Blühender Glaube - Terror und Furcht: Zur Lage der Christen in Nigeria

20.04.2017
Karin Maria Fenbert (mittig) mit den Novizinnen der Our Lady of Fatima Sister in der Diözese Jos (Foto: Kirche in Not)

Erst am Karsamstag forderte ein Anschlag in der nigerianischen Provinz Kaduna mindestens 12 Tote. Bei den Christen in Nigeria ist die Situation stets angespannt: Die christliche Bevölkerung muss weiterhin Anschläge durch die Terrormiliz Boko  Haram und den IS befürchten.

Zur aktuellen Lage der Christen in Nigeria sprachen wir mit der Geschäftsführerin von Kirche in Not (Deutschland) und dem nigerianischen Pfarrer Dr. theol. George Oranekwu, der in der Pfarrgemeinde Stallwang als Pfarrvikar tätig ist. Die Fragen stellte Stefan Ahrens.

 

 

Interview mit Karin Maria Fenbert (Geschäftsführerin von Kirche in Not Deutschland)

Frau Fenbert, Sie sind vor kurzem erstmals als Geschäftsführerin des Hilfswerks "Kirche in Not" nach Nigeria gereist, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Welchen ersten Eindruck haben Sie von diesem Land bekommen?

Man kann sagen, dass Nigeria zwei Gesichter hat - vor allem aus christlicher Perspektive:

Zum einen ist es unzweifelhaft, dass die Kirche dort wirklich am Blühen ist. Früher hat es im Nordteil des Landes kaum Christen gegeben, in den vergangenen 50 bis 60 Jahren ist ihr Anteil aber auf schätzungsweise rund 35 Prozent angestiegen. Wir waren beispielsweise in Jos, in der Diözese des Vorsitzenden der nigerianischen Bischofskonferenz, Ignatius Kaigama. Dort haben wir ein Priesterseminar besucht mit 437 Seminaristen, in der Stadt Kaduna wiederum waren es 140 Seminaristen. Die Seminare sind vollkommen überfüllt, uns wurde erzählt, dass man einerseits versucht, die Gebäude auszubauen, andererseits man aber auch dazu gezwungen sei, junge Männer mit wirklichen Berufungen zum Priesterberuf abzuweisen.

Und wir waren selbstverständlich auch in einigen Kirchen um dort die Heilige Messe zu feiern: Die Kirchen und die Messen, in denen wir waren, waren voll, es war eine unglaubliche Stimmung - dort können Heilige Messen auch mal zweieinhalb Stunden dauern. Interessant ist auch, dass es dort eine große "Fatima-Spiritualität" gibt - denn in fast jeder Kirche ist eine Statue von Unserer Lieben Frau von Fatima zu finden. Vermutlich aus einer tiefen Friedenssehnsucht heraus - so jedenfalls schilderten es mir die "Sisters of Our Lady of Fatima", die ich ebenfalls besuchen konnte.

All dieses ist umso erstaunlicher - und da kommen wir zum zweiten Gesicht Nigerias - dass es gerade im Norden des Landes zu dieser Blüte des Christentums sowie des mutigen öffentlichen Bekenntnisses kommt. Denn die Christen dort sind massiven Anfeindungen und auch offenem Terror und Gewalt vielfältigster Art ausgesetzt.

 

Sie sprechen es an: Wer Nigeria hört, denkt mittlerweile sofort an Boko Haram - die islamistische Terrororganisation, die seit Jahren insbesondere im Norden des Landes ihr Unwesen treibt.

Boko Haram ist in der Tat ein großes Problem. Es ist die schlimmste islamistische Terrororganisation der Welt, die vor Entführungen, Vergewaltigung und Mord nicht zurückschreckt.

Aber nicht nur Islamisten wie Boko Haram stellen ein Problem für die Christen dar, sondern teilweise auch ganz normale Muslime. Denn früher hat es beispielsweise im Nordteil des Landes kaum Christen gegeben - und wie ich bereits erwähnt habe ist in den vergangenen Jahren ein Anstieg der Christen im Norden von nahezu null auf 35 Prozent erfolgt. Natürlich fürchten nicht wenige Muslime den wachsenden Einfluss der Christen in Politik und Gesellschaft - einer von den Bischöfen die wir getroffen haben erzählte uns, dass er vermutetet, dass dieses vielleicht auch ein Grund ist, warum es in Nigeria schon so lange - und nicht erst seit Boko Haram - Auseinandersetzungen mit den Muslimen gibt. Die Christen haben durchaus ein starkes Potential, auch politische Entscheidungen mitzubestimmen. Das ist beispielsweise 2011 deutlich geworden, bei der Wahl des vorletzten Präsidenten, des Christen Goodluck Jonathan. Für den Frieden des Landes war es deshalb 2015 wohl ganz gut, dass wieder ein Muslim, Muhammadu Buhari, zum Präsidenten gewählt wurde - sonst wäre es wohl noch zu viel heftigeren Ausschreitungen gekommen.

