Inklusives Lernen für jede Menge Glückskinder - Offene Klasse des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums

08.01.2016
Studienrätin Kerstin Lohmann mit den Kindern und ihren Kolleginnen im Morgenkreis

Die offene Klasse des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums ist mit Schwung ins neue Jahr 2016 gestartet. Sie ist die erste Klasse des Förderzentrums, in der seit September 2015 Kinder mit und ohne Förderbedarf konsequent in allen Fächern gemeinsam unterrichtet werden. Das Modell des inklusiven Lernens bewährt sich und führt erfolgreich zum inklusiven Förderzentrum der Zukunft.

 

Mit dem Prädikat „inklusiv“ geht das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum in ein besonderes Jahr 2016. Denn das Förderzentrum mit Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung feiert in diesem Jahr 40-jähriges Jubiläum. In dem renommierten Regensburger Förderzentrum legt Gesamtleiter Reinhard Mehringer großen Wert auf die stetige fachliche Weiterentwicklung der Angebote, damit Kinder und Jugendliche mit einer motorischen Einschränkung oder einer körperlichen Behinderung bestmöglich gefördert und unterrichtet werden.

 

Inklusives Lernen ist lebendig

Für rund 400 Schülerinnen und Schüler ist das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum genau die richtige Schule, denn sie brauchen professionelle Fachkräfte in Schule, Tagesstätte und Internat ebenso wie für Therapien und individuelle Förderangebote. Die multiprofessionelle Komplexeinrichtung mit integrativem Kinderhaus, Frühförderstelle und Schulvorbereitender Einrichtung lässt keine Wünsche offen, was die Entwicklungs- und Teilhabechancen junger Menschen anbelangt. Das Angebot „offene Klasse“ ist darüber hinaus zukunftsweisend auf Kurs Inklusion. Nach deren erfolgreichem Start sagt die Klassleiterin und Studienrätin im Förderschuldienst Kerstin Lohmann: „Unser Konzept ist aufgegangen. Die Unterschiedlichkeit der Kinder löst sich auf und sie können richtig gut miteinander umgehen. Für die Kinder war schnell klar, wer etwas mehr Zeit und Zuwendung braucht. Soziales Lernen ist in diesem Umfeld auf natürliche Weise möglich. Jeder kommt auf seine Kosten, gerade auch die Kinder, die mehr Unterstützung benötigen. Da ist ein gewisser Schwung drin und durch die Unterschiedlichkeit ist es bei uns richtig lebendig.“

 

Offenheit und feste Strukturen gehen Hand in Hand

Jeder Schultag in der offenen Klasse mit den 15 Kindern beginnt bereits um 7:30 Uhr. Neben Kerstin Lohmann und ihrer Kollegin, der Grundschullehrerin Julia Schmid, sind die Erzieherin Christina Dommer, die Kinderpflegerin Sabrina Schmid und die Praktikantin Carmen Ludewig für die Kinder da. Sie begleiten die Kinder im Unterricht und am Nachmittag und übernehmen die bei manchen Kindern erforderliche Pflege. Bis der Unterricht mit dem Morgenkreis um 08:30 Uhr beginnt, haben die Kinder offene Arbeitszeit bzw. Wochenplanarbeit. Wenn sie ihre Brotzeit hergerichtet und ihre Hausaufgaben herausgeholt haben, können sie sich frei beschäftigen. „Was darf ich machen?“, fragt einer der Buben. „Was möchtest du denn machen?“, entgegnet Kerstin Lohmann und der Bub entscheidet sich für eine der möglichen Arbeiten, die der Wochenplan vorsieht. Darin sind zum Beispiel Schreiben, Lesen, Rechnen, mit dem Computer arbeiten oder Basteln enthalten.

