Bischof Voderholzer: Die Gott ist tot-Botschaft richtig verstehen

19.04.2017

Wer heutzutage einen Blick in die Nachrichten wirft, dem kann schon mitunter das Gefühl beschleichen, dass die Welt zu einem einzigen großen, traurigen Karsamstag geworden ist: Ein Ort fern von Gott, fern von Hoffnung und Erlösung. Gott ist tot, möchte man meinen - hat Nietzsche also doch recht? Nein - denn auf die Grabesruhe am Karsamstag folgt auch immer die österliche Freude über den auferstandenen Herrn und Gott Jesus Christus, so Bischof Rudolf Voderholzer.

Gedanken vom ihm zum Karsamstag - bedenkenswert auch über das Osterfest hinaus.

 

 

Osterwort von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer

 

Die große Stille

Eine Betrachtung des Karsamstages mit Benedikt XVI.

Karsamstag. Der Tag bringt das Empfinden vieler Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts auf den Punkt: Gott ist tot. "Hinabgestiegen in das Reich des Todes", heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Was bedeutet dieser Tod Gottes?

Als Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., am 16. April 1927 in Marktl am Inn zur Welt kam, exakt morgen vor 90 Jahren also, war Karsamstag. Da wundert es nicht, dass ihn die Spannung dieses Tages zeitlebens theologisch herausforderte. In der längst zum Klassiker gewordenen "Einführung in das Christentum" widmet er dem Thema etliche Passagen, die in ihrer Offenheit und existenziellen Tiefe bestechen: "Am Karfreitag ... bleibt immerhin der Blick auf den Gekreuzigten, Karsamstag aber ist der Tag des 'Todes Gottes', der die unerhörte Erfahrung unserer Zeit ausdrückt und vorwegnimmt, dass Gott einfach abwesend ist, dass das Grab ihn deckt, dass er nicht mehr aufwacht, nicht mehr spricht, so dass man nicht einmal mehr ihn zu bestreiten braucht, sondern ihn einfach übergehen kann. 'Gott ist tot, und wir haben ihn getötet'. Dieses Wort Nietzsches gehört sprachlich der Tradition der christlichen Passionsfrömmigkeit zu; es drückt den Gehalt des Karsamstags aus, das 'Abgestiegen zu der Hölle'."

Wo ist Euer Gott? Wo wirkt er? Wie zeigt er sich? Sind es nicht gerade diese Fragen, die einen Christen heute bedrängen, nicht nur von außen, sondern gerade auch noch einmal von innen her. Nur ein kurzer Blick auf die Nachrichtenlage, und es kann einem Angst und Bange werden. Die großen Mächte rüsten auf, die nationalistischen Kräfte erstarken. Und für alle Gottesfürchtigen besonders bedrängend: Religion wird für politische und wirtschaftliche Zwecke instrumentalisiert. "Gott ist groß!" wird zum Synonym für den Auftakt zu Mord und Totschlag.

Dieser bedrängenden Erfahrung stellt Ratzinger die Ostererfahrung der Emmausjünger gegenüber. Sie werden gerade in ihrer Hoffnungslosigkeit über sich hinaus- und so neu zu Gott geführt. Gott ist nicht verschwunden, sondern nur das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatten. So wie sie ihn sahen, gibt es ihn nicht mehr, aber er ist auf neue Art lebendig. Und er geht mit ihnen auf dem Weg und sie unterhalten sich mit ihm, aber sie erkennen ihn nicht. Ihre Vorstellungen, wie Gott in der Welt handeln müsse, nämlich als der machtvoll auftrumpfende in Gestalt des "politischen Messias", mussten zuerst durch-kreuzt werden. "Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit einzugehen?" Gottes Handeln lässt sich nicht mit weltlichen Maßstäben messen. Erst nach der Ent-Täuschung durch Jesu "alttestamentliches Seminar über sich selbst" waren sie bereit für ein neues Sehen. Am Brechen des Brotes, am Zeichen seines Lebensopfers, an der unblutigen Form seiner Kreuzeshingabe erkennen sie ihn, geht ihnen auf: Er ist nicht verschwunden, sondern da, aber in verwandelter und viel größerer Form als vorher. "Ihr Bild, [...] in das sie ihn einzuzwängen versuchten, musste zerstört werden, damit sie gleichsam über den Trümmern des zerstörten Hauses wieder den Himmel sehen konnten und ihn selber, der der unendlich Größere bleibt."

Joseph Ratzinger ist noch am Tag seiner Geburt in der Pfarrkirche in Marktl am Inn getauft worden. In seiner Familie wurde dies immer als ein besonderes Zeichen der Vorsehung gedeutet. Der Geburt in die Herkunftsfamilie folgte unmittelbar im Zeichen des Kreuzes die Wiedergeburt und die Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft der Kirche, die neue Familie der Schwestern und Brüder Jesu Christi. Ihr Auftrag ist es, der Welt den Gott der gekreuzigten Liebe zu bezeugen. Der liturgischen Feier des Brotbrechens, worin der auferstandene Herr neu und alle Grenzen von Raum und Zeit überschreitend gegenwärtig ist, entspricht das Brechen des täglichen Brotes in tätiger Nächstenliebe. Mit meinem frohen Ostergruß an Sie, liebe Leserinnen und Leser, verbinde ich heuer die herzlichsten Glück- und Segenswünsche nach Rom!