Ansonsten gilt in einigen Bundesstaaten Nigerias bereits die Scharia - und es gibt Tendenzen, das Schariarecht auch in den Staaten zu etablieren, in denen dieses noch nicht gilt. Dabei steht auch eine Politik Pate, die versucht, Schlüsselpositionen mit Journalisten muslimischen Glaubens zu besetzen und in von Christen bewohnten Gebieten mehr Muslime anzusiedeln. Bei so vielen Konflikten ist da der Kampf gegen Boko Haram nur die traurige Spitze des Eisbergs.

 

 

Nigeria Maiduguri Messbesucher nach der Heiligen Messe im März 2017 (Foto: Kirche in Not)

Vermutlich haben Sie auch mit von Terror und Gewalt betroffenen Christen und deren Familien sprechen können.

Ja, das konnte ich in der Tat und es gab da wirklich herzzerreißende Erzählungen. Wir haben unter anderem mit einer Familie in Maiduguri gesprochen, der Stadt, wo Boko Haram seine Wurzeln hat. Die Familie besteht noch aus einer Mutter, zwei Kindern und der Großmutter. Die Kinder sind gerade jetzt Anfang März nach über drei Jahren aus einem Lager befreit worden, wo sie total auf den Koran gedrillt wurden, ihn auch arabisch aufsagen konnten, obwohl sie normalerweise gar nicht arabisch sprechen. Ihnen wurde gesagt, was Allah gefällt und was nicht, so dass die Kinder möglicherweise auch für Selbstmordattentate bereit gewesen wären. Dass die Kinder diese Gehirnwäsche halbwegs unbeschadet überstanden haben und trotzdem am christlichen Glauben festhalten konnten, lag vermutlich daran, dass die Großmutter ebenfalls mit verschleppt worden ist - und die Kinder sie immer wieder nicht nur als ihre Großmutter, sondern auch als Christin vor sich hatten.

Oder eine Familie, deren Haus von Boko Haram besetzt worden ist und wo sich die Familie auf dem Dachboden versteckte - immer mit der Angst lebend, von Boko Haram entdeckt zu werden. Aber wie durch ein Wunder wurde der Dachboden nicht durchsucht - und mit einem Wassertank, der sich auf dem Dachboden befand, konnte überlebt werden. Der Vater der Familie betete unaufhörlich den Rosenkranz und hoffte, dass das Wasser ausreichen würde. Und genau an dem Tag an dem das Wasser im Wassertank zur Neige ging zog Boko Haram wieder ab und die Familie bleib unentdeckt.

Dann wurde mir natürlich auch über schlimme Verbrechen berichtet, die gezielt gegen Frauen gerichtet sind - Erniedrigungen, Folter, Vergewaltigungen. Eine Frau beispielsweise wurde von ihrem Peiniger geschwängert - aber entschloss sich aufgrund ihres christlichen Glaubens das Kind zu behalten. Ihr Mann konnte das am Anfang nicht verstehen - aber dann entschlossen sich beide dieses Kind als ihr eigenes anzunehmen und hielten im Angesicht des erlittenen Unrechts zusammen. Unglaublich beeindruckend!

 

Gibt es genaue Zahlen darüber, wie viele Christen vor Terrororganisationen wie Boko Haram fliehen?

In Maiduguri sagte uns ein Kirchenvertreter, dass sich in dem dortigen Gebiet über eineinhalb Millionen Menschen aufhalten, die durch die terroristischen Taten zu Heimatvertriebenen geworden sind. Wenn man dies einmal mit der Flüchtlingsproblematik in Deutschland vergleicht, dann rückt das die Perspektiven doch wieder etwas zurecht. Allerdings ist das nicht nur Boko Haram alleine zuzuschreiben. Die drittgefährlichste Terrorgruppe der Welt soll nach den Angaben unserer Gesprächspartner vor Ort in Nigeria die Fulani-Gruppe, ein nomadisierendes muslimisches Hirtenvolk, sein. Boko Haram gilt als die gefährlichste, was die Tötungsdelikte angeht, danach der IS und dann die Fulani, die nicht nur in Nigeria agieren, aber gerade ganz stark den südlichen Teil des Bundesstaates Kaduna, der im Nordteil von Nigeria liegt, heimsuchen. Sie greifen gezielt christliche Häuser und Familien an, verschonen aber die Muslime.

Zwar haben viele Menschen in Nigeria das Glück, bei Familienangehörigen Unterschlupf zu finden, aber das ist für etwa dreißig Prozent der Vertriebenen nicht der Fall. Und hier springt in der Regel die Kirche ein. In vielen Ländern wie Nigeria tut die Kirche das, was normalerweise Aufgabe eines funktionierenden Staatswesens wäre. Ohne die Kirche würde dort vieles zusammenbrechen oder bereits zusammengebrochen sein.

