Ein geistliches Angebot in bewegten Zeiten - Impulse aus dem Directorium Spirituale für jeden Tag

01.04.2020

 

 

1. April 2020, Mittwoch der 5. Fastenwoche

Gebetsanliegen des Papstes: Wir beten, dass jene, die unter Suchterkrankungen leiden, Hilfe und Beistand bekommen.

Wenn man früher von Sucht sprach, dachte man vor allem an übermäßigen Alkohol- oder Nikotingenuss, der abhängig macht und zur Abhängigkeit führt. Herz und Kreislauf werden beeinträchtigt, weitere Organe nehmen Schaden. Häufiger Alkoholgenuss kann zur Gewöhnung werden. Mit wachsendem Wohlstand hat sich bei uns der Drogenkonsum vor allem unter der Jugend verbreitet. Nicht nur die Gesundheit nimmt Schaden, auch der Arbeitsplatz, die Familie, die Freundschaften und das gesellschaftliche Leben werden in Mitleidenschaft gezogen. Vom Auftrag der Bruderliebe getragen, nehmen sich die Mitarbeiter der katholischen Sozialhilfe und vieler anderer Sozialeinrichtungen der Suchtkranken durch Beratung oder Unterbringung in Heilstätten in besonderer Weise an. So erhalten diese eine fachkundige Begleitung.

Das Ziel der christlichen Einrichtungen ist der sucht- und drogenfreie Patient. Mehr als früher ist heute der Drogenabhängige ins Blickfeld der Fürsorge geraten. In manchen Ländern werden die Bemühungen der christlichen Einrichtungen durch staatliche Programme durch Abgabe von Heroin an Rauschgiftsüchtige unterlaufen und sogar als beachtlicher Erfolg gewertet. Ein Suchtverlängerungsprogramm kann nicht das Fundament einer breit angelegten staatlichen Drogenpolitik sein. Man hat festgestellt,  dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer aus Methadonprogrammen kamen. Man hat sie eigentlich den harten Drogen zugeführt anstatt alles daran zu setzen, die schwer Abhängigen zur Therapie zu bewegen. Jugendlichen ist dann nur schwer zu erklären, dass sie die Hände von Haschisch und Ecstasy lassen sollen, wenn sie sogar  Heroin mit staatlicher Genehmigung erhalten können. Wirkliche Hilfe kann nicht die staatlich organisierte Heroinabgabe sein, sondern nur die Hilfe zu einem Leben ohne Rauschgift.

Es gibt viele Gründe für die Irrwege, die zur Sucht führen. Sie kann durch persönliche Eigenheiten und Lebenskrisen entstehen, ebenso durch Prägungen in Gruppen, Milieus, Freizeitwelten und anderen Lebensstilen. Der eine Drogenabhängige mag die Hilfe eines Arztes suchen, um von der Sucht frei zu kommen, der andere gibt sich nur scheinbar in die Patientenrolle und missbraucht den Arzt als Bezugsquelle von Rauschgift. "Klassische Morphinisten" waren und sind Berufe, die mit Gesundheitsfürsorge zu tun haben. Sie sind erwachsen, sozial integriert, in der Persönlichkeit ausgeformt, oft in der eigenen Familie verwurzelt, später schicksalhaft aus der Bahn geworfen. Sie kommen ohne Einflüsse von Gruppen zu Rauschmitteln und Sucht, bleiben als Süchtige allein, halten die Abhängigkeit geheim, sind im Umgang mit Drogen vergleichsweise diszipliniert. Die Kosten des Suchtmittels bestreiten sie aus regulären Einkünften, sind nicht auf Beschaffungsdelikte angewiesen. Und stellen für die Gesellschaft keine Gefahr dar. Ein Fixer fängt schon sehr früh mit dem Missbrauch zuerst legaler, dann illegaler Suchtstoffe an, im Alter von etwa 12 Jahren mit Trunkenheit und starken Rauchen, dann Cannabis, LSD und schließlich mit 19 Jahren Heroin und Kokain. Die frühe Entwicklung ist überwiegend ungünstig bei zerrütteter Familie, Erziehungsproblemen, Gewalterleben, Schwierigkeiten in der Schule oder im Ausbildungsverhältnis. Die Beschaffung der Rauschmittel führt nicht selten ins Milieu der Kriminalität. Das einstiegsgefährdete Alter beginnt also bereits ab zwölf Jahren, wenn die jungen Leute die Fähigkeit verloren haben, einmal nein zu sich und den anderen zu sagen. Das Dunkelfeld der Suchtabhängigen ist außerordentlich hoch.

