Bischof Dr. Dr. h.c. Rudolf Graber (1903-1992)

Rudolf Graber hat als Priester, Gelehrter, Hochschulprofessor und Bischof das geistliche und ebenso das geistige Antlitz des Katholizismus des 20.Jahrhunderts in Bayern, im gesamt deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus entscheidend mitgeprägt und der Kirche wichtige geistesgeschichtliche, theologische und praktisch pastorale Impulse gegeben. Als Priester und Bischof kommt ihm zudem das einzigartige verdienst zu, vielen im Innersten wurzellos gewordenen Menschen geistigen Halt und eine tragfähige religiöse Lebensorientierung gegeben und durch seine zahlreichen Publikationen ein wertvolles Erbe hinterlassen zu haben.

Bei der Betrachtung der irdischen Pilgerschaft dieses frommen, gelehrten bayerischen Bischofs offenbart sich etwas vom Mysterium des Dreieinigen Gottes, der ihn nicht nur zum Priestertum berufen und auserwählt, sondern ihm auch außerordentliche Gnadengaben mit auf den Lebensweg gegeben hat, damit er als Priester, Hirte, Gelehrter und Bischof in hohem Maße wirken konnte.


Kindheit und Studienjahre
Am 13.September 1903 wurde Rudolf Graber in der Festspielstadt Bayreuth / Erzbistum Bamberg als Sohn eines Königl.-Bayerischen Justizbeamten geboren und getauft. Nach dem beruflich bedingten Wohnsitzwechsel der Eltern wuchs er ab 1904 in Nürnberg, das ihm zur Heimatstadt wurde, auf. Bereits als Schüler des Neuen Gymnasiums schloss er sich der Marianischen Congregation “Latina Maior“ an. Damit wurde, gefördert durch seine frommen Eltern, der Grundstein gelegt für seine lebenslange Marienliebe und Verehrung, die ihn geprägt hat. Nach seiner Reifeprüfung mit Auszeichnung 1922, überschattet durch den Tod seiner Mutter, trat er in das Priesterseminar Eichstätt ein und studierte an der dortigen bischöflichen Hochschule Philosophie; das Theologiestudium absolvierte Graber als Alumne des Collegium Canisianum an der Universität Innsbruck. Nach der Priesterweihe am 1.August 1926 in der Abteikirche Plankstetten durch Bischof Johannes Leo v. Mergel wurde er zum Weiterstudium in Rom beurlaubt. Er fand Aufnahme im Priesterkolleg Santa Maria del‘Anima, von wo aus er die berühmte Dominikaner-Hochschule Angelicum besuchte, an der er im Frühjahr 1929 zum Dr.theol. promovierte.

Der Aufenthalt in Rom bedeutete für den jungen Priester eine engere Verwurzelung mit dem Alltag der Weltkirche, ihrer Universalität und ihrer Bedeutung. Aus jener Zeit stammen auch viele weitreichende persönliche Beziehungen, die Graber als Bischof bis in sein hohes Alter mit Theologen aus zahlreichen Ländern als regen befruchtenden Austausch pflegte.



Priester und Lehrer
Nach Bayern zurückgekehrt, unterrichtete er ab 1929 als hauptamtlicher Lehrer Religion und Latein an der Realschule in Neumarkt/Opf. und betätigte sich zugleich als Provisor des dortigen Pfarrbenefiziums in der Jugendseelsorge, vor allem beim Bund Neudeutschland. Damit stellte er die Fülle seines Wissens sofort in den Dienst der Seelsorge und erhielt damit die Abrundung seiner Ausbildung in der Praxis.

Grabers eindeutige Ablehnung des Nationalsozialismus missfiel bereits im März 1933 den Neumarkter Parteigenossen, was in der inzwischen gleichgeschalteten “Neumarkter Zeitung“ ihren Niederschlag fand und als ernstzunehmende Drohung aufzufassen war.

