ein solches Wunder ereignete und offiziell anerkannt wurde. Wir sollten jedoch eines nicht vergessen: Wir alle sind täglich Zeugen der Wundertaten Gottes. Wer das Leben und die uns geschenkten zwischenmenschlichen Beziehungen nicht als bloße Selbstverständlichkeiten erlebt, ist eher für die Zeichen der Liebe und Zuneigung Gottes empfänglich als andere. Ein großes Wunder, das wir täglich erleben können, ist nicht zuletzt auch die Gegenwart Jesu Christi in der hl. Eucharistie. Das Geschehen der Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi bei der hl. Messe ist eines der größten Wunder überhaupt. Wenn wir wollen, können wir es jeden Tag oder wenigstens jeden Sonntag erleben.

 

 

Faszination Wunder: Domvikar Andreas Albert im Gespräch

Domvikar Andreas Albert ist Leiter der Diözesan-Pilgerstelle Regensburg. Er meint, dass Wunder gar nicht so hoch angesetzt werden müssen. Viele betrachten zum Beispiel auch die Geburt eines Kindes als ein Wunder, obwohl dies ein natürlicher Prozess ist. Warum Wunder eine Faszination ausüben, so dass Manche zum Beispiel nach Lourdes pilgern, erklärt Domvikar Albert mit der Sehnsucht der Menschen, dass Gott sich zum Positiven bewegen lässt.

(cg)