Den kirchlichen Einrichtungen geht es um Heilung, um Überwindung der Sucht, um Wiederhinführung zu einem menschenwürdigen Leben. Und das gehört zu den Grundanliegen christlicher Sorge um den Nächsten. Es ist wie bei einem Kranken. Der Suchtabhängige kann versuchen, seinen Zustand nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. So wird verständlich, dass manche Menschen ihren Zustand nicht erkennen wollen, dabei aber zugrunde gehen, weil sie einfach über ihre Verhältnisse und Möglichkeiten leben und Einschränkungen nicht auf sich nehmen wollen. Josef Ratzinger hat schon vor Jahrzehnten auf einer Tagung gesagt: "Die 'große Reise' , die die Menschen in der Droge versuchen, ist die Pervertierung der Mystik, die Pervertierung des menschlichen Bedürfnisses der Unendlichkeit und der Versuch, die Grenzen des eigenen Daseins ins unendliche Hinein zu entschränken. Das geduldige und demütige Abenteuer der Aszese, die sich in kleinen Schritten des Aufstiegs dem absteigenden Gott nähert, wird durch die magische Macht, den magischen Schlüssel der Droge ersetzt, der sittliche und religiöse Weg durch Technik. Die Droge ist die Pseudomystik einer Welt, die nicht glaubt, aber den Drang der Seele nach dem Paradies dennoch nicht abschütteln kann. So ist die Droge ein Warnzeichen. Sie deckt ein Vacuum  in unserer Gesellschaft  auf."

 

 

2. April 2020, Donnerstag der 5. Fastenwoche

Schriftlesung Joh 8,51-59

"Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen" - ein ungeheuerliches Wort, das Jesus spricht und mit "Amen, amen" untermauert. Für uns Menschen ist es ein ungeheuerliches Wort, weil es auf natürliche Weise nicht zu verstehen ist, wie ein Wort den Tod überwinden soll. Als Christen müssen wir jedoch bekennen: Es ist ein geheimnisvolles Wort.

Im Gespräch mit den Juden bezieht sich Jesus auf Abraham und den Bund Gottes, den er mit dem Erzvater geschlossen hat. Gott gibt ihm sein Wort, dass Abraham zum Stammvater einer Menge von Völkern wird. Es ist ein Wort, das Zukunft und damit Leben eröffnet. Der Bund, den Abraham und seine Nachkommen bis heute leben und durch das Zeichen der Beschneidung sichtbar machen, hat Bestand und wird nicht gekündigt (vgl. Röm 11,29), weil Gott an seinem Wort festhält. Gottes Wort ist bereits für Abraham das "Amen, amen". Darum ist das Judentum für die Christen immer das Zeichen dafür, dass Gott zu seinem Wort "Amen" sagt, und dass das bleibt. Es ist das Wort in der Geschichte, dem wirklich mit Vertrauen und Treue begegnet werden kann.

Das Johannesevangelium kann als eine Meditation über das Wort Gottes verstanden werden. "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott." Das ist das Wort, das Leben gibt und den Tod überwindet. Im heutigen Tagesevangelium spricht Jesus von seinem Wort, aber auch vom Wort Gottes, an dem er selbst festhält. Es sind nicht zwei Wörter oder die vielen Sprachen, die hier zum Klingen kommen, sondern es ist und bleibt das eine Wort Gottes: Jesus Christus. Darum kann er auch sagen: "Ehe Abraham war, bin ich." Das Wort des Bundes ist für Abraham und seine Nachkommen die Verheißung des Lebens und der Zukunft in Gemeinschaft mit Gott. Es ist der Bund des Lebens, in dem die Christen durch den Glauben "Kinder Abrahams sind" (vgl. Gal 3). Das Wort Gottes, das im Bund das Geheimnis des Lebens schenkt, ist dasselbe Wort, das in Jesus Christus das Geheimnis des Lebens ausspricht.