Der Eichstätter Bischof Konrad Graf v. Preysing, ein entschiedener NS-Gegner, bestrebt, die besten Kräfte seines Klerus zu konzentrieren und angetan von dem so fruchtbaren Wirken Grabers als Jugendseelsorger, ernannte ihn am 16.September 1933 zum Expositus in Wasserzell bei Eichstätt und zugleich zum Religionslehrer am Gymnasium sowie am Lehrerseminar der Bischofsstadt. Zu Beginn des Jahres 1937 erhielt Graber einen Lehrauftrag für Aszetik und Mystik an der Hochschule und 1939 das verantwortungsvolle und damals gefahrvolle Amt des Dompredigers. Dass Eichstätt als geistliche Trutzburg gegen den Nationalsozialismus galt, die jeden Einbruch erfolgreich abzuschlagen vermochte, war sicher auch ein Verdienst des Dompredigers Graber, der das Wort Gottes von der Kanzel und mit der Feder so zu verkünden verstand, dass die Gläubigen in ihrem Christsein und in ihrem Stehvermögen im Alltag bestärkt wurden. 1941 wurde er außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte, vorübergehend auch für Patrologie, Fundamentaltheologie, Aszetik und Mystik, im Dezember 1946 Ordinarius für diese Disziplinen.

Grabers 20-jährige akademische Lehrtätigkeit wurde begleitet von einem reichen wissenschaftlichen und publizistischen Schaffen, als dessen zentrales Anliegen bei aller thematischen Vielfalt die Verkündigung des Bleibenden christlicher Überlieferung war, stets orientiert an der Theologie der Kirchenväter sowie an Grundmotiven neuzeitlicher französischer Spiritualität. Dabei zeigte er niemals falsche Nachgiebigkeit gegenüber gewissen Zeitströmungen - weder damals noch später als Bischof - ‚ sondern bemühte sich stets das Wort Gottes in Wahrheit zu verkünden. Seine große Hörer- und Lesergemeinde wurde sicherlich schon damals von der religiösen Tiefe und ebenso von der meisterhaften Formung des Dargebotenen angesprochen, wodurch er zu einem vielgesuchten Prediger und Referenten bei Kongressen, Tagungen und Konferenzen in ganz Europa wurde. Mit einem feinen Gespür für den Pulsschlag der Zeit gelang es ihm, Beziehungen zu führenden Persönlichkeiten und Bewegungen aufzubauen, die ebenso wie er aus christlicher Sicht die Zeitprobleme zu bewältigen suchten.

Nach dem Zusammenbruch des “tausendjährigen Reiches“ und dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gab es wahrlich Probleme genug. Gewiss, die Kirche war trotz massiver struktureller Einbrüche innerlich ungebrochen und konnte sich in Bayern auf die Treue des katholischen Volkes verlassen. Dennoch erkannte sie bald die Notwendigkeit einer geistlichen Erneuerung, nicht zuletzt gegenüber dem wachsenden sozialistisch-marxistischen Einfluss mit seinem liberalen und materialistischen Fundament.
Einer der ersten, der die religiös-sittliche Wirklichkeit erkannt und die Gefahr des zunehmenden lautlosen Abfalls von der Kirche vorausgesehen hat, war Professor Graber. In seinem vielbeachteten Vortrag “Maria und das Reich Gottes“ beim Katholikentag 1950 in Passau sagte er bereits: “Wir müssen den Mut haben, es uns einzugestehn, dass es trotz mannigfacher Blütenansätze, aufs Ganze gesehen, rückwärts geht und wir mit unserer ganzen pädagogischen und seelsorglichen Kunst am Ende Und er verwies auf die fortschreitende Verweltlichung, die auf weiten Strecken zu einem Absterben des religiösen Organs im Menschen führen würde. Fünf Jahre später, auf dem 7.Internationalen Christkönigskongress in Leutesdorf 1955 erklärte er: “Die Kirche sieht sich einer völlig säkularisierten, gottentfremdeten Weltöffentlichkeit gegenüber, angesichts der das antike Heidentum geradezu als fromm bezeichnet werden muss.“ Priester und Laien müssten angesichts dieses modernen Heidentums wieder enger aneinanderrücken.

