Das Los der Propheten - Durch das Kirchenjahr

06.07.2018

...mit Benedikt.

Plötzlich liegen diese Männer auf dem Boden. Voller Demut, als Zeichen der absoluten Unterwerfung unter Christus, den Herrn. Diese Männer, die am vergangenen Samstag nicht nur in Regensburg, sondern in vielen Bistümern Deutschlands zu Priestern geweiht wurden, haben sich lange auf diesen Tag vorbereitet: Ein Jahr der Einführung, fünf Jahre Studium, ein Jahr Praktikum als Diakon in einer Pfarrei.

In Regensburg und Passau waren meine Freunde diese Männer, die auf dem Boden lagen. Fünf Jahre lang habe ich mit ihnen studiert. Plötzlich sind diese jungen Männer, so alt wie ich, Priester. Sie übernehmen Verantwortung in der Seelsorge, sie dürfen der Eucharistiefeier vorstehen, sie dürfen im Sakrament der Versöhnung die Lossprechungsformel sprechen. Sie dürfen die Menschen zu Gott führen. In den ersten Augenblicken während der Weihe kam mir das beinahe surreal vor.

Am nächsten Tag hat einer meiner Freunde Primiz gefeiert. So heißt das, wenn Neupriester zum ersten Mal der Messfeier vorstehen, üblicherweise geschieht das in ihrer Heimatpfarrei. Da, wo sie herkommen, wo sie aufwuchsen, wo man sie kennt. Ein riesiges Fest mit feierlicher Musik, einer bis an den Rand gefüllten Kirche, vielen Fahnenabordnungen und dem Primizmahl im Bierzelt. Die Neupriester kommen zu Hause an. Sie werden nicht nur geschätzt ob der Priesterweihe, sondern auch feierlich willkommen geheißen.

Interessant, dass es Jesus da ganz anders ging. Das Evangelium dieses Sonntags berichtet davon: Jesus kommt auf seinem Weg durch Galiläa auch in seine Heimatstadt Nazareth. Er predigt in der Synagoge. Eigentlich könnte oder wollte man doch nun Jubel erwarten: Einer aus dieser kleinen Stadt, diesem Dorf, hat eine Weisheit erlangt, die ihn befähigt, in der Synagoge das Wort Gottes zu verkünden und auszulegen. Die Leute in Nazareth freuen sich aber ganz und gar nicht. Sie haben eher Vorbehalte. Sie stellen Fragen.

Woher sollte dieser junge Mann plötzlich die Weisheit haben, in der Synagoge zu lehren? "Ist das nicht der Zimmermann", fragen sie, "der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon?" Der Zimmermann, den man kannte. Die Familie, die man kannte. Eine durchschnittliche Familie, deren Sohn eine Arbeit als Handwerker hatte. Woher sollte Jesus plötzlich eine Ahnung von der Bibelauslegung haben? Also sind sich die Bewohner Nazareths kollektiv sicher, dass diese Predigt nichts Gutes sein kann. Das dafür nötige Wissen kann Jesus ja gar nicht haben.

Seine Predigt kommt nicht an, die neue Rolle wird von den Nazarenern schlicht nicht akzeptiert. Jesus war Zimmermann, und basta. Aus einem Zimmermann aus Nazareth wird kein Wanderprediger und erst recht kein Prophet. Die Menschen in Nazareth stecken Jesus in eine Schublade. Der Zimmermann, Sohn eines Zimmermanns, kann doch nicht plötzlich eine so große Autorität haben. Nun haben sich die Nazarener aber gewaltig getäuscht. Jesus ist der Sohn Gottes, er ist ein hervorragender Kenner der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung. Woher er das hat? Nun, vielleicht von seinem eigentlichen Vater. Dem Vater, der kein Zimmermann war.

Jesus steht damit in einer sehr schlechten Tradition. Propheten genießen im Alten Testament zwar einen sehr guten Ruf, in ihrer Heimat aber erfreuen sie sich selten großer Beliebtheit. Vielleicht ist der Gedanke zu ungewohnt, der seit langem bekannte Nachbar oder Mitbürger könnte plötzlich ein Sprachrohr Gottes sein. Ob man es aber glaubt oder nicht - es ist so. Da bin ich schon froh, dass meine Freunde nicht nur im ganzen Bistum und der ganzen Kirche, sondern auch zuhause begeistert angenommen werden.