Marianne Brandl sitzt einem Mann gegenüber, von dem man nur den Hinterkopf sieht
Marianne Brandl

„Zwischen Engelkarten und Verschwörungstheorien“ - Marianne Brandl leitet die Fachstelle Sekten- und Weltanschauungsfragen

Seit 2013 leitet Marianne Brandl die Fachstelle Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Regensburg. In drei Räumen des Dachgeschosses des Diözesanzentrums Obermünster im Herzen der Regensburger Altstadt liegt das Refugium der engagierten Diplomtheologin. Bereits in den 80er Jahren wurde die Stelle eingerichtet. Es war die Zeit, in der der Bedarf nach Informationen über neue Formen von Religiosität immer größer wurde. Am Anfang waren es einzelne religiöse Gemeinschaften oder Organisationen, zu denen gefragt wurde, zum Beispiel Jehovas Zeugen, die Transzendentale Meditation, die Scientology Organisation.

Heute existieren viele kleine Organisationen und Einzelpersonen, die auf einem weltanschaulichen Hintergrund Lebenshilfe, Sinn und Orientierung anbieten, erklärt Marianne Brandl. Jedes Jahr wird sie mit etwa 80 bislang unbekannten Anbietern und Angeboten konfrontiert, von der kleinen fundamentalistischen christlichen Gruppe über fernöstliche Meditationsgurus bis hin zu Lebensberaterinnen und Heilern unterschiedlichster weltanschaulicher Prägung. Pauschale Urteile sind da kaum möglich.

Menschen, die Marianne Brandl kontaktieren, suchen unter anderem Aufklärung über Esoterik und Heilungsbewegungen, zu religiösen Gruppen und Strömungen mit fernöstlichem  oder islamischem Hintergrund oder zu freien christlichen Gemeinden. Auch Verschwörungstheoretiker und Initiativen mit rechtsideologischem Gedankengut spielen eine Rolle.

Individuelle Weltanschauung für Jedermann

Warum aber interessieren sich zahlreiche Menschen neben den großen etablierten Religionsgemeinschaften für andere weltanschauliche Strömungen?

"Ein wichtiger Aspekt ist für mich das Thema Individualisierung. Jeder scheint die ganz eigene Form seiner Religion, seiner Spiritualität, seiner Weltanschauung zu suchen. Neue Formen von Religion und Spiritualität zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Angebote immer weiter ausfächern, weil jeder versucht, das für ihn Passende auf seine Lebensfrage, auf sein spirituelles oder ästhetisches Bedürfnis zu finden. In der Vielfalt ist die Suche meist erfolgreich, wenn nicht, kreiert man selbst."

Nicht wenige Menschen, so weiß die Theologin zu berichten, verspüren in den großen Kirchen auch Defizite. Zu weit weg von konkreten Alltagsfragen erleben bestimmte Menschen ihre Angebote. Von der fremden Ästhetik, die esoterische Angebote ausstrahlen, fühlt sich so mancher wiederum angezogen. "Esoterik wirkt auf manche Menschen viel erlebnisreicher oder unmittelbarer als beispielsweise ein evangelischer oder katholischer Gottesdienst", erklärt Brandl.

 

Wertfrei erkunden – theologisch urteilen

Die Fachstelle Sekten- und Weltanschauungsfragen ist gerade deswegen notwendig, weil heute in einem Teil der Gesellschaft tatsächlich in großem Umfang Religion neu hergestellt und bedeutsamer wird. Es ist wichtig, so Brandl, diese unterschiedlichen Strömungen im Blick zu haben. Denn die Menschen, die zu ihr kommen, möchten professionelle Auskunft darüber bekommen, wenn im Zusammenhang mit Religion und Weltanschauungen Konflikte auftauchen. Sie wollen lernen, diese richtig einzuschätzen und handlungsfähig sein.