Das war kein Pessimismus, wie manche glaubten, sondern eine durchaus realistische Einschätzung der Zeitsituation. Aber Graber hat es nicht bei der Analyse belassen, er zeigte auch den Weg, der zu gehen ist. Verwurzelt in der Liebe zur Gottesmutter und fest davon überzeugt, dass die“ Hilfe der Christen“ selbst in dieser Zeit “Notwenderin“ sein kann und sein wird, wurde er seither nicht müde, den Menschen immer wieder zu sagen: “Durch Maria zu Jesus! “In Wort und Schrift, durch sein persönliches Zeugnis und durch zahlreiche wirksame Aktionen verwies er fortan auf Maria als Vorbild der Kirche, empfahl sie als Lehrerin des geistlichen Lebens für die einzelnen Christen, weil er erkannt hatte, dass gerade die Menschen im Umbruch der Zeit des “vollkommenen Vorbilds“ bedürfen, um wie Maria “im Gehorsam gegen den Willen des Vaters Weg und Mittel zur eigenen Heiligung zu finden“. Und das gläubige Volk, gleich welchen Standes, hat bei seinen Predigten und Vorträgen gespürt - Reaktionen beweisen es - ‚ dass hier ein Priester mit dem Herzen spricht und das auch glaubt und vollzieht, was er sagt.


Initiativen des Bischofs
Die fruchtbaren Priesterjahre in Neumarkt und Eichstätt wurden schließlich die beste Vorbereitung für die große Verantwortung, die ihm Papst Johannes XXIII. am 28.März 1962 mit der Berufung auf den Regensburger Bischofsstuhl überantwortet hat. Die Beurteilung, die dem neuen Bischof vorausging und in zahlreichen Veröffentlichungen des Jahres 1962 über ihn zu lesen ist, hat sich im Grunde nie geändert: ein gütig vornehmer Mensch ein vorbildlicher Priester, ein eifriger Seelsorger, ein hervorragender Wissenschaftler, ein begnadeter Prediger und Autor, ein frommer Beter.

Sein Wahlspruch “In Liebe dienen" und ebenso sein Wappen bilden zusammen den Schlüssel zur Persönlichkeit Grabers. Sie sind das Programm eines Oberhirten, der gleich einem Pfeiler im Strom fest in der Zeit steht und dieser zeit wirksam begegnen will, der den Menschen das sein will, was sie sich erwarten und erhoffen: ein guter Hirte, ein Vater seiner Diözese.

Sein Programm, das er bereits in seinem ersten Hirtenwort “In der Liebe des Heiligen Geistes grüße ich das ganze Bistum!", am Tag seiner Konsekration durch Erzbischof Julius Kardinal Döpfner im Dom zu Regensburg, am 2.Juni 1962 darlegte, ließ den Weg erkennen, den er als Bischof bis zu seinem Lebensende gegangen ist: “Durch Maria zu Jesus“ und zur “alles umwandelnden Liebe des Heiligen Geistes". Er hat damit vorweggenommen, was 18 Jahre später, am 4.Juli 1980, Papst Johannes Paul II. in Aparecida in Brasilien gesagt hat: “Die Hirten der Kirche müssen stets den besonderen Wesenszug des treu katholischen Volkes zu achten, zu pflegen und zu unterstützen wissen, um den besten Weg zu finden, den ‘durch Maria zu Jesus'."

Die Bischofsernennung Grabers fiel zeitlich mit dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils zusammen, an dessen vier Tagungsperioden er teilnahm und auf dem er namentlich für die Verankerung des Marianischen Schemas in der Kirchenkonstitution "Lumen gentium" eintrat. Den vom Konzil angestoßenen Reformen stand Graber als Vertreter der katholischen Mitte durchaus aufgeschlossen gegenüber, wenngleich er es als notwendig erachtete, in Wort und Schrift unermüdlich zur Wachsamkeit gegenüber Krisenerscheinungen der nachkonziliaren Kirche aufzurufen und insbesondere von einem Neo-Modernismus und dem fortschreitenden Säkularismus zu warnen. Neuerungen, die sich in bloßen Strukturveränderungen zu erschöpfen drohten, lehnte er ebenso ab wie das allzu große Vertrauen auf Organisation und “Apparat“. Dagegen setzte er auf eine in Gebet und Buße sich kundtuende Erneuerung des Gottesvolkes. Für ihn war in Übereinstimmung mit Papst Johannes XXIII. das Hauptanliegen des Konzils, wie er 1966 und 1973 in den Bußordnungen für sein Bistum betonte, die “Erneuerung der Christenheit und des einzelnen Christen“.

Mit ebenso eindringlichen Worten wandte sich Graber wiederholt an seine Diözesanpriester, deren geistliche Führung ihm besonders am Herzen lag. Hierfür begründete er im April 1969 die Monatsschrift “Directorium Spirituale“, ein geistliches Werkheft, das zunächst für den Diözesanklerus bestimmt, bald überdiözesane Bedeutung erlangte und auch in Laienkreisen großen Anklang fand.

