Seiten eines alten Chorbuchs mit Noten
Chorbuch aus dem 16. Jh., geschrieben vom Regensburger Kantor Johann Stengel

Proskesche Musikabteilung

Die Proskesche Musikabteilung der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg (RISM-Sigel: D-Rp) gilt als eine der zentralen musikalischen Altbestandssammlungen in Deutschland. Den Grundstock legte der Mediziner, Theologe und Musikforscher Carl Proske (1794–1861) mit einer über drei Jahrzehnte seines Lebens zusammengetragenen Sammlung wertvollster Musikalien.

Dr. Carl Proske (1794-1861)
Dr. Carl Proske

Dr. Carl Proske

Proske, am 11. Februar 1794 im Oberschlesischen Gröbnig geboren, war von Haus aus Mediziner. Nach einigen Jahren der Tätigkeit als Arzt in Schlesien, übersiedelte er 1823 nach Regensburg, um bei Johann Michael Sailer (1751–1832) Theologie zu studieren. Der spätere Regensburger Bischof Sailer galt als einer der führenden Köpfe der katholischen Restauration. 1826 weihte er Proske zum Priester. Vier Jahre darauf ernannte ihn 1830 König Ludwig I. zum Kanoniker am Kollegiatstift Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle.

Proskes kirchenmusikalisches Ideal

Proskes erklärtes Ziel war es, einer Verselbstständigung der Musik innerhalb der Messfeier entgegenzuwirken und die gottesdienstliche Musik wieder aufs engste mit der Liturgie zu verknüpfen. Das Verständnis von Musik als integrierender Bestandteil der Liturgie auf der Grundlage des Gregorianischen Gesangs und der altklassischen Vokalpolyphonie war seine Maxime. Die Werke vor allem von Palestrina und Orlando di Lasso erhob er zum ästhetischen Ideal. Proske initiierte damit eine kirchenmusikalisch-liturgische Reform, die in die Bewegung des Regensburger Cäcilianismus einmündete und die so genannte „Regensburger Tradition“ begründete, der noch heute die Regensburger Domspatzen verpflichtet sind.

Proskes Musiksammlung

Um sein Ziel erreichen und das hierzu erforderliche musikalische Material bereitstellen zu können, unternahm Proske in den Jahren 1834 bis 1838 drei Studienreisen nach Italien (Rom, Neapel, Bologna, Florenz, Pistoia, Venedig). Dort arbeitete er in Archiven und Bibliotheken an der Erstellung von Abschriften aus Chor- und Stimmbüchern. Er bemühte sich außerdem, alte Musikdrucke und -handschriften des 16. bis 19. Jahrhunderts sowie Theoretika und Choralia in Antiquariaten des In- und Auslands zu erwerben. Bereits um 1829 hatte er die historischen Musikalien (Antiquitates Ratisbonenses) aus der aufgelösten reichsstädtischen Lateinschule Regensburgs, dem Gymnasium Poeticum, gekauft. Seine aus Privatmitteln finanzierte Musiksammlung vermachte der am 20. Dezember 1861 gestorbene Musikforscher testamentarisch dem Regensburger Domkapitel. Viele der von Proske spartierten oder erworbenen Musikalien sind heute unikat in der Bischöflichen Zentralbibliothek überliefert.

Erweiterung des Bestands

Die Musiksammlung wurde und wird seit Proskes Tod kontinuierlich durch weitere Nachlässe und Sammlungen erweitert. Hier ein Überblick über die wichtigsten Bestandsgruppen der heutigen Proskeschen Musikabteilung in der Bischöflichen Zentralbibliothek:

Die Sammlung Mettenleiter

Spartierungen älterer Kirchenmusik von der Hand Johann Georg Mettenleiters (1812–1858), Handschriften und Drucke des 18. und 19. Jhs., eine Regensburger Opernsammlung aus dem Besitz Dominicus Mettenleiters (1822–1868), Musikzeitschriften sowie Kirchenmusikdrucke des 18. Jhs. aus dem Schottenkloster St. Jakob Regensburg

