Carl Theodor von Dalberg (1744-1817)
Karl Theodor von Dalberg wurde am 8. Februar 1744 in Herrnsheim bei Worms geboren. Seine Familie war uralt, mit Anfängen, die bis weit ins Mittelalter zurückreichten. Traditionell gehörte man zu den exklusivsten Kreisen der Aristokratie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation; man verfügte über beträchtliche Besitzungen, mit dem Schwerpunkt im Rheinland, um Worms und Kreuznach; und schon mehrfach hatte man Familienangehörige in hohe und höchste Stellen gebracht, als Bischöfe und Erzbischöfe, Äbte und Fürstäbte, Präsidenten des Reichskammergerichts und so weiter. |
Dalberg wird Erzbischof von Mainz
Es sollte noch einige Jahre dauern, bis aus dem Koadjutor Dalberg tatsächlich der Erzbischof und Kurfürst Dalberg wurde. Es waren entscheidende Jahre, schlimme Jahre, die die großartigen Aussichten verdunkelten und Dalbergs ganze Existenz in Frage stellten. In Frankreich begann 1789 die Revolution; andere europäische Mächte mischten sich ein; Krieg war die Folge. Die französischen Armeen gewannen rasch die Oberhand und drangen ostwärts vor, zum Rhein und darüber hinaus. Ein großer Teil vom Herrschaftsbereich des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, einschließlich seiner Haupt- und Residenzstadt, wurde besetzt. Mehr noch: Durch den Druck der Franzosen gerieten im ganzen Heiligen Römischen Reich die Dinge ins Wanken. Zuletzt, 1801, war man gezwungen, Frieden zu schließen; das gesamte linke Rheinufer mußte an Frankreich abgetreten werden. Ein Jahr später übernahm Dalberg die Herrschaft in dem, was vom Kurfürstentum Mainz übrig geblieben war. Er stand vor schwersten Herausforderungen: Im Frieden mit Frankreich war vereinbart worden, daß im Reich alle geistlichen und viele der kleineren weltlichen Herrschaften aufgehoben und aus der dadurch entstehenden Verfügungsmasse diejenigen größeren Reichsfürsten entschädigt werden sollten, die links des Rheins Gebietsverluste hatten hinnehmen müssen. (In der historischen Fachterminologie spricht man von "Säkularisation" und "Mediatisierung".) Für Dalberg bedeutete das: Seine Existenz, die eines geistlichen Reichsfürsten, war komplett in Frage gestellt.
Er hatte Glück und kam in der allgemeinen Umwälzung, die sich anbahnte, relativ glimpflich davon. Durch geschicktes Taktieren und insbesondere durch eine weitläufige Verbindung zum neuen starken Mann in Frankreich, Napoleon Bonaparte, gelang es ihm, für sich eine Ausnahmeregelung zu erreichen. Im Reichsdeputationshauptschluß, erarbeitet und verkündet auf dem Immerwährenden Reichstag von Regensburg, wurde 1803 die Säkularisation und die Mediatisierung konkret geregelt; dabei wurde als einziges geistliches Fürstentum das von Dalberg nicht aufgelöst. Den Teil davon, den er noch besaß, das Gebiet um Aschaffenburg, durfte er behalten; und für das französisch gewordene Mainz erhielt er nun sogar seinerseits eine Entschädigung in Gestalt der Städte Wetzlar und Regensburg. Hier wurde aus fünf bisher voneinander unabhängigen Herrschaften, der Freien Reichsstadt, dem bischöflichen Hochstift und den drei reichsunmittelbaren Klöstern St. Emmeram, Niedermünster und Obermünster das neue "Fürstentum Regensburg" gebildet; es war in der Folge der Kern der Dalbergschen Besitzungen und Regensburg seine Residenzstadt.
Dalberg als Stadtherr von Regensburg
In Regensburg, kaum angekommen, leitete Dalberg umfangreiche und tiefgreifende Reformen ein. Verwaltung, Wirtschaft, Kultur, Kirche: Alles wurde reorganisiert, reformiert, modernisiert. Nur ein paar Stichworte: Dalberg schuf einheitliche Verwaltungsstrukturen. Dalberg stellte neue Kriterien für den Zugang zum Bürgerrecht auf. (Nicht mehr nur Protestanten, sondern auch Katholiken, vielleicht sogar auch Juden sollten Bürger werden dürfen.) Dalberg legte die Grundlagen für ein neues Steuersystem. Dalberg konsolidierte die öffentlichen Haushalte. Dalberg begünstigte Existenzneugründungen von Unternehmern. Dalberg initiierte eine aktive Sozialpolitik, mit staatlicher Armenfürsorge, mit der Einrichtung von Suppenküchen, mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Dalberg schuf ein modernes Gesundheitswesen, baute ein neues Krankenhaus, führte die Pockenschutzimpfung ein, ermöglichte die kostenlose Krankenversorgung von Kindern. Dalberg strukturierte die bestehenden Schulen um und gründete neue, verbesserte die Besoldung der Lehrer, nahm zeitgemäße Lerninhalte in die Lehrpläne auf. Dalberg gründete ein neues Theater, das für das ganze Volk, nicht nur für exklusive Kreise, gedacht war. Dalberg verschönerte die Stadt und ihre Straßen und Plätze durch repräsentative öffentliche Gebäude. Dalberg erschloß neues Bauland im Bereich der alten Stadtmauern und jenseits davon und schuf auf diese Weise die Voraussetzungen für ein neues Wachstum der Stadt. All das und vieles mehr geschah in einem Zeitraum von knapp acht Jahren.
Der Hintergrund von Dalbergs Aktivitäten in Regensburg: Die Entwicklung der Stadt stagnierte seit Jahrzehnten und Jahrhunderten; eine in allen Bereichen spürbare Modernisierungslücke hatte sich aufgetan. Sie zu überwinden, das war, objektiv betrachtet, Dalbergs Hauptaufgabe; es mußte aber auch in seiner eigenen subjektiven Sicht sein Hauptanliegen sein. Denn Dalberg war in Regensburg ja ein völlig Fremder; seine Herrschaft war der Stadt von außen oktroyiert worden, einer Freien Reichsstadt, die seit Generationen gewohnt war, sich selbst zu regieren. Vorbehalte und Widerstände waren zu erwarten; um ihnen zu begegnen, hatte Dalberg unter Beweis zu stellen, daß er die bestehenden Mißstände beseitigen und die so lange schmerzlich vermißten Zukunftsperspektiven entwickeln würde, kurzum: daß Regensburg von ihm und seiner Herrschaft profitierte. Und schließlich, in einem größeren Rahmen: Dalberg sah sich in seinem Fürstentum Regensburg nicht nur als ein beliebiger kleiner Fürst; schließlich war er und blieb er der Kanzler des Heiligen Römischen Reichs. Auch im Reich gehörte er zu den Modernisierern; sein Ziel war die "Reichsreform": Das Reich, antiquiert, schwerfällig, ineffizient, sollte in die Lage versetzt werden, den Anforderungen der Zeit wieder besser gewachsen zu sein, besser, als man es zuletzt in den Kriegen gegen Frankreich erfahren hatte. So gesehen gewann Regensburg, die eigene Residenzstadt, für Dalberg und seine politische Konzeption geradezu exemplarischen Charakter: Regensburg zu modernisieren, das hieß ein Modell zu schaffen für die geplante Modernisierung des Reichs.
Politischer Abstieg |