„Aus meiner Sicht hat die kirchliche Weltanschauungsarbeit auch eine wichtige apologetische Aufgabe. Es geht – im Sinne der Religionsfreiheit – zunächst darum, wertfrei zu erkunden, dann aber auch theologisch zu urteilen und zu unterscheiden. Esoterische oder alternativreligiöse Vorstellungen wie Reinkarnation, Kraftorte oder heilende Engelenergien werden aufgrund ihres breiten Vorhandenseins in der Gesellschaft zum Teil auch von Kirchenmitgliedern geteilt. Hier möchte ich mit meinen Vorträgen Hilfen zur Unterscheidung anbieten“, erklärt die Fachstellenleiterin. Die Arbeit mit Engelkarten und das Zurateziehen eines Engelmediums habe beispielsweise mit christlichem Engelglauben überhaupt nichts gemein. Dabei gehe es aber nicht nur um Abwehr, sondern auch darum, den spirituellen und existentiellen Sehnsüchten auf den Grund zu gehen. In der Beratung versucht Marianne Brandl, wenn gewünscht, auch alternative Vorstellungen aus der eigenen christlichen Tradition anzubieten.

Weltanschauungsarbeit ist dabei immer getragen vom Respekt gegenüber den suchenden Menschen und ihrer Orientierung, betont die Beraterin. Dort, wo durch weltanschauliche Konzepte Lebensmöglichkeiten massiv eingeschränkt werden oder konkrete Gefahren entstehen, ist für sie jedoch auch kritische Nachfrage und Einspruch geboten.

An ihrem christlichen Glauben schätzt Marianne Brandl, dass Glaube und Vernunft untrennbar zusammen gehören. Und diese Vernunft ist für sie keine „Sondervernunft“, sondern bleibt im Horizont aufgeklärten, modernen Denkens.

 

Jeder kann die Hilfe in Anspruch nehmen

Das Beratungsangebot von Marianne Brandl steht jedem offen, der Informationen über Anbieter und Organisationen im Bereich von Weltanschauungen und Religion sucht. Ihre Arbeit unterliegt der Schweigepflicht, das heißt, keine Namen und Inhalte werden an Dritte weitergegeben. Die Beratung ist stets ergebnisoffen. „Als kirchliche Beratungsstelle ist die Arbeit selbstverständlich einem christlichen Welt- und Menschenbild verpflichtet, dieses ist auch ein wichtiger Orientierungspunkt der Beratung. Im Mittelpunkt der Beratung steht aber der suchende Mensch. Die Beratung wird nicht von persönlichen Einstellungen abhängig gemacht“, betont die Leiterin der Fachstelle.

Die Gespräche sind in aller Regel ressourcenorientiert und zielen darauf ab, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Das heißt, dass in der Beratung von Personen anderer religiöser oder weltanschaulicher Orientierung, die eine Klärung oder Veränderung wünschen, miteinander eventuell neue Perspektiven oder erste Handlungsschritte entwickelt werden. Die Arbeit mit Angehörigen zielt auf Deeskalation durch Information über die religiöse Gruppe und besseres Verständnis für die religiösen und existentiellen Wünsche des Betroffenen ab. Manchmal ist es auch nur das gemeinsame Aushalten, wenn Betroffene in einer bestimmten Phase für Angehörige auch nicht erreichbar sind, erläutert Brandl.

 

Vorträge vor Ort

Die Arbeit von Marianne Brandl beschränkt sich aber nicht nur auf das Gesprächs- und Beratungsangebot ihrer Fachstelle. Möchte man tiefer einsteigen in bestimmte Themenbereiche, so kann man die Theologin auch für Vorträge „buchen“. Gerne kommt die Spezialistin in Schulen, Pfarreien und andere Institutionen, um die Menschen vor Ort umfassend zu informieren.

Kontakt:

Sekten- und Weltanschauungsfragen

Telefon: +49 941 597-2431

E-Mail: weltanschauungsfragen@bistum-regensburg.de