Die Ordnung der Natur legt die Existenz eines Schöpfers nahe – Tagung des Akademischen Forums Albertus Magnus zum Thema „Naturverständnisse“

27.02.2020

„Der vermeintliche Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube ist heute einer der Hauptgründe für Schwierigkeiten mit dem christlichen Glauben“, sagt Bischof Dr. Rudolf Voderholzer. Zum Thema „Naturverständnisse“ veranstaltete das Akademische Forum Albertus Magnus am 14. und 15. Februar eine Tagung. Die Tagung – eine Kooperation mit der Katholischen Akademie in Bayern und der KEB Regensburg – befasste sich mit naturphilosophischen und schöpfungstheologischen Grundfragen. Armin Hofbauer hat sich im Nachgang der Veranstaltung mit dem Leiter des Forum Albertus Magnus, Professor Dr. Sigmund Bonk, getroffen.

 

„Was ist eigentlich die Natur?“ – diese Frage stellte die von Ihnen organisierte Tagung. Warum ist die Natur so ein wichtiges Thema?

Alle Welt spricht heute von Klimawandel, von Naturschutz und von Ökologie, doch kaum jemand fragt, was die Natur ist. Mit der Natur verhält es sich genauso wie mit der Zeit bei Augustinus. Er sagte: „Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Mit unserer Tagung wollten wir unseren Beitrag dazu leisten, die Natur besser zu verstehen. Wir wollten dazu beitragen, den Fragenden erklären zu können, was Natur eigentlich ist.

 

Woher kommt die Natur? Das ist eine zentrale Frage, die sich den Naturwissenschaften genauso wie der Philosophie und der Theologie stellt. Wie wird diese Frage von unterschiedlichen Seiten beantwortet?

Die Naturwissenschaft versucht, ohne transzendentale Erklärungen auszukommen. Es geht ihr darum, die Natur kausal auf ihren ganz natürlichen Anfang zurückzuführen. Das ist der Urknall, der vor 13,7 Milliarden Jahren angesetzt ist. Die Naturwissenschaft kommt aber ohne Naturgesetze nicht aus. Dabei muss auf vage Aussagen wie die „Quantenfluktuation im Nichts“ zurückgegriffen werden, eine Erklärung, die für Philosophen und Theologen unbefriedigend ist. Die Philosophen stellen sich der Frage „Woher kommen die Naturgesetze?“ und haben dafür mehrere konkurrierende Theorien: den Theismus, den Atheismus und den Pantheismus. Für die Theologen wiederum legt das große Maß an Ordnung in der Natur den Gedanken eines Ordners nahe. Sie gehen von der Natur als Schöpfung aus.

 

Professor Dr. Trawny aus Wuppertal setzte sich mit dem Naturverständnis des Philosophen Martin Heidegger auseinander. Der vertrat die Position: „Der Mensch ist unheimlich, weil er mittels techné, also der Technik, dem Seienden gegenüber notwendig Gewalt ausübt.“ Was bedeutet das für unser Handeln und für den Umweltschutz?

Heidegger hat auf die tragische Situation des Menschen aufmerksam gemacht. Von Natur aus ist er ein Kulturwesen und auf die Technik angewiesen. Er kann nicht ohne sie. Deshalb ist es unvermeidbar, dass er in die Naturprozesse eingreift und der Natur etwas an die Seite stellt, was er „Gestell“ nennt. Die Gefahr, die ihm dabei auflauert, ist, dass der Mensch sich in das Gestell einlebt und sich von der Natur immer mehr entfremdet. Professor Trawny nannte als Beispiel das Smartphone: Sind wir es, die das Smartphone bedienen, oder ist es das Smartphone, dass sich unser als Nutzer bedient? Wir können daraus lernen, dass es naiv ist, sich den Menschen ohne Technik vorzustellen.

 

Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? – Ein altes Problem, für das die Tagung eine unorthodox wirkende Lösung präsentierte. Wie sieht diese aus?

