Durch das Kirchenjahr: Rotweinflecken

09.05.2019

… mit Benedikt:

 

Vierter Sonntag der Osterzeit – Offenbarung des Johannes 7,9.14b-17

Sie kennen das vielleicht: Ein Rotweinglas fällt um. In Zeitlupe kann man den Fall des Glases beobachten und sieht, wie sich Tropfen für Tropfen die rote Flüssigkeit auf das frisch gewaschene, gebügelte und gestärkte Tischtuch ergießt. Entsetzen allerseits. Der Tollpatsch stößt unkontrolliert Worte der Entschuldigung aus, die Gastgeber hetzen in die Küche, um das bewährte Vernichtungsmittel aller Rotweinflecken zu holen: Salz. Und wir lernen: Rote Flecken auf weißem Stoff sind etwas Unmögliches. Nur schwer zu entfernen, wenn überhaupt.

Umso mehr erstaunt eine Formulierung, die wir an diesem Sonntag in der zweiten Lesung hören. Dort heißt es in der Offenbarung des Johannes: Menschen, die aus einer großen Bedrängnis kommen, hätten vor dem Thron Gottes „ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.“ Das geht, will man einwerfen, ja gar nicht. Etwas in Blut weiß zu machen, das scheint die Paradoxie par excellence zu sein. Es würde nicht sauber werden, sondern nur dreckiger.

Die Offenbarung des Johannes scheint heute überhaupt ein sehr schwieriger Text zu sein. Die Rede ist dort von der Vernichtung der Welt, den zornigen apokalyptischen Reitern, Schmerzen, Epidemien und dem auf der Erde auftretenden Satan. Entspricht das unserem Gottesbild?

Dabei sollte man sich für das rechte Verständnis der Offenbarung in die ersten Adressaten dieses biblischen Buches versetzen. Es sind vermutlich Gemeinden in Kleinasien; etwa dort, wo heute die Türkei liegt. Sie scheinen es mit vielen Bedrängnissen zu tun zu haben. Ihr Christsein wirft Probleme auf, sie werden verfolgt. Möglicherweise ist mit der für die Offenbarung typischen, etwas kryptischen Ausdrucksweise sogar direkt auf den römischen Kaiser angespielt.

Die Situation dieser Gemeinde hat sich seitdem tausendfach wiederholt: Christen, deren „Lohn“ für ihr Bekenntnis an Gott Verfolgung und Tod ist. Das kann am eigenen Glauben schon rütteln. Das wirft einen Schatten auf den gnädigen und liebevollen Gott, der dieses Leid zulassen kann. In dieser Situation stehen auch heute noch Menschen auf aller Welt, die nicht nur wegen ihres Christseins verfolgt werden, sondern wegen anderer Religionszugehörigkeiten, ethnischer Wurzeln, ihrer Herkunft oder Hautfarbe. Warum schweigt Gott zu ihrem Leid, weshalb verschließt er seine Ohren vor ihren Rufen?

Dieser Frage geht die Offenbarung des Johannes nach. Die Botschaft: Am Ende der Zeiten wird Gott diese Welt richten – im doppelten Sinn. Er wird Richter sein und für Gerechtigkeit sorgen; einen Ausgleich zwischen den Gewinnern und Verlierern dieser Geschichte herbeiführen. Und er wird dadurch diese Welt wieder in Ordnung bringen – „richten“ eben. Von diesem Prozess spricht die Offenbarung des Johannes. „Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“

Für die frühen Christen, an die sich die Offenbarung wendet, stellt sich auch die Frage: Wird es sich für mich „lohnen“, im Glauben an Christus trotz aller Bedrängnis standhaft geblieben zu sein? Man könnte diese Frage jetzt als berechnend herabwürdigen – verständlich bleibt sie aber doch allemal. Diese Standhaften haben nun ihre Gewänder – weiß sind sie, ein Zeichen der Reinheit – im Blut des Lammes Jesus weißgewaschen. Sein Blut ist es, dass die Reinigung von den Sünden ermöglicht. Es bleibt das Bild: Manchmal können rote Flecken eben doch reinigen.

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