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21.02.2019

Martin Grichting ist Generalvikar im Bistum Chur. Er hielt am Dienstag, dem 19. Februar 2019, einen Vortrag im Regensburger Thon-Dittmer-Palais. Das akademische Forum Albertus Magnus wollte wissen, ob jetzt die Stunde der Weltchristen (vulgo Laien) in der Kirche geschlagen habe, wie vielerorts zu lesen ist. Im Kontext von Priestermangel, Kirchenaustritten und Missbrauchsfällen könne es doch nicht einfach so weitergehen wie bisher. Sein ganz spezielles Ja formulierte der Schweizer Priester. Sie können es hier nachlesen.

Die Sendung der Laien im Kontext der pluralistischen Gesellschaft

Regensburg, 19. Februar 2019

Martin Grichting

 1. Das Zeugnis der ersten Christen

Die Geschichte wiederholt sich nie. Dennoch lohnt es sich bisweilen, einen Blick in sie zu werfen. Im Zusammenhang dieses Vortrags meine ich die Geschichte der Christen und der Kirche in den ersten Jahrhunderten. Wie ist es möglich geworden, dass sich in dreihundert Jahren ein Weltreich – im Wesentlichen die damals bekannte Welt – vom Glauben an zahlreiche Gottheiten und vom römischen Kaiserkult zum christlichen Glauben hin bekehrt hat? Wenn es nicht tatsächlich so geschehen wäre, man würde es heute für unmöglich halten.

Was ist damals geschehen? Die Kirche hatte erklärtermassen im Römischen Reich nicht die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Stellung, die sie heute in unseren Breitengraden hat. Sie konnte nicht auf Privilegierung durch den Staat vertrauen, im Gegenteil. Sie wurde verfolgt. Sie konnte auch nicht auf die Unterstützung der Reichen und Mächtigen in der Gesellschaft zählen. Denn die Kirche verbreitete sich von den armen Schichten her, von den Sklaven, den Händlern und den einfachen Soldaten. Es gab auch keine Zwangsbekehrungen, wie man sie von Karl dem Grossen und den Sachsen kennt.

In seinem Werk “Menschen werden Christen” (“La Conversion au christianisme durant les premiers siècles”) hat der Französische Autor Gustave Bardy Mitte des 20. Jahrhunderts der Frage nachgespürt, wie das Römische Reich christlich wurde. Und was man bei der Lektüre dieses immer noch wertvollen Werks Seite für Seite spürt, ist die Bedeutung des Zeugnisses der einfachen Christen, der Laien, Tausender und Zehntausender von Frauen und Männern. Sie haben oft im Geheimen, unter Gefahren, den Glauben an Jesus Christus, den Erlöser, weitergegeben. Sie haben es getan ohne Pastoralplan, ohne ausgebaute kirchliche Hierarchie und Bürokratie, ohne Pastoralämter und Strategiepapiere, ohne Internet und soziale Medien. Und dennoch haben sie das Römerreich von unten her umgewandelt, durch das Zeugnis, das mutige Zeugnis, auch das Blutzeugnis. Auch wenn ihnen also materielle Ressourcen fehlten, war für sie umso klarer, was im Brief an Diognet aus dem 4. Jahrhundert über die Christen steht: „Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel“ (Nr. 5). Sie wussten, dass diese Welt nur vorläufig ist, dass wir sie bewohnen und pflegen sollten, dass sie aber nicht unsere letzte Heimat ist. Denn, so heisst es weiter im Brief an Diognet: „Die Christen wohnen im Vergänglichen, erwarten aber die Unvergänglichkeit im Himmel“ (Nr. 6).

Wenn wir uns heute fragen, wie wir als Christen, als katholische Kirche, in einer Gesellschaft wirken sollen, die mindestens so viele säkulare Götter kennt wie die Umwelt der ersten Christen Gottheiten zählte, dann sollte wir bei unseren ersten Brüdern und Schwestern Mass nehmen.

 

2. Nachwirkungen des Mittelalters

Zwischen den Christen der ersten Jahrhunderte und uns liegt eine lange Geschichte der Kirche, die sicher Grosses enthält, die zahlreiche Heiliggesprochene und Heilige hervorgebracht hat, die aber auch weithin geprägt gewesen ist von einer Form von Kirchesein, das nicht mehr den Anfängen entsprochen hat.

Der Kirche ist seit dem Ende des Römerreichs eine politische und gesellschaftliche Macht zugewachsen, die ihr eigentlich von Jesus Christus her nicht zustand. Sie wurde vom Staat zusehends vor seinen Karren gespannt, freilich nicht nur wider Willen. Sie wurde, wie der evangelische Altmeister der Kirchenhistorie, Gerd Tellenbach, treffend gesagt hat, beherrscht und zur Herrschaft geführt. Und die Kirche wurde im Verlauf der mittelalterlichen Geschichte immer mehr zu einer Organisation. Oder anders gesagt: Kirche wurde immer mehr mit ihrer Struktur und ihrer Leitung, der Hierarchie, identifiziert.

Der mittelalterliche Kanonist Gratian hat diese verkürzte Sicht der Kirche so ausgedrückt: “Es gibt zwei Arten von Christen. Die eine Art hat sich dem Gottesdienst geweiht und der Betrachtung sowie dem Gebet gewidmet. Ihr kommt es zu, sich aus allem Lärm weltlicher Dinge zurückzuziehen. Es sind die Kleriker und die Gottgeweihten. (…) Diese sind die Herrschenden. (…) Es gibt aber eine andere Art von Christen, nämlich die Laien. (…) Diesen ist der Besitz zeitlicher Güter erlaubt, aber nur zur Nutzniessung. (…). Ihnen ist es erlaubt zu heiraten, das Land zu bebauen, zwischen Männern gerichtlich zu entscheiden, Opfer zum Altar zu bringen, den Zehnten zu zahlen. Sie können dann gerettet werden, wenn sie durch Wohltaten den Sünden entgangen sind” (C. XII., q. 1, c. 7).

