Europas Problem ist seine geistliche Schwäche. Bischof Dr. Voderholzer spricht über die Seele des Abendlandes

10.10.2019

Quo vadis Europa? – Wohin gehst du Europa? Diese Frage haben sich die Teilnehmer des VIII. Ökumenischen Bekenntniskongresses am vergangenen Wochenende im nordhessischen Hofgeismar gestellt. Am Freitag zeigte Bischof Dr. Rudolf Voderholzer in einem Vortrag auf, warum das Christentum die Seele des Abendlandes ist.

 

Zweimal Benedikt

„Was ist eigentlich Europa, welches ist seine Herkunft, an die die Gestaltung seiner Zukunft wird anknüpfen müssen?“ Mit dieser Frage fasste Bischof Rudolf die Stoßrichtung seines Vortrags zusammen. Er orientierte sich dabei an den Äußerungen Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. Es könne keinen besseren Gewährsmann zu diesem Thema geben, habe sich doch Ratzinger nach seiner Wahl zum Papst nicht nach seinem Vorgänger Johannes Paul III., nicht Pius XIII. genannt, sondern sich bei seiner Namensgebung für den Namen des Schutzpatrons Europas, Benedikt, entschieden. Denn in der Nachfolge Benedikts von Nursia und an seiner Mönchsregel orientiert, entstand über ganz Europa hinweg ein Netz geistlich-kultureller Zentren. Benedikt XVI. selbst hatte die benediktinischen Klöster einst auch als „geistliche Kraftwerke“ bezeichnet. Und so beruhe das heutige Europa nicht nur auf den drei Hügeln Akropolis (Athen), Kapitol (Rom) und Golgotha (Jerusalem), sondern genauso auf dem Sinai und dem Monte Cassino, wo Benedikt von Nursia ein Kloster gegründet hatte.

 

Die Grundbausteine Europas

Von den Griechen habe Europa den griechischen Geist und das Erbe des rationalen Denkens mitbekommen. Rom habe den römischen Rechtsgedanken, der ein Völker und Nationen übergreifendes Rechtssystem geschaffen habe, hervorgebracht. Und die Sprache der Römer, das Lateinische, habe die Völker Europas auf dem Gebiet der Wissenschaft verbunden. Der Verdienst der Neuzeit aber sei gewesen, dass die im Christentum bereits angelegte Freiheit des Glaubens in ihrer Unterschiedenheit von der bürgerlichen Rechtsordnung konsequent durchgesetzt wurde. Der Dualismus von Staat und Kirche habe den Grundstein gelegt für eine freie humane Gesellschaft. „Die Trennung von Staat und Kirche ist ein Produkt des christlichen Lebensraums“, so Voderholzer.

Christus ist die Mitte Europas

Zentral für Europa sei aber das christlich-jüdische Erbe Europas. „Die Gestalt Jesu Christi steht in der Mitte der europäischen Geschichte und ist die Grundlage eines neuen Humanismus, einer neuen Menschlichkeit“, so zitierte Bischof Rudolf Joseph Ratzinger. Durch Christus habe über Israel hinaus eine Universalisierung der Kirche stattgefunden. Die Liebe zur je besonderen christlich geprägten Heimat sei durchaus positiv, der Nationalismus aber sei abzulehnen. Er habe zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt.

An diesem Punkt merkte Bischof Rudolf mit Blick auf die Gegenwart an: „Das Verhältnis von Ortskirche, Nation und Weltkirche ist ein wichtiger Punkt der Gewissenserforschung der Kirche zu allen Zeiten. Und ich sage das jetzt erst einmal im Blick auf die katholische Kirche und die deutsche Bischofskonferenz. Es zeichnet sich wieder die Tendenz ab, zu meinen, dass am deutschen Wesen die Welt genesen müsse, und dem werde ich mich entgegensetzen.“

 

Herausforderungen an das Abendland

Im Hinblick auf die heutige Situation des Abendlandes sieht Bischof Rudolf mit Joseph Ratzinger einen „merkwürdigen und nur als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass“ am Werk. Während es sich lobenswerterweise fremden Werten verstehend öffne, sehe es von seiner eigenen Geschichte nur noch das Grausame und Zerstörerische. „Europa braucht, um zu überleben, eine neue, gewiss kritische und demütige, Annahme seiner selbst, wenn es überleben will“, gebrauchte er J. Ratzingers Worte und fügte angesichts seiner eigenen pastoralen Erfahrungen hinzu: „Es sind muslimische Jungen, die als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge von der KJF in ihren Einrichtungen aufgenommen werden und täglich regelmäßig beten. Sie zeigen unseren eigenen Jugendlichen, die niemand zu beten gelehrt hat, dass das Gebet wesentlicher Bestandteil des Lebens ist.“ Darum sei die größte Herausforderung für Europa nicht der Islam: „Sorgen muss sich Europa nicht machen wegen des Islam, sondern wegen seiner eigenen geistlichen Schwäche“. Was Europa brauche, sei das Folgende: „Die gläubigen Christen sollten sich als eine schöpferische Minderheit verstehen und dazu beitragen, dass Europa das Beste seines Erbes neu gewinnt und damit der ganzen Menschheit dient.“

 

Ein mutiger Bekenntnisakt

Zuvor hatte Pastor Ulrich Rüß, Präsident der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften (IKBG), große Bewunderung für Bischof Rudolf geäußert. In der derzeitigen Situation der Kirche lege Bischof Rudolf auf ganz besonders eindrucksvolle Weise Standfestigkeit und Mut an den Tag. Rüß würdigte auch die Teilnahme am Marsch für das Leben in besonderer Weise als einen mutigen Bekenntnisakt. „Es ist ein Unterschied, ob einer den Marsch für das Leben vom Schreibtisch aus unterstützt oder mit eigener Gegenwart dabei ist“, so Rüß. Er bewundere vor allem das Selbstverständnis von Theologie und Bischofsamt, das sich darin zeige, und zitierte Bischof Rudolf in eigenen Worten: „Als Bischof will ich bezeugen und deutlich werden lassen, dass Christus ganz handfest und wirklich unter uns ist. Er ist die entscheidende Hoffnung für alle.“

 

Die IKBG – was ist das?

Die Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften (IKBG) ist ein weltweiter Zusammenschluss von Christen verschiedener Konfessionen, die sich als bekennend verstehen. Das bedeutet: Sie nehmen die Bibel mit Altem und Neuem Testament als verbindliche Grundlage für Glauben und Ethik an und bekennen sich mit dem Apostolischen und dem Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis zum dreieinigen Gott. Die IKBG bildet ein Netzwerk für bekennende Christen in aller Welt und möchte ihnen in der Öffentlichkeit Präsenz und Stimme geben. Gleichzeitig bietet die IKBG ihren Mitgliedern und Unterstützern ein Forum zum Austausch untereinander, zur Information und Zusammenarbeit.

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