Die Sammlung Franz Xaver Witt (1834–1888)

1655 Kirchenmusikdrucke des 19. Jhs. (Besprechungsexemplare für den Cäcilienvereinskatalog), Musikerkorrespondenz (ca. 10.000 Briefe), Musikzeitschriften, Kompositionsautographen eigener und fremder Werke

Die Bibliothek Franz Xaver Haberl (1840–1910)

Chorbücher und Stimmbücher des 16. und 17. Jhs., Choralia, Sammlung Julius Joseph Maier, Sammlung Peter Heinrich Thielen, Druckvorlagen, Theoretika

Weitere Bestände

  • D Ms: Musikhandschriften aus dem Dom St. Peter
  • AK Ms: Musikhandschriften aus dem Kollegiatstift U. L. Frau zur Alten Kapelle
  • S JaS: Musikhandschriften aus der Stadtpfarrkirche St. Jakob Straubing
  • S Jo: Musikhandschriften aus dem Kollegiatstift zu den Heiligen Johann Baptist und Johann Evangelist Regensburg
  • Mus. ms. (Musica manuscripta): Musikhandschriften unterschiedlicher Provenienzen
  • K.u.V. (Kirchen- und Volkslied): Liederbücher des 19. und 20. Jhs.
  • Mus. pr. (Musica practica): neuere Musikdrucke (Einzel- und Gesamtausgaben)
  • Mus. th. (Musica theoretica): wissenschaftliche Sekundärliteratur
  • Mus. tx. (Textbücher): Sammlung von Libretti seit dem 18. Jh.

Die Musikernachlässe der Proskeschen Musikabteilung (Auswahl)

(chronologisch nach Geburtsjahr):

  • Johann Jakob Samberger (1819–1879)
    Kirchenmusiker und Komponist in Ingolstadt
  • Franz Bieger (1833–1907)
    Pfarrer in Genderkingen (Donauwörth), Komponist
  • Michael Haller (1840–1915)
    Kanoniker, Komponist
  • Adalbert Hämel (1860–1932)
    Lehrer, Komponist
  • Karl Eduard Weinmann (1873–1929)
    Priester, Direktor der Regensburger Kirchenmusikschule, Bibliothekar der Proske-Sammlung
  • Joseph Poll (1873–1955)
    Priester, Bibliothekar der Proske-Sammlung
  • Alfons Stier (1877–1952)
    Komponist, Chorleiter, Organist, Musikpädagoge, Musikredakteur
  • Wenzeslaus Bicherl (1885–1966)
    Chorregent an St. Mang, Stadtamhof
  • Karl Wimmer (1889–1971)
    Musikpädagoge, Komponist
  • Heinrich Lemacher (1891–1966)
    Professor für Komposition, Musiktheorie und Musikgeschichte an der Staatlichen Hochschule für Musik in Köln, Komponist
  • Theobald Schrems (1893–1963)
    Priester, Domkapellmeister
    Teilnachlass, übernommen aus dem Archiv der Regensburger Domspatzen
  • Rudolf Eisenmann (1894–1954)
    Lehrer, Komponist
  • Bruno Steinhauer (1908–1978)
    Pater, Komponist
  • Gertraud Kaltenecker (1915–2004)
    Komponistin, Sängerin
  • Felix Hörburger (1916–1997)
    Musikethnologe, Komponist
  • Ernst Kutzer (1918–2008)
    Lehrer, Komponist
  • Karl Norbert Schmid (1929–1995)
    Kirchenmusiker, Komponist
  • Raimund Walter Sterl (1936–2010)
    Organist, Komponist, Archivar

Die Sondersammlungen der Proskeschen Musikabteilung (Auswahl):

