„Das Vaterunser braucht keine neue Übersetzung“ – Bischof Rudolf feiert Christmette im Regensburger Dom St. Peter

25.12.2017
Mit dem Friedenslicht entzündete Bischof Rudolf die Kerze nahe der Krippe.

„Der Heiland ist geboren, freu dich, du Christenheit!“ – diesem Jubelruf folgten zahlreiche Regensburger und feierten mit Bischof Dr. Rudolf Voderholzer am Heiligabend die Christmette im Regensburger Dom St. Peter. Die Regensburger Domspatzen gestalteten die Feier musikalisch. Bischof Rudolf nannte die Musik der Knaben und das Orgelspiel von Domorganist Prof. Franz Josef Stoiber „anrührend und zu Herzen gehend“. Das spiegelte sich auch in den Gesichtern der Gläubigen wider, denn so manch einer war zu Tränen gerührt, als der Festchor am Ende des Gottesdienstes das traditionelle „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmte.

Bereits am Nachmittag hatte der Regensburger Oberhirte die Weihnachtsfeier der Caritas in der fürstlichen Notstandsküche besucht, feierte die Christkindlandacht in der Regensburger Karmeliterkirche, traf die Senioren des Marienheims am Rande der Altstadt und besuchte die Gäste der Weihnachtsfeier im „Strohhalm“, einer Einrichtung für obdachlose Menschen. Zu Beginn der Christmette in der Kathedrale St. Peter brachten Domspatzen dem Bischof das Friedenslicht aus Betlehem. Damit entzündete er die Kerze vor der Jesuskrippe, die alljährlich ihren Platz auf den Altarstufen findet. Die jungen Sänger entzündeten daraufhin die Kerzen des daneben stehenden Christbaums.

Vaterunser ist ein weihnachtliches Gebet

In seiner Predigt bezog sich Bischof Dr. Rudolf Voderholzer auf die seit mehreren Wochen in der Öffentlichkeit andauerte Debatte um die Vergebungsbitte im „Vaterunser“ und bezeichnete es gleichzeitig als „unser wichtigstes Gebet, das Jesus selbst uns geschenkt hat“: „Ich halte allein das Phänomen dieser öffentlichen Debatte für ein gutes Zeichen. Denn es wird deutlich: Vielen ist das Gebet des Herrn ans Herz gewachsen; sie beten es nicht nur auswendig, sondern inwendig; sie leben mit ihm und aus seiner Kraft“, so Bischof Voderholzer. Gleichzeitig sei das Vaterunser ein zutiefst weihnachtliches Gebet. Denn es bestehe ein ursächlicher Zusammenhang zwischen unserem wichtigsten Gebet und dem Fest der Geburt Christi. Denn wenn Jesus uns, seine Jünger, beten lehre: „Vater unser“, dann nehme er uns mit hinein in sein Beten, dann lasse er uns teilhaben an seiner eigenen Beziehung zu seinem himmlischen Vater, erklärte Bischof Rudolf. Die Weihnachtsbotschaft laute: Der ewige Sohn des Vaters wird Mensch, einer von uns. Er geht in die Geschichte ein und teilt unser aller Menschenlos. So nimmt er uns hinein in seine Beziehung zu Gott. Er ist gekommen, um unsere Gotteskindschaft zu erneuern. Ohne Weihnachten kein Vaterunser!

Vaterunser braucht Beterinnen und Beter

„Das Vaterunser braucht keine neue Übersetzung. Es braucht Beterinnen und Beter, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die sich an der Krippe neu als Kinder Gottes erfahren und täglich neu aus dieser Beziehung leben und lieben“, hob Bischof Dr. Rudolf Voderholzer hervor. Und: Was uns zu weihnachtlichen Menschen mache, sei, dass wir ihm unser Herz schenken, Menschen, die das Vaterunser über-setzen, hinein-tragen in den Alltag mit seinen kleinen und großen Herausforderungen, so der Bischof abschließend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier ist die Predigt von Bischof Rudolf zum Nachhören:

Lesen Sie hier die Predigt des Bischofs im Wortlaut:

 

Das Vaterunser als Weihnachtliches Gebet

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

 

In den zurückliegenden Tagen des Advents, in denen wir uns auf das Weihnachtsfest vorbereitet haben, durften wir einen, wie ich finde, sehr bemerkenswerten Vorgang miterleben.

