Durch das Kirchenjahr: Himmel auf Erden?

05.12.2019

… mit Benedikt:

Zweiter Adventssonntag A – Jesaja 11,1-10

Wie stellen Sie sich den Himmel vor? Versionen gibt es viele. Für den „Brandner Kasper“ scheint der Himmel bayerisch zu sein. Tracht, Weißwürste. Wie aber wird der Himmel wirklich sein? Wie wird er aussehen? Wie wird es sich anfüllen? Einen kleinen Vorgeschmack gibt uns die Lesung dieses Sonntags: Die erste Lesung des zweiten Adventssonntags präsentiert uns das Idealbild der Schöpfung.

Von einem Reis aus dem Baumstumpf Isais ist dort die Rede. Isai war der Vater des Königs David, er steht hier als Urvater für das Königshaus David. Der Stamm dieses Königshauses scheint abgeschlagen, nur noch ein Stumpf ist übriggeblieben. Aus diesem toten Baum aber erhebt sich nun ein neuer Zweig, neues Leben wächst aus dem abgestorbenen Stumpf hervor, ein neuer Herrscher aus dem davidischen Königshaus. Auf diesem neuen König ruht der Geist des Herrn, wie Jesaja weiter ausführt. Seine Herrschaft hört sich an wie der Himmel auf Erden: Er „richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist.“ (11,4)

Mehr noch: Ein universaler Friede werde unter der Regentschaft dieses Königs herrschen. Einander feindliche Tiere werden in Harmonie miteinander leben: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie.“ (11,6) Und mehr noch: Auch zwischen Menschen und gefährlichen Tieren wird Friede sein: „Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.“ (11,8)

Wir Christen lesen diese Stelle bei Jesaja besonders auf Jesus Christus hin: Er ist der Messias, den diese Stelle verheißt; er ist der Nachkomme Davids, unter dessen Herrschaft sich das Reich des Friedens ausbreiten wird. Auch wenn man diese Stelle sicherlich auch anders interpretieren kann – wir müssen uns einen harten Vorwurf gefallen lassen. Wir bereiten uns einmal mehr auf die Ankunft des Herrn in Bethlehem vor. „Advent“, das heißt „Ankunft“. Und blicken wir auf diese Welt, erscheint sie nicht als Erfüllung der Vision des Jesaja, sondern als ihr glatter Kontrast.

Auf dieser Welt herrscht keine Gerechtigkeit, die Kleinen und vermeintlich Unbedeutenden kommen eben nicht zu ihrem Recht – vereinzelt vielleicht, in vielen Ländern dieser Welt ist Gerechtigkeit aber bis heute ein Fremdwort. Alleinherrscher machen sich ihr Volk untertan und unterdrücken es. Von einer Harmonie zwischen Menschen und Tieren kann wohl auch keine Rede sein. Wer hat denn – zumindest in weiten Teilen – das Artensterben zu verantworten? Wir. Wer hat Anteil am Wandel des Klimas? Wir. Wer treibt Raubbau an dieser von Gott geschaffenen Erde? Wir.

Wir leben nicht in der von Jesaja beschriebenen Harmonie, auch wenn wir glauben, dass vor zweitausend Jahren tatsächlich das ewige Wort Gottes in Israel Mensch wurde. Eine Welt voller Gerechtigkeit und Friede war nicht die Folge. Wir sollten uns deshalb daran erinnern, dass wir im Advent nicht nur auf die Ankunft Jesu im Stall von Bethlehem warten. Vielmehr wartet die Kirche bis heute auf die Vollendung dieser Welt. Bis heute warten wir auf die Wiederkunft unseres Herrn, auf den „jüngsten Tag“, an dem Gott diese Welt richten, geraderücken wird. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass wir noch nicht im Himmel leben – sondern im Reich Gottes, das beständig wächst. Dabei kommt aber auch uns eine Aufgabe zu: Wir müssen Sorge tragen um den Aufbau dieses Reiches.

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