Über Grenzen denken - Zur Ethik der Migration

13.05.2017
Prof. Dr. Sigmund Bonk mit dem Referenten Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin.

Das Thema Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik beschäftigt spätestens seit September 2015 ganz Deutschland. Damals öffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel aus einer Notsituation heraus die deutsche Grenze und somit gelangte ein großer Strom von Flüchtlingen nach Deutschland. Doch seither wird die Debatte über die Flüchtlingsströme, vor allem aus Syrien, aber auch Afrika sehr emotional geführt. Viele Menschen in unserem Land haben Angst vor Überfremdung oder den wirtschaftlichen Folgen der Flüchtlingskatastrophe. Jetzt widmete sich ein Vortag im „Forum Albertus Magnus“ diesem Thema.

 

Ethik und Rationalität

In seiner Einleitung bemerkte Prof. Sigmund Bonk, Direktor des Forums Alberts Magnus, dass man bei allem Mitgefühl und Verantwortung trotzdem einen kühlen Kopf bewahren müsse, um nicht den Überblick zu verlieren. „Weg von der Emotionalität, hin zur Rationalität, aber man darf dennoch die Ethik nicht vergessen!“, so Prof. Bonk in seinem Eingangsstatement. Dieser Forderung schloss sich auch der Referent des Abends an, Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin aus München. Der bedeutende Philosoph hat zu diesem Thema ein Buch geschrieben mit dem Titel „Über Grenzen denken - Ethik der Migration“. 

 

Offene Grenze nicht die Lösung der Flüchtlingspolitik

 Ein Hauptargument dieses Buches ist die These, dass eine Politik der offenen Grenzen nicht die Lösung der Flüchtlingsproblematik sein kann. Die Migration der Menschen nach Deutschland oder Europa kann nicht die Lösung für das globale Elend sein, so Prof. Nida-Rümelin. „Wenn wir das einmal erkannt haben, werden wir unsere Prioritäten anders setzen“, ist sich Julian Nida-Rümelin sicher. Die Frage müsse dann lauten: Wie kann man diesen Regionen helfen? Doch nicht im Sinne von Transferleistungen, sondern im Sinne von wirtschaftlicher Kooperation, von Mindeststandards für Produkte, Abbau von Zollschranken usw. Seiner Meinung nach gibt es viele Möglichkeiten sich für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung einzusetzen. Somit kann das Problem an der Wurzel behoben werden und nicht nur an der Oberfläche. Man sollte versuchen die Probleme vor Ort zu lösen, damit die Menschen in ihren Heimatländern eine Perspektive haben und gar nicht über eine Flucht nachdenken müssen.

 

Nationalstaat und Demokratie spielen eine wichtige Rolle

Die Situation wie sie sich im September 2015 abgespielt hat, war eine Ausnahmesituation, denn eine dauerhafte Öffnung der Grenzen würde zu chaotischen Verhältnissen führen, da ist sich der Philosoph sicher. Solch eine Politik würde den  Menschen das Gefühl geben die Kontrolle zu verlieren, oder nicht mehr Herr der Lage zu sein. Deshalb spielt der Nationalstaat eine wichtige Rolle vor allem für das Sicherheitsgefühl der Menschen in unserem Land. Es muss das Gefühl herrschen, dass der Staat alles im Griff hat und die Lage kontrolliert zu jeder Zeit. Gerade eine Politik der offenen Grenzen würde nach Ansicht des Philosophen zu politischen Verschiebungen führen, die momentan ja schon im Ansatz spürbar sind.

 

Wir leben in einer skandalösen Situation!

Die Tatsache, dass rund 1 Milliarde Menschen, ohne Trinkwasser, ohne angemessene Ernährung in elendesten Bedingungen lebt ist völlig unnötig, so Prof. Nida-Rümelin. Diese Situation ist nicht tragbar, vor allem weil sie lösbar ist. Es gibt dazu Studien von sehr seriösen Institutionen, wie z.B. vom Internationalen Währungsfonds(IWF), der Weltbank, oder auch dem Soziologen und Philosophen Thomas Pogge. Es wird geschätzt, dass jedenfalls weniger als ein Prozent des Weltsozialprodukts ausreichen würde, um diese schlimmste Form der Armut, Unterernährung usw. zu beseitigen. „Das muss man sich einmal vor Augen führen, dass weniger als ein Prozent ausreichen würde! Das ist ein Betrag, der es sicher rechtfertigen würde, diesen Menschen zu helfen“ so Julian Nida-Rümelin. Da haben wir noch einigen Nachholbedarf und es muss unser Anliegen sein, dieses soziale Weltungleichgewicht zu beheben. Dies würde sich sowohl für die reichen, als auch ärmeren Länder der Welt lohnen und beide am Ende bereichern, davon ist der Philosoph überzeugt. Im Anschluss an sein Impulsreferat stand noch eine lebendige Diskussion mit dem Plenum auf dem Programm.

 

Informationen zum Referenten und Forum Alberts Magnus

Julian Nida-Rümelin (Jg. 1954) gehört zu den renommiertesten Philosophen in Deutschland. Er lehrt Philosophie und Politische Theorie an der LMU München. Er ist auch Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin, ord. Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie der Akademie für Ethik in der Medizin. Nida-Rümelin ist Kuratoriumsvorsitzender des Ethikzentrums der LMU München u. a. m. Für fünf Jahre (1998-2002) wechselte er in die Kulturpolitik, zunächst als Kulturreferent der Landeshauptstadt München, dann als Kulturstaatsminister.

Das Akademische Forum Alberts Magnus ist eine Plattform des Bistums Regensburg für Vorträge exzellenter Referentinnen und Referenten sowie für Diskussionen und Seminare zu Themen aus dem Schnittkreis von Kirche, Wissenschaft und Gesellschaft. Auf der Homepage des Forums finden Sie weitere Informationen und alles Termine zu den Veranstaltungen: www.albertus-magnus-forum.de.

 

 

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