Dem kann man entnehmen: Die eigentlichen Christen, welche die Kirche bilden, sind die Kleriker und Ordensleute. Sie halten sich von der Welt fern. Deshalb sind sie die Vollkommenen, denen es auch zusteht zu befehlen. Die andere Art von Christen, die Laien, müssen mitten in den Händeln dieser Welt leben, heiraten, arbeiten, usw. Sie können auch gerettet werden, wenn sie sich so gut wie möglich von den irdischen Dingen fernhalten. Wenn sie Gutes tun, können sie ihre Verwicklung in die Welt und in deren Verführungen ein Stück weit wieder gut machen. Aber sie erreichen damit kaum die Vollkommenheit der Kleriker und Ordensleute.

Dieses Denken prägt uns ‒ bewusst oder unbewusst ‒ in der Kirche bis heute. Wir haben, auch wenn uns die Theologie des II. Vatikanischen Konzils etwas anderes sagt, eine Zweiklassengesellschaft. Und diese Zweiklassengesellschaft existiert nicht nur in den Köpfen hierarchiefixierter Traditionalisten. Sondern sie existiert auch und gerade in Kreisen, die sich fortschrittlich dünken. Auch dort identifiziert man oft genug Kirche mit Hierarchie, der ersten Art der Christen im Sinne Gratians

Man merkt das, wenn man jemandem sagt: Du könntest etwas für die Kirche tun. Was denkt dann diese Person? Sie wird wohl sofort institutionell denken: Soll ich in der Kirche vorlesen, die Eucharistie austeilen, in den Kirchengemeindevorstand eintreten oder in den pfarreilichen Pastoralrat? Das ist Ausdruck des Denkens, das Kirche insgeheim mit Hierarchie gleichsetzt. Wir sagen Kirche, aber wir meinen Hierarchie. Und etwas für die Kirche tun heisst dann: Etwas tun, was von ihrer Organisation her vorgegeben ist oder von dieser abhängt und geleitet wird.

Wenn wir an die Christen in den ersten Jahrhunderte denken, dann existierte diese organisierte Form von Kirche zu einem grossen Teil nicht. Die Christen in den ersten Jahrhunderten hatten ja nicht einmal Kirchgebäude. Sie mussten sich in Privathäusern treffen, oft im Verborgenen. Sie hatten kaum Strukturen. Sie haben ihr Christsein als etwas gelebt, was ihren Alltag prägte, bei der Arbeit, in der Familie, in ihrer Freizeit. So hat sich das Christentum verbreitet, von Mann zu Mann, von Frau zu Frau, wie ein Lauffeuer offenbar.

 

3. Das II. Vatikanische Konzil: Rückkehr zu den Anfängen

Das II. Vatikanische Konzil hat genau an diesen Verhältnissen wieder Mass genommen. Es hat erkannt, dass das politische und soziale Gepräge, welches die Kirche seit dem Frühmittelalter angenommen hatte, in Teilen sicher berechtigt war, aber doch zeitgebunden und in der Neuzeit nicht mehr angemessen. Und deshalb haben sich die Konzilsväter wieder an dem orientiert, was am Anfang war.

Die Konzilsväter haben jedoch nicht einfach einen Zustand von Christsein restaurieren wollen. Denn die Geschichte wiederholt sich eben nicht. Vielmehr war ihr “Aggiornamento” darauf gerichtet, der Kirche im Heute eine neue gesellschaftliche Form zu geben, damit sie in diesem Heute wirksam sein kann für die Verkündigung des Evangeliums.

Das Neue des II. Vatikanischen Konzils war dabei keine neue Lehre, sondern es war der Versuch, das, was immer gegolten hatte, aber vergessen gegangen war, wieder neu zu sagen, in eine neue Form von Staatlichkeit und von Gesellschaft hinein. Und dieses Neue, dem sich die Kirche nun endlich stellen musste, war die neuzeitliche Bedeutung des Individuums. Die mit der Renaissance einsetzende neue Wertschätzung des Individuums war ein grundsätzlich christlicher Gedanke: der Mensch als Person, als Ebenbild Gottes mit seiner daraus entspringenden Würde. Das hat sich lebenspraktisch Bahn gebrochen in der Aufklärung und in der Demokratie. Sie machte nun den einzelnen Menschen, das Individuum, zum Akteur, politisch und gesellschaftlich.

In dieser neuen Situation haben damit auch die Laien eine neue Funktion erhalten. Denn sie sind ja nicht nur Gläubige, sondern sie sind zugleich auch Bürger, und damit nun in der Demokratie und der freien Zivilgesellschaft auch dort Akteure. Was im Mittelalter einigen Adligen vorbehalten war, ist nun die Aufgabe aller Laien.

Dem hat das II. Vatikanische Konzil Rechnung getragen. Es hat deshalb die Rolle, welche die Kirche in der Gesellschaft und im Staat spielen soll, neu bewertet. Das Konzil hat verstanden, dass sich Kirche und Staat nicht mehr so sehr in ihren Hierarchien begegnen, in Kaiser und Papst. Sondern sie begegnen sich auf dem Spielfeld der Demokratie, wo Christen zugleich Bürger, also politische Akteure sind. Und deshalb hat das Konzil zwar die kirchliche Hierarchie nicht abgeschafft. Aber die Kirche hat ihr Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft, – wenn man das einmal so sagen darf – “deinstitutionalisiert”. Und sie hat damit wieder an dem Mass genommen, was in den ersten Jahrhunderten Kirche war.

Was heisst das konkret? Es bedeutet, dass das Konzil vor allem die Sendung der Laien, die sie mitten in den Zusammenhängen dieser Welt haben, neu bewertet und wertgeschätzt hat. Zweifellos: das II. Vatikanische Konzil hat sich nebenbei auch mit der Frage befasst, was Laien im Bereich des Apostolats der Hierarchie tun können. Man kann dazu in der Nr. 33 der Dogmatischen Konstitution “Lumen Gentium” über die Kirche zwei Sätze nachlesen. Sie lauten: “Außer diesem Apostolat, das schlechthin alle Christgläubigen angeht, können die Laien darüber hinaus in verschiedener Weise zu unmittelbarerer Mitarbeit mit dem Apostolat der Hierarchie berufen werden, nach Art jener Männer und Frauen, die den Apostel Paulus in der Verkündigung des Evangeliums unterstützten und sich sehr im Herrn mühten. Außerdem haben sie die Befähigung dazu, von der Hierarchie zu gewissen kirchlichen Ämtern herangezogen zu werden, die geistlichen Zielen dienen”.