Vielfältig waren die Initiativen Grabers im eigenen Bistum und darüber hinaus. Zur Koordinierung der pastoralen Impulse des Konzils rief er 1966 am Bischöflichen Ordinariat ein “Seelsorgereferat“ ins Leben, das 1969 als “Seelsorgeamt“ zu einer eigenständigen Behörde erhoben wurde und bei zahlreichen Aktivitäten Pate stand, wie z.B. bei der Einteilung des Diözesangebietes in acht Regionen 1968 durch den damaligen Referenten und heutigen emeritierten Domdekan Prälat Edmund Stauffer. Die Beschlüsse des II.Vaticanums wurden nun behutsam, mit viel Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme auf die traditionelle Volksfrömmigkeit auf allen Gebieten umgesetzt.
Heilige, Selige und die Diener Gottes, wie diejenigen bezeichnet werden, deren Seligsprechungsprozess in Rom anhängig ist, sind nach Auffassung Grabers Gnadengaben göttlicher Liebe und beispielgebend zugleich. Im Bemühen um die innere Erneuerung der Kirche wies er immer wieder in Wort und Schrift auf sie hin, vor allem auf jene, die die Kirche von Regensburg im Laufe ihrer Geschichte hervorgebracht hat. Allein in seinem fünfbändigen Predigtwerk befassen sich 31 Ansprachen mit diesen Großen der Christenheit. In seiner Predigt am Pest des hl. Erhard mit dem Titel “Heilige können uns retten“ am 8.Januar 1979 zitierte er ein Wort des berühmten spanischen Staatsmannes und Philosophen Donoso Cotés, der bereits im 19.Jahrhundert gesagt hat: “Nur Heilige sind noch imstande, den erkrankten Nationen die gewünschte Rettung zu bringen.“ Und Graber fügte hinzu: “Ich schlage vor, diese Worte im Straßburger Europaparlament an der Wand anzubringen.“

Bei dieser hohen Auffassung von der Bedeutung der Heiligen und Seligen im Reich Gottes ist es nicht verwunderlich, dass Bischof Graber, um die Koordinierung der damals aktuellen Seligsprechungsverfahren, an denen das Bistum Regensburg ein unmittelbares oder mittelbares Interesse besaß, herbeizuführen, am 22.November 1977 eine eigene Abteilung für Selig- und Heiligsprechungsprozesse errichtet hat. Er begründete diesen Schritt damit, dass “die derzeit dem Heiligen Stuhl unterbreiteten Seligsprechungsprozesse einer intensiven und ständigen, das römische Verfahren begleitenden Mitarbeit bedürfen“. Heute ist die Abteilung eine blühende Institution, die nicht nur Nachahmung fand, sondern auch durch ihre zahlreichen hagiographischen Publikationen tausende Hilfesuchende und Verehrer erreicht und diese zum Besuch der Gnadenstätten, z.B. der des Grabes der seligen Anna Schäffer in Mindelstetten, anregt.

Grabers Initiative sind in Regensburg auch zahlreiche Einrichtungen zur Pflege und Erforschung des kirchlichen Kulturgutes zu verdanken, so das Bischöfliche Zentralarchiv, die Zentralbibliothek, das Depot für die Kunstsammlungen auf dem Gelände des vormaligen Knabenseminars Obermünster, das bedeutende Domschatzmuseum an der Nordseite der Kathedrale, das Diözesanmuseum in der spätromanischen Ulrichskirche und schließlich seit 1967 der “Verein für Regensburger Bistumsgeschichte“ mit seinem Publikationsorgan “Beiträge zur Regensburger Bistumsgeschichte“.

“Die erstrebte Erneuerung der gesamten Kirche hängt zum großen Teil vom priesterlichen Dienst ab, der vom Geist Christi erfüllt sein muss.“ Dieser erste Satz des Dekrets über die Priestererziehung des II.Vaticanums kann als Leitwort für die Sorge Grabers um Priesterberufe und Priesterausbildung gelten. Als 1947 in Regensburg die vierte bayerische Universität errichtet wurde, bemühte er sich mit Erfolg um die Einbindung der bisherigen Philosophisch-Theologischen Hochschule als Theologische Fakultät in der Universität. Das Priesterseminar wurde von 1963 bis 1965 unter Regens Prälat Ludwig Scharf den Zeitbedürfnissen entsprechend umgebaut. Vor allem besorgt um die Seminarordnung und die Spiritualität der Priesteramtskandidaten setzte der Bischof klare Markierungen für eine Reform im Sinne einer Formierung in und durch Christus.