Das Wort Gottes gibt Leben, weil er das Leben ist. In unserem Alltag erfahren wir oft, wie auch unsere menschlichen Worte Leben schaffen können, wenn ein Wort des Dankes, des Trostes oder der Ermutigung gesprochen wird. Aber wir wissen auch um die Verletzbarkeit mit unseren Worten. Gott spricht sich aber im Wort Jesus Christus aus, damit jede Verletzung und der Tod überwunden wird. Ja, das ist ungeheuerlich und geheimnisvoll.

Je mehr wir auf das Wort Jesu hören, desto mehr enthüllt sich für uns die Bedeutung des Geheimnisses. Bekennen wir in jeder Eucharistiefeier das Geheimnis des Glaubens, dann ist es nicht nur ein Hören, sondern ein Aussprechen: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit." Hier offenbart sich das Wort Jesu wirklich und wahrhaft. Auf sein Wort zu hören kann nicht beim Hören bleiben, sondern es fließt über in das Verkünden. Weil wir das geheimnisvolle Wort Jesu und in ihm das Wort des Lebens hören, darum müssen wir dieses Geheimnis kundtun. Es ist ein geheimnisvolles Wort, aber ein Geheimnis, das verständlich ist. Unser Bekenntnis ist die Erklärung und der Erweis des geheimnisvollen Wortes Jesu. Unser Leben, das sich davon prägen lässt, ist durch ihn und mit ihm und in ihm die Bestätigung für die Wahrheit: Unser Leben wird für das Wort Jesu Christi - für das Geheimnis des Lebens zum "Amen, amen".

 

 

3. April 2020, Freitag der 5. Fastenwoche   

Beter gesucht

Nicht nur in jüdischen Gemeinden

Ein Pfarrer stellt fest, dass sich nur ein Kirchenbesucher zum Gottesdienst eingefunden hat. Auf die Frage: "Sollen wir die Predigt heute ausfallen lassen?", meinte der Bauer: "Auch wenn ich nur ein Huhn habe, muss ich es trotzdem füttern." Am Ende des Gottesdienstes meinte der Bauer trocken: "Wenn ich nur ein Huhn zu füttern habe, dann schütte ich ihr keinen ganzen Sack von Körnern hin." Mit anderen Worten: eine kurze Predigt hätte es auch getan.

Vor dieser Entscheidung wäre man in einer Synagoge nicht gestanden, denn im Judentum müssen wenigstens zehn Männer anwesend sein, dass ein Gottesdienst stattfinden kann. Die Zahl Zehn hängt damit zusammen, dass zehn Gerechte die Städte Sodom und Gomorra vor dem Untergang bewahrt hätten. Zehn Beter retten gewissermaßen die Welt. Es war der Patriarch Abraham, der mit Gott um die Rettung der beiden dem Untergang geweihten Städte gerungen hat. Er fragte Gott, ob die Städte gerettet würden, wenn 50  Gerechte in ihnen leben. Dies bejahte Gott. Es ist ein regelrechtes Feilschen, bei dem Abraham immer weiter heruntergeht. Selbst bei zehn Gerechten würden die Städte verschont, aber sie sind nicht vorhanden. Da gibt Abraham auf, aber Lot und seine Familie kann er noch retten, bevor die Städte vernichtet werden.

Bei großen jüdischen Gemeinden wie in Berlin oder München scheint es einfach, immer zehn Männer zusammenzubringen, trotzdem kommt es auch hier hin und wieder zu Engpässen, so dass der Gottesdienst ausfallen muss. Allerdings kann man heute mit dem Handy doch noch so viele zusammentrommeln, dass der Gottesdienst stattfinden kann. Die jüdischen Gemeinden haben von jeher aber auch sogenannte Minjanhim gekannt, das waren minderbemittelte Männer, die von reichen Leuten unterstützt wurden, damit sie an ihrer Stelle zum Gebet gehen und so die Feier garantierten. Solche zuverlässigen Beter gibt es nicht nur in kleinen Gemeinden, sondern auch in der Großstadt. Gefragt, wie hoch die Entschädigung ausfällt, gibt es keinen bestimmten Betrag, aber die Kosten einer Fahrkarte mit der U-Bahn und ein Mittagessen müsse man für einen solchen Stellvertreter schon ausgeben.

Es gab im Ostjudentum sogenannte "Schnorrer", die es direkt darauf abgesehen hatten, von jemand in den Gottesdienst geschickt zu werden. Sie haben sich auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdient. Schnorrer boten den reichen Juden die Möglichkeit, etwas Gutes zu tun und so ihren sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Glaubensgenossen gilt es zu unterstützen. Ein "Schnorrer" ist deshalb kein gewöhnlicher Bettler, sondern ein achtenswerter Mitmensch, mit dem es das Schicksal nicht so gut gemeint hat.

