Ein spannender Perspektivwechsel - Der behinderte Gott: Vortrag von Prof. Dr. Dr. Werner Schüßler

01.10.2019
Prof. Dr. Dr. Werner Schüßler ist seit 1999 Ordinarius für Philosophie an der Theologischen Fakultät Trier.

Der behinderte Gott - dies provokante Thema hat Professor Dr. Dr. Werner Schüßler vom philosophischen Lehrstuhl der Universität Trier zum Thema seines Vortrags am 30.09. gemacht. Initiiert wurde die Veranstaltung vom Akademischen Albertus Magnus Forum, das der Regensburger Bischof Rudolf einst ins Leben gerufen hatte. Der Bischof war es auch, der den Anstoß zu diesem ungewöhnlichen Thema gab, wie Forumsdirektor Diakon Professor Dr. Sigmund Bonk in seiner Begrüßungsrede erklärte.

Der Vortrag des Trierer Theologen Schüßler gliederte sich in drei Abschnitte. Zuerst behandelte Schüßler die Kernaussagen von Nancy L. Eieslands Buch "The Disabeld God". Dieses Werk hat Schüßler selbst ins Deutsche übersetzt. Im zweiten Teil befasste sich Schüßler mit der Schrift Deborah Beth Craemers. Diese trägt den Titel "Disability and Christian Theology". Zuletzt zeigte der Trierer Professor anhand dreier Kunstwerke die Möglichkeit und Notwendigkeit des Perspektivwechsels in Kirche und Gesellschaft: Ein behinderter Gott in der darstellenden Kunst.

 

Der stigmatisierte Christus als Symbol der Integration

In "The Disabled God" vertritt Nancy L. Eiesland die These, dass der Umgang der Kirche mit dem Thema Behinderung äußerst ambivalent ist. Anstatt behinderte Menschen zu stärken und ihnen den Zugang zur Kirche zu ermöglichen, unterstützte die Kirche in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart die Abhängigkeiten der Betroffenen und manifestierte ausgrenzende Strukturen. Stets galt die göttliche Vollkommenheit als Maßstab in der Theologie. Allerdings, so Eiesland, erscheine der auferstandene Christus den Jüngern doch körperlich versehrt. Seine Stigmata sind offensichtlich, sie wollen sogar berührt werden.  Jesus Christus wird als behinderter Gott offenbar. "Der behinderte Gott ist nicht nur der Eine aus dem Himmel," schreibt Eiesland, "sondern die Offenbarung des wahren Menschseins." Für die Autorin wird eine Behinderung damit zum natürlichen Teil des Lebens. Ihre Forderung an die Theologie lautet daher, einen beidseitigen Zugang zum sozial-symbolischen Leben zu ermöglichen. Dies könnte geschehen durch eine Dekonstruktion der vorherrschenden kulturellen und religiösen Symbolik. Eiesland nennt dies "Resymbolisierung". Diese gelingt, indem die normativen Maßstäbe aufgebrochen und neu gedacht werden. Der stigmatisierte Auferstandene werde damit zu einem Symbol, das Menschen mit Behinderung in die Kirche hineinholt und die einseitige Ausrichtung auf die körperliche Unversehrtheit infrage stellt. 

 

Von der Vielfalt der Behinderung bis zum "Limit-Modell"

Je älter wir werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir an einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung leiden, schreibt Autorin Deborah Beth Craemer in ihrem Werk "Disability and Christian Theology" sinngemäß. Sie vertritt die Auffassung, es sei daher viel sinnvoller, "zwischen behindert und zeitweise nichtbehindert zu unterscheiden". Behinderung werde dadurch zu einer allgemeinen und permanent gegenwärtigen Erfahrung, die theoretisch und theologisch reflektiert werden müsse. Sie vergleicht verschiedene gängige Modelle der Behinderung und kommt zu dem Schluss, dass Behinderung eine äußerst vielfältige und "fluide" Kategorie ist, bei der stets die persönliche Erfahrung und das "Wann, Wo, und Wie" mitberücksichtigt werden sollen.  Auf dieser Basis entwickelt sie ein neues Modell der Behinderung, das all diese Kategorien miteinbezieht: Das "Limit-Modell". Dieses Modell werfe "ein Schlaglicht darauf, dass alle Grenzen erfahren, dass sich diese Grenzen unterscheiden (...)" Grenzen werden damit zu Merkmalen des Menschseins und stellen keinen Mangel dar.

V.l.n.r.: Direktor Dr. Sigmund Bonk, Bischof Dr. Rudolf Voderholzer und Gastredner Prof. Dr. Dr. Werner Schüßler.

 

Der behinderte Gott in der Kunst

Zuletzt demonstrierte Schüßler anhand einiger Kunstwerke, dass in der Kunst das Thema des behinderten Gottes durchaus schon angekommen sei. In drei Gemälden des italienischen Malers Andrea Mantegna (1431-1506) etwa weist das Jesuskind deutliche Merkmale des Down-Syndroms auf. Der Computerprint von Madeleine Dietz sorgte vor einigen Jahren für kontroverse Schlagzeilen. Die Landauer Künstlerin setzte der Madonna eines Gemäldes aus dem 16. Jahrhundert ein Mädchen mit Down-Syndrom auf den Schoß. Dietz wollte damit ein Zeichen setzen, dass alle Menschen die gleiche Würde besitzen. Dieser Anstoß zu einem nachhaltigen Perspektivwechsel ist ihr gelungen. Für alle wird Gott Kind.

 

Becoming Human

Menschwerden ist unsere Lebensaufgabe und die Inkarnation geschieht auf vielfältige Art und Weise. In der Eucharistie, im Brechen des Brotes und im stigmatisieren Christus begegnet uns die  Unvollkommenheit und Versehrtheit auch in der Theologie. Papst Franziskus forderte zu Recht die Berücksichtigung von Behinderten in der Kirche. Für ein gelungenes und glückliches Leben ist nicht die körperliche Vollkommenheit, sondern die Liebe ausschlaggebend.

 

Prof. Dr. Dr. Werner Schüßler ist seit 1999 Ordinarius für Philosophie an der Theologischen Fakultät Trier. In seinen zahlreichen Publikationen beschäftigt er sich vornehmlich mit Fragen der Philosophischen Anthropologie, der Religionsphilosophie und der Theodizee. Im Jahr 2018 ist im Echter Verlag, Würzburg, seine deutsche Übersetzung von Nancy L. Eieslands Schrift "The Disabled God" erschienen. Schüßler ist verheirtet und hat drei Kinder, davon eine Tochter mit Down-Syndrom.
Prof. Schüßler ist verheiratet und hat drei Kinder, davon eine Tochter mit Down-Syndrom.

 

 

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