 

Glückskinder mit spezieller Aufgabe

Die Eule ruft zum Morgenkreis und da wird auch das Glückskind mit zwei Helferkindern aktiv. Es hat eine besondere Aufgabe bekommen. Jeden Tag ist ein anderes Glückskind im Einsatz – das ist Teil des Morgenrituals und natürlich ist jeder gerne mal Glückskind. Im Morgenkreis liest Kerstin Lohmann eine Geschichte vor. Ihre Fragen dazu beantworten die Kinder lebhaft. Auf diese Weise erschließt sich der Inhalt der Geschichte für alle Kinder viel besser. Trommeln, Singen und ein gemeinsames Gebet gehen darüber hinaus dem offiziellen Unterrichtsbeginn voraus, der sich für die Kinder nahtlos an den Morgenkreis anschließt, weil Kerstin Lohmann Wörter aus der Geschichte „mitnimmt“, um mit den Kindern an der Tafel zu arbeiten.

 

Individualisiertes und gezieltes Lernen

Alle 15 Kinder der offenen Klasse sind als Grundschüler eingeschult. Zehn der Kinder haben einen Förderbedarf. Welches der Kinder, das ist nur erkennbar, wenn es eine offensichtliche Körperbehinderung hat. „Das ist ja auch das Schöne bei uns, dass dies keine Rolle spielt“, erzählt Kerstin Lohmann, „jedes Kinder braucht mal mehr, mal weniger Zuwendung und benötigt spezielle Förderung bei Themen, mit denen es sich schwer tut. Unsere personell gute Besetzung ermöglicht es uns, individualisiert zu arbeiten. Wenn ein Kind zum Beispiel mit der Ziffernschreibweise Schwierigkeiten hat, dann können wir mit diesem Kind gezielt üben - und es ist egal, ob es einen Förderbedarf hat oder nicht.“ Der Unterschiedlichkeit der Kinder tragen die Fachkräfte durch offene Unterrichtsphasen Rechnung. Jedes Kind darf in seinem Arbeitstempo arbeiten und erhält seinem Leistungsstand entsprechend auch die passende Aufgabe. Deshalb arbeiten die Kinder überwiegend in Kleingruppen.

 

Fragen der Eltern

Lernen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam, dann haben Eltern viele Fragen. Diese Erfahrung haben der Gesamtleiter des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums sowie die Lehrerinnen Kerstin Lohmann und Juliane Schmid im Vorfeld gemacht. „Lernt mein Kind genug? Wird das Niveau der Grundschule auch gehalten?“, fragen die einen, die anderen sorgen sich, ob ihr Kind mithalten kann. „Diese Sorgen begründen sich im Alltag nicht“, kann Kerstin Lohmann beruhigen. Die Grundschulkinder arbeiten selbstverständlich nach dem Lehrplan der Grundschule. „Die Kinder mit Förderbedarf haben einen Puffer“, erklärt Lohmann weiter, denn ihre Grundschulzeit dauert ein Jahr länger.

Für Kerstin Lohmann steht immer im Vordergrund, was ein Kind geschafft hat: „Was kann es gut und wo üben wir noch?“ Die Studienrätin spricht nie von Kindern „mit Behinderung“, das sei in der sonderpädagogischen Diskussion als stigmatisierend abgelehnt worden: „Wir haben Kinder, die wir fördern. Wir halten sie nicht in der Behinderung fest, sondern suchen nach einer Möglichkeit die Kinder weiterzubringen.“ Ihre Kollegin Julia Schmid erlebt die Arbeit mit den Kindern in der offenen Klasse als persönlichen Gewinn. Die Grundschullehrerin hat sich dafür gezielt weitergebildet. „Es ist einfach schön zu sehen, wie die Kinder nach den wenigen Monaten zusammengewachsen sind und voneinander profitieren. Es ist ganz normal, dass sie zusammen in einer Klasse sind.“

 

Hinweis

Am 16. Januar 2016 ist Tag der offenen Tür im Pater-Rupert-Mayer-Zentrum! Zum Kennenlernen der unterschiedlichen Arbeitsbereiche in der Bildungsstätte mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung sind interessierte Gäste herzlich eingeladen am: Samstag, dem 16. Januar 2016, von 9:00 bis 12:30 Uhr in die Puricellistraße 5, in die Außenstelle am Weinweg 31 und in das Kinderhaus Bambino, Puricellistraße 5B.

Text und Bild: Christine Allgeyer, KJF