Anlass war die Diskussion um das richtige Verständnis der sechsten der insgesamt sieben Bitten des Vaterunser, „und führe uns nicht in Versuchung“. Daraus entwickelte sich eine lebhafte öffentliche Debatte um dieses unser wichtigstes Gebet, das Jesus selbst uns geschenkt hat. Wir erlebten ein ernsthaftes Ringen um das im Vaterunser zum Ausdruck kommende Gottes- und auch Menschenbild. Die Passauer Neue Presse etwa räumte der Debatte gleich zwei ganze Seiten für Leserbriefe ein. Die Bildzeitung übernahm gar die Rolle kirchlicher Lehrverkündigung, indem es die vermeintlich richtige Version ins Licht stellte.

Unabhängig von den einzelnen Inhalten und den ausgetauschten Argumenten war allein diese Tatsache im Grunde sensationell!

In einer Zeit, in der viele versuchen, Religion als reine Privatsache aus der Öffentlichkeit zu verbannen oder sie totzuschweigen;

in einer Zeit, in der es nicht unwahrscheinlich ist, dass jemand das Glaubenszeugnis eines Prominenten als „peinlichen Vorfall“ empfindet und sich darüber fremdschämt – wie Bert Brecht angesichts der Konversionsmitteilung seines Schriftstellerkollegen Alfred Döblin im Jahr 1943;

angesichts vieler Anzeichen fortschreitender Säkularisierung hatte man mit einer öffentlichen Debatte um das Vaterunser nicht unbedingt rechnen dürfen. Sie ist auch nicht allein erklärbar durch den heimlichen Wunsch interessierter Kreise, einen innerkirchlichen Konflikt zu schüren. Ich halte allein das Phänomen dieser öffentlichen Debatte für ein gutes Zeichen. Denn es wird deutlich:

Vielen ist das Gebet des Herrn ans Herz gewachsen; sie beten es nicht nur auswendig, sondern inwendig; sie leben mit ihm und aus seiner Kraft; es ist ihnen nicht egal, was sie beten, und was die Worte bedeuten; sie melden sich zu Wort, auch öffentlich. Wunderbar. Das ernsthafte Ringen lohnt sich.

Das Vaterunser, liebe Schwestern und Brüder, steht nun auch und gerade mit dem Weihnachtsfest in engster Verbindung. Ich behaupte sogar, dass das Vaterunser ein zutiefst weihnachtliches Gebet ist.

Das mag Sie vielleicht aufs erste etwas verwundern. Und sie haben recht, wenn Sie sagen: Das weihnachtliche Gebet ist das „Gloria in excelsis Deo“ der Engel, ein gesungenes Gebet sogar, ein Lied – und wenn es unsere Domspatzen singen, bekommen wir eine Ahnung, wie wohl die Chöre des Himmels klingen;

die Hirten beten an, weniger mit Worten als mit Gesten, indem sie wohl in die Knie gehen und niederfallen; und die Weisen aus dem Morgenland huldigen dem Königskind, indem sie Geschenke bringen.

Es ist nicht zu bestreiten, dass es der erwachsene Jesus ist, der auf die Bitten der Jünger, sie doch auch, wie Johannes der Täufer, beten zu lehren, so antwortet: Wenn ihr betet, dann sprecht: „Vater unser im Himmel …“ (vgl. Mt 6,9–13 und Lk 11,1–4).

Die Domspatzen rührten mit ihrem Gesang die Herzen der Gläubigen an.

Und doch besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen unserem wichtigsten Gebet und dem Fest der Geburt Christi.

Denn wenn Jesus uns, seine Jünger, beten lehrt: „Vater unser“, dann nimmt er uns mit hinein in sein Beten; dann lässt er uns teilhaben an seiner eigenen Beziehung zu seinem himmlischen Vater. Im Falle der Vateranrede ist uns tatsächlich ein paar Mal auch die aramäische Form überliefert – „Abba“, Vater. So hat Jesus den Vater im Gebet angesprochen, etwa vor der Passion am Ölberg (Mk 14,36).

