„Seht, da ist der Mensch“. Karfreitagsliturgie mit Bischof Voderholzer im Regensburger Dom

25.03.2016
Kreuzdarstellung aus dem Schloss Sünching

Was mag Pilatus gemeint haben, als er Jesus als Spottfigur verkleidet nach seinem Verhör vor die Menge führt und ruft: „Seht, da ist der Mensch?“ Bischof Voderholzer stellt die Frage in seiner Karfreitagspredigt – durchaus auch mit Blick auf den 100. Katholikentag in Leipzig, der sich den Satz aus dem Johannesevangelium (19,5) zum Leitwort der Veranstaltung wählte, die in diesem Jahr in einer Region stattfindet, wo Nationalsozialismus und Kommunismus den Glauben an Gott fast vernichten konnten. 

 

Pilatus genervt

„Da ist er, da habt ihr ihn“, mag der römische Statthalter Pilatus vielleicht zunächst gedacht haben. Leicht genervt und mit schlechtem Gewissen, weil er weiß, dass er da jetzt einen völlig unschuldigen Menschen ausliefert. Er will keinen Ärger haben. Was bringt es, wenn er Rückgrat zeigen würde? Ein wenig Trauer schwingt auch mit. Wozu sind die Menschen doch fähig im Umgang miteinander.

 

Wahrheit wider Willen

Ungewollt wird der Skeptiker Pilatus aber auch zum Verkünder einer ganz großen Wahrheit. Seht, das ist der wahre Mensch, der Mensch schlechthin. Bischof Voderholzer: „In diesem Jesus steht uns die höchstmögliche Verwirklichung des Menschseins vor Augen. Er ist der neue Adam. In ihm wird ansichtig, wie Gott den Menschen gedacht hat. Er zeigt den Weg auf, wie die grausame Spirale von Gewalt und Gegengewalt unterbrochen werden kann. Sein Leben, das ganz im Zeichen des Daseins für die anderen steht, gibt den Blick frei für das wahre Humanum.“

 

Gott als Bezugspunkt des Menschlichen

Wie Gott den Menschen gedacht hat: Über den Menschen kann man gar nicht angemessen reden, wenn man nicht zugleich auf seinen Schöpfer verweist. Das II. Vatikanische Konzil hatte diesen Gedanken auf den Punkt gebracht – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Diktaturen, die das 20. Jahrhundert prägten und eine Todeskultur hervorbrachten, wie sie die Geschichte bis dahin nicht kannte.

 

Wahrer Humanismus ist christlich

Bischof Voderholzer weist auf einen der Autoren des Konzilstextes hin: Henri de Lubac. Aus seinem Buch „Über Gott hinaus. Die Tragödie des atheistischen Humanismus ohne Gott“ stammt die These: „Der atheistische Humanismus konnte nur mit einem Bankrott enden. Der Mensch ist nur Mensch, weil sein Antlitz von einem Strahl göttlichen Lichtes erleuchtet ist“ (S. 45). Bischof Voderholzer: „In Zeiten, da von bestimmter politischer Richtung erneut ein Humanismus ohne Gott in Stellung gebracht und die Entfernung von Kreuzen aus öffentlichen Räumen gefordert wird, schadet es gewiss nicht, die Grundthese in Erinnerung zu rufen. (….) In Jesus Christus aber, dem Mensch gewordenen Gottessohn, wird uns vollends deutlich, was Menschlichkeit im tiefsten Sinne heißt. Christen­tum und Humanismus sind keine Gegensätze, sondern der wahre Humanismus ist der christliche. Denn seht, da ist der Mensch! Amen.“

 

Passion

Die Karfreitagsliturgie ist die Feier vom Leiden und Sterben Christi. Im Mittelpunkt stehen die Verehrung des Kreuzes und die Geschichte der Passion. Die Orgel bleibt ebenso stumm wie die Glocken. Die Liturgie gestaltet der Domchor ohne Instrumentalbegleitung. Die Domspatzen bringen stimmgewaltig Trauer, Todesangst, das Leiden, aber auch Trost und den Triumph des Kreuzes über den Tod zum Ausdruck. Die Atmosphäre der Strenge und der Stille im Dom würdigt die berührende Tiefe des Geschehens.