Der Postulator der Causa John Henry Newman erzählt: Wer war Newman wirklich?

19.11.2019

Vor rund einem Monat, am 13. Oktober 2019, wurde Kardinal John Henry Newman heiliggesprochen.

Newman, der im 19. Jahrhundert lebte und wirkte, war zunächst Priester der anglikanischen Church of England. 1845 nahm er den katholischen Glauben an und wurde nach weiteren theologischen Studien 1847 in Rom zum katholischen Priester geweiht. Aufgrund seiner Konversion schlugen ihm Misstrauen und Anfeindungen von katholischer und anglikanischer Seite entgegen. Die einen hielten ihn für einen subversiven Protestanten; für die anderen war er ein Abtrünniger. Dennoch machte sich Newman mit seinen theologischen Reden und Schriften einen Namen – sowohl in Rom als auch in England.

Newman ist einer der bedeutendsten Kirchenlehrer der Neuzeit. Am 19. September 2010 wurde er von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen. Anfang 2019 hat Papst Franziskus ein Wunder, das auf die Fürsprache Newmans zurückzuführen ist, anerkannt. Die Voraussetzung für die Heiligsprechung Newmans war damit erfüllt.

Alle Infos und Berichte rund um die Heiligsprechung können Sie hier nachlesen.

 

Dr. Andrea Ambrosi über den neuen Heiligen

Der Theologe, Kirchenrechtler und Jurist Dr. Andrea Ambrosi war Postulator der Causa John Henry Newman. In dieser Funktion sammelte und bewertete er alles, was über Newmans Leben bekannt ist – Dokumente, Zeugnisse von Zeitgenossen und Schriften. Ihm oblag auch die Prüfung des Wunders, das für die Heiligsprechung notwendig war. Im Gespräch mit Julia Wächter erzählt er, wie er den neuen Heiligen einschätzt.

 

Julia Wächter: Herr Dr. Ambrosi, wie kann man sich Newmans Charakter vorstellen? Wie haben Zeitgenossen ihn beschrieben?

Dr. Andrea Ambrosi: Er war ein guter Freund von zahlreichen Personen, wie seine über 20.000 Briefe zeigen, die im Laufe des Prozessvollzugs in 32 Bänden gesammelt wurden. Er war ein Freund aller Menschen, unabhängig von deren gesellschaftlichen Stellung und sozialen Position, sei es der erstrangige Minister, sei es der arme Bettler am Kirchenportal. Er war so sehr beliebt und geliebt, dass sich rund 15.000 Menschen bei seinem Tod in Birmingham versammelt haben, um seine Bare mit dem Leichenzug vorbeiziehen zu sehen.

 

JW: Und das obwohl Newmans Lebensweg alles andere als geradlinig war?

AA: Er suchte in allem und in allen die Wahrheit, was ihn schließlich auch dazu bewog, Katholik zu werden, auch wenn dies für ihn bedeutete, im Laufe seines Lebens viele Freunde zu verlieren. Gleichzeitig war er von einer tiefen Innerlichkeit beseelt, wie wir aus seinen Meditationen erfahren.

 

JW: Auf welcher Grundlage wurde schließlich der Heiligsprechungsprozess eingeleitet?

AA: Das Heiligsprechungsverfahren wurde in den Fünfziger-Jahren offiziell eingeleitet, aber es waren Jahrzehnte notwendig, um sein Leben und seine Schriften vollständig zu studieren. Im Jahr 1991 wurde er als „verehrungswürdig“ erklärt und nach einem Wunder, das seiner Fürsprache zugeschrieben wurde, hat ihn Papst Benedikt XVI. in Cofton Park, bei Birmingham, am 19. Oktober 2010 seliggesprochen.

Im Mai 2013 dann befand sich Melissa Villalobos, eine verheiratete Frau und Mutter und gerade in Erwartung ihres fünften Kindes, in Lebensgefahr. Aber: Sie und ihr Kind wurden sofort und auf wundersame Weise geheilt – auf die Fürsprache des damals seligen Kardinals John Henry Newman. Das Wunderereignis wurde im Februar 2019 durch Papst Franziskus anerkannt, sodass die Heiligsprechung im Oktober erfolgen konnte.

 

JW: Newman wurde zugleich zum Kirchenlehrer erhoben. Weshalb wurde ihm diese besondere Würde zuteil?

AA: Die Theologie von Kardinal Newman war schöpferisch-kreativ, frisch und seiner Zeit vorausgehend, vor allem was seine Lektionen über das Gewissen und seine Sichtweise der Laien-Rolle in der Kirche anbelangt. Er wurde zum „Vater des Zweiten Vatikanischen Konzils“ ernannt, auch wenn es erst im Jahrhundert nach seiner Lebenszeit stattfand. Seine Lehre hat zahlreichen Menschen geholfen, den Glauben in Gott zu finden und dem eigenen Bewusstsein und Gewissen zufolge in richtiger und gerechter Weise zu handeln.

 

JW: Was hat Sie persönlich während Ihrer Beschäftigung mit der Causa besonders inspiriert oder überrascht?

AA: Die Leichtigkeit, seine Gabe im Schreiben und die große Menge seiner Schriften, die er hinterlassen hat, sowie deren tiefgründige Theologie; diese ist so weit entwickelt und vertieft bei ihm, dass sie noch heute aktuell ist und von vielen Menschen gelesen wird. Seine Schriften gelten als wahre Quelle des Rats und der Inspiration. Überzeugend ist ferner sein tugendhafter Lebenswandel.

 

JW: Welche Signalwirkung hat die Heiligsprechung Newmans in der heutigen Zeit?

AA: Durch die Heiligsprechung wird klar, dass Newman der gesamten Kirche angehört, und nicht nur dem Oratorium von Birmingham in England. Er gehört tatsächlich der ganzen Welt an. Seine Schriften werden immer mehr verbreitet und bekannt werden. So wird er zur Lebenshilfe und zum Rat für viele Menschen werden.

 

JW: Eröffnet Newman einen möglichen Brückenschlag für die Ökumene?

AA: Die Anglikanische Kirche ist froh über die hohe Ehrerbietung und Verehrung, die Kardinal Newman seitens der Katholischen Kirche zukommt. Nach der Ankündigung des Datums für die Heiligsprechung hat die Anglikanische Kirche sofort eine Pressemeldung versandt, in der bekräftigt wurde, dass die Anglikanische Kirchengemeinschaft glücklich sei über diese Ankündigung. Zugleich wurde bestätigt, dass eine anglikanische Delegation an der Heiligsprechungszeremonie gegenwärtig sein werde.

 

JW: In welchen Belangen sollten Menschen Newman anrufen? Und: Welche Bedeutung hat Newman für Sie persönlich?

AA: Verschiedene Menschen sind angezogen von verschiedenen Heiligen. So verehren verschiedene Personen Kardinal Newman aus sehr unterschiedlichen Gründen. Beispielsweise für seine Wahrheitsliebe, für seine theologischen Schriften oder für seine seelsorgerliche Pflege. Vielleicht kann er als Patron der Theologen oder auch der Journalisten fungieren, da er es liebte, zu schreiben. Er war Redakteur vieler Zeitschriften und anderer Veröffentlichungen im anglikanischen wie auch im katholischen Bereich. Und er verstand die drängenden Zeichen und Fragen seiner Zeit sehr gut in diesem Zusammenhang.

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