Waren die frommen Stiftungen des Mittelalters nicht etwas Ähnliches? Wer etwa in der Fuggerei in Augsburg eine billige Wohnung bekam, der sollte auch täglich zur heiligen Messe gehen und für die Wohltäter beten. Das ganze Benefizienwesen der katholischen Kirche hängt damit zusammen, dass man eine Stiftung macht zu dem Zweck, dass nach dem Tod des Stifters für diesen gebetet wird. Klöster verdanken nicht selten ihre Gründung diesem Ziel.

Mancher Gottesdienst in unseren Pfarrkirchen könnte nicht stattfinden, wenn er daran gebunden wäre, dass zehn Männer da sein müssen, aber Jesus ist schon mit weniger zufrieden: "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Dass man Gottesdienstbesucher bezahlt, wenn sie einen besonderen Dienst übernommen haben, ist auch uns nicht fremd. Die Idee, einen anderen stellvertretend zur heiligen Messe zu schicken und ihn dafür zu entschädigen, wäre vielleicht keine ganz schlechte Idee, allerdings muss man vorsichtig sein, denn sonst könnte schnell die Steuerfahndung aufkreuzen, um Nachforderungen zu stellen.

 

 

 

4. April 2020, Samstag der 5. Fastenwoche

Steiler Aufstieg zum Ostergipfel: die Karwoche                                          

Die Karwoche  oder Woche der Trauer (vom althd. kara = Sorge, Kummer, Klage, Trauer), von den Christen des byzantinischen Ritus Große, Heilige Woche genannt, ist nahe. Die folgende Vorschau will die Tage von Palmsonntag bis Karsamstag, die in das Osterfest münden, skizzenhaft vorstellen. Wir sind  eingeladen, die letzte Wegstrecke Jesu bis zu seinem Sterben am Kreuz betrachtend, nachdenklich mitzugehen, um dann freudig seine Auferstehung zu feiern (vgl. GL Nr. 278).

Der Palmsonntag ist zunächst geprägt durch den Einzug Jesu in Jerusalem: Jesus wird umjubelt als Friedenskönig, der "im Namen des Herrn" kommt (Mt 21,7ff., vgl. Sach 9,9). Den Kontrapunkt zu Palmweihe, Palmevangelium und Palmprozession setzen im Wortgottesdienst der Palmmesse die Lesungen  Jes 50,4-7 und Phil 2,6-11, noch mehr die Passionslesung nach Mt 26,14-27,66. Einerseits die Beliebtheit des Mannes aus Nazaret bei nicht wenigen seiner Landsleute (Mt 21,9): "Hosanna in der Höhe!", andererseits "Ans Kreuz mit ihm!", der Schrei der Gegner und der aufgehetzten Menge (Mt 27,20-23) nach seiner Verurteilung -  eine dramatische Spannung. Jesu Einzug in Jerusalem ist indes auch ein Bild für sein Kommen in unsere Herzen. Dieses "adventliche Motiv" klingt an in dem bekannten Lied "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit ... Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist ..." (GL Nr. 218). Das Schlussgebet der Palmmesse greift den Einzug Jesu, sein Unterwegssein zu uns, nochmals auf in der Bitte um die Gnade, dass wir dank Jesu Tod und Auferstehung "das Ziel unserer Pilgerschaft" erreichen (Fuchs, 37-40).

Die erste Hälfte der Karwoche ist eine Ansage auf das Österliche Triduum hin. Im Wortgottesdienst der Messen von Karmontag, Kardienstag, Karmittwoch  begegnen uns in den  Jesajalesungen der leidende Gottesknecht  und bereits einige Personen der Passion Jesu, vor allem die Apostel Judas (Joh 12,1-11; 13,21-33; Mt 26,14-25)  und Petrus (Joh 13,36ff.). "Die drei Österlichen Tage vom Leiden und Sterben, von der Grabesruhe und von der Auferstehung des Herrn" (Messbuch von 1996, S. 23; vgl. GL Nr. 303), erstrecken sich vom Gründonnerstagabend bis zur Vesper des Ostersonntags.