 

Was können Organisationen wie Kirche in Not in dieser Situation tun?

Zunächst einmal Vertrauen vor Ort schaffen. Die Bischöfe haben es sehr geschätzt, dass die Vertreter unseres Hilfswerkes selbst gekommen sind, um sich die Situation vor Ort anzusehen. Mit unserer Anwesenheit geben wir der Bevölkerung Vertrauen - und vermutlich den Bischöfen auch, denn viele von ihnen fühlen sich doch oft alleine gelassen. Und ganz konkret helfen wir vor Ort in der Flüchtlingshilfe, beim Instandsetzen von Kirchengebäuden und natürlich bei der Ausbildung von Priestern und Ordensleuten.

 

 

 

Überblick: Glaube in Nigeria

Nigeria hat circa 160 Millionen Einwohner - davon sind rund 45 Prozent Christen, etwa 45 Prozent Muslime, 9 Prozent sind Animisten. Im Norden des Landes sind überwiegend Muslime angesiedelt, die Mehrheit der Christen lebt im Süden. Immer wieder brechen dadurch im Zentrum des Landes Konflikte auf: "Boko Haram" verübt hier Anschläge auf das Christentum.

 

 

 

Pfarrer Oranekwu (Foto: Dr. Oranekwu privat)

Interview mit Pfr. Dr. George Oranekwu (Pfarrei Stallwang) zur Situation der Christen in Nigeria

 

Dr. Oranekwu, wie würden Sie Außenstehenden erklären, was Ihrer Meinung nach Nigeria für ein Land ist?

Nigeria ist ein in allen Aspekten des Lebens reichlich von Gott gesegnet: Bodenschätze wie z.B. Erdöl, sehr fleißige und intelligente Menschen, die ergebnisorientiert sind; es gibt eine Fülle an verschiedenen Sprachen und Kulturen; und nicht zu vergessen: das herrliche Wetter. Die Leute dort sind sehr religiös und tief gläubig.

 

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Ihr Heimatland mit Deutschland vergleichen? Auch in Bezug auf den christlichen Glauben?

Was mich hier in Deutschland so fasziniert sind: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Disziplin, Freiheit und Ordnung - alles hat seinen Platz. In Bezug auf den christlichen Glauben sind auch viele Christen in Deutschland tief gläubig und vor allem großzügig. Jedoch sollten die Gottesdienste lebendiger sein und die Lieder natürlich auswendig gesungen werden. Es wäre schön, wenn mehr Jugendliche an den Gottesdiensten teilnehmen würden. Erfreulich ist aber, dass so viele Kinder hier in die Pfarreien-Gemeinschaft Stallwang-Wetzelsberg-Loitzendorf am Sonntag zur Messe kommen.

 

Die islamistische Terrormiliz Boko Haram wütet seit Jahren gegenüber Christen vor allem im Norden Nigerias, über eine Million Menschen sind auf der Flucht. Wie schätzen Sie die Lage für die dort lebenden Christen ein?

Boko Haram gibt es in Nigeria in zwei verschiedenen Formen: die sogenannte islamischen Staaten (IS) und Fulani Hirten. Durch diese Organisationenist das Leben auf dem Land sehr unsicher geworden. Die Menschen leben in ständiger Angst.

 

Was glauben Sie kann beziehungsweise muss getan werden, um Terrororganisationen wie Boko Haram - aber auch ganz grundsätzlich der Christenverfolgung weltweit - Einheit zu gebieten?

Die Christenverfolgung ist so alt wie das Christentum selbst. Bereits Jesus Christus wurde bis in den Tod am Kreuz verfolgt. Ich würde sagen: Lasst die Welt endlich Gerechtigkeit erfahren! Die Goldene Regel ist doch für Jedermann: "Alles was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen". Denn es sei gesagt, dass jede Attacke an menschlichem Leben, jeder Mord barbarisch und vor allem unzivilisiert ist! Da hat die zivilisierte Welt noch viel zu lernen und zu tun.

 

 

Vita: Dr. Oranekwu

Dr. theol. George Oranekwu Emeka ist am 23.04.64 in Nnewi, im Südosten Nigerias, geboren. Er wurde1995 in Nnewi, seiner Heimatdiözese, zum Priester geweiht. 1996 bis 2006 folgte seine Promotion in Deutschland. 2007 kehrte Dr. theol. Oranekwu nach Nigera zurück und leitete als Regens von 2008 bis 2016 das Nnewi Diözesanpriesterseminar. 2017 bis 2018 verbringt er ein Sabbatical in Bistum Regensburg.