Sterbende begleiten – Ein Leitfaden

27.10.2016
Pfarrer Dr. Christoph Seidl

Sterbende zu begleiten, gehört sicher zu den größten menschlichen Herausforderungen des Lebens. So schwer diese Aufgabe auch scheinen mag: Sie gehört untrennbar zum christlichen Verständnis von Zusammenleben – und sie ist so wertvoll und lehrreich für das eigene Leben wie kaum eine andere Erfahrung. Patentrezepte gibt es nicht, denn das Sterben jedes Menschen ist anders und unvergleichlich individuell. Dennoch gibt es aus christlicher Sicht einige hilfreiche Anregungen für die Sterbebegleitung.

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Beauftragter für die Krankenhausseelsorge im Bistum Regensburg, hat einige davon für Sie zusammengestellt:

 

Wer sollte den Sterbenden begleiten?

In der Regel werden die nächsten Angehörigen den Sterbenden begleiten. Dabei ist es wichtig, dass jeder in diesem schwierigen Dienst auf seine persönlichen Grenzen achtet und genügend Momente findet, um wieder neue Kraft zu schöpfen. Oft werden auch Nachbarn und gute Freude in die Begleitung mit einbezogen, sie werden so zu „Zugehörigen“. Ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter leisten mittlerweile flächendeckend einen außerordentlich wertvollen Dienst. Sie werden dafür eigens umfangreich geschult und reflektieren ihren Dienst regelmäßig. Sie unterliegen der Schweigepflicht und unterstützen die Familie durch Sitzwachen, Gesprächsangebote und nicht zuletzt durch ihre kostbaren Erfahrungen.

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Was versteht man unter einem geistlichen Beistand?

Christen dürfen sich ein Leben lang von Gott getragen und begleitet wissen. In extremen Situationen wie in schwerer Krankheit oder im Sterben kann allerdings auch der stärkste Glauben erschüttert werden. Betroffene können in Glaubensnot geraten, fragen nach dem „Warum“ ihres Leidens und tun sich nicht selten schwer damit, Gott in ihrem Kämpfen noch zu spüren. Darum ist es sehr wertvoll, wenn Seelsorgende aus der Gemeinde oder z.B. aus dem Krankenhaus oder der Pflegeeinrichtung gerufen werden, um durch Gebet und Segen, durch Krankenkommunion und Krankensalbung, nicht zuletzt auch schlicht durch ihr Da-Sein dem leidenden Menschen Gottes Beistand zuzusagen und spürbar zu machen. Auch für Angehörige ist dieser Beistand oft sehr hilfreich und eine deutliche Unterstützung in ihrem anspruchsvollen Tun.

 

Worin liegt der Sinn der Krankensalbung?

Die Sakramente der Kirche sprechen dem Christen in existenziellen Situationen ihres Lebens Gottes heilende Nähe und seinen Willen zum Leben zu. Die Krankensalbung, die der Priester in schwerer Krankheit oder in vergleichbaren extremen Belastungssituationen spendet (auch wiederholt spenden kann!), vermittelt dem Empfangenden Kraft und neuen Lebensmut, wenn es in den Begleitworten heißt: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes. Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich. In seiner Gnade richte er dich auf.“ Dabei wird der Patient oder die Patientin mit dem Krankenöl, das der Bischof geweiht hat, auf der Stirn und in den Handinnenflächen gesegnet. Alles, was ein Mensch denkt, was ihm durch den Kopf geht, und was er mit seiner Hände Arbeit getan und geleistet hat, soll geborgen sein bei Gott. Das Öl als Energieträger und Kraftquelle bringt zum Ausdruck: Gott möge dich stärken und aufrichten! Das Öl als Heilmittel möge dem Menschen zum Heil gereichen. Nicht zuletzt erinnert das kostbare Öl auch an die Würde eines Getauften, der auch in der ärgsten Krise nichts von seinem Ansehen vor Gott verloren hat.