Der Name Gründonnerstag leitet sich ab von "greinen", dem alten Wort für "weinen", was sich auf die frühmittelalterliche Buße bezog, konkreter auf die Wiedereingliederung der Büßer in die Gemeinde an diesem Tag. Das Triduum Paschale beginnt mit dem Letzten Abendmahl. Dieses Mahl, das Jesus mit seinen Aposteln im Rahmen der jüdischen Pesachliturgie (vgl. Ex 12,1-14) feierte, d.h. die Einsetzung der heiligen Eucharistie, ist das Hauptgeschehen des Gründonnerstags (vgl. Lk 22,14f.). Nach den synoptischen Evangelien (Mt 20,26-29; Mk 14,22-25; Lk 22,14-20; vgl. 1 Kor 11,23-26) wird dieses Abendmahl zum neuen Pascha: Anstelle des Osterlammes schenkt Jesus in Gestalt von Brot und Wein seinen Leib und sein Blut, d.h.  sich selbst als Opfer (vgl. 1 Kor 5,7f.). Mit dem Mahl verbindet Jesus den Sklavendienst der Fußwaschung, eine große Demutsgeste: Er ist der Meister, der dient, wobei er die Apostel und uns aufruft, seinem Beispiel zu folgen (Joh 13,1-17). Nächstenliebe ist mit der Liebe Christi in eins gesehen: "Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr" (GL Nr. 442 u. 445; vgl. ebd. 305/4 u. 5). Doch legt sich an diesem Abend über die dankbare Freude bereits ein Schleier von Trauer, der Schatten der folgenden Ölbergnacht Jesu: sein flehentliches Ringen mit Gott, seinem Vater, Todesangst, Tröstung und Jesu bewusstes Ja zum Willen Gottes. Dem kontrastieren im Garten Getsemani die Schläfrigkeit seiner Apostel (vgl. Mt 26,36-45), der Verrat durch Judas, nach der Gefangennahme Jesu die  Flucht aller seiner Jünger (Mt 26,47-56).

Am Karfreitag gedenken wir besonders des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz (vgl. GL Nr. 308). Wann begann das Leiden des Herrn? Sehr  bald in der Nacht nach dem Mahl: Jesu Auslieferung nach der angstvollen Ölbergstunde, dann der Prozess, Verhöre, Verleugnung durch Petrus (Mt 26,30-35.69-75). Jesus hat Verhöhnung und Quälereien von der Soldateska des Statthalters zu erleiden, die ungerechte Verurteilung zum Tod am Kreuz durch Pilatus (Mt 27,11-26), Hohn und Spott auf dem Kreuzweg und auf Golgota vonseiten spießbürgerlicher Passanten, seitens der damaligen Theologen, d.i. der Hohenpriester, der Schriftgelehrten und der Ältesten, auch von den mit Jesus gekreuzigten Räubern und den  Soldaten (vgl. Mt 27-44). Eine Reihe seiner Anhänger - seine Mutter Maria, Maria von Magdala u.a., mehr Frauen als Männer - hält aus in der Nähe Jesu oder "von weitem" (Joh 19,25ff.; Mt 27,55f.), der "um die neunte Stunde" betend am Kreuz stirbt (Mt 27,46). Was hätten wir als Beobachter, als "Leute auf der Straße", dem verurteilten Jesus zugerufen? Das ist eine ernste Frage (so Martini, 68f.) nach unserem Glauben und unserer Gottesvorstellung. 

