Hans Küng: Rückblick auf ein Leben im Konflikt mit der Kirche

16.04.2021

Der Schweizer Theologe Hans Küng ist am 6. April im Alter von 93 Jahren in Tübingen verstorben. Mit drei Beträgen, die in der Tagespost erschienen sind, blicken wir auf sein Leben.

 

  

Hans Küng ist tot: Rückblick auf ein langes Leben im Konflikt mit der Kirche

Hans Küng war einer der bekanntesten Kirchenkritiker. Wahrheitsansprüche sah der Theologe als intolerant und fundamentalistisch an. Bei den Medien war er für seine Positionen beliebt. Am Dienstag ist Küng verstorben.

Von Michael Karger

Der „Gegenpapst” ist tot. Am Dienstag verstarb in seinem Haus in Tübingen mit 93 Jahren Hans Küng. Es ist bisher nicht bekannt, wie der Schweizer Theologe zuletzt zur „aktiven Strebehilfe” stand, für die er sich in seinem Buch „Menschenwürdig sterben” (1995) ausdrücklich ausgesprochen hatte. Während sein ewiger Konkurrent Joseph Ratzinger Papst wurde, hat Küng es zum modernen Gegenpapst gebracht. Mit der von ihm gegründeten Stiftung Weltethos hat er schließlich nicht nur die konfessionellen Grenzen überwunden, sondern auch die Religionen auf übergeordnete ethische Standards verpflichten wollen.

Auf dem Konzil (1962-1965) sind beide zu „Stars” geworden: Ratzinger schrieb die Vorlagen für die Wortmeldungen des Kölner Kardinals Frings und arbeitete in den Kommissionen an den offiziellen Dokumenten mit. Während Küng ohne direkten Einfluss blieb, aber mit griffigen zeitgemäßen Formulierungen und genialer Vereinfachung mehr seine eigenen Thesen als die des Konzils erfolgreich unter den Journalisten verbreitete.

Vor dem Konzil hatte Küng 1960 einen Lehrstuhl für systematische Theologie in Tübingen erhalten. Man nahm ihn auch ohne abgeschlossene Habilitation, nachdem Ratzinger und Hans Urs von Balthasar eine Berufung abgelehnt hatten. Küng war Priesteramtskandidat am Germanicum und wurde auch in Rom 1954 zum Priester geweiht. Bereits mit seiner Promotionsschrift über Karl Barth hat er sich der Ökumene zugewandt. Auf dem Konzil entdeckte Küng die neue Rolle des Theologen. An die Stelle des Lehramts der Bischöfe sollte das Lehramt des Experten treten, an die Stelle der kirchlichen Lehre der Konsens der Wissenschaft.

Ziel von Küng war es, die aus seiner Sicht halbherzigen und durch Kompromisse verwässerten Reformschritte der Kirchenversammlung konsequent zu Ende zu führen. Die Bischöfe und die Kurie wollte Küng von Tübingen aus vor sich her treiben: Das permanente Konzil sollte an der Universität institutionalisiert werden. Dafür wollte er Rahner und auch Ratzinger gewinnen. Dazu wurde die internationale Zeitschrift „Concilium” gegründet: Fachleute aus allen Disziplinen sollen die Gegenkurie bilden. Leitwissenschaft wurde die Exegese und oberster Koordinator der von den Medien geliebte Hans Küng.

Ratzinger ließ sich 1966 von Küng nach Tübingen locken. Er entzog sich bald. Dem drohenden Konflikt mit Küng ausweichend setzte er sich 1968 an die neue bayerische Landesuniversität Regensburg ab. Auf Ratzingers Welterfolg „Die Einführung in das Christentum” (1968) antwortete Küng mit „Christ sein” (1974). Den wesensmäßigen Gottessohn ersetzt er durch den menschlichen Sachwalter Gottes.

Zuvor hatte Küng in „Unfehlbar? Eine Anfrage” (1970) das Petrusamt historisch-kritisch zu erledigen versucht. In der Moderne kann nur die Wissenschaft oberste Lehrautorität sein. Sie urteilt durch den fleißigsten und besten