Carl Theodor von Dalberg (1744-1817)

Karl Theodor von Dalberg wurde am 8. Februar 1744 in Herrnsheim bei Worms geboren. Seine Familie war uralt, mit Anfängen, die bis weit ins Mittelalter zurückreichten. Traditionell gehörte man zu den exklusivsten Kreisen der Aristokratie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation; man verfügte über beträchtliche Besitzungen, mit dem Schwerpunkt im Rheinland, um Worms und Kreuznach; und schon mehrfach hatte man Familienangehörige in hohe und höchste Stellen gebracht, als Bischöfe und Erzbischöfe, Äbte und Fürstäbte, Präsidenten des Reichskammergerichts und so weiter.

Eine Karriere im Dienst von Reich und Reichskirche: Das war es, was sich auch bei Karl Theodor von Dalberg schon frühzeitig abzeichnete. Er wurde für die geistliche Laufbahn vorgesehen; und dank der guten Beziehungen seiner Familie sah er sich rasch und ganz ohne eigenes Zutun, fast noch ein Kind, mit den Würden eines Domherrn in Würzburg und eines Domherrn in Mainz versehen. Nach dem Studium trat er 1763 in den Verwaltungsdienst des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz ein. Auf untergeordnete Posten folgten bald solche mit mehr an Verantwortung; schließlich, 1772, ernannte ihn sein Dienstherr zu seinem Statthalter in Erfurt. Die Stadt und das zugehörige Territorium lagen von Mainz aus gesehen ziemlich weit abseits; für Dalberg hatte das den Vorteil, daß er mehr oder weniger frei schalten und walten konnte. Die Zeitläufte waren ruhig; Dalberg widmete sich ungestört und ausgiebig Aufgaben der Verwaltung und der Verwaltungsreform. Daneben blieb ihm genügend Zeit, seiner persönlichen Neigung zu Kunst und Kultur nachzugehen: Er führte ein intensives gesellschaftliches Leben und verkehrte mit damaligen Geistesgrößen wie Wieland, Wilhelm von Humbold, Schiller und Goethe.

Dann, 1787, ein nochmaliger entscheidender Karrieresprung: Dalberg wurde zum Koadjutor seines Herrn, des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, gewählt, zu seinem Helfer und präsumptiven Nachfolger - eine Funktion, die in etwa der des Kronprinzen in einem weltlichen Fürstentum entsprach. Die Wahl fand statt vor dem Hintergrund äußerst komplizierter politischer Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich: Seit Jahrzehnten herrschte dort der sogenannte "Dualismus", die Rivalität zwischen den beiden großen Mächten Österreich und Preußen und ihrer jeweiligen Parteigänger; beide Seiten waren bei jeder sich bietenden Gelegenheit bemüht, ihren Einfluß zu vergrößern. Zum Beispiel: Der Erzbischof und Kurfürst von Mainz, der renommierteste aus dem Kreis der geistlichen Reichsfürsten, Kanzler des Heiligen Römischen Reichs und als solcher protokollarisch gleich hinter dem Kaiser rangierend, war alt; die Frage seiner Nachfolge wurde allmählich aktuell; sowohl Österreich als auch Preußen mischten sich ein, um einen jeweils genehmen Nachfolger wählen zu lassen; und je eher dies geschah, desto besser, desto klarer die Perspektive für die Zukunft. Grotesk: Dalberg galt beiden Parteien als einer der Ihren (das hatte mit seinen vielfältigen Beziehungen zu tun, die in alle Richtungen reichten, sicher aber auch mit einem für ihn typischen Hang zum Unverbindlichen, schärfer ausgedrückt: zum Unentschiedenen, Unentschlossenen); so konnte er sich, zum Zeitpunkt seiner Bewerbung eigentlich ein krasser Außenseiter, zuletzt durchsetzen. Eine glänzende Karriere, die sichere Aussicht auf eine der höchsten Positionen im Heiligen Römischen Reich: Höher zu steigen war schlechterdings unmöglich.