In seiner Sorge um den Priesternachwuchs entschloss er sich 1972 zur Gründung eines Seminars für den gesamten deutschsprachigen Raum, um Männern, die bereits im Berufsleben stehen aber vielleicht kein Abitur aufzuweisen haben, die Möglichkeit zu bieten, auf dem dritten Bildungsweg zum Priestertum zu gelangen. In Einverständnis mit dem Innsbrucker Bischof Dr. Paul Rusch wurde das überdiözesane Priesterseminar zunächst am 10. Oktober 1972 in Schwaz errichtet, dann aber am 1.August 1975 in das Zisterzienserstift Heiligenkreuz bei Wien verlegt, wo bereits eine Philosophisch-Theologische Hochschule bestand. Für die Trägerschaft des Seminars gründete Graber 1971 die Institution “Opus Summi Sacerdotis“, dessen Vorsitz er kurz nach seiner Emeritierung dem Regensburger Weihbischof und. Dompropst Vinzenz Guggenberger übertrug. Aus diesem Seminar, heute „Rudolphinum“ benannt, sind bereits zahlreiche Priester hervorgegangen. Es ist nicht verwunderlich, dass der Abt von Heiligkreuz, Prälat Gregor Graf Henckel-Donnersmarck, anlässlich der 25-Jahrfeier der Gründung des Seminars, Graber als einen “heiligmäßigen Bischof“ bezeichnet hat.

Das Wohlwollen des Regensburger Oberhirten gegenüber Orden und Kongregationen ermöglichte es, dass sich trotz rückläufiger Nachwuchszahlen neue Niederlassungen im Bistumsgebiet bildeten, so 1963 Marienschwestern vom Karmel, die in Erfüllung des Wunsches der stigmatisierten Therese Neumann (+1962) in Konnersreuth ein Anbetungskloster errichteten. 1974 besiedelten Augustinerchorherren der Windesheimer Kongregation das ehemalige Stift Paring; 1979 ließ sich im Canisiushof bei Kösching das bayerische Provinzialat der Schönstetter Marienschwestern nieder.

Das ökumenische Erwachen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg veranlasste Graber zu einer besonderen Liebe zur Kirche des Ostens und er machte sie als Bischof von Regensburg, deren Blick schon immer auf den östlichen Donauraum gerichtet war, zu seinem besonderen Anliegen. Von der Bischofskonferenz nach dem Konzil mit der Leitung einer Kontaktstelle zur Orthodoxie betraut, reiste er Ostern 1967 mit einer Delegation nach Konstantinopel, um mit dem ökumenischen Patriarchen Athenagoras II. ein Programm praktischer Zusammenarbeit zu entwickeln, das anschließend durch Besuche bei den Patriarchen Bulgariens und Serbiens auf eine breitere Basis gestellt werden konnte und in dessen Mittelpunkt zunächst die Abhaltung theologischer Symposien stand. 1976 errichtete Graber im vormaligen Klarissenkloster zu Regensburg das “Institutum Orientale“, in dem sich das mit der Orthodoxie vereinbarte Stipendiatenprogramm verwirklichen ließ. Dadurch konnte hunderten orthodoxen Theologen ein Zusatzstudium in Bayern ermöglicht werden. Das Ostkirchliche Institut wurde so als Zentrum fruchtbaren Gedankenaustausches zu einer Drehscheibe des ökumenischen Dialogs mit der Kirche des Ostens unter der Leitung von Prälat Dr.theol.Dr.h.c. Albert Rauch.