  • Sammlung Rasp: Musikhandschriften überwiegend mit Instrumentalmusik des 18. und 19. Jh. aus Nürnberger Privatbesitz
  • Sammlung Buschmann: Spezialliteratur zur Orgelkunde
  • Sammlung Hartmann: Ikonographie-Sammlung zu Ludwig van Beethoven
  • Sammlung Regensburger Liederkranz: Musikdrucke und Handschriften
  • Verlagsarchiv Pustet: Archivalien und Drucke zum Cäcilianismus, zum Regensburger Choralstreit und zur Verlagsgeschichte
  • Sammlung Eckiger Kreis: Archiv der Regensburg Künstlervereinigung Eckiger Kreis (1971–1981)
  • Tonträgersammlung

Bestandserschließung / Kataloge

Eine wissenschaftliche Neukatalogisierung macht den wertvollen Altbestand der Öffentlichkeit zugänglich. Neben der Verzeichnung der Drucke bis 1800 durch das Internationale Quellenlexikon der Musik RISM (Répertoire International des Sources Musicales) werden die Musikhandschriften innerhalb der von der Bayerischen Staatsbibliothek herausgegebenen und im Münchener Verlag G. Henle publizierten Reihe Kataloge Bayerischer Musiksammlungen bibliothekarisch erschlossen.

Veröffentlichungen über die Proskesche Musikabteilung

  • Witt, Franz Xaver: Die Proske’sche Bibliothek, in: Caecilia, hrsg. von H. Oberhoffer, Luxemburg: Heintze, 4 (1865), S. 49–51, 57–60, 75–77, 84, 93–96.
  • Weinmann, Karl: Die Proskesche Musikbibliothek in Regensburg, in: Festschrift zum 90. Geburtstage Sr. Exzellenz des Wirklichen Geheimen Rates Rochus Freiherrn von Liliencron. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1910, S. 387–403.
  • Weinmann, Karl: Die Proskesche Musikbibliothek in Regensburg, in: Kirchenmusikalisches Jahrbuch 24 (1911), S. 107–131.
  • Poll, Joseph: Die Proskesche Musikbibliothek von heute, in: Die Kirchenmusik 4 (1941), S. 42–44.
  • Scharnagl, August: Die Proskesche Musiksammlung in der Bischöflichen Zentralbibliothek zu Regensburg, in: Oberpfälzer Dokumente zur Musikgeschichte (Regensburger Beiträge zur Musikwissenschaft, Bd. 1), Regensburg: Bosse, 1976, S. 11–30.
  • Scharnagl, August: Die Proskesche Musiksammlung in Regensburg, in: Wissenschaftliche Bibliotheken in Regensburg – Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Hans-Joachim Genge und Max Pauer (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, Bd. 18). Wiesbaden: Harrassowitz, 1981, S. 130–146.
  • Mai, Paul: Die Proske’sche Musiksammlung in der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg, in: Bibliotheksforum Bayern 20 (1992), S. 255–262.
  • Scharnagl, August: Die Proskesche Musiksammlung in der Bischöflichen Zentralbibliothek zu Regensburg, in: Bischöfliche Zentralbibliothek Regensburg: Thematischer Katalog der Musikhandschriften: 1. Sammlung Proske. Manuskripte des 16. und 17. Jahrhunderts aus den Signaturen A.R., B, C, AN, beschrieben von Gertraut Haberkamp (Kataloge Bayerischer Musiksammlungen, Bd. 14/1), S. XI –XXVI.
  • Dittrich, Raymond: „... eine musikhistorische Sammlung ersten Ranges“: die Proskesche Musikabteilung in der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg. Zugleich ein Rückblick auf 150 Jahre Proske-Sammlung, in: 40 Jahre Bischöfliches Zentralarchiv und Bischöfliche Zentralbibliothek Regensburg 1972–2012. Ausstellung in der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg, 26. Oktober 2012 bis 1. Februar 2013, Regensburg 2012, S. 97–133.