Dalberg wird Erzbischof von Mainz
Es sollte noch einige Jahre dauern, bis aus dem Koadjutor Dalberg tatsächlich der Erzbischof und Kurfürst Dalberg wurde. Es waren entscheidende Jahre, schlimme Jahre, die die großartigen Aussichten verdunkelten und Dalbergs ganze Existenz in Frage stellten. In Frankreich begann 1789 die Revolution; andere europäische Mächte mischten sich ein; Krieg war die Folge. Die französischen Armeen gewannen rasch die Oberhand und drangen ostwärts vor, zum Rhein und darüber hinaus. Ein großer Teil vom Herrschaftsbereich des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, einschließlich seiner Haupt- und Residenzstadt, wurde besetzt. Mehr noch: Durch den Druck der Franzosen gerieten im ganzen Heiligen Römischen Reich die Dinge ins Wanken. Zuletzt, 1801, war man gezwungen, Frieden zu schließen; das gesamte linke Rheinufer mußte an Frankreich abgetreten werden. Ein Jahr später übernahm Dalberg die Herrschaft in dem, was vom Kurfürstentum Mainz übrig geblieben war. Er stand vor schwersten Herausforderungen: Im Frieden mit Frankreich war vereinbart worden, daß im Reich alle geistlichen und viele der kleineren weltlichen Herrschaften aufgehoben und aus der dadurch entstehenden Verfügungsmasse diejenigen größeren Reichsfürsten entschädigt werden sollten, die links des Rheins Gebietsverluste hatten hinnehmen müssen. (In der historischen Fachterminologie spricht man von "Säkularisation" und "Mediatisierung".) Für Dalberg bedeutete das: Seine Existenz, die eines geistlichen Reichsfürsten, war komplett in Frage gestellt.

Er hatte Glück und kam in der allgemeinen Umwälzung, die sich anbahnte, relativ glimpflich davon. Durch geschicktes Taktieren und insbesondere durch eine weitläufige Verbindung zum neuen starken Mann in Frankreich, Napoleon Bonaparte, gelang es ihm, für sich eine Ausnahmeregelung zu erreichen. Im Reichsdeputationshauptschluß, erarbeitet und verkündet auf dem Immerwährenden Reichstag von Regensburg, wurde 1803 die Säkularisation und die Mediatisierung konkret geregelt; dabei wurde als einziges geistliches Fürstentum das von Dalberg nicht aufgelöst. Den Teil davon, den er noch besaß, das Gebiet um Aschaffenburg, durfte er behalten; und für das französisch gewordene Mainz erhielt er nun sogar seinerseits eine Entschädigung in Gestalt der Städte Wetzlar und Regensburg. Hier wurde aus fünf bisher voneinander unabhängigen Herrschaften, der Freien Reichsstadt, dem bischöflichen Hochstift und den drei reichsunmittelbaren Klöstern St. Emmeram, Niedermünster und Obermünster das neue "Fürstentum Regensburg" gebildet; es war in der Folge der Kern der Dalbergschen Besitzungen und Regensburg seine Residenzstadt.



Dalberg als Stadtherr von Regensburg
In Regensburg, kaum angekommen, leitete Dalberg umfangreiche und tiefgreifende Reformen ein. Verwaltung, Wirtschaft, Kultur, Kirche: Alles wurde reorganisiert, reformiert, modernisiert. Nur ein paar Stichworte: Dalberg schuf einheitliche Verwaltungsstrukturen. Dalberg stellte neue Kriterien für den Zugang zum Bürgerrecht auf. (Nicht mehr nur Protestanten, sondern auch Katholiken, vielleicht sogar auch Juden sollten Bürger werden dürfen.) Dalberg legte die Grundlagen für ein neues Steuersystem. Dalberg konsolidierte die öffentlichen Haushalte. Dalberg begünstigte Existenzneugründungen von Unternehmern. Dalberg initiierte eine aktive Sozialpolitik, mit staatlicher Armenfürsorge, mit der Einrichtung von Suppenküchen, mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Dalberg schuf ein modernes Gesundheitswesen, baute ein neues Krankenhaus, führte die Pockenschutzimpfung ein, ermöglichte die kostenlose Krankenversorgung von Kindern. Dalberg strukturierte die bestehenden Schulen um und gründete neue, verbesserte die Besoldung der Lehrer, nahm zeitgemäße Lerninhalte in die Lehrpläne auf. Dalberg gründete ein neues Theater, das für das ganze Volk, nicht nur für exklusive Kreise, gedacht war. Dalberg verschönerte die Stadt und ihre Straßen und Plätze durch repräsentative öffentliche Gebäude. Dalberg erschloß neues Bauland im Bereich der alten Stadtmauern und jenseits davon und schuf auf diese Weise die Voraussetzungen für ein neues Wachstum der Stadt. All das und vieles mehr geschah in einem Zeitraum von knapp acht Jahren.