Die Weihnachtsbotschaft lautet: Der ewige Sohn des Vaters wird Mensch, einer von uns. Er geht in die Geschichte ein und teilt unser aller Menschenlos. So nimmt er uns hinein in seine Beziehung zu Gott. Er ist gekommen, um unsere Gotteskindschaft zu erneuern. Ohne Weihnachten kein Vaterunser. Mit Weihnachten aber eine große Würde!

In ihm, dem Mensch gewordenen Gottessohn, sind wir Söhne und Töchter Gottes, und einander sind wir Brüder und Schwestern.

Schon die Worte des Gebetes selber deuten es an. Sie weiten unseren Blick und unser Herz; bete ich doch nicht gleichsam isoliert und egoistisch „Vater mein“ und bitte ich nicht um „mein tägliches Brot“, sondern, selbst wenn ich ganz allein, im stillen Kämmerlein sozusagen, bete, spreche ich gemäß Jesu Belehrung: „Vater unser“, und „unser tägliches Brot gib uns heute“. Weil wir so beten dürfen, gilt auch: Wer glaubt, ist nie allein!

Und von seiner Struktur her ähnelt das Vaterunser sogar dem Gloria der Engel „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede bei den Menschen seines Wohlgefallens“: Zuerst gilt es, Gott die Ehre zu geben. Und dann kommt der Blick auf die irdische Sorge um Frieden. Genauso wie beim Vaterunser. Die ersten vier Bitten gelten der Ehre Gottes. Die letzten drei den leiblichen und geistlichen Grundbedürfnissen unseres menschlichen Lebens.

Die ersehnte Geschwisterlichkeit der Menschheitsfamilie wird nicht erreicht durch die Abschaffung der Väter, und schon gar nicht durch die Verspottung des himmlischen Vaters. Die Französische Revolution war unter dem Leitstern einer von aller religiösen Bindung befreiten „fraternité“ ausgerufen worden. Sie endete in einem Blutbad. Wer zum Himmel spuckt, trifft sich selbst. Wahre Geschwisterlichkeit in der einen Menschheitsfamilie wird erst ermöglicht durch den gemeinsamen Bezug auf den himmlischen Vater. In seiner Hand sind wir geborgen und dazu befreit, einander gut zu sein.

Das Vaterunser braucht keine neue Übersetzung. Es braucht Beterinnen und Beter, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die sich an der Krippe neu als Kinder Gottes erfahren und täglich neu aus dieser Beziehung leben und lieben. „In seine Lieb versenken will ich mich ganz und gar“, so haben wir mit den Worten des Jesuitenpaters Friedrich Spee eingangs gesungen. „Mein Herz will ich ihm schenken, und alles was ich hab.“

Das macht uns zu weihnachtlichen Menschen, zu Menschen, die das Vaterunser über-setzen, hinein-tragen in den Alltag mit seinen kleinen und großen Herausforderungen und in jedem Menschen ein von Gott geliebtes Geschöpf zu sehen und zu schätzen bereit sind.

Das und nicht weniger, liebe Schwestern und Brüder, ist die Botschaft dieser Heiligen Nacht. Der himmlische Vater sendet seinen ewigen Sohn in die Finsternis dieser Welt, um sie von innen her warm und hell zu machen. Der erwachsene und predigende Jesus, dessen Speise es ist, den Willen seines Vaters zu vollbringen, lehrt uns den Wortlaut des Vaterunser und stiftet so das Wir, die Gemeinschaft der Kirche. Die Kirche wiederum steht im Dienst der Gemeinschaft aller Menschen, als Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander (vgl. II. Vat. Konzil, LG 1).

Das Kind in der Krippe lehrt uns die innere Richtung, den Sinn, die allem zugrunde liegende Haltung. Mehr noch: Es legt den Grund für diese verwandtschaftliche Beziehung.

„Wir heißen nicht nur Kinder Gottes“ in einem symbolischen oder bildlichen Sinn, schreibt der heilige Johannes (vgl. 1 Joh 3,1). Durch die Menschwerdung Gottes und die Beziehung zum Sohn „sind wir es wirklich“. Denn: Der ewige Gottessohn wird ein Menschenkind, damit wir alle Gotteskinder werden und auf sein Wort hin es wagen dürfen, Gott „Vater“ zu nennen, Amen.