„Das Corona-Virus hat sich der Mensch selbst geholt“ - Eine Seuche zeigt uns die Grenzen menschlicher Autonomie

12.04.2020

Ein wenig gespenstisch ist die Szenerie des Domes zu Regensburg, als Bischof Rudolf Voderholzer am Ostersonntag 2020 um 10:00 Uhr das österliche Pontifikalamt beginnt. Gähnend leer ist der Dom. Nur eine Handvoll Menschen tragen mit ihrem Dienst zur Eucharistiefeier bei. Zwar feiern Zehntausende im ganzen Bistum Regensburg und weit darüber hinaus diese Auferstehungsfeier an Bildschirmen mit. Trotzdem fehlen die singenden und betenden Menschen im Raum, trotzdem vermisst man die Freude dieses Morgens und die spürbare Auferstehungshoffnung. Hat die Pandemie selbst Ostern im Griff?

 

Grenzenlose Autonomie?

Bischof Rudolf geht darauf ein: "Noch am Beginn der zurückliegenden Fastenzeit, am Aschermittwoch, hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot organisierter Beihilfe zum Suizid gekippt mit Hinweis auf die überragende Bedeutung der Autonomie des Menschen. Keine vier Wochen später werden in unserem Land Grundrechte wie Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit, Freiheit der Religionsausübung auf vorerst unbestimmte Zeit in einer Weise beschnitten, wie es noch nicht einmal in Zeiten schlimmster Diktatur der Fall war."

Bischof Rudolf trägt diese Entscheidungen mit, "weil wir uns gerade auch als Kirche nicht mitverantwortlich machen dürfen für eine Situation, in der unser Gesundheitswesen zusammenbrechen würde." Seine Frage aber lautet: "Lässt sich das Bundesverfassungsgericht nicht plötzlich doch auch noch von anderen Gesichtspunkten leiten als nur der Wahrung der grenzenlosen Autonomie des Einzelnen? Und bringt die gegenwärtige Krise die Rechts-Philosophie der grenzenlosen Autonomie nicht doch an ihre Grenzen?"

 

Corona ist keine Strafe Gottes

Der Regensburger Bischof stellt im Licht der Osterbotschaft die zentrale Frage, die viele Menschen jetzt bewegt: Wie geht es weiter? Was bedeutet die Pandemie?

Denjenigen, die in der lähmenden Pandemie eine Strafe Gottes erkennen wollen, pflichtet der Bischof nicht bei: "Gott ist Gott und kein Mensch, der von Stimmungen oder gar Kränkungen abhängig wäre. Und wir brauchen uns als Menschen nicht einbilden, wir könnten Gott beleidigen oder ihn zum strafenden Richter in einem menschlichen Sinne degradieren."

 

 

Corona haben wir selbst die Türen geöffnet

Vielmehr seien es die Folgen unseres Tuns, die jetzt auf uns zurückfallen: "Ist es nicht vielmehr so, dass wir uns selbst bestrafen, wenn wir uns nicht an den Lebensweisungen Gottes orientieren? Wiederum biblisch gesprochen: "Wer sündigt, ist der Feind seines eigenen Lebens" (Tob 12, 10). Oder, etwas salopper und drastisch bildhaft mit der alten Lebensweisheit gesagt: "Wer zum Himmel spuckt, trifft sich selbst." Vielleicht ist die Menschheit als ganze gerade dabei, sich die eigene Spucke aus dem Gesicht zu wischen. Verzeihen Sie diese etwas unappetitliche Rede, noch dazu, wo noch nicht einmal für das Pflegepersonal genügend Gesichtsschutzmasken vorhanden sind."

Es sei der Mensch selbst, der dem Corona-Virus die Türen geöffnet hat:

Bischof Rudolf: "Nein, liebe Schwestern und Brüder, Gott hat das Corona-Virus nicht geschickt. Das brauchte er nicht. Der Mensch hat es sich geholt und verbreitet in einer komplexen Verbindung vieler Elemente einer "Kultur des Todes."

