Durch das Kirchenjahr: Ende der Welt

14.11.2019

… mit Benedikt:

33. Sonntag im Kirchenjahr – 2. Thessalonicherbrief 3,7-12

„Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Diesen gebieten wir und wir ermahnen sie in Jesus Christus, dem Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen“ (2 Thess 3,11). Diese etwas seltsame Ermahnung hören wir an diesem Sonntag in der Lesung aus dem zweiten Brief an die Gemeinde von Thessalonich. Was hat es damit auf sich?

Der zweite Thessalonicherbrief gibt der neutestamentlichen Wissenschaft bis heute einige Rätsel auf. Das Besondere: Er scheint dem ersten Brief an diese Gemeinde beinahe diametral zu widersprechen. Während der Apostel Paulus im ersten Brief sehr frei über das Ende der Welt spricht und den Eindruck vermittelt, dieses Ende stehe kurz bevor, bietet der zweite Brief ein ganz anderes Bild. „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen“, heißt es da etwa (2 Thess 2,2).

Hier wird sehr deutlich, dass das Ende der Welt noch auf sich warten lässt. Das Problem für die Wissenschaft: Die beiden Briefe scheinen auf den ersten Blick nur sehr kurz nacheinander verfasst worden zu sein. In beiden Fällen sind die Absender Paulus, Silvanus und Timotheus. Dieses Dreiergespann war aber, wie wir aus der Apostelgeschichte wissen, nur relativ kurz miteinander unterwegs. Zudem sind die ersten Sätze der beiden Briefe beinahe identisch. Das erscheint etwas seltsam. Der Apostel Paulus benutzt zwar in seinen Briefen am Beginn immer ähnliche Formeln und ähnliche Motive, kann diese beliebig variieren. Die beiden Thessalonicherbriefe wirken in dieser Hinsicht beinahe wie kopiert.

Das führt zu dem folgenden Problem: Die Briefe müssen sehr knapp nacheinander geschrieben und verschickt worden sein. Das aber passt nicht zur Theologie der Texte. Denn der Apostel Paulus müsste binnen kürzester Zeit seine Ansichten vollkommen geändert haben. Ermahnt er im ersten Brief noch zur Wachsamkeit angesichts des nahenden Endes, will er die Gemeinde im zweiten Brief davon überzeugen, dieses Ende könne noch lange Zeit auf sich warten lassen. Und das innerhalb nur einiger Monate?

Viele Neutestamentler vertreten daher heute die Ansicht, der Zweite Thessalonicherbrief stamme gar nicht vom Völkerapostel Paulus. Dahinter steht ein Problem der frühen Kirche: Die Christen glaubten damals wie heute an das Ende der Welt. Nur waren die frühen Christen davon überzeugt, der Weltenuntergang stehe sehr kurz bevor, viele dachten, selbst nicht mehr zu sterben, sondern dieses Ende mitzuerleben. Auch Paulus spricht immer wieder davon, dass es nicht lange dauern werde. Es lohnte sich also kaum mehr, sich in dieser Welt einzurichten, einen Beruf zu erlernen, zu arbeiten, eine Familie zu gründen – das Ende konnte schließlich jeden Tag kommen.

Die Theorie vieler Wissenschaftler ist, dass diese Ansicht irgendwann zu erheblichen Problemen führte. Einerseits wurde der Glaube vieler Christen erschüttert, als auch nach Jahrzehnten Jesus noch nicht wieder auf die Erde gekommen war. Andererseits ist es natürlich auch keine langfristige Lösung, das Irdische – Arbeiten etwa – zu vernachlässigen in der Hoffnung auf den Tag des Herrn. In diese Situation hinein spricht der zweite Thessalonicherbrief, der möglicherweise von einem Schüler des Paulus stammt. In diesem Kontext ist auch der Satz der Lesung dieses Sonntags zu verstehen: Es ist keine Lösung, nicht zu arbeiten, und in der Folge nicht das eigene, sondern fremdes, erbetteltes Brot zu essen.

Entscheidend ist demnach eine gesunde Mittelstellung. Christen sollten sich bewusst sein, dass ihrem Glauben gemäß der Tag des Herrn kommen wird – und dass er jederzeit kommen kann, wie ein Dieb in der Nacht. Gleichzeitig aber sind wir berufen, diese Welt zum Guten zu gestalten. Wir sind gerufen, uns für eine lebenswerte Erde einzusetzen und nicht untätig auf den Tag der Tage zu warten. Diese Spannung war in den ersten beiden Jahrhunderten vielleicht etwas greifbarer als das heute der Fall sein mag. Doch auch wir tun nicht schlecht daran, den Glauben an ein Ende der Welt im Kopf und im Herzen zu behalten: Diese Welt ist nicht das eigentliche Ziel. Diese Welt ist nicht alles.

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