Am gekreuzigten Jesus von Nazaret, dem "König der Juden" (Joh 19,19), dem "König auf dem Kreuzesthron" (GL Nr. 827/1), schieden und scheiden sich bis heute die Geister. Was hat uns der ans Kreuz geschlagene Jesus zu sagen? Er verlangt von uns echte Nachfolge. Damit ist die innere Bereitschaft zum eigenen Kreuztragen gemeint: Wer mir nachfolgen will, "nehme täglich sein Kreuz auf sich" (Lk 9,23; vgl. Mt 16,24). Im gekreuzigten Jesus werden wir zudem mit Kreuz und Not aller  geschlagenen und erniedrigten Menschen der Welt konfrontiert. Sie werden zum "Bild des Gottes, der für uns leiden wollte. So ist Jesus mitten in seiner Passion für uns Bild der Hoffnung: Gott steht auf Seiten der Lei­denden" (Ratzin­ger, II, 223).  Jesus am Kreuz  leidet solidarisch, er liebt uns im Mit-lei­den unserer Nöte und Lasten (vgl. Jes 53,4ff.11f.). Die Karfreitagsliturgie mündet nach Verkündung der Johannespassion und den "Großen Fürbitten" für Kirche und Welt in die feierliche Kreuzverehrung: "Dein Kreuz, o Herr, verehren wir und deine heilige Auferstehung preisen und rühmen wir ..." Jesu Leben ist nicht am Kreuz verendet, sein Tod bedeutet nicht das totale Aus. Sein Sterben ist vielmehr Überstieg vom Ende in die Vollendung. Der end­gültige Schlüssel  zur Deutung des Leidens Jesu am Kreuz ist das Ostergeheimnis. Die Perspektive der Auferweckung Jesu vom Tod durch Gottes Kraft wirft erlösendes Licht auf alles Unheil dieser Welt. Der auferstandene Gekreuzigte hat den Kreuzpfahl des schmach­vollen Scheiterns ("mors turpissima crucis", so Cicero) zum Baum des Lebens und zum Anker der Hoffnung gewandelt. Wenn J.S. Bachs "Johannespas­sion" im Schlusschoral dieses Meisterwerks - wie bereits im Eingangschor und zumal in der Arie über Jesu  letzte Worte "Es ist vollbracht!" (Joh 19,30) - Christus "auch in der größten Niedrigkeit" als den göttlichen Überwinder des Todes, als den Ver­herrlich­ten, musikalisch aufstrahlen lässt (Walter, 70-73), so ist dies dem Evange­lium des Johannes treffend nachempfunden.

Besonders eindrucksvoll feiert die Christenheit weltweit die  Osternacht als die "Nacht der Nächte". Ihre reichhaltige Liturgie besteht aus vier Teilen: Lichtfeier - Wortgottesdienst - Tauffeier - Eucharistie. Kern von Teil I ist das Entzünden der Osterkerze am Osterfeuer. Die Kerze wird in den dunklen Kirchenraum getragen mit dem Ruf: "Christus, das Licht!" und dann im "Exsultet" voll Freude besungen. Dieser wundervolle Lobpreis ist Dankgesang auf die Osterkerze, das Sinnbild des auferstandenen Christus. Das "Paradox der leuchtendhellen Finsternis" (Fuchs, 88, vgl. 75, 79-89; GL Nr. 334) wurde zum Symbol der christlichen Osterfeier. In den Wortgottesdienst (Teil II), d.h. die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament, sind das mit Orgelmusik und Glockengeläute begrüßte "Gloria" und das zu Beginn der Fastenzeit verstummte, nun feierlich wieder angestimmte "Halleluja" eingefügt. Dem folgt die Verkündigung der Osterbotschaft aus dem Evangelium (je nach Lesejahr Mt 28,1-10; Mk 16,1-7;  Lk 24,1-12) mit Osterpredigt: Jesus lebt, Christus ist auferstanden als Sieger über den Tod. Den Inhalt von Teil III bilden die Taufwasserweihe, Taufe (wenn möglich), Erneuerung des Taufversprechens der anwesenden Gemeindemitglieder, zuletzt Fürbitten. Teil IV der Osternachtfeier ist  die hochfestliche Eucharistie ab Gabenbereitung. Vor dem großen Ostersegen und Entlassungsruf "Gehet hin in Frieden, Halleluja, Halleluja" freut sich die anwesende Gemeinde auf die Osterspeisenweihe (Segnung von Eiern, Fleisch, Brot), da und dort auch auf das "Osterlachen" ("risus paschalis"). Diese beliebten Bräuche - dazu zählt auch das Anbringen des Osterlichts auf den Gräbern der Verstorbenen - sollen und können die österliche Freude nach außen und in die Häuser tragen. Den Ostersonntag rundet die (mancherorts leider entfallende) Ostervesper ab (Fuchs, 94). 

Konzentration und Besinnung auf den hohen Rang von Karwoche und Osterfest als überragenden Gipfel im Jahreskreis der Liturgie und des kirchlichen Lebens, ebenso wie auf die zentralen Sakramente der Taufe und Firmung, der Buße und Versöhnung, der heiligen Eucharistie, erscheinen sehr vonnöten gerade in einer Zeit zunehmender Veräußerlichung wie der unseren. Christen verstehen sich als Ostermenschen. "Christ ist erstanden von der Marter alle. Des solln wir alle froh sein; Christ will unser Trost sein. Kyrieleis" (GL Nr. 318).

Lit.: Messbuch, Karwoche und Osteroktav, Regensburg 1996; Carlo M. Martini, Seht diesen Menschen. Die Leidensgeschichte nach den vier Evangelien, Freiburg 1995; Meinrad Walter, Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten! J.S. Bachs Musik im Jahreskreis, Zürich und Düsseldorf 1999; Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Teil II, Freiburg 2010; Guido Fuchs, Einen sah ich sterbend in das Leben gehen. Die Liturgie der Kar- und Ostertage, Regensburg 2011; Gotteslob (GL), Regensburger Ausgabe, Regensburg 2013.

 

 

5. April 2020, Palmsonntag

Schriftlesung Mt 26,14-27,66

Der Eselsritt

Im August 2019 schrieb die Tierschutzorganisation PETA an den Bürgermeister von Oberammergau, er möge dafür Sorge tragen, ab den Passionsspielen 2020 "von der Verwen­­dung von Eseln abzusehen, da die Nutzung der Tiere mit dem heutigen gesellschaftlichen Verständnis von Tierschutz nicht vereinbar ist". "Der Ritt eines erwachsenen Mannes auf einem Esel" sei "nach heutigen Erkenntnissen tierschutzwidrig", denn die Belastung eines Esels dürfe keinesfalls mehr als 20 Prozent seines Eigengewichtes betragen. Im September teilte dann die Passionsspielleitung mit, "Jesus" werde im Spiel nicht, wie von PETA nahegelegt, auf einem E-Tretroller nach Jerusalem einziehen, sondern wie eh und je auf einem Esel reiten, und das zuständige Veterinäramt stellte klar, dass grundsätzlich dem traditionellen Ritt auf dem Esel nichts entgegenstehe; man werde darauf achten, dass alles mit dem Tierschutzgesetz konform sei.

Muss es aber ein "E-sel" sein, noch dazu, wie im Falle Jesu, sogar das unberittene und wohl eher noch schwache Fohlen einer Eselin, und geht nicht heute auch ein "E-Roller"? Gegen Letzteres spricht, dass die Darstellung der Passion als "theatrum sacrum" nicht in die Gefahr kommen sollte, wie viele klassische Theaterstücke durch moderne Regisseure oft bis zur Unkenntlichkeit und Fragwürdigkeit überfremdet zu werden, weil einem die alten Formen überholt scheinen, weil einfach Neues her muss, weil es einen "Aufreger" - der aber dann meist nur die Inszenierung, nicht aber die dargestellte Sache an sich betrifft - braucht. Aber spricht nicht auch dafür, dass Jesus ja mit seinem Eselsritt beim Einzug nach Jerusalem tatsächlich ein symbolhaftes Zeichen setzen wollte und es ihm, der wohl zumeist zu Fuß oder auf einem Boot unterwegs war (aber wissen wir, auch wenn die Evangelien nichts berichten, ob er nicht auch sonst vielleicht manchmal sich eines Esels bediente, wenn er müde war?), nicht um die Nutzung eines Fortbewegungsmittels als solches ging?

Jesu Ritt auf dem Esel, auf den seine Jünger Kleidung als eine Art herrschaftliche Satteldecke gelegt hatten, sollte seinen Anspruch aufzeigen und vor aller Welt bezeugen, dass er der Messias und König von Israel ist. Und die Menschenmengen, die ihm aus der Stadt entgegenkamen, haben es verstanden: Sie grüßten ihn mit ihren Hosianna-Rufen (sozusagen: Hoch lebe der König!), winkten ihm mit Palmenzweigen zu und legten ihrerseits Kleidung und Palmwedel auf den Boden aus, weil sie instinktiv erkannten, dass sich in diesem Augenblick die alte messianische Verheißung aus Sach 9,9 erfüllte: "Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin." Erstaunlich dabei war, dass sie sich nicht an dem Tier stießen, mit dessen Auswahl Jesus aber gerade sein Kommen in Niedrigkeit zum Ausdruck brachte, indem er eben nicht, wie von einem irdischen Herrscher zu erwarten, hoch zu Ross erschien, weil sein Königsein ja nicht ein Königsein von dieser Welt war, wie er wenige Tage später vor Pilatus bezeugen sollte.

Im Lobpreis der Menschenmenge klang schon an, was erst nach dem Durchgang durch Leiden und Tod, die uns in der Passion des Palmsonntags jeweils aus einem synoptischen Evangelium verkündet werden, eintreten sollte: die Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn und sein Platznehmen zur Rechten des Vaters als König der Welten und aller Zeiten. Am Palmsonntag schien Jesus die Herzen der Menschen erobert zu haben, doch bald wich dies den "Kreuzige-ihn"-Rufen einer anderen, aber vielleicht auch von einigen aus dieser Menschenmenge. Und dies ist so geblieben bis heute: Noch längst hat selbst der auferstandene und erhöhte Herr nicht die Herzen aller Menschen, die je von ihm gehört haben, erobert. Er wird es aber tun, wenn er wiederkommt in seiner Macht und Herrlichkeit am Ende der Zeiten.

Wenn PETA meint, "heutzutage würde Jesus nicht mehr auf einem Esel reiten. Er würde sich vermutlich auf einem E-Roller oder mit einem anderen tier- und umweltfreundlichen Elektromobil fortbewegen", um ein Zeichen zu setzen, wie der Papst dies ja nun auch mit einem Elektro-Auto bei seinen Audienzen tue, dann zeigt dies ein verkürztes Verständnis von Rettung der Welt. Jesus ging es bei seinem Heilswerk nicht nur um Bewahrung der Schöpfung, der Tier- und Umwelt, er wollte mit seinem Eselsritt das Zeichen setzen, dass nur durch seinen Dienst der Niedrigkeit und Entäußerung Welt und Mensch gerettet werden können und wir als seine Jünger es ihm gleichtun müssten. Die Nutzung eines E-Rollers bei Passionsspielen würde wohl kaum verständlich machen, was der Esel damals allen erklärte. Ob es heute wohl eine Sänfte erklären könnte (aber würden da nicht deren Träger gedemütigt)? Oder sollte der Jesus von Oberammergau am besten zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad kommen? Nur gut, dass die Prophetien über die Wiederkunft des Menschensohnes als sein Gefährt die "Wolken des Himmels" vorsehen (vgl. etwa Dan 7,13; Offb 1,7) - solange diese Wolken dann nicht durch Umweltverschmutzung bedingt sind.

 

 

 

 

 

Impulse aus dem Directorium Spirituale für jeden Tag

"Ein geistliches Wort für jeden Tag", so steht es auf der Titelseite des "Directorium Spirituale", das von der Diözese Regensburg herausgegeben wird und seit über 50 Jahren als geistliches Werkheft jeden Monat erscheint.Das Directorium bietet meditative und im besten Sinne des Wortes erbauliche Betrachtungstexte. Ausgehend von der vorgegebenen Leseordnung, die ein Schriftwort bedenkt oder die Biografie eines Heiligen in den Blick nimmt. 

Momentan ist das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten in der gewohnten Weise nicht möglich. Unser soziales Miteinander ist Einschränkungen unterworfen, die uns zwingen auf das eine oder andere zu verzichten.  Aber ein "geistliches Wort für jeden Tag" soll auch jetzt nicht fehlen! Und deshalb wollen wir Ihnen auf diesem Wege ein "geistliches Angebot" machen.

Die Beiträge des "Directorium Spirituale", die ansonsten nur in gedruckter Form erscheinen, wollen wir Ihnen in der nächsten Zeit hier online zur Verfügung stellen, d.h. jeden Tag finden Sie den betreffenden Text, der so im Heft abgedruckt ist. Sie können dieses geistliche Wort übrigens auch in eine "Statio während des Tages" einbauen. Das Gotteslob bietet das Modell einer Statio (Nr. 626) an, die ihren Tagesablauf begleiten kann:

Eröffnung

Hymnus

Schriftlesung bzw. Betrachtung

(Hier könnte dann der Text aus dem "Directorium" eingefügt werden)

Stille

Vaterunser

Segen       

Wir hoffen, dass wir Ihnen in diesen schwierigen Tagen eine kleine Hilfestellung für Ihr geistliches Leben geben können. Bleiben wir im Gebet miteinander verbunden und stellen wir unsere Zukunft unter den Segen Gottes!  Es grüßt Sie Spiritual Matthias Effhauser, Priesterseminar St. Wolfgang, Regensburg, Schriftleiter des Directorium Spirituale

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