Durch das Kirchenjahr: „Wir haben den Herrn gesehen“

07.04.2021

… mit Benedikt

Zweiter Sonntag der Osterzeit B – Johannes 20,19-31

19Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen zusammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. 24Thomas, der Didymus – Zwilling – genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meine Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. (…)“ ­

Johannes 20,19-25

 

Manchmal erlebt man etwas ganz Besonderes und möchte es anderen erzählen. Man schmückt dann aus, berichtet von Details. Etwa, wenn ein Fußballfan einem anderen von einem Spiel berichtet. Er wird nicht nur das Ergebnis nennen, sondern auch die Stimmung im Stadion schildern, die Leistung der Spieler bewerten.

Ganz anders geht es den Jüngern im Evangelium. Sie begegnen dem auferstandenen Herrn und fassen ihre Erlebnisse nur kurz zusammen: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Kein Wort davon, dass Jesus verschlossene Türen durchdringen konnte, kein Wort vom Friedensgruß, der Sendung des Heiligen Geistes, der Vollmacht, Sünden zu vergeben.

Ein einziger Satz. Der Apostel Thomas kann dem nicht glauben.

Wer mag es ihm verdenken? Haben die anderen Jünger da wirklich den Herrn gesehen oder war diese Begegnung nicht eher das Produkt einer aufgeheizten Stimmung, einer Mischung aus Trauer, Verzweiflung und Furcht – ein Hirngespinst?

Dem Evangelisten Johannes ist es hier und auch bei anderen Begegnungen mit dem Auferstandenen wichtig, das Gegenteil deutlich zu machen. Die Jünger begegnen keinem Geist, sie haben keine Halluzinationen, sie sind vielmehr wirklich dem Auferstandenen begegnet. Zu seinem Erkennungszeichen werden die verwundeten Hände und die geschundene Seite. Eben dies zeigt Jesus den Jünger, eben dies verlangt Thomas mit eigenen Augen zu sehen. Wie auch immer wir uns den Leib des Auferstandenen denken müssen – es ist der gekreuzigte Herr. Der Gekreuzigte und der Auferstandene sind identisch. Deutlich wurde dies schon in der Begegnung von Jesus und Maria Magdalena: Die Frau hat Jesu Stimme erkannt. Er ist es wirklich; es ist der Jesus, der erst wenige Tage zuvor am Kreuz gestorben war. Und gleichzeitig beugen die Wundmale Jesu gleich einem weiteren Missverständnis vor: Jesus ist wirklich am Kreuz gestorben. Es schien nicht nur so – wie die antike Irrlehre der Doketisten lehren wollte – als habe er gelitten und sei gestorben. Jesus hat wirklich sein Leben hingegeben am Kreuz, die Wundmale sind ein bleibendes Zeugnis dafür.

Die Jünger Jesu sehen und sie begreifen. Das Erlebte legen sie in diesen einen Satz: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Dieser Satz ist die Kernbotschaft christlichen Glaubens: Jesus Christus, der Herr, ist wirklich auferstanden. Und mit diesem Herrn ist Begegnung möglich – für uns vielleicht auf andere Weise als damals. Und doch dürfen auch wir in unserem Leben nach Augenblicken suchen, von denen wir sagen können: „Wir haben den Herrn gesehen.“

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