Die Krankensalbung ist vor etwa 50 Jahren durch das Zweite Vatikanische Konzil vom „Sterbesakrament“ (früher geläufig unter dem Begriff „Letzte Ölung“) wieder zum ursprünglichen Sakrament der Stärkung für die Kranken geworden. Der Begriff „letzte“ Salbung leitete sich ab vom lateinischen „extrema unctio“, wobei „extrem“ eher auf eine extreme Lebenskrise zu beziehen als zeitlich im Sinne von „zuletzt“ zu verstehen ist. Von daher ist es für den kranken und schwerkranken Menschen sinnvoll, nicht erst im Sterbeprozess, nicht erst, wenn der Betroffene „nichts mehr mitbekommt“, sondern schon viel früher, gerne auch wiederholt in den Genuss dieser geistlichen Stärkung zu kommen. Im Todeskampf (Agonie) ist es dagegen angebracht, den Sterbenden zu segnen, mit ihm und für ihn zu beten und auch den Angehörigen in ihrer Ohnmacht beizustehen. Dazu können auch Diakone und pastorale Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter gerufen werden.

Nach dem Verscheiden wird die Krankensalbung nicht mehr gespendet, da Sakramente nur für Lebende von Bedeutung sind. In diesem Fall können Seelsorgende den Verstorbenen verabschieden, ihn segnen und die Angehörigen zum gemeinsamen Gebet einladen.

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Wie steht es um das Bußsakrament in der Sterbebegleitung?

Sterbende haben ganz oft das Bedürfnis, Dinge auszusprechen oder loszuwerden, die sie bedrücken oder die sie möglicherweise schon viele Jahre mit sich als Geheimnis herumgetragen haben. Allerdings sind sie erfahrungsgemäß sehr wählerisch dabei, wen sie für die Offenbarung ihres Geheimnisses ins Vertrauen ziehen. Nicht selten sind es Pflegende oder Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter, also eher nicht so nahe stehende Personen, denen Sterbende etwas Wichtiges anvertrauen. Um einen Priester zur Beichte zu holen, müssen oft große innerliche Hürden überwunden werden. Wenn dies aber gelingt, dann wird die befreiende Wirkung der sakramentalen Lossprechung sicherlich zum Segen.

Wieviel ein Sterbender zum Zeitpunkt einer Beichte noch sprechen kann, ist stark von seinem Zustand abhängig. Eine „Generalbeichte“, also eine Beichte, die das gesamte Leben überblickt, ist von daher in der Praxis sicherlich eher die Ausnahme. Aber auch das Wenige, das ein Mensch auf der letzten Wegstrecke noch mit schwacher Stimme sagen mag, kann eine große Entlastung bereiten.

 

Was kann man mit Sterbenden beten?

Zu den gängigen Gebeten, die in dieser Situation geeignet sind, gehören alle christlichen Grundgebete: das „Vaterunser“, das „Gegrüßet seist du, Maria“, das Glaubensbekenntnis und auch das Rosenkranzgebet (in voller Länge oder auch in einzelnen Gesätzchen). Ob das gemeinsame Gebet bisher eine gute Tradition in der Familie oder eher keinen so festen Platz hatte: in den schweren Stunden des Abschieds von einem lieben Menschen entwickelt das Gebet eine unglaubliche Tragkraft für die Anwesenden: es schenkt Worte, wo sonst alle verstummen, es gibt Rahmen und Orientierung, wo sonst alle durcheinander sind. Das Rosenkranzgebet gibt beispielsweise durch seinen meditativen Rhythmus auch Menschen, die sich eher schwer mit dem Beten tun, einen festen Halt. Es ist wie ein „Gebetsteppich“, auf dem Menschen in ihrem Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, Stabilität und Schutz finden. Wer ein „Gotteslob“ zur Hand hat, findet unter der Nummer 608 wertvolle Gebetshinweise, Schrifttexte und Andachtsformen. Immer verbreiteter werden auch Formen des „Sterbesegens“, die in neueren Ritual-Büchern für alle pastoralen Berufe wie für alle Begleitenden eine wertvolle Gebetshilfe darstellen. Denn Segnen darf jeder!

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