"Die Pandemie und ihre Auswirkungen sind die Folge einer Kette von Schuld und menschlichem Versagen, in der sich menschliche Hybris, Stolz, Leichtsinn und Profitgier zu einer unheilvollen Allianz verbinden."

 

 

Jetzt brauchen wir einen neuen Einklang mit der Schöpfung

Bischof Rudolf entfaltet diesen Gedanken:

"Eine Zeit der Lähmung habe Israel während der Babylonischen Gefangenschaft erlebt: "Zu den beeindruckendsten Erkenntnissen seiner Besinnung gehört das Wort aus dem Zweiten Buch der Chronik im Alten Testament: "Dem Land wurden seine Sabbate ersetzt" (2 Chr 36,21). Das heißt: Die Zeit der erzwungenen Ruhe im Exil wurde Israel zu einer Zeit, in der es all die Sabbate nachholen konnte, die es zuvor unter Missachtung der heilsamen Weisung Gottes verschleudert hatte. Der Sabbat steht dabei (...) für ein Leben im Einklang mit dem Schöpfergott und seiner Schöpfung."

Was wir brauchen ist "ein Ethos für den Menschen im Einklang mit dem Schöpfer und der Schöpfung." Dieses Ethos findet in der europäischen Tradition seinen Ausdruck unter anderem in der Naturrechtslehre. Bischof Rudolf: "Ich frage: Brauchen wir nicht eine neue, zeitgemäße Formulierung einer Naturrechtslehre, die ausgeht von einer größeren Wahrnehmung und Wertschätzung des von der Schöpfung Vorgegebenen; Schöpfung neu zu denken, die eben nicht weitgehend ein Konstrukt des Menschen, sondern Gabe des Schöpfers ist."

 

Ökologie des Menschen im Zentrum ökologischer Verantwortung

Bischof Rudolf entfaltet einen umfassenden Begriff ökologischer Verantwortung, in deren Mitte eine Ökologie des Menschen stehen müsse, die bereits Papst Benedikt XVI. in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag in die deutsche Debatte eingeführt hatte.

Bischof Rudolf: "Das fängt an bei der Achtung der Positivität der Geschlechterdifferenz des Menschen, der von Gott als Mann und Frau geschaffen wurde. Hierher gehören alle Themen des Lebensschutzes, an seinem Beginn und in Alter und Hinfälligkeit. Das hat Konsequenzen für einen ehrfurchtsvolleren Umgang mit der Weitergabe des Lebens, Stichwort: Fortpflanzungsmedizin. Mehr Achtung, Ehrfurcht und Respekt auch vor der Wirklichkeit von Vaterschaft und Mutterschaft. Das muss letztlich auch Konsequenzen haben für eine artgerechte Tierhaltung und auch für gerechtere Preise für entsprechende landwirtschaftliche Produkte. Wir brauchen, so scheint mir, eine Reformulierung der Naturrechtslehre, die die Schöpfungsordnung und Erlösungsordnung aufeinander bezieht und daraus eine Antwort entwickelt auf die Katastrophe der Gegenwart."

 

Pandemie im Licht der Auferstehung

Bischof Rudolf rief dazu auf, die Osterbotschaft jetzt und gerade in der existentiellen Erfahrung der Krise im täglichen Leben zu bekennen: "Wenn wir die Krise, so schwer sie auch auf uns lastet, als Aufruf zur Gewissenserforschung nehmen, kann auch tatsächlich Segen und Heil aus ihr erwachsen. Und bitten wir um Gottes Geist, dass er uns helfe, die Bitte der Oration des heutigen Ostersonntags wahr werden zu lassen: "Schaffe uns neu, o Gott, damit auch wir auferstehen und im Licht des Lebens wandeln". Amen.

Lesen Sie die Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer am Ostersonntag in ganzer Länge nach.

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