 Sonntag für Sonntag versammeln sich Christen, um Gottesdienst zu feiern, manche sogar Tag für Tag. Warum tun sie das? In der Liturgiekonstitution des II. Vaticanum heißt es: Die Feier der Liturgie ist ... „der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.“ (Sacrosanctum Concilium Nr. 10). Liturgie ist also Kraftquelle für die Christen. Das Wort „Liturgie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „öffentliches Werk“, „Dienst des Volkes und für das Volk.“ Liturgie bzw. Gottesdienst beinhaltet insofern zwei Seiten: Einerseits dienen wir Gott, wir verehren ihn und beten ihn an. Andererseits „dient“ Gott uns. Er wendet sich uns zu mit seiner befreienden, reinigenden, heilenden und heiligenden Gegenwart. Liturgie ist daher keine „Show“ (und darf es auch niemals werden!), kein von Menschen veranstaltetes Theaterstück; Liturgie ist nicht das Werk des Menschen, sondern das Werk Gottes: Christus selbst handelt hier als unser Priester und setzt das Werk der Erlösung an uns fort. Wer die Begegnung mit Christus sucht, kann ihn in der Eucharistiefeier finden. Er ist dort in einer besonderen und vielfältigen Form gegenwärtig. Er ist „gegenwärtig sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht, ... als auch v.a. in den eucharistischen Gestalten (nämlich Brot und Wein, gewandelt zu Leib und Blut Christi, Anm. des Verf.), ...Gegenwärtig ist er auch in seinem Wort, das er ja selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: ´Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.´ (Mt 18,29)“, (Sacrosanctum Concilium Nr. 7). Neben der Messfeier gibt es noch andere Formen von Liturgie, z.B. den reinen Wortgottesdienst. Die bekannteste Form der Liturgie neben der Eucharistiefeier ist wohl das Stundengebet. Es ist eine Liturgie, die sich vor allem aus Psalmengebet und ausgewählten Schriften aus Altem und Neuem Testament zusammensetzt. In den Klöstern wird es zu allen Tagzeiten gebetet. Die Priester verpflichten sich bei ihrer Weihe, sich zu bemühen, Menschen des Gebetes zu werden und zumindest das morgendliche („Laudes“) und abendliche („Vesper“) Gebet treu zu verrichten. Liturgie ist nichts Statisches, sondern muß Ausdrucksweisen dafür suchen, wie der Mensch von heute Gott begegnen kann. Die Liturgiereform, die durch das II. Vatikanische Konzil eingeläutet wurde, hat dieser Tatsache Rechnung getragen. Viele Texte wurden neu überarbeitet, der Ablauf der Liturgie wurde verändert. Damit haben sich auch viele Leute schwer getan. Dass die verschiedenen Gottesdienstformen immer nur vorläufig sein können, erklärt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ auf sehr einleuchtende Weise: Er spricht davon, dass die Liturgie, die wir jetzt feiern, ein „Vorgeschmack des Himmels“ ist. Sie ist ein Abbild der himmlischen Liturgie, die jetzt bereits im Himmel gefeiert wird. Zu ihm sind wir pilgernd unterwegs - dahin, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Daher ist Liturgie immer „Liturgie auf dem Weg, Liturgie der Pilgerschaft auf die Verwandlung der Welt hin, die dann geschehen sein wird, wenn ´Gott alles in allem´ ist.“ (Joseph Kardinal Ratzinger, Der Geist der Liturgie, S. 43). Entscheidend bleibt dabei, dass Liturgie eine Kraftquelle für uns wird, ein Ort, an dem der Himmel ein Stück für uns „aufreißt“. Sie verändert uns „dadurch, dass sie über das Leben im Alltag hinausreicht, indem sie uns an der Existenzweise des Himmels, der Welt Gottes beteiligt und damit das Licht der göttlichen Welt in die unsrige fallen lässt.“ (Joseph Kardinal Ratzinger, Der Geist der Liturgie, S. 18) Durch dieses Licht kann unser ganzes Leben ein „Gottesdienst“ werden. Im Neuen Testament bezeichnet daher das Wort Liturgie nicht nur die Feier des Gottesdienstes, sondern auch die Verkündigung des Evangeliums (vgl. Röm 15,16; Phil 2,14-17) und die tätige Nächstenliebe (vgl. Röm 15,25; 2 Kor 9,12). Literaturempfehlungen: Joseph Kardinal Ratzinger, Der Geist der Liturgie, Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2000, 3. Auflage, ISBN 3-451-27247-4 Kunzler, Michael, Die Liturgie der Kirche, Bonifatius GmbH Druck, Paderborn 1995, ISBN 3-87088-849-0 |