Über diese Sätze wird seit fünf Jahrzehnten diskutiert und publiziert. Es wird zäh darum gerungen, wo die Grenze der Kompetenzen zwischen Klerus und Laien verläuft. Die Grenze wird von den einen so, von anderen anders gezogen, bis im Extremfall derart, die Erfüllung des Laieseins im Klerikerwerden verwirklicht zu sehen. Dabei wird übersehen, dass das II. Vatikanische Konzil im IV. Kapitel von “Lumen Gentium” in insgesamt 9 Nummern ganz anderes über die Laien gesagt hat. Zwei Sätzen über die Möglichkeit, dass einige Laien an der Sendung der Hierarchie mitwirken, stehen dort 88 Sätze gegenüber, die von der eigenständigen Sendung aller Laien sprechen. Diese Sendung besitzen sie nicht erst, wenn sie der Pfarrer oder der Bischof besonders beauftragt hat, wenn sie im Namen und Auftrag der Kirche als Organisation tätig sind. Sondern sie haben diese Sendung schon dadurch, dass sie getauft und gefirmt sind.

Über diese 88 Sätze liest man auch über 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil leider kaum je etwas in theologischen Publikationen, auch nicht in kirchlichen Medien, welche besonders für die Laien bestimmt sind. Und dennoch wäre das wichtig. Denn nur wenn die Laien ihre Sendung, die sie schon aufgrund der Taufe und der Firmung erhalten haben, wie die Christen der ersten Jahrhunderte als eigene, genuine kirchliche Sendung verstehen und leben, wird die Kirche in der Gesellschaft wirksamer. Wenn aber stattdessen immer neu ein Fingerhakeln stattfindet darum, was einige besonders beauftragte Laien im Bereich des Apostolats der Hierarchie dürfen oder nicht dürfen, bleibt die Kirche in ihrem Binnenbereich. Dieser Bereich ist deshalb bekanntlich vergiftet durch Kompetenzkonflikte, die alle lähmen und frustrieren.

Aus dieser Situation müssen wir endlich heraus. Man sagt zwar, ein Konzil brauche immer hundert Jahre, bis es wirke. Aber das heisst ja nicht, dass wir nicht dennoch schon heute beginnen können, das II. Vatikanische Konzil umzusetzen, immerhin sind es seit seinem Ende jetzt über 53 Jahre her. Es wird Zeit, das II. Vatikanische Konzil, jedenfalls was die Sendung der Laien betrifft, aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken.

Auf der einen Seite hat das II. Vatikanische Konzil selbstverständlich das Verbindende zwischen Klerus und Laien betont. Denn es besteht vor aller bleibenden Unterscheidung in Klerus und Laien eine wahre Gleichheit zwischen allen Gläubigen (LG 31, 2). Alle Christen, Priester und Laien, haben, einfach weil sie getauft sind, eine gemeinsame Würde: die Würde der Kinder Gottes. Der Priester ist ja zuerst auch Getaufter. Wenn er am Altar steht, trägt er unter dem Messgewand, das ihn als Priester ausweist, ein weisses Gewand, die Albe. Das ist kein ästhetischer Kniff, damit man die Hosen nicht sieht. Sondern dieses weisse Gewand ist das Gewand des Täuflings, das wir alle auch einmal anhatten. Das heisst: Der Priester ist zuerst ein Getaufter wie der Laie. Beide sind Kinder Gottes. Und sie haben beide Anteil an der Tätigkeit zum Aufbau des Reiches Gottes. Vom Papst bis zum jüngsten Täufling haben alle in der Kirche Teil an derselben Berufung, am selben Glauben und Geist, an derselben Gnade. Alle bedürfen der Sakramente und der geistlichen Hilfe. Alle sind zur Vollkommenheit, auch Heiligkeit genannt, berufen und haben aktiven, verantwortlichen Anteil an der Sendung der Kirche. Das ist das Verbindende. Und es ist das letzte und eigentliche Ziel, auf das wir zugehen. Das ist leider ob all dem Gerangel um die besten Plätze in der Kirche auch allzu oft in den Hintergrund geraten. Die ganze Sendung der Kirche hat letztlich nur einen Sinn, wenn es dabei um das ewige Sein bei Gott geht, auch Heiligkeit genannt. Wenn es im Diognetbrief von den ersten Christen heisst, dass sie zwar im Vergänglichen wohnen, aber die Unvergänglichkeit im Himmel erwarten (Nr. 6), dann hat er damit einerseits das Verbindende zwischen Klerus und Laien betont, aber letztlich überhaupt den Kern des Christseins beschrieben. Wenn dieser Kern vergessen geht, ist alles andere, was wir tagein tagaus als Kirche tun, umsonst. Und man kann sich schon fragen, ob hinter dem vielen Streit in der Kirche nicht auch letztlich ein Vergessen Gottes und der Frage nach der ewigen Bestimmung des Menschen in Gott steht.

Solange wir aber nun auf dieser Erde sind, gibt es auch diese Fragen um das Zueinander von Hierarchie und Laien. Denn Christus hat es durch die Berufung der 12 Apostel so gewollt. Deshalb hat die Kirche auch mit dem II. Vatikanischen Konzil daran festgehalten, dass es zwischen den Geweihten (Bischöfen, Priestern) und den Laien (Getaufte und Gefirmte) einen Unterschied gibt. Er ist nicht einfach graduell, sondern wesenhaft. Beide haben zwar am so genannten dreifachen Amt Christi ihren Anteil. Diese drei Ämter Christi sind: das Verkündigen, das Heiligen und das Leiten. Denn Christus ist Prophet, also Verkündiger. Er ist Priester, also Heiligender. Und er ist König, also Leitender. Das II. Vatikanische Konzil sagt deshalb von den Laien, dass auch sie "des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig (sind)" (LG 31,1). Der Unterschied zwischen Klerus und Laien besteht also nicht darin, dass die Laien am dreifachen Amt Christi keinen Anteil hätten. Dann wären sie wirklich Christen zweiter Klasse. Sondern das II. Vatikanische Konzil sagt, dass Klerus und Laien auf unterschiedliche Weise, wesensmässig verschieden, an dreifachen Amt Christi teilhaben.