Professor Dr. Nusser, auf dessen Vortrag Sie hier anspielen, wollte darauf aufmerksam machen, dass die Zielhaftigkeit der Natur nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Nehmen wir als Beispiel die Schwimmhaut bei den Enten. Nach Aristoteles hat die Ente eine Schwimmhaut, damit sie sich im Wasser fortbewegen kann. Die moderne Biologie erklärt sie sich dagegen so: Durch Zufall, in Gestalt einer genetischen Mutation, hat sich Haut zwischen den Zehen gebildet. Sie war eigentlich eine Missbildung, die sich aber in einer bestimmten biologischen Nische, in diesem Fall im Wasser, als Vorteil erwies. Professor Dr. Nusser vertrat die Ansicht, dass dies dem gesunden Menschenverstand widerspricht, da die spätere Entwicklung schon in der Keimzelle angelegt ist. Anders gesagt: Aus einem Hühnerei geht notwendigerweise ein Huhn hervor. Deshalb könne man nicht auf die Zielursachen verzichten.

 

Hat die Natur also ein Ziel oder ist sie eine offene Entwicklung?

Darauf gibt es keine klare Antwort. Es gibt deutliche Hinweise aus der Naturwissenschaft, dass das Universum immer weiter zerfällt, sich ausdifferenziert und am Ende verstrahlt. Theologisch legt allerdings die Ordnung in der Natur nahe, dass es einen Schöpfer gibt. Der muss auch in die Naturprozesse eingreifen können. Zum Beispiel kann er einen Ort finden für seine Geschöpfe, wo ewiges Leben möglich ist. Die Existenz eines Schöpfergottes bedeutet: Was nach den Naturgesetzen geschehen kann, muss nicht geschehen. Das zeigen die Wunder, die Christus gewirkt hat bei der wunderbaren Brotvermehrung oder an Lazarus.

 

Bischof Rudolf sieht in dem vermeintlichen Widerspruch von Naturwissenschaft und Glaube einen der Hauptgründe für die Schwierigkeiten mit dem christlichen Glauben. Mit Professor Dr. Haszprunar, Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, wagte ein Naturwissenschaftler die Synthese von Evolution und Schöpfungsglaube. Mit Professor Dr. Michael Stickelbroeck befasste sich ein Theologe mit dem christlichen Schöpfungsverständnis. Ließen sich beide Ansätze miteinander verbinden?

Der Ansatz von Professor Dr. Haszprunar war es, Naturwissenschaft und Bibelglaube ineinander zu überführen. Konkret heißt das, dass er den „Logos“ aus dem Prolog des Johannesevangeliums mit der Urenergie gleichsetzt. Für ihn ist alles eins. Deshalb geht er davon aus, dass eine Verbindung von Naturwissenschaft und Bibelglaube ohne die Hilfe der Philosophie möglich ist. Das läuft auf die Vorstellung des Panentheismus hinaus. Dagegen ist für Professor Dr. Stickelbroeck die Brücke der Philosophie sehr wichtig. Ohne das Rüstzeug der klassischen aristotelischen Philosophie könne keine Vermittlung hergestellt werden. Die Philosophie mache auch erst die Unterscheidung der verschiedenen Seinsstufen möglich. Sie unterscheidet zum Beispiel zwischen lebendigem Sein und bewusst lebendigem Sein. So konnte es zwischen den beiden Referenten keinen Schulterschluss geben.

 

Mit welchem Fazit gehen Sie aus dieser Tagung?

Es war von Anfang an gewollt, geplant und beabsichtigt, dass wir uns dem Thema interdisziplinär nähern. Ich bin sehr zufrieden. Die zwei Tage sind gut gelungen. Auch wenn es gewisse Grenzen zwischen den Disziplinen gibt, war doch über die Grenzen hinweg ein fruchtbarer Dialog möglich. Das erfüllt mich mit Freude und Hoffnung auf ähnliche zukünftige Tagungen.

Online Welt wieder einblenden

Onlinewelt öffnen
Onlinewelt schließen