Durch das Kirchenjahr: Wie im Märchen

01.07.2020
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Jedes Kind kennt Märchen – sei es von den Gebrüdern Grimm, von Hans Christian Andersen oder gar die Märchen von tausendundeiner Nacht. Der große Vorteil vieler Märchen ist, dass sie zunächst ganz einfach gestaltet sind und man sie sich deshalb so gut merken kann. Hänsel und Gretel etwa: Die Geschichte ist nicht sonderlich kompliziert. Und die spannende Geschichte kann zudem auch noch eine gewisse Botschaft vermitteln – auch wenn die nicht so eindeutig ist. Worum geht es denn eigentlich? Um die moralische Verwerflichkeit dessen, was die Eltern tun, indem sie ihre Kinder aussetzen? Um die praktische Schläue des Jungen, der den Weg kennzeichnet? Um die Boshaftigkeit in dieser Welt, verkörpert durch die Hexe? Nun, das ist offen – und kann unterschiedlich verstanden werden. Nur: Aus einem Märchen nimmt eigentlich jeder einen Gedanken mit.

In den kommenden Wochen werden wir am Sonntag immer wieder Gleichnisse Jesu hören. An diesem Sonntag noch nicht und dennoch scheint es so, als ob die Kirche mit der Perikope dieses Sonntags den Reigen der Gleichnisse eröffnen wollte. Jesus sagt dort etwas, was zunächst erstaunt: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast“ (Matthäus 11,25). „Das“ kann sich auf die zuvor angedrohte Situation der galiläischen Städte beim letzten Gericht beziehen. Vielleicht aber ist damit etwas grundsätzliches über die Botschaft Jesu gesagt: Den Weisen bleibt es verborgen, den Unmündigen wird es offenbart. Jesu Botschaft erreicht schnell das Herz der Menschen – etwa durch die Gleichnisse. Das ist eigentlich wie im Märchen.

Nicht dass Gleichnisse Märchen wären – nein, es handelt sich vielmehr um eine eigene, sehr kunstvolle Gattung der Heiligen Schrift. Dabei wird eines immer wieder deutlich: Die Gleichnisse Jesu sind sehr einprägsam, und das, obwohl sie manchmal nur aus ganz wenigen Sätzen bestehen. Die Menge der von Jesus überlieferten Gleichnisse zeigt auch, dass sie in seiner Verkündigung einen ganz zentralen Stellenwert eingenommen haben müssen. Später wurden diese Gleichnisse überliefert, an der ein oder anderen Stelle von den Evangelisten vielleicht etwas ausgeschmückt. Im wesentlichen Bestand aber spricht vieles dafür, dass es sich hier um authentische Jesusworte handelt. Sie spiegeln die Welt seiner Hörer wider. Wir hören von Bildern aus der Landwirtschaft und dem Wirtschaftsleben, von Armut und Reichtum, kurz gesagt: von Phänomenen, die zumindest dem Hörer zur Zeit Jesu sofort verständlich gewesen sein dürften.

Die Gleichnisse Jesu sind so genial, dass man eigentlich gar nichts darüber schreiben will, um ja nicht ihre Einfachheit, aber auch ihre Mehrdeutigkeit zu berühren. Und doch wollen wir das in den nächsten Wochen versuchen. Wie auch bei Märchen, so spricht einen vielleicht das eine Gleichnis mehr an als das andere; man wird sich das eine eher merken als das andere, wird das ein oder andere vielleicht anders verstehen als der Autor dieser Zeilen. Das unterstreicht nur ihre Genialität. Jesus hat mit den Gleichnissen ein Stück Weltliteratur geschaffen. Weltliteratur, die direkt zum Herzen spricht.

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