Bischofspredigt zum Jahresabschluss 2017

02.01.2018

Predigt zur Messe am Jahresschluss, 31. Dezember 2017, zugleich Sonntag und Fest der Heiligen Familie

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Der letzte Tag des bürgerlichen Jahres fällt in diesem zu Ende gehenden Jahr 2017 auf den ersten Sonntag nach Weihnachten und damit auf das Fest der Heiligen Familie. Man könnte das fast providentiell nennen, denn für die bürgerliche Familie und ihre Grundlage, nämlich die auf die Weitergabe des Lebens hin offene Verbindung von Mann und Frau war das Jahr 2017 in Deutschland kein gutes Jahr.

In einer Hau-Ruck-Aktion, wie es die Bundesrepublik bis dahin noch nicht erlebt hatte, wurde am 30. Juni die in unvordenkliche Zeiten zurückreichende, für die Zukunftssicherung unseres Gemeinwesens unverzichtbare und vom Grundgesetz ausdrücklich geschützte Institution „Ehe“ terminologisch ausgehöhlt und sachlich nivelliert – mit unabsehbaren Folgen. Die Gesetzgebung ist immer auch bewusstseinsbildend. Rechtliche Gleichbehandlung suggeriert auch sonst vermeintliche Gleichheit.

Um zu vermeiden, dass das Thema einen ganzen Sommer lang den Wahlkampf beherrscht, und um ihre eigenen Chancen auf eine Wiederwahl nicht zu gefährden, nahm die Bundeskanzlerin der SPD, welche die – fälschlicher und irreführender Weise so genannte – „Ehe für alle“ schon im Juni zur Koalitionsbedingung gemacht hatte, kurzerhand den Wind aus den Segeln und gab den Weg frei für eine Abstimmung im Bundestag. Das Ergebnis ist allseits bekannt.

Gedankt wurde der Bundeskanzlerin dieses Entgegenkommen nicht. Bis heute haben wir keine neue Regierung. Der zuvor schon bezahlte Preis aber war hoch. Das Grundgesetz wurde offenkundig missachtet. Nicht wenige Christen fühlen sich in unserem Land zunehmend politisch heimatlos. Seltsamerweise spielt das Thema aber bei der Analyse des Ergebnisses der letzten Bundestagswahl zumindest öffentlich keine Rolle.

Die am meisten Besorgnis erregende Begleiterscheinung der vollkommenen rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe ist die damit einhergehende Instrumentalisierung der Kinder. Denn da die Verbindung aus Mann und Frau der einzige natürliche und deshalb angemessene Ort der Weitergabe des Lebens ist, fördert die neue Gesetzgebung die Erwartungshaltung, auch auf andere Weise zu einem Kind und damit zu seinem Recht zu kommen. Kardinal Marx hat vor ein paar Tagen vollkommen zu Recht darauf hingewiesen, „dass man das Kind in solchen Debatten zum Produkt macht und dass es angeblich ein Recht auf ein Kind gibt“. Dem gilt es mit Kardinal Marx entgegenzuhalten, dass das Kind so „zum Objekt“ wird. „Das verletzt die Menschenwürde. Niemand hat ein Recht auf ein Kind.“ Jedes Kind ist ein Geschenk, eine Gabe. Jedes Kind ist Zweck an sich selbst und deshalb immer schon mehr als ein Element der Selbstverwirklichung seiner Eltern. Und man sollte umgekehrt das Recht eines jeden – gerade auch zukünftigen – Menschen achten, dass der Ursprung seiner Entstehung in der Unverfügbarkeit der Schöpfermacht Gottes gründet, der sich der Liebe seiner Eltern, der Liebe von Vater und Mutter bedient.

Niemand wird diskriminiert, wenn die Ehe als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau privilegiert und besonders geschützt wird als der einzige natürliche Ort der Zukunftseröffnung einer Gesellschaft. Und daran vor allem muss der Politik und den Verantwortlichen für unser Land gelegen sein.

Angesichts der schon lange außerordentlich besorgniserregenden demographischen Entwicklung in unserem Land verdienten anstelle der rechtlichen Gleichstellung vielmehr die Förderung von Ehe und Familie im Sinne des Grundgesetzes alle Kraft und Phantasie der politisch Verantwortlichen. Dazu gehören die entsprechenden finanziellen Entlastungen derjenigen, die Sorge tragen für die Zukunft und die Ermöglichung der Generationengerechtigkeit.

Ein großer Wehrmutstropfen im Kelch der Annäherung der Konfessionen im zurückliegenden Jahr des Reformationsgedenkens war es, dass sich gezeigt hat: In einem so wichtigen gesellschaftspolitischen Bereich können wir nicht mit einer Zunge sprechen. Ein konfessionsverbindendes, einmütiges Zeugnis für das biblische Menschenbild und das darin gründende Verständnis von Ehe und Weitergabe des Lebens zu geben, war nicht möglich.