Was charakterisiert nun gemäss der Lehre des II. Vatikanischen Konzils die Teilnahme der Laien am dreifachen Amt Christi und damit die den Laien eigene Teilhabe an der Heilssendung der Kirche? Gemäss dem II. Vatikanischen Konzil (LG 31,2) ist es der so genannte Weltcharakter ("indoles saecularis"), der den Laien in besonderer Weise eigen ist. Der "indoles saecularis", der Weltcharakter als die Laien unterscheidendes Element, meint die aus der Taufe erwachsende spezifisch christliche Beziehung zur Welt und Sendung für die Welt. Vereinfacht gesagt: Die Tatsache, dass die Laien mitten in der Zivilgesellschaft leben ‒ in Familie, Beruf, Politik, Kultur, etc. ‒ prägt die Art und Weise, wie sie am dreifachen Amt Christi teilhaben.

Das II. Vatikanische Konzil geht also davon aus, dass die Laien schon mitten in der Welt sind. Sie stehen dieser Welt nicht gegenüber, um dann von der Kirche als Organisation in sie hineingeschickt zu werden, so ähnlich wie man ein feindliches Territorium infiltriert. Sondern die Laien sind durch Familie, Beruf, politisches und soziales Engagement oder auch durch ihre Freizeitaktivitäten schon mitten in dieser Welt, der Zivilgesellschaft, dem Staat. Die kirchliche Hierarchie muss sie nicht als ihre Abgesandten dort hineinschicken. Sondern sie sind schon dort. Und dadurch ist es ihre kirchliche Sendung, von dort aus zu wirken, als Sauerteig, von innen her, wie das Konzil sagt. Wenn sie dort, in den gesellschaftlichen Zusammenhängen, in denen sie leben, am dreifachen Amt Christi teilhaben, dann gestalten sie das Reich Gottes, dann richten sie die Welt auf Christus aus, dann bringen sie die Welt Christus als Opfer dar. Und da sind wir dann wieder bei den Christen der ersten Jahrhunderte. Das Wahrnehmen dieser Sendung ist etwas anderes als die Sendung der Hierarchie, die den weltlichen Bezügen gewissermassen gegenübersteht und sozusagen von aussen her in sie hineinspricht. Dies ist auch nötig. Es ist die amtliche Verkündigung. Es ist demgegenüber die Sendung der Laien, die von Mann zu Mann, von Frau zu Frau, von Frau zu Mann und umgekehrt, in der Familie, durch die Freundschaft, in politischen Parteien, über die Arbeit, in den Medien, etc. den christlichen Glauben leben und verkünden sollen. Man kann das, um es zu erklären, wieder an den Textilien festmachen. Der Priester hebt sich optisch ab, er sollte es jedenfalls. Er ist als Geweihter durch seine Kleidung sichtbar, amtlicher Christ sozusagen. Aber er kann so nicht in der Bank oder am Fliessband arbeiten. Der Priester ist eben nicht nur Sauerteig mittendrin im Leben der Gesellschaft, sondern steht ihr immer auch gegenüber, weil er amtlich die Stelle Christi, Gottes, vertritt.

Zweifellos können auch Laien den Klerus in dieser Aufgabe des Gegenüber-Seins unterstützen. Aber sie sind dann eben nicht mehr im eigentlichen Aufgabenbereich der Laien tätig, sondern wirken, wie es "Lumen Gentium" sagt, am "Apostolat der Hierarchie" mit. Das kann durchaus Sinn machen, etwa wenn es darum geht, das amtliche Handeln des Klerus durch Sachkompetenz in weltlichen Fragen zu unterstützen. Aber immer nur einige Laien können dies tun. Es ist nicht die Sendung, die allen Laien aufgetragen ist.

Schauen wir diese vom Weltcharakter geprägte Sendung des Laien, seine Teilhabe am dreifachen Amt Christi, genauer an.

Amt Christi des Propheten

In LG 25 wird dargelegt, wie die Bischöfe und Priester am Amt Christi, des Propheten, teilhaben: Sie sind amtliche, mit der Autorität Christi ausgestattete Lehrer des Glaubens, von der Kanzel aus sozusagen. Demgegenüber heisst es zur Teilhabe der Laien am Amt Christi, des Propheten, in LG 35, dass sie das alltägliche Familien- und Gesellschaftsleben mit dem Licht des Glaubens erleuchten sollen. Auch Laien haben also an der Verkündigung des Glaubens ihren Anteil. Das ist ein vollgültiger Anteil an der Sendung der Kirche. Aber er ist eben nicht amtliches Sprechen, auf der Kanzel, sondern es ist geprägt vom Weltcharakter und findet statt mitten in den alltäglichen Zusammenhängen der Welt. Das alltägliche Leben des Christen ist somit nicht grauer profaner Alltag, sondern das Feld seiner Berufung, am prophetischen Amt Christi teilzuhaben, Christus zu verkündigen, in Familie, Beruf, Zivilgesellschaft und Staat.

Amt Christi des Priesters

LG 26 spricht von der Teilhabe der Bischöfe und Priester am Amt Christi, des Priesters. Sie heiligen das Volk Gottes amtlich, indem sie die Sakramente spenden, die Eucharistie an erster Stelle. LG 34 sagt nun, dass auch die Laien Anteil am priesterlichen Amt Christi, zu heiligen, haben. Auch sie üben einen geistlichen Kult aus. Aber dieser ist wiederum nicht amtlich, sondern geprägt vom Weltcharakter, vom Eingebettetsein in die zu erlösende Welt. Das Ehe- und Familienleben, die alltägliche Arbeit, die Freizeit, die Freuden und Leiden des Lebens: all das kann, wenn es als Christ durchlebt wird, Gott aufgeopfert werden. Der Laie ist dadurch sozusagen Priester seiner eigenen Existenz und von allem, was damit zusammenhängt. All die Dinge, die er täglich durchlebt, sind so betrachtet nicht ein Hindernis, Gott zu dienen, sondern sie sind gerade der Ort, wo er sein Priestertum lebt. In der Eucharistiefeier wird das dann sichtbar: Wenn der Priester bei der Gabenbereitung das Brot und den Wein erhebt, sagt er: Das sind die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Und diese Früchte der menschlichen Arbeit, welche die Laien durch ihre Vertreter, die Ministrantinnen und Ministranten, darbringen, werden gewandelt in Leib und Blut Christi. Daran wird sichtbar, dass auch das Priestertum der Laien letztlich darauf zielt, alles in Christus Gott, dem Vater, zu Füssen zu legen. Was die Laien tun, ist damit auch, geprägt vom Weltcharakter, auf seine Weise priesterlich.

Amt Christi des Königs

LG 27 zeigt, wie die Bischöfe und Priester am Amt Christi, des Königs, teilhaben. Sie leiten amtlich, als Stellvertreter Christi, die Kirche. LG 36 wiederum zeigt, wie die Laien am Amt Christi, des Königs, teilhaben. Sie sollen die Welt gemäss der Ordnung des Schöpfers und im Lichte seines Wortes ordnen. Hier wird deutlich, dass die Welt nicht böse ist und ein Ort, den man fliehen muss. Sondern im Gegenteil: Die reale Welt ist gerade der Ort, wo die Kirche, die Laien im Besonderen, ihre Sendung leben sollen. Indem die Laien ihr Familienleben, die Arbeit, die Politik, die Kultur, die Medien, etc., gemäss dem christlichen Glauben und den zehn Geboten ordnen, breiten sie das Reich Gottes aus. So verhelfen sie Christus in der Welt zur Herrschaft. Und dadurch haben sie selbst Teil an seinem königlichen Amt.

Wenn man diese Aussagen über die Teilhabe der Laien am dreifachen Amt Christi würdigt, kann man mit dem II. Vatikanischen Konzil (LG 33) sagen: "Der Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst".

Leider muss man jedoch feststellen: Dass die Laien auf ihre Weise, geprägt vom Weltcharakter, am dreifachen Amt Christi teilhaben, hat in der kirchlichen Verkündigung lange Zeit zu wenig Beachtung gefunden. Und es ist wohl weit herum bis heute so. Dass dieser wesentliche Teil der Glaubenslehre heute so wenig beachtet ist, trotz dem II. Vatikanischen Konzil, hat Gründe. Sie sind auch und gerade in der Vernachlässigung des Themas durch die Theologie und teilweise durch die amtliche Verkündigung zu suchen. Und das hat dann bei den Laien zum Eindruck geführt, es gebe ein Zweiklassen-Christentum. Nur der Klerus sei im Grunde die Kirche. Mitwirkung an der Sendung der Kirche heisse deshalb, an der Sendung der Hierarchie teilzunehmen oder zumindest unter ihrer Leitung zu wirken: also in Räten sitzen, auf allen Ebenen in der Kirche mitbestimmen, Kirchenvermögen verwalten, in der Liturgie vorlesen, Kommunion austeilen, ja predigen oder gar am eucharistischen Hochgebet mitwirken, etc.

Es ist zu vermuten, dass diese Sichtweise ihren Grund darin hat, dass man kirchliches Handeln unausgesprochen immer noch stark mit dem amtlichen Handeln der Kirche, demjenigen der Hierarchie, gleichgesetzt hat und wohl heute noch zum Teil gleichsetzt. Und wenn man das tut, dann sind die Laien die Diskriminierten. Denn sie sind ja nicht geweiht und können nicht amtlich an der Sendung der Kirche teilhaben. Konkret gesagt: Wenn es als Ausdruck wahren Christseins gilt, die Pfarrei zu leiten oder ihr Vermögen zu verwalten und am Sonntag zu predigen, dann sind Laien Zweitklass-Christen. Aber diese Sichtweise ist eben falsch. Und ein solches falsches Verständnis des Laien erzeugt verständlicherweise bei diesen Frustrationen, weil sie eben dies und jenes nicht tun dürfen.

Das ist ein wichtiger Grund dafür, warum die Kirche so wenig die Welt gestaltet, was ja gerade die Laien tun sollten. Papst Franziskus hat genau das bedauert in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium". Dort heisst es in Nr. 102: "Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft".

Und in der Tat: So ist es. Die Kirche durchformt die Gesellschaft in Wirtschaft, Politik, Medien, Kultur, etc. nur, wenn beide Formen der Teilhabe am dreifachen Amt Christi gelebt werden, die amtliche Teilhabe durch den Klerus, aber ebenso sehr auch die vom Weltcharakter geprägte Teilhabe der Laien. Sicher braucht es das prophetische Sprechen der kirchlichen Hierarchie in Zivilgesellschaft und Staat. Aber dieses Sprechen, und das merken wir heute immer mehr, verhallt fast ungehört, wenn es nicht zugleich viele einzelne Laien in den konkreten Zusammenhängen der Welt gibt, die diese Botschaft aufnehmen und mitten in der Welt umsetzen, indem sie ihre Form der Teilhabe am dreifachen Amt Christi konkret leben, in Beruf, Familie, Politik, Medien und Kultur.

Ich denke somit, dass wir noch besser verstehen müssen in der Kirche, dass auch die Laien eine vollgültige Sendung in der Kirche haben und dass sie nicht sozusagen im Anhänger der Hierarchie mitfahren. Wir müssen noch besser verstehen und dann leben, dass die Laien ganz und gar an der Sendung der Kirche teilhaben, wenn sie auf ihre Weise, vom Weltcharakter geprägt, am dreifachen Amt Christi teilhaben. Einfach gesagt, geht es darum, zu verstehen und vielmehr noch zu vermitteln, dass die Laien nicht so sehr andere Dinge tun müssen (also am Apostolat der Hierarchie teilhaben, in Räten sitzen, kirchliche Ämtchen suchen). Sondern es geht für die Laien darum, zu verstehen, dass sie die Dinge, die sie sowieso jeden Tag tun, anders tun sollen, als Getaufte und Gefirmte gemäss Gottes Wort und seinen Geboten, apostolisch und ‒ wie Papst Franziskus immer wieder sagt ‒ missionarisch. Dann haben die Laien auf ihre genuine Weise Anteil an der Sendung der Kirche. Und sie haben dann daran Anteil, indem sie eine unersetzliche Aufgabe erfüllen, welche die Hierarchie gar nicht erfüllen kann, die aber nötig ist, damit die Sendung der Kirche gelingt.

Um es ganz konkret zu sagen: Was das II. Vatikanische Konzil meint, sind nicht zehn Theologieprofessoren oder Bischöfe, die gescheite oder besorgte Kanzelworte zu Wirtschaft und Politik schreiben. Sondern gemeint sind Hunderte, ja Tausende von Laien, die in einer Redaktion, im Investmentbanking, in einer Partei, in der Forschung, in der Filmbranche oder in der Schule, in der Familie und in der Freizeit, von ihrem christlichen Gewissen geprägt, den christlichen Standpunkt vertreten, durch Wort und Tat. Sie sollen es tun als überzeugte christliche Laien, die mit jenen Mitteln arbeiten, die in der pluralistischen Demokratie zulässig sind. So zu leben und zu handeln ist auch wahre Teilhabe an der Sendung der Kirche. Das gestaltet die Welt von innen her christlich um, wenn es auf der Basis eines christlich informierten und geprägten Gewissens geleistet wird. Und wenn man auf die Christen der ersten Jahrhunderte zurückschaut, kann man nicht sagen, diese Form der Teilhabe am dreifachen Amt Christi sei nicht wirksam.

Prof. Sigmund Bonk, Direktor des Akademischen Forums

4. Die Kirche im Kontext der pluralistischen Gesellschaft

Ich möchte abschliessend einen Gedanken vertiefen, den ich ansatzweise schon entwickelt hatte. Denn er scheint mir für das Heute und Morgen der Kirche entscheidend. Wir müssen uns als Kirche ‒ Klerus und Laien ‒ viel klarer Rechenschaft geben, in welcher Art von Gesellschaft und in welcher Staatsform wir heute leben. Und ich würde sagen: Obwohl die Väter des II. Vatikanischen Konzils vor über 50 Jahren tagten, waren sie uns da voraus. Sie haben besser verstanden als viele heutige kirchliche Akteure, dass sich die politischen und gesellschaftlichen Umstände geändert haben. Es stehen sich eben heute nicht mehr ‒ wie im Mittelalter, bis zur Französischen Revolution und teilweise darüber hinaus ‒ primär Institutionen gegenüber: Hier der Staat, dort die Kirche als hierarchisch verfasste Institution. In ständischen Gesellschaften, die von der Aristokratie geprägt waren, war das zweifellos noch so. Und die Kirche, verstanden als Kirchenhierarchie, stand dann den staatlichen Autoritäten gegenüber. In den damaligen Zeiten war das wohl unvermeidlich. Dem entsprechend hat die Kirche über Jahrhunderte ihren Standpunkt vertreten: direkt von Papst zu König, von Bischof zu lokalem Herrscher, von Pfarrer zu Bürgermeister, Don Camillo und Peppone. Das Volk als politische Grösse und das Kirchenvolk spielten kaum eine Rolle.

Nun leben wir aber, ob es allen gefällt oder nicht, in der von weltanschaulichem und religiösem Pluralismus geprägten Demokratie, die sich aus zahlreichen Individuen zusammensetzt. Die Kirchenhierarchie hat nicht mehr einfach einen König oder Kaiser zum politischen Ansprechpartner. Jede Weltzeit hat ihre Chancen und Gefahren, damals wie heute. Die Gefahren der heutigen Situation sehen wir gut. Wir sehen, wohin die Demokratien derzeit driften. Aber sehen wir in dieser Situation auch die Chance und die Aufgaben, welche unsere Zeit der Kirche und den Gläubigen bietet? Die Chance besteht darin, dass jeder Christ heute immer zugleich auch ein politischer Akteur ist. Das war früher nicht so. Das haben die Väter des II. Vatikanischen Konzils verstanden. Und deshalb haben sie die Kirche gewissermassen fit machen wollen für die Neuzeit. Das Konzil hat natürlich auch die Rolle der Hierarchie betont. Sie soll den Glauben lehren, ihn amtlich und mit Vollmacht verkünden. Sie soll auch dort, wo die Menschenwürde unmittelbar betroffen ist, politisch sprechen. Denn der Mensch, seine Würde, sein Recht auf Leben, seine Grundrechte: das ist Teil der Schöpfungsordnung. Und dazu soll und darf die Hierarchie als Verkünderin des Glaubens etwas sagen, wenn es notwendig ist.

Aber die Laien sind eben auch Kirche. Sie sind berufen, in der Welt, die sie ja schon bevölkern, als Akteure zu wirken. Und der moderne Staat, die Demokratie, weist ihnen als Bürger genau diese Rolle auch zu. Diese neue Situation haben die Väter des II. Vatikanischen Konzils verstanden. Und deshalb haben sie in prophetischer Art und Weise die Laien dazu aufgerufen, diese neue gesellschaftliche und politische Lage zu nutzen, um den Glauben zu verkünden, um nun selbst in der Zivilgesellschaft und im Staat aktiv zu werden als verkündender, heiligender und weltgestaltender Teil der Kirche.

Deshalb setzt nun die Kirche in ihrem Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft nicht mehr einfach auf die Hierarchie und ihre Diplomaten, sondern auch und besonders auf den Laien. Und damit das glaubwürdig ist, soll sich die Hierarchie selbst nicht an der konkreten politischen und zivilgesellschaftlichen Umsetzung dessen beteiligen, was dem christlichen Glauben und den zehn Geboten entspricht. Sonst werden die Laien entmündigt. Denn die Laien besitzen wirklich eine Mündigkeit. Dieser Begriff "Mündigkeit der Laien" ist leider nach dem II. Vatikanum oft missbraucht worden. Man hat damit suggeriert, die Laien seien jetzt gleichauf mit der Hierarchie. Sie hätten gleich lange Spiesse wie die Hierarchie und könnten von nun an mit ihr zusammen, sozusagen "partnerschaftlich", die Kirche leiten. Aber das ist Klerikalismus, in diesem Fall Klerikalismus der Laien. Dahinter steckt immer noch die alte und verfehlte Überzeugung, eigentlich sei nur die Hierarchie wirklich Kirche. Und folglich müsse man zur Hierarchie gehören oder ihre Aufgaben wahrnehmen, um an der Sendung der Kirche mitzuwirken.

Mündigkeit der Laien heisst jedoch etwas anderes: Die Laien sollen auf der Basis ihres christlich gebildeten Gewissens, im eigenen Namen und in eigener Verantwortung, in der Zivilgesellschaft und im Staat als Bürger wirken und versuchen, diese Wirklichkeiten christlich zu prägen. Das ist die Mündigkeit der Laien, die man ihnen nicht nehmen darf. Diese Mündigkeit muss die Hierarchie fördern, einerseits durch Zurückhaltung in politischen Alltagsfragen, andererseits und vor allem dadurch, dass sie die Laien in ihrem Christsein unterstützt, durch die Verkündigung des Glaubens und der Gebote, durch die Spendung der Sakramente, durch Seelsorge sowie durch die Anerkennung ihrer spezifischen Sendung. Ja, ich würde sagen: Sie muss heute die Laien vor allem dadurch stützen in ihrem Christsein, indem sie ihnen ihre eigentliche Sendung erst einmal wirklich bewusst macht.

Das hat aber zur Voraussetzung, dass die Vertreter der Hierarchie selbst verstehen, wie das II. Vatikanische Konzil die Kirche darauf vorbereitet hat, in einer pluralistischen Demokratie zu leben und zu wirken. Und es hat dann zur Voraussetzung, dass die Vertreter der Hierarchie es an die Laien weitergeben. Das gehört zu ihrem amtlichen Verkündigungsauftrag. Mit Streitereien darüber, wer die Kirche leitet und welchen Anteil daran die Laien haben, sowie mit schlagseitigen politischen Positionsbezügen ist niemandem gedient, nicht der Hierarchie, nicht den Laien und damit nicht der Kirche, und auch nicht der Welt, zu deren Umgestaltung in Christus wir alle berufen sind. Diese Streitereien verdunkeln gerade das, worum es gemäss dem II. Vatikanischen Konzil ginge: den Laien ihre genuine Aufgabe nahezubringen.

Ja, und es geht noch um mehr. Wir werfen dem Islam gerne vor, dass er Religion und Politik vermische. Dieser Vorwurf ist leider nur allzu gerechtfertigt. Die Frage ist allerdings, wie glaubwürdig dieser Vorwurf ist. Denn wenn die Hierarchie bei uns fast im Wochenrhythmus mit Schlagseite politisiert und wenn staatskirchenrechtlich nach wir vor ein Bündnis von Thron und Altar unter den Vorzeichen der Demokratie besteht: Wie wollen wir dann anderen vorwerfen, dass sie die religiöse Autorität missbrauchen für diesseitige politische Anliegen sowie Religion und Staat vermischen, wenn wir es selber tun?

Als katholische Kirche hätten wir vielmehr ein Modell vorzuschlagen und anzubieten, das auch anderen Konfessionen und Religionsgemeinschaften in der heutigen pluralistischen Gesellschaft dienen könnte. Dieses Modell würde es ermöglichen, als Religionsgemeinschaft unbedingte religiöse Wahrheiten zu vertreten und auch öffentlich vorzutragen, aber dadurch nicht einen Gottesstaat zu errichten, der Andersgläubige diskriminiert. Dieses Modell ist gerade die Arbeitsteilung, welche das II. Vatikanische Konzil vorschlägt: Die Hierarchie ‒ säkular gesprochen: die religiösen Führer einer Religionsgemeinschaft ‒ verkünden die ewigen Wahrheiten ihres Glaubensbekenntnisses, ohne daran Abstriche zu machen. Diese Wahrheiten werden dann aber nicht direkt als solche staatliches Gesetz, was einen Gottesstaat zur Folge hätte, der andere diskriminiert. Nein, es ist dann die Aufgabe der Laien ‒ säkular gesprochen: der weltlichen Angehörigen der Religionsgemeinschaft ‒ das, was ihrem Glauben entspricht, nach Kräften im Bereich der Politik umzusetzen. Sie sollen es tun im politischen Wettbewerb, mit allen in der Demokratie zulässigen, legitimen Mitteln, allein, zusammen, mit Gleichgesinnten, auch mit solchen anderer Glaubensüberzeugungen.

Teil dieser Arbeitsteilung wäre es dann freilich auch, dass sich die kirchliche Hierarchie, die amtlich bestallte Leitung einer Religionsgemeinschaft, dort zurückhält, wo die Kompetenz der Laien, der weltlichen Mitglieder der Religionsgemeinschaft, beginnt: bei der Umsetzung desssen, was der eigenen Glaubensüberzeugung entspricht, in konkrete politische Optionen. Hier ist von der Leitung der Religionsgemeinschaft genauso eine Selbstbescheidung gefordert, wie sie von den Laien verlangt wird, wenn es um die Bestimmung des Umfangs und der Auslegung der kirchlichen Lehre geht. Nur wenn sich Laien und Kleriker an die Grenzen ihrer Kompetenzen halten, kann eine fruchtbare Arbeitsteilung entstehen. Für diese Arbeitsteilung ist nicht nur der klerikalisierte Laie eine Gefahr, sondern auch der politisierende Hirte, der die Freiheit der Laien in Fragen der diesseitigen Weltgestaltung missachtet, indem er politische Fragen mit religiöser Autorität, im Namen Gottes beantwortet.

Wenn alle Religionsgemeinschaften sich nach dem hier skizzierten Modell verhalten würden, müssten sie nicht als Eintrittsticket in die pluralistische Demokratie den Geltungsanspruch ihrer Lehren aufgeben und zivilreligiösen Einheitsbrei vertreten, wie es heute teilweise der Fall ist. Sie könnten bleiben, was sie sind. Sie könnten öffentlich unverkürzt vertreten, was sie glauben. Denn es wäre dann Aufgabe ihrer Anhänger, die Gläubige und Bürger in einem sind, nach Möglichkeit das umzusetzen versuchen, was ihrem Glauben entspricht, gemeinsam und zusammen mit Andersgläubigen, auf dem Boden der Demokratie. Denn diese ist heute das Spielfeld, nicht mehr das diplomatische Hinterzimmer.

Das II. Vatikanische Konzil hat damit nicht nur der katholischen Kirche einen Weg gezeigt, wie sie in einer pluralistischen Demokratie sinnvoll wirken kann. Die vom Konzil vorgeschlagene Arbeitsteilung ist auch für andere Konfessionen und Religionen bedeutsam. Allerdings geht das nicht von selbst. Das, was in den Texten des II. Vatikanischen Konzils noch weithin unentdeckt schlummert, muss gehoben und verkündet werden. Es ist primär die Aufgabe der Hierarchie, das zu tun. Auch die Theologie ist hier angesprochen. Zweifellos können auch Laien da mithelfen. Aber von selbst geht es nicht. Ich habe vorhin aus dem Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus die Worte zitiert: "Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft" (EG 102). Das Zitat ist jedoch nicht vollständig. Denn nicht umsonst fährt der Papst mit folgendem Satz fort: "Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar".

Genau das ist heute das Gebot der Stunde. Hören wir auf mit innerkirchlichen Grabenkämpfen über die Demarkationslinien zwischen Laien und Klerikern im Bereich des Apostolats der Hierarchie. Und beginnen wir, die Laien ihre wahre Würde und Aufgabe erkennen zu lassen, indem wir die diesbezüglichen Schätze des II. Vatikanischen Konzils heben. Geben wir den Laien nicht länger kirchenpolitische Steine, sondern das Brot des Glaubens. Und zeigen wir ihnen, dass es einen für sie eigenen Weg zur Heiligkeit gibt: auf ihre Weise am dreifachen Amt Christi des Propheten, des Priesters und des Königs teilzuhaben. Es geht ganz wesentlich um diese Bildung der Laien, damit sie besser verstehen und umsetzen, was ihre eigentliche kirchliche Sendung ist. Sie sollen Christ und Bürger in einem sein, Bürger zweier Welten, zum eigenen ewigen Heil, zum Wohl der Kirche und zum Heil der Welt.

Hören wir deshalb bewusst selber auf, Kirche mit Hierarchie gleichzusetzen, wie es leider immer wieder geschieht. Anerkennen wir immer wieder die Sendung der Laien, mitten in der Welt am dreifachen Amt Christi des Propheten, des Priesters und des Königs ihren eigenen Anteil zu haben. Und anerkennen wir dies explizit als kirchliche Sendung an. Machen wir verständlich, dass das tägliche Wirken im Sinne der Teilhabe am dreifachen Amt Christi in Familie, Beruf, Politik, Medien und Freizeit nicht profan ist und angeblich nichts mit dem christlichen Glauben und dem Christsein zu tun hätte. Denn ohne diese Bildung der Laien geht es nicht. Das ist die Aufgabe der Hierarchie. Leider wird sie dabei von der Theologie zu wenig unterstützt. Diese ist noch zu sehr in den erwähnten Grabenkämpfen engagiert und teilweise auch darin, den katholischen Glauben sowie seine moralischen Forderungen in zivilreligiöse Binsenwahrheiten zu verdünnen.

Denn eines ist gewiss: Die Kirche wird nur dann wieder verwurzelt in der Gesellschaft, sie gestaltet die Welt nur dann wieder christlich um, wenn das, was das II. Vatikanum vorgezeichnet hat, verstanden und gelebt wird. Klerikalismus, sei er von Klerikern oder Laien in kirchlichen oder parakirchlichen Gremien betrieben, wird weitgehend wirkungslos bleiben. Die Stunde der Laien ist gekommen. Aber nicht in der Sakristei oder auf der Kanzel, sondern vom alltäglichen Leben aus. Auch da zitiere ich noch einmal Papst Franziskus. Noch als Erzbischof von Buenos Aires hat er im Jahr 2011 gesagt: "Wir dürfen weder die Laien klerikalisieren, noch dürfen sie darum bitten. Der Laie ist Laie und soll als Laie leben ‒ mit der Kraft der Taufe, die ihn dazu ermächtigt, Sauerteig der Liebe Gottes in der Gesellschaft zu sein, um Hoffnung zu wecken und zu säen, um den Glauben zu verkünden, nicht von der Kanzel, sondern von seinem alltäglichen Leben aus".

Wenn das verstanden und gelebt wird, wird auch der Druck des Klerikalismus der Laien auf den Klerus endlich aufhören, der so vieles blockiert. Denn das Fingerhakeln um die Kompetenzen des Klerus lähmt seit 50 Jahren die Kirche. Der blockierte Riese wird dann wieder zu laufen anfangen. Und das wird zum Segen für die Kirche und für die Welt sein. Denn Letztere soll ja tatsächlich "umgestaltet werden nach Gottes Heilsratschluss und zur Vollendung kommen", wie es in der Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" (Nr. 2) heisst.

Ich bin überzeugt: Wenn es der Kirche gelingt, das umzusetzen, was uns das II. Vatikanische Konzil über das Zueinander und die je eigene Sendung von Klerus und Laien prophetisch vorgezeichnet hat, wird die Kirche in westlichen Gesellschaften wieder blühen. Es kann dann auch in unseren Zeiten wieder ‒ wie schon im Brief an Diognet aus dem 4. Jahrhundert ‒ heissen: "Was im Leib die Seele ist, das sind in der Welt die Christen" (Nr. 6). Nehmen wir uns dafür ein Beispiel an unseren Brüdern und Schwestern der ersten Jahrhunderte. Sie haben nicht auf Institutionen gesetzt, sondern in ihrem Alltag ihr Christsein vorbildlich gelebt. Und sie haben zutiefst gewusst, dass ihre Heimat im Himmel ist. Diesen Himmel wollten sie erreichen, durch ihr Beispiel und ihr Wort in dieser Welt. Und das war ‒ wir haben es eingangs gesehen ‒ weltbewegend.

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