Die Zukunft des Religionsunterrichts

25.10.2018

Beim diesjährigen Religionslehrertag des Bistums Regensburg stand das Thema „Zukunftsfähiger Religionsunterricht – Anspruch und Perspektiven“ auf der Tagesordnung. „Wie muss der Religionsunterricht der Zukunft aussehen? Was macht den konfessionellen Religionsunterricht zukunftsfähig?“. Diese herausfordernden und spannenden Leitfragen diskutierten rund 200 katholische Religionslehrerinnen und Religionslehrer in der Bischof-Manfred-Müller-Schule in Regensburg.

 

„Über den eigenen Tellerrand schauen“

Der Religionslehrertag versteht sich als Fortbildungstag für staatliche und kirchliche Religionslehrkräfte aller Schularten. Zahlreiche Workshops und Gesprächsforen boten den Teilnehmern die Möglichkeit, die Thematik praxisorientiert und in vielfältiger Weise zu vertiefen. Den Abschluss des Begegnungs- und Fortbildungstages für Religionslehrkräfte bildete der feierliche Pontifikalgottesdienst mit Bischof Dr. Rudolf Voderholzer.

 

Zukunftsfähiger Religionsunterricht

Religion nimmt in der Gesellschaft eine immer unbedeutendere Rolle ein. Dieses Phänomen wirkt sich auch auf den Religionsunterricht an den Schulen aus. Doch wie gehen die Religionslehrkräfte mit dieser veränderten Situation um? Und wie kann man Religionsunterricht ansprechend und zukunftsfähig gestalten?

Prof. Dr. Matthias J. Fritsch

Über diese Fragen haben wir mit Prof. Dr. Matthias J. Fritsch gesprochen. Er ist Direktor im Kirchendienst und stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Schule/Hochschule der Diözese Regensburg. Lesen Sie im Interview, vor welchen Herausforderungen der Religionsunterricht in der Schule steht und wie er auch in Zukunft tragfähig gestaltet werden kann: 

 

1. Der Religionsunterricht steht heutzutage vor großen Herausforderungen. Können Sie diese kurz beschreiben?

Als erstes muss man wohl die abnehmende religiöse Primärsozialisation nennen, also die Tatsache, dass Kinder von ihren Eltern und Familien nicht mehr oder nur noch sehr wenig in den Glauben eingeführt werden und daher sehr wenig Wissen über Religion und Kirche mitbringen. Dann wäre die zunehmende religiöse Pluralisierung anzuführen und die wachsende Zahl Konfessionsloser, die Religionsunterricht immer schwerer zu organisieren machen und die Religionsgruppen uneinheitlicher. Sodann wird in der Gesellschaft die Relevanz religiöser Rationalität zunehmend hinterfragt, und die fortschreitende Globalisierung und Digitalisierung verschärfen die Frage nach gemeinsamen Werten und einer tragfähigen Sinndimension der Gesellschaft.

 

2. Was bedeutet es für den Religionsunterricht, wenn man es mit einer wachsenden Zahl nicht religiöser Kinder/Jugendlicher zu tun hat?

Er wird dadurch natürlich erschwert. Zunächst einmal kann immer weniger an Inhalten vorausgesetzt werden, sondern muss immer mehr – und für den gläubigen Christen eigentlich Selbstverständliches – erklärt werden. Viel grundsätzlicher ist aber wohl die Schwierigkeit, in einem zunehmend nicht religiösen Umfeld überhaupt Religion und Glauben thematisieren zu können. Die Relevanz dieser Themen scheint in den Gruppen und Cliquen der Kinder und Jugendlichen nicht mehr auf. Religion ist weit weg von der eigenen Lebenswelt und erscheint ohne Belang, die Auseinandersetzung damit überflüssig.

3. Wie geht man als Religionslehrer/-in mit dieser veränderten Situation um?

Jammern hilft nichts. Religionsunterricht muss auf die veränderten Gegebenheiten reagieren, indem er noch konsequenter seine Potenziale ausnutzt: Für Kinder und Jugendliche stellen sich nach wie vor die Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens, nach dem richtigen Verhalten, nach Gerechtigkeit, Leid und Glück. Hier besteht nach wie vor ein Anknüpfungspunkt, an dem Religionsunterricht ansetzen und Kindern und Jugendlichen den Wert von Religion im Allgemeinen und der christlichen Botschaft vermitteln kann.

 

4. Es gibt durchaus Klagen über einen fruchtlosen Religionsunterricht. Was macht eigentlich einen Religionsunterricht fruchtbar/erfolgreich?

