Durch das Kirchenjahr: Die kleine Herde

08.08.2019

… mit Benedikt:

19. Sonntag im Jahreskreis – Lukas 12,32-48

Warten kann eine sehr mühsame Angelegenheit sein. Denn: Man weiß ja nie so ganz, wann das Warten ein Ende hat. Wenn sich etwa ein Freund verspätet oder man auf ein Paket wartet – man weiß, dass auch der verspätete Freund kommen und das ersehnte Paket geliefert werden wird. Nur eben: Wann? Warten strengt an und lässt müde werden. Man wird ungeduldig und des Wartens überdrüssig.

Im Evangelium dieses Sonntags zeichnet Jesus ein Bild christlichen Lebens – und es ist beherrscht vom Warten, vom Warten auf ihn, den Herrn, der eines Tages wiederkommen wird. Jesus ruft seinen Jüngern zu: „Eure Hüften sollen gegürtet sein“ (Lk 12,35). Schon einmal kommt diese Aussage in der Heiligen Schrift vor: Als das Volk Israel sehnsüchtig auf die Befreiung von der Knechtschaft der Ägypter hofft, gibt Gott seine Anweisungen für den letzten Abend in der Sklaverei. Die Israeliten sollen das Pesach-Mahl halten, „so aber sollt ihr es essen: eure Hüften gegürtet“ (Ex 12,11). Im Stehen, jederzeit zum Aufbruch bereit soll das Volk Israel essen, hastig und schnell.

Die Israeliten waren voller Hoffnung, als sie sich an diesem Abend versammelten, um das aufgetragene Mahl zu halten. Sie ersehnten die Befreiung durch ihren Gott und vertrauten gleichzeitig darauf, dass er auch wirklich ernst machen werde mit seiner Verheißung. So soll christliche Existenz sein: Wach und wachend im Vertrauen auf den Herrn. Nur: Einfach ist das nicht und Jesus gibt ein Beispiel dafür. Die Knechte eines Hauses warten auf ihren Herrn. Irgendwann meint der oberste Knecht: Der Herr verspätet sich – unbeobachtet und außerhalb der Gefahrenzone beginnt er, zu essen und zu trinken, aber auch die ihm untergeordneten Knechte und Mägde zu schlagen. Er rechnet nicht mehr mit seinem Herrn, er ist letztlich nicht mehr wach.

Wachen ist schwierig, wenn die Müdigkeit naht. Zu groß ist die Verlockung, dem Schlaf nachzugeben. Vielleicht erzählt der Evangelist Lukas dieses Gleichnis Jesu, um einer drohenden Gefahr in seinen Gemeinden nur wenige Jahrzehnte nach der Himmelfahrt Jesu vorzubeugen: Vielleicht waren schon die Christen, an die Lukas sein Evangelium adressiert, müde geworden. Eigentlich hatten sie mit dem baldigen Kommen ihres Herrn gerechnet. So bald aber trat dieses erwartete und erhoffte Ereignis dann doch nicht ein. Die Christen wurden müde.

Aber auch an uns heute ist das Gleichnis Jesu gerichtet: Christsein bedeutet, wach zu bleiben. Wach für all die Situationen, in denen die Mächtigen ihre Macht missbrauchen und die Kleinen und Schwachen mit Füßen treten. Wach für die Situationen, in denen unsere Gesellschaft nicht von Nächstenliebe geleitet wird, sondern am liebsten Auge mit Auge, Zahn mit Zahn vergelten würde. Wach für Situationen, in denen auch wir Christen schuldig aneinander und an anderen werden und den Aufruf Jesu mit Füßen treten: „Liebt einander.“

Christsein heißt, Wachsamkeit einzuüben. Immer mehr, lebenslang. Einfach ist das nicht und das Scheitern ist immer wieder vorprogrammiert. Deshalb vielleicht beginnt der Evangelienabschnitt dieses Sonntags mit einem Ruf Jesu an seine Jünger: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“ (Lk 12,32) Die Anforderungen, die Jesus stellt, sind bisweilen tatsächlich beängstigend. Wir können viel falsch machen, wir haben immer wieder die – oft auch versteckten – Gelegenheiten, unsere christliche Existenz zu verraten. Einfach also ist es nicht; kein Grund aber, den Mut zu verlieren.

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