Den starken geschichtstheologischen Akzent, den Graber bereits als Hochschullehrer entwickelt hat und der in fast allen seinen Publikationen festzustellen ist - Gott allein ist Herr der Geschichte - ‚brachte er auch in sein bischöfliches Amt ein. Wie kaum ein anderer vermochte er die historische Entwicklung in Kirche und Gesellschaft aufzuzeigen, auf die Zeichen der Zeit einzugehen, um sie in ihren positiven aber auch apokalyptischen Seiten zu deuten. Besonders die heilsgeschichtliche Bedeutung Mariens und hier vor allem die der Botschaft U.L.Frau von Fatima nahm in der Theologie Grabers einen hohen Stellenwert ein. Dies zeigte sich nicht nur in seinen Predigten und Publikationen, sondern auch in der Förderung von marianischen Bestrebungen, Vereinigungen und nicht zuletzt in der Liebe zu den im bayerischen Volk verwurzelten Andachtsformen.

Seine Verehrung Mariens als PATRONA BAVARIAE veranlaßte ihn immer wieder auf die große Bedeutung des Patronats für Volk und Land der Bayern hinzuweisen. Ihm ist auch die am 8.Mai 1977 letztmals stattgefundene Großkundgebung in Altötting anläßlich der 6O.Wieder-kehr des Hochfestes PATRONA BAVARIAE zu verdanken.

Dem vielfach geäußerten Wunsch nach einer Einrichtung in den deutschsprachigen Ländern, die sich der wissenschaftlichen und praktischen Pflege von Mariologie und dem Marianischen überhaupt widmet, trug Graber durch die Errichtung des “Institutum Marianum Regensburg e.V.“ 1966 Rechnung. Das Institut, das längst über eine umfangreiche Bibliothek und ein Archiv verfügt, hat neben einer Reihe von Publikationen in den Jahren 1988 bis 1994 ein sechsbändiges, international anerkanntes “Marienlexikon“, an dem über 1.000 Wissenschaftler mitgearbeitet haben, herausgegeben, ein Jahrhundertwerk, das auf die Initiative des Bischofs zurückgeht.

Fünfunddreißig Jahre war Graber mit der 1929 vom Bamberger Kirchenhistoriker Prof. Dr. Ludwig Fischer begründeten Monatszeitschrift “Bote von Fatima" aufs engste verbunden. Zunächst von 1957 bis 1962 als Schriftleiter tätig, wurde er als Bischof deren Protektor und großer Förderer. Aber nicht nur der Zeitschrift galt sein Interesse, sondern überhaupt der Fatima-Bewegung. In seiner Bibliographie befassen sich 45 Nummern mit der Botschaft U.L.Frau von Fatima. Ah 1982 wurde die beliebte Zeitschrift das offizielle Organ des Institutum Marianum.
Das Dekret des II. Vaticanums “über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche“ (Dekret “Christus Dominus“ n.12) macht es den Oberhirten zur Pflicht, die Menschen zum Glauben zu rufen und im lebendigen Glauben zu stärken. Graber widmete diesem apostolischen Dienst seine ganze Kraft - in der Kirche von Regensburg und weit darüber hinaus. Seine zahlreichen Predigten, Ansprachen und Vorträge fanden nicht nur in der Bistumspresse, sondern in vielen einschlägigen Publikationen des In- und Auslandes lebhaften Anklang, freilich zuweilen auch ungerechtfertigte Kritik von Seiten atheistischer, liberaler und sozialistischer Medien. Somit erreichte sein Wort nicht nur anwesende Hörer, sondern zehntausende Leser, darunter auch antikirchliche Gesellschaftsschichten.

Nicht weniger bedeutsam sind seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine volksnahen Publikationen, die nicht selten hohe Auflagen erreicht haben und zum Teil in andere Sprachen übersetzt wurden. Seine anlässlich des 80.Geburtstages 1983 vom Institutum Marianum herausgegebene Bibliographie zählt insgesamt 1206 Nummern: Bücher, Kleinschriften, Predigten, Vorträge, Artikel in Zeitschriften und Zeitungen, die von 1927 bis 1983 in Druck erschienen sind. Breitgefächerte Thematik und viele zeitgemäße Anregungen für das praktische religiöse Leben machen seine Veröffentlichungen zu überzeitlichen pastoralen Hilfen. Kein geringerer als der Professor für Rechtswissenschaft an der Bundesuniversität Rio de Janeiro, Gerardo Dantas Barretto, nannte ihn zusammen mit Hans Urs von Balthasar, Heari de Lubac, Dietrich von Hildebrand und Jacques Maritain als “theologischen Zeugen“ des 2o.Jahrhunderts.