Es hängt wohl davon ab, was man unter „erfolgreich“ versteht. Angesichts der oben geschilderten Situation halte ich es durchaus für einen Erfolg, wenn bei manchen Kindern und Jugendlichen das Interesse für Religion geweckt wird, wenn der Religionsunterricht Freude macht, weil die Bedeutsamkeit seiner Fragen für das eigene Leben erkannt wird, wenn er hilfreich für das eigene Leben wird. Dann ist Religionsunterricht durchaus fruchtbar, auch wenn sich das noch nicht sofort und unmittelbar in steigenden Zahlen von Gottesdienstbesuchern niederschlägt. Daneben gibt es ja immer noch eine wenn auch kleiner werdende Anzahl religiös sozialisierte Schülerinnen und Schüler, für die Religionsunterricht Bestärkung und Vertiefung religiöser Bildung darstellt. Diese Gruppe sollte bei der Beurteilung des Werts von Religionsunterricht nicht vergessen werden.

 

5. Welche Rollen spielen die „Basics“ des Christentums im Religionsunterricht und welche sind das aus ihrer Perspektive?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten angesichts der beschriebenen, sehr unterschiedlichen Schülerschaft. Grundlegend ist zunächst einmal, dass Schülerinnen und Schüler den Eigenwert und die Eigenart religiösen Denkens und Sprechens erkennen und verstehen. Wenn diese eher formale Grundlage geschaffen ist, spielen Inhalte eine Rolle: Jesus Christus, seine Botschaft und sein Heilshandeln, die Fortführung dieser Botschaft in der Kirche und den Sakramenten. Aber, ich betone dies nochmals, diese Inhalte werden erst dann Gehör und Verständnis finden, wenn der erste grundlegende Schritt getan ist.

6. Wie kann man Religionsunterricht zukunftsfähig gestalten?

Religionsunterricht ist dann zukunftsfähig, wenn er seine derzeitige Situation bedenkt und die Interessen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler immer im Blick hat – natürlich nicht ausschließlich und nicht vordergründig verstanden, aber als leitende Perspektive. Dies gilt auf den verschiedenen Ebenen, die den Religionsunterricht bestimmen, etwa der Ebene des Lehrplans, der Unterrichtsbücher und -medien oder der einzelnen Unterrichtsformen: So können etwa außerschulische Lernorte bedeutsam werden, Compassionprojekte können die diakonische Dimension des Glaubens erfahrbar machen, digitale Unterrichtsmedien knüpfen recht unmittelbar an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler an, um nur einige Beispiele zu nennen.

Von besonderer Bedeutung sind in diesem Prozess die Lehrkräfte, die den Unterricht ja maßgeblich gestalten und prägen. Sie sollen zunächst einmal authentisch sein: Die Botschaft, die sie verkünden, und ihr Leben dürfen nicht auseinander klaffen. Daneben müssen sie auch fachwissenschaftlich und didaktisch kompetent sein. Aus- und stetige Fortbildung ist vor diesem Hintergrund ein immens wichtiges Anliegen. Die Diözese Regensburg ist hier stark engagiert, etwa mit dem jährlichen Religionslehrertag.

 

7. Was würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen für Ihren wichtigen Dienst mit auf den Weg geben?

Ich möchte Sie zum einen bitten und ermutigen, immer offen zu sein für die Schülerinnen und Schüler und ihre Anliegen, ihre Wünsche und Bedürfnisse, und geduldig, wenn sie – aufgrund ihres Umfeldes – wenig an Vorwissen mitbringen. Zum anderen würde ich sie daran erinnern, dass Schule nicht nur aus Schülerinnen und Schülern besteht, sondern auch aus Kolleginnen und Kollegen. Auch für diese sollte der Religionslehrer als Experte in religiösen Dingen und als Zeuge des Glaubens erkennbar sein.

 

8. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Katechese und Religionsunterricht?

Katechese bedeutet die theoretische wie praktische Einführung in den Glauben, die im Rahmen der Familie oder der Gemeinde geschieht. So ist beispielsweise die Erstkommunionvorbereitung ein klassischer Bereich der Katechese. Religionsunterricht ist die Unterweisung im katholischen Glauben im Rahmen und mit den Mitteln der Schule. Dadurch steht der Aspekt der Wissensvermittlung, das nachprüfbare Wissen über den Glauben, im Prinzip also die Theologie, mehr im Vordergrund. Religionsunterricht gibt in jeweils altersgerechter Form Auskunft über die Rationalität des Glaubens, kann aber nur begrenzt eine missionarische Dimension entfalten. So kann, um im Beispiel zu bleiben, die Erstkommunionkatechese in der Schule durch einen entsprechenden „Kommunionunterricht“ unterstützt werden, aber dieser kann nie die Einbeziehung von Familie und Gemeinde ersetzen.

Weitere Hilfen, Informationen und Angebote für einen gelungenen Religionsunterricht finden Sie auch auf der Homepage des Religionspädagogischen Seminars im Bistum Regensburg.

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