Von katholischer Seite müssen wir mit Bedauern feststellen, dass die Sprache und die Vorstellungen zwischen dem staatlichen und dem kirchlichen Reden von der „Ehe“ weiter auseinanderdriften und die Sprache verwirren.

Natürlich kann die staatliche Gesetzgebung das in der Heiligen Schrift und in der Überlieferung der Kirche gründende Menschenbild und das entsprechende Ehe-Verständnis nicht antasten. Der Verwirrung der Sprache darf nicht die Verwirrung in der Sache und im Leben folgen.

Es wird daher in Zukunft noch mehr darauf ankommen, dass unsere kirchliche Verkündigung und Pastoral das Verständnis von Ehe als Sakrament deutlich macht und die Ehepartner begleitet und stärkt.

Ich bin sehr froh, dass die Ehevorbereitung im Bistum Regensburg so gut organisiert ist und auch vergleichsweise sehr gut angenommen wird. Das wird uns von Fachleuten, die Erfahrung haben weit über die Grenzen des Bistums hinaus, immer wieder sehr anerkennend attestiert. Allen Verantwortlichen im Referat Ehe und Familie, allen die in der Ehevorbereitung aber auch der Eheberatung tätig sind, gilt mein aufrichtiger Dank für die hervorragende Arbeit.

Hier können und müssen wir anknüpfen und die wichtigen Impulse von Papst Franziskus in diesem Zusammenhang aufgreifen. In einer Ansprache vom 21. Januar des zu Ende gehenden Jahres hat der Papst gesprochen von der „Notwendigkeit eines ‚neuen Katechumenats‘ zur Vorbereitung auf die Ehe […]. Dem Wunsch der Väter der letzten ordentlichen Synode entsprechend ist es dringend notwendig, konkret umzusetzen, was in Familiaris consortio (Nr. 66) bereits vorgeschlagen wurde: so wie für die Erwachsenentaufe das [sich über eine längere Phase erstreckende] Katechumenat Teil des sakramentalen Prozesses ist, muss auch die Ehevorbereitung zum festen Bestandteil des ganzen sakramentalen Prozedere der Eheschließung werden, als Gegenmittel, das die Zunahme ungültiger oder unbeständiger Eheschließungen verhindert. Ein zweites Heilmittel“, so Papst Franziskus, „besteht darin, den Jungvermählten zu helfen, auch nach der Hochzeit den Weg im Glauben und in der Kirche fortzusetzen.“

Kardinal Kasper hat sogar davon gesprochen, dass wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern im Bezug auf Ehevorbereitung und spiritueller Ehebegleitung, wörtlich, „Entwicklungsland“ seien.

Auf diesem Gebiet, liebe Schwestern und Brüder, wird in den nächsten Jahren ein Hauptaugenmerk unserer katechetischen und pastoralen Bemühungen liegen.

Das Evangelium vom heutigen Festtag ist ein Drei-Generationen-Evangelium. Zwei hochbetagte Menschen, Simeon und Hanna, begegnen der Heiligen Familie mit dem 40 Tage alten Jesus. Simeon nimmt das Kind in seine Arme und sagt die berührenden Worte, die wir alle kennen aus dem Abendgebet der Kirche: „Nun lässt du Herr, deinen Knecht … in Frieden scheiden.“ Jetzt kann Simeon getröstet loslassen, kann er Abschied nehmen von dieser Welt, denn seine „Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast“.

Simeon sieht, vom Heiligen Geist erleuchtet, in diesem Kind armer Eltern die Erfüllung seiner Hoffnung. Er preist ihn als „ein Licht, das die Heiden erleuchtet“. Ja, Jesus wird allen Heidenvölkern das Licht der Erlösung bringen. Und seinem eigenen Volk Israel, dem jüdischen Volk, bringt er die Erfüllung seiner Erwartungen.

Auf der geistigen Ebene stellt uns das Evangelium den Generationenwechsel vor Augen zwischen dem den Erlöser erhoffenden, und auf diese Weise jung gebliebenen Israel, repräsentiert durch Simeon und Hanna.

Aber schon auf der bloß menschlichen Ebene ist die Szene tief bewegend. Eine Generation kommt, eine tritt ab. Die beiden Alten, die Eltern, das Kind. Tröstlich das Bild des alten Simeon, der das neugeborene Kind in den Armen hält und dankbar vom Leben Abschied nimmt, weil dieses Kind das neue Leben bedeutet und ewiges Leben verheißt.

Jedes neugeborene Kind ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Gott die Lust und die Freude am Menschen noch nicht verloren hat. Was schon für jede Geburt gilt, gilt umso mehr für die Geburt des Gottessohnes, die wir an diesem Weihnachtsfest feiern. Und in dieser hoffnungsfroh-gläubigen Zuversicht, dass es Gottes Freude ist, unter den Menschen zu wohnen und dass er bei uns ist alle Tage und auf allen Wegen, eine Botschaft, die uns an diesem Weihnachtsfest neu zugesprochen wird, dürfen wir hinübergehen in das neue Jahr 2018 nach Christi Geburt, Amen.