Mit Wirkung vom 14.September 1981 wurde Graber aufgrund der kirchengesetzlichen Altersgrenze von der Leitung des Bistums Regensburg entbunden, blieb jedoch noch dessen Apostolischer Administrator bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers, des bisherigen Augsburger Weihbischofs Manfred Müller am 17.September 1982.


Ehrungen
Das segensreiche, über die Grenzen der Diözese Regensburg weit hinausgehende Wirken Bischof Grabers wurde selbstverständlich durch ehrenvolle Berufungen und zahlreiche Auszeichnungen gewürdigt. Er war Mitglied der Congregatio pro Causis Sanctorum, des ständigen Komitees für internationale Mariologische Kongresse, der Academia Mariana internationalis in Rom, der Theologischen Sektion der Pontificia Academia Romana di S.Tommaso d‘Aquino e di Religione Cattolica, der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz. Ferner wurde er ernannt zum Magistrairitter des Malteser-Ritterordens, Großkreuzritter des Ordens vom Heiligen Grab in Jerusalem, Ehrenritter des Deutschherrenordens. Zahlreich sind auch die weltlichen Auszeichnungen vom Bayerischen Verdienstorden bis zum “Order of Sikatuna“ (Rank of Maginoo), dem höchsten Staatsorden der Philippinen. Auch seine früheste kirchliche Auszeichnung, die Ernennung zum Geistlichen Rat des Bistums Eichstätt, soll nicht unerwähnt bleiben.

Das ihm 1973 angetragene Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland lehnte Graber allerdings mit Entschiedenheit ab und zwar in Zusammenhang mit der Änderung des § 218. Eine aufsehenerregende Tat, die Bewunderung und besondere Anerkennung verdient und zur Nachahmung angeregt hat.

Grabers wissenschaftliche Initiativen, durch die die theologische Arbeit an der Universität Regensburg befruchtet wurde, fand 1976 Dank und Anerkennung. Die Theologische Fakultät verlieh ihm das Ehrendoktorat der Theologie. Sechs Jahre später widmete sie ihm eine Festschrift mit dem Titel “Gottesherrschaft - Weltherrschaft“. Joseph Kardinal Ratzinger stellte in seiner Buchwidmung mit Hinweis auf die “kritische Situation der Kirche heute“ anerkennend fest: “Du (Bischof Dr.Graber) hast mit einer Gelassenheit, die nur aus tiefem Glauben kommen kann, das Steuer Deines Bistums ruhig und sicher geführt.“

Sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte Graber im stillen Nerianer-Ort Aufhausen bei Regensburg. Doch auch der emeritierte Bischof hatte nicht vor, das Zeit seines Lebens gewohnte “ora et labora“ auch nur ein klein wenig einzuschränken. Die Verkündigung des Wortes Gottes im Sinne “der echten inneren Erneuerung“ war ihm nach wie vor ein Herzensanliegen

In Anerkennung seiner besonderen Verdienste verlieh ihm Papst Johannes Paul II. mit Breve vom 1.Juni 1983 die hohe nur mehr selten vergebene Würde eines Päpstlichen Thronassistenten. Drei Jahre später - am 2.April 1986 wurde er zum letzten mal vom Papst in Rom empfangen - feierte er am 3.August desselben Jahres in der Abteikirche Plankstetten, zusammen mit mehreren Bischöfen, zahlreichen Priestern und einer unübersehbaren Zahl von Gläubigen sein 6o-jähriges Priesterjubiläum. Kardinal Ratzinger hielt ihm die Festpredigt. Und wiederum fünf Jahre später, 1991, konnte der Bischof - seinem Wunsch entsprechend diesmal in aller Stille - sein Eisernes, sein 65-jähriges Priesterjubiläum begehen. Der Heilige Vater sandte ihm ein herzliches Glückwunschtelegramm.

Bis kurz vor seinem Heimgang noch immer an der Entwicklung in Kirche, Staat und Gesellschaft interessiert, noch schriftstellerisch tätig, starb er nach kurzer Krankheit am 31.Januar 1992. Am 6. Februar, es war ein Priesterdonnerstag, wurde die sterbliche Hülle des verehrten, lieben Bischofs nach feierlichem Requiem in der Bischofsgruft der Regensburger Kathedrale beigesetzt. - Seine Persönlichkeit, sein Vorbild, sein Wirken und sein Andenken sind unauslöschlich!

(Prälat Emmeram H. Ritter, Regensburg)

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