„Jedes Leben ist kostbar“ – Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer und Impressionen vom „Marsch für das Leben 2017“

18.09.2017

Rund 7.500 Menschen machten sich vergangenes Wochenende auf den Weg nach Berlin, um sich beim „Marsch für das Leben“ sichtbar für einen umfassenden Lebensschutz einzusetzen. Unter ihnen war auch (bereits zum dritten Mal in Folge) Bischof Rudolf Voderholzer.

Die Predigt des Bischofs von Regensburg können Sie hier nachlesen. Oder Sie schauen Sie sich in voller Länge als Video an:

Sehen Sie einige Impressionen vom diesjährigen "Marsch für das Leben" aus Regensburger Sicht!    

7500 Teilnehmer marschierten durch die Berliner Innenstadt.

Zeugnis für die Würde und Unantastbarkeit des Menschen

Flagge zeigen, um dem Lebensrecht der Schwächsten eine Stimme zu verleihen. Das war der Antrieb für 120 Teilnehmer aus dem Bistum Regensburg, die dem Aufruf des Diözesankomitees gefolgt sind und am Marsch für das Leben 2017 in Berlin teilgenommen haben. Und sie wollten auch Diözesanbischof Dr. Rudolf Voderholzer den Rücken stärken - er nahm gemeinsam mit Generalvikar Michael Fuchs bereits zum wiederholten Male an dem Marsch teil und hielt in diesem Jahr die Predigt beim ökumenischen Gottesdienst am Reichstag. Das Motto für den Marsch für das Leben 2017 lautete: Die Schwächsten schützen: Ja zu jedem Kind. Menschenrechte gelten für alle - auch für Kinder vor der Geburt. Wir setzen uns ein für Hilfe statt Unrecht, für Solidarität, Nächstenliebe und Inklusion. Kein Kind ist "unzumutbar". Es geht uns alle an! Diesem Aufruf waren am Samstag 7500 Menschen aus allen Teilen Deutschlands und dem benachbarten Ausland gefolgt. Gelungen und eindrucksvoll war er, dieser Schweigemarsch, der immer wieder von Gegendemonstranten gestoppt und durch laute, obszöne Zwischenrufe gestört wurde.

Begonnen wurde vor dem Reichstag. Hier sprachen verschiedenste Vertreter, die allesamt für den Schutz des Lebens von der Zeugung bis zum Tod eintraten. Die Kundgebung hatte das Ziel zu zeigen, dass große Teile der Bevölkerung dies auch in der Politik umgesetzt sehen möchten. Angesichts hoher Abtreibungszahlen und der wachsenden Tendenz, Kinder, die nicht der Norm entsprechen, nicht auf die Welt kommen zu lassen sind die Themen nach wie vor brandaktuell. So rief ein Elternpaar tiefe Betroffenheit und große Stille hervor, das von seinen Leiden und der Schuld nach einer Abtreibung berichtete. Eine Vertreterin aus der Schweiz betonte: "Das Gebet ist die stärkste Waffe, die wir haben". Die Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht, Alexandra Linder (Weuspert/Sauerland), erinnerte bei der Auftaktveranstaltung daran, dass laut Weltgesundheitsorganisation weltweit etwa 40 Millionen Kinder jährlich abgetrieben werden, darunter mindestens 100.000 Ungeborene in Deutschland. Unglaublich unerschrocken trat Birgit Kelle, Journalistin und Autorin ans Rednerpult und rief die Teilnehmer auf: "Seien Sie ein Provokation, eine stille Provokation und dadurch eine laute Provokation".

Der Bundesverband Lebensrecht e.V. setzte mit der Kundgebung ein wichtiges Zeichen und sprach einige wichtige Punkte an, die im neuen Bundestag auf die Tagesordnung gehören. So wurde vor dem Reichstag eine Resolution mit 9 Forderungen an den neuen Bundestag von den Teilnehmern mit breiter Zustimmung verabschiedet. "Wir rufen auf, gemeinsam für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie einzutreten. Dazu ist auf allen Ebenen ein Umdenken zugunsten von ungeborenen, kranken und alten Menschen erforderlich. Nur so ist allen Menschen ein Leben in Selbstbestimmung, Freiheit und Würde möglich. Gemeinsam für das Leben - Immer."

Bischof Dr. Rudolf Voderholzer vorm Brandenburger Tor.