Der Hintergrund von Dalbergs Aktivitäten in Regensburg: Die Entwicklung der Stadt stagnierte seit Jahrzehnten und Jahrhunderten; eine in allen Bereichen spürbare Modernisierungslücke hatte sich aufgetan. Sie zu überwinden, das war, objektiv betrachtet, Dalbergs Hauptaufgabe; es mußte aber auch in seiner eigenen subjektiven Sicht sein Hauptanliegen sein. Denn Dalberg war in Regensburg ja ein völlig Fremder; seine Herrschaft war der Stadt von außen oktroyiert worden, einer Freien Reichsstadt, die seit Generationen gewohnt war, sich selbst zu regieren. Vorbehalte und Widerstände waren zu erwarten; um ihnen zu begegnen, hatte Dalberg unter Beweis zu stellen, daß er die bestehenden Mißstände beseitigen und die so lange schmerzlich vermißten Zukunftsperspektiven entwickeln würde, kurzum: daß Regensburg von ihm und seiner Herrschaft profitierte. Und schließlich, in einem größeren Rahmen: Dalberg sah sich in seinem Fürstentum Regensburg nicht nur als ein beliebiger kleiner Fürst; schließlich war er und blieb er der Kanzler des Heiligen Römischen Reichs. Auch im Reich gehörte er zu den Modernisierern; sein Ziel war die "Reichsreform": Das Reich, antiquiert, schwerfällig, ineffizient, sollte in die Lage versetzt werden, den Anforderungen der Zeit wieder besser gewachsen zu sein, besser, als man es zuletzt in den Kriegen gegen Frankreich erfahren hatte. So gesehen gewann Regensburg, die eigene Residenzstadt, für Dalberg und seine politische Konzeption geradezu exemplarischen Charakter: Regensburg zu modernisieren, das hieß ein Modell zu schaffen für die geplante Modernisierung des Reichs.


Politischer Abstieg
In Regensburg waren Dalberg große Erfolge beschieden; auf der Ebene des Reichs scheiterte er kläglich. Den starken Mann, dem er seit 1803 seine politische Fortexistenz verdankte, Napoleon Bonaparte, hielt er für seinen Verbündeten, der ihm den Rücken stärken sollte bei seinen Reformvorhaben im Reich; in Wirklichkeit jedoch war Napoleon nicht an einer Erneuerung des Reichs gelegen, sondern an dessen weiterer Schwächung und, wo möglich, völliger Zerstörung. Und je stärker Napoleon in den folgenden Jahren wurde, mit weiteren Kriegen und Siegen, desto mehr setzte er sich durch. Schon 1806 traten auf seine Initiative eine ganze Reihe von Fürsten aus dem Reich aus und bildeten den sogenannten "Rheinbund", mit Napoleon als ihrem Protektor; damit war das Heilige Römische Reich nach tausendjähriger Geschichte am Ende. Dalbergs Reichsreform war gegenstandslos geworden. Zwar versuchte er, nun innerhalb des neuen Rheinbunds aktiv zu werden und seine Ziele zu verfolgen; doch sein Einfluß, der nie besonders groß gewesen war, schwand von Tag zu Tag dahin. Zuletzt, 1810, mußte er sogar Regensburg wieder aufgeben, weil der bayerische König, einer der wichtigsten Verbündeten Napoleons in Deutschland, sein Auge darauf geworfen hatte. Immerhin gab es auch diesmal wieder eine Entschädigung: Dalberg erhielt Frankfurt, kombiniert mit der Würde eines Großherzogs. Eine auch nur ansatzweise selbständige Position konnte er jedoch nicht mehr einnehmen; vollständig war er der Lust und Laune Napoleons ausgeliefert.

So kam es, wie es kommen mußte. Als sich das Blatt zu wenden begann, als Napoleon nach dem Desaster im Rußlandfeldzug 1812 in die Defensive geriet, verfügte Dalberg nicht mehr über die Freiheit, wie die anderen deutschen Fürsten die Seiten zu wechseln. Er blieb an Napoleons Seite; zusammen mit ihm verlor er seine Herrschaft. Während des Umsturzes zog er sich in die Schweiz ins Exil zurück; erst als sich das Unwetter verzogen hatte, wagte er sich wieder hervor. Seine politischen Ämter und Würden hatte er verloren; was ihm blieb, war die geistliche Funktion eines Erzbischofs in Regensburg. Daran erinnerte er sich jetzt; und so kehrte er 1814 nach Regensburg zurück. Nichts war mehr an ihm vom Fürsten und Politiker; ein siebzigjähriger alter Mann suchte Ruhe und fand sie in einem zurückgezogenen Leben. In aller Bescheidenheit verbrachte er seine letzten Tage. Karl Theodor von Dalberg starb in Regensburg am 10. Februar 1817. (Text: Matthias Freitag)

zum Seitenanfang

Bistum Regensburg auf Facebook - Gefällt mir!

 

JugendROMFahrt 2012

 

Anna Schäffer auf Facebook - "gefällt mir"

 

Dem Bischof begegnen

 

Institut-Papst-Benedikt XVI.

 

Kirchensteuerbroschüre 2011

 

Abonnieren Sie hier den Newsletter des Bistums

 

Schwangerschaftsberatung