„Ein bedeutsames Zeichen nach innen wie nach außen“ – Eine Nachlese zum Pan-Orthodoxen Konzil

29.06.2016
P. Dr. Dietmar Schon OP, designierter Direktor des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg

Das lang erwartete Pan-Orthodoxe Konzil ist am vergangenen Wochenende zu Ende gegangen. Im Vorfeld waren die Erwartungen hoch - dann stiegen vier orthodoxe Kirchen aus und blieben dem Konzil auf Kreta fern. Dennoch trafen unter der Leitung des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Bartolomaios I. zehn Kirchen zusammen und verabschiedeten sechs Dokumente sowie zwei Erklärungen. Auf dieser offiziellen Website können Sie alle Dokumente und Veröffentlichungen zum Pan-Orthodoxen Konzil auf Kreta u.a. in englischer Sprache nachlesen.

Wie ist dieses Konzil zu bewerten? Ein Interview mit P. Dr. Dietmar Schon OP, dem designierten Direktor des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg.

 

Interview mit P. Dr. Dietmar Schon OP zum Pan-Orthodoxen Konzil auf Kreta (19. - 26. Juni)

P. Dietmar, vergangenen Sonntag wurde das vielfach angekündigte und lang vorbereitete Pan-Orthodoxe Konzil beendet. Welche erste Bilanz würden Sie ziehen?

Die Synode und ihre Dokumente scheinen mir ein bedeutsames Zeichen nach innen wie nach außen zu sein. Allein das macht sie schon zu einem großen Erfolg. Die Orthodoxe Kirche hat sich angesichts aktueller Herausforderungen positioniert; sie hat gezeigt, dass Treue zur kirchlichen Tradition keineswegs Stillstand bedeutet; sie bündelt Kräfte, um Antwort auf die Fragen der Menschen von heute zu geben, den orthodoxen Gläubigen, aber auch über diesen engeren Kreis hinaus. Das zeigt bereits die Themenbandbreite. Einige Texte bringen zentrale Grundsätze orthodoxen Selbstverständnisses ins Wort und verbinden dies mit Schlussfolgerungen administrativer und pastoraler Art. Andere Dokumente erweisen die Orthodoxie als Dialogpartner - mit anderen christlichen Kirchen, mit anderen Religionen und vor allem mit der Welt, wie sie sich heute darbietet. Eine so intensive, vielfältige Vergewisserung über die eigene Sendung und ihre Prioritäten dürfte Dynamik bedeuten. 

Insgesamt wurden auf dem Konzil sechs Dokumente verabschiedet. Welches dieser Dokumente ist für Sie persönlich das Wichtigste?

Genau genommen sind es acht Dokumente. Die Synode hat zusätzlich eine theologisch-spirituell gehaltene Enzyklika und eine Botschaft an die orthodoxen Gläubigen und alle Menschen guten Willens beschlossen. Die Enzyklika gleicht einer zielgerichteten Einleitung. Die Botschaft deckt einen breiten, klar gegliederten Themenbereich ab; sie verklammert die angesprochenen sechs Hauptdokumente untereinander und vertieft zugleich wesentliche Punkte. Als erstes davon habe ich den Text über die Beziehungen der orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt gelesen. Er bestätigt den vor Jahrzehnten von allen selbständigen orthodoxen Kirchen einmütig beschlossenen Weg, ruft zu dessen Fortsetzung auf und gibt eine Reihe spezifischer Impulse dazu.

Wie denken Sie wird dieses Konzil inner-orthodox rezipiert werden - gerade auch unter denjenigen Kirchen, die nicht teilgenommen haben?

Vergleicht man die ebenfalls veröffentlichten Vorlagen mit den beschlossenen Texten, wird sichtbar, dass die Synode keineswegs nur die Vorlagen abgestimmt, sondern sie behutsam bearbeitet und weiterentwickelt hat. Greifbar wird das Bemühen der Synodenväter um einen präzisen, sprachlichen Ausdruck, aber auch das Anliegen, Missverständnissen oder divergierenden Interpretationen zuvorzukommen. Einerseits ist die Nähe zu den gemeinsam beschlossenen Vorlagen gewahrt. Die Weiterentwicklungen mögen helfen, vorhandene Ängste, Akzentunterschiede oder Differenzen bei den Prioritäten abzubauen. Das erleichtert zweifellos die Rezeption der Texte in allen selbständigen orthodoxen Kirchen. Eine solche Rezeption ist ja keineswegs nur im Blick auf die nicht unmittelbar in Kreta präsenten Kirchen angestrebt; sie ist in allen orthodoxen Kirchen notwendig, damit gute, wegweisende Dokumente Eingang ins kirchliche Leben finden.  

Könnte dieses gerade beendete Konzil gar ein möglicher Auftakt zu weiteren Konzilien oder Synoden sein?

Es hat bei den Beratungen der Synode Befürworter und starke Gründe gegeben, die zeitlichen Abstände zwischen Großen Synoden nicht zu groß werden zu lassen. Zwar gibt es verschiedene Formen pan-orthodoxer Versammlungen, Klärungsprozesse und eines Zusammenwirkens. Da sich die Orthodoxe Kirche aber von ihrem Wesen her als konziliar versteht, sind solche feierlichen Synoden weit mehr als ein pan-orthodoxes Arbeitstreffen, sie sind Zeichen der Einheit, eines gemeinsamen Sendung und eines gemeinsamen Weges.

Und was bedeutet dieses Konzil für das ökumenische Gespräch mit der katholischen Kirche?

Die eindrucksvollen Dokumente der Großen Synode bedürfen sorgfältiger Analyse, verdienen sie aber auch. Das Bemühen, sie in ihrer Tiefe zu erfassen, sollte aber nicht in einen Austausch übereinander, sondern miteinander münden. Die große Bandbreite an Themen gibt nicht nur dem orthodox-katholischen Dialog im engeren Sinn und der gemeinsamen Kommission Impulse; die Beschlüsse öffnen auch Türen zu einem Zusammenwirken, zu einer Annäherung, auf verschiedenen Ebenen und in neuen Formen, in einer weiterentwickelten Methodik. 

 

Info Ostkircheninstitut der Diözese Regensburg

Das Ostkircheninstitut der Diözese Regensburg ist dem akademischen und ökumenischen Dialog mit den orthodoxen und orientalischen Kirchen gewidmet und wird von Bischof Rudolf Voderholzer am 23. und 24. September 2016 im Rahmen eines Symposiums zum Thema „Dialog 2.0 – Braucht der orthodox-katholische Dialog neue Impulse?“ offiziell errichtet. Das Institut soll gemeinsam mit den anderen Regensburger Instituten, dem Liturgischen und Marianischen Institut sowie dem Institut Papst Benedikt XVI., unter dem Dach des „Akademischen Forums Albertus Magnus“ stehen.