Die 7500 Teilnehmer machten sich mit weißen Kreuzen zur Erinnerung an abgetriebene Kinder und mit unterschiedlichen Plakaten auf den Weg durch Berlin Mitte. Vier katholische Spitzenvertreter marschierten mit: Diözesanbischof Dr. Rudolf Voderholzer aus Regensburg und die Weihbischöfe Florian Wörner (Augsburg), Matthias Heinrich (Berlin) und Hubert Berenbrinker (Paderborn). Der Schweigemarsch zog ruhig, friedlich und leise durch die Straßen um gemeinsam Flagge für die Würde des Menschen vom Beginn seiner Zeugung bis zum Tod zu zeigen. Geschrei, Trillerpfeiffen und obszöne Parolen erklangen durch die Gegendemonstranten, die immer wieder eifrig ihre Plätze wechselten und dadurch versuchten den Marsch zu stoppen. Hier leistete die Berliner Polizei ganze Arbeit, schützte den Marsch für das Leben und verteidigte somit das staatsbürgerliche Recht auf freie Meinungsäußerung. Dank ihres Eingreifens wurden die aggressiven Gegendemonstranten und Störergruppen mit ihren Schlachtrufen und Sitzblockaden konsequent in Schach gehalten.

Ein besonderer Moment war, als der gesamte Marsch durch das Brandenburger Tor ziehen durfte. Das war nicht selbstverständlich, aber wie es Bischof  Rudolf Voderholzer bei der anschließenden Predigt beim ökumenischen Gottesdienst ausdrückte: "Das Anliegen, das uns verbindet, entspricht diesem Symbol der Einheit und der Freiheit des deutschen Volkes". Liturgisch geleitet wurde der ökumenische Gottesdienst, der Höhepunkt des Marsches vor dem Reichstag, von Präses Ekkehart Vetter. Der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer predigte und rief allen Teilnehmern ein "bayrisches Grüß Gott und Vergelt's Gott zu, dass Sie in so großer Zahl nach Berlin gekommen sind, um dem Lebensrecht der Schwächsten eine Stimme zu verleihen". Immer wieder wurden seine Worte vom Applaus der Zuschauer untermauert. Es sei ein "wichtiges ökumenisches Hoffnungszeichen", dass Katholiken und Protestanten sich dafür gemeinsam einsetzen.

"Das lautstarke Geschrei und die Obszönität des Protestes, der uns entgegenschlägt, ist ein untrüglicher Beweis dafür, dass wir etwas Wichtiges zu sagen, etwas Notwendiges zu vertreten, etwas Heiliges zu schützen haben", betonte er. Es sei "irrationale Willkür", dass nach der Geburt größte Anstrengungen für die Inklusion von behinderten Menschen unternommen würden, jedoch vor der Geburt eine unbarmherzige "Exklusion und Selektion" stattfinde. Nicht nur der christliche Glaube verpflichte, sondern auch die Vernunft, dass man so mit anderen umgehe, wie man es sich selbst wünscht. Lebensrecht sei nicht ein christliches Thema, sondern ein Menschenrechtsthema. Sein Dank galt allen kirchlichen und staatlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mithelfen, dass unsere Gesellschaft ein so menschliches Antlitz zeigt. Voderholzer erinnerte aber auch an die biblische Botschaft, auf die sich der christliche Glaube stützt und die wesentlich zur Erkenntnis der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person beiträgt. Nach dem Zitieren aus Psalm 139 betonte er: "Unser Ja zum Leben ist Mitvollzug des göttlichen Ja zum Leben, ist Antwort auf sein Schöpfungshandeln. In diesem Glauben wird in der ganzen jüdisch-christlichen Tradition das Kind als ein Segen betrachtet, und jede Geburt als Beweis, dass Gott ein Freund des Lebens ist". Bereits während des Marsches und auch nach dem Gottesdienst bedankten sich zahlreiche Teilnehmer bei Bischof Rudolf mit "schön, dass Sie da sind" oder "finde ich toll, dass Sie mitmarschieren".

Abgeschlossen wurde die Fahrt nach Berlin für die Regensburger mit einem gemeinsamen Vorabendgottesdienst in der Kirche Herz Jesu, den Generalvikar Michael Fuchs zelebrierte und den Tag als "eine Ökumene für das Beten" nannte, bei dem Christus verbindet und Christus trägt. In seiner Predigt blickte er dankbar auf den Tag zurück und rief zum Verzeihen und Versöhnen auf. Mit Blick auf die Muttergottes vom Bogenberg, die "Mutter der guten Hoffnung", rief er zum Gebet für unser Land und für unsere Zukunft auf. Im Gespräch berichtete Generalvikar Michael Fuchs, dass er bereits vor drei Jahren einmal beim Marsch für das Leben dabei war und heute festgestellt hat, dass mehr Teilnehmer und vor allem viel mehr jüngere Teilnehmer mitmarschierten. "Die Veranstaltung ist ein unabdingbares Zeugnis für das Leben und ein deutschlandweiter Markenstein" betonte Generalvikar Michael Fuchs und fand es schade, dass dies im Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl kein Thema ist. "Meiner Meinung nach gehört es unbedingt in die politische Diskussion". Der Marsch für das Leben ist für ihn eine Ökumene des Lebens mit gemeinsam beten, gemeinsam marschieren, Zeugnis geben - gut sehbar und spürbar.

Der 18jährige Matthias S. aus Niederbayern ging beim Marsch für das Leben mit, um sich "für den Lebensschutz und die Rechte der ungeborenen Brüder und Schwestern einzusetzen, die Tag für Tag in deutschen Kliniken getötet werden dürfen."

"Für mich ist Abtreibung in keiner Form moralisch vertretbar und deshalb möchte ich beim Marsch für das Leben Flagge zeigen. Ich denke, es braucht ein Umdenken in Gesellschaft und Politik, denn Abtreibung ist keine Lösung. Frauen, die in eine solche Misslage kommen, sollten eher ermutigt und vor allem unterstützt werden, die Entscheidung für das Leben zu treffen" betont der 18jährige.

"Voll super. Ich bin stolz, so einen Bischof zu haben" sagte der 34jährige Johannes R. aus Regensburg nach dem ökumenischen Gottesdienst, bei dem ihm die Predigt und die Reaktion der vielen Menschen begeisterte. "Und überhaupt, dass der Bischof schon mehrere Male mitmarschiert ist." Johannes war zum ersten Mal beim Marsch für das Leben dabei und war gespannt auf die Atmosphäre, aber auch auf die Gegendemonstranten und ihre Aktionen. Das war aber eher enttäuschend für ihn. Was er schön fand war die Vorbereitung im Regensburger Bus mit der Andacht zu "Maria Knotenlöserin."

"Das hat so genial zum Thema des Marsches für das Leben gepasst." Insgesamt hat sich Johannes gefreut, so viele interessante, nette und junge Leute zu treffen. Durch Gespräche und Begegnungen in der Reisegruppe sei er sensibilisiert und innerlich gestärkt worden. "Auf jeden Fall möchte ich in meinem Freundeskreis von dem Tag erzählen und bin sehr dankbar für alles Erlebte", meint er abschließend und kann sich gut vorstellen, auch im nächsten Jahr wieder am Marsch für das Leben teilzunehmen.

Eine erfahrene "Marsch für das Leben"-Teilnehmerin war Petra R. Die 50jährige aus Edelsfelden nahm bereits zum vierten Mal teil und verglich die vergangenen Jahre. Sie berichtet, dass die Erfahrungen im ersten Jahr schockierend waren wegen der aggressiven Gegendemonstranten. "Der blanke Hass und die Aggression ist mir entgegengeschlagen. Gott wurde verhöhnt. Es flogen Farbbeutel, Kondome und alle möglichen Gegenstände", sagt sie. Seit dem letzten Jahr halte die Polizei die Gegendemonstranten und Störergruppen konsequent in Schach, sperre Straßenzüge ab und trage "Sitzblockaden" mit vereinten Kräften weg. Sie freut, dass es jedes Jahr mehr Teilnehmer werden und vor allem mehr Jugendliche, mehr Priester und Ordensleute "Farbe bekennen".

"Die offensichtliche Teilnahme der Katholischen Kirche gibt Mut und bestärkt mich, nächstes Jahr wieder für das Leben am Marsch teilzunehmen", sagt Petra R. Dass die Diözese Regensburg mit dem Diözesankomitee in diesem Jahr eine Bus organisiert hat und so die geistliche Begleitung "gesichert" war, hat ihr bestens gefallen. Der perfekte Abschluss sei für sie die Eucharistiefeier in der Herz-Jesu-Kirche mit Generalvikar Michael Fuchs und den vielen Regensburger Teilnehmern gewesen. "Und toll war auch, dass viele andere Marschteilnehmer die spontane Einladung am Ende des ökumenischen Gottesdienstes angenommen haben und mit uns die große Danksagung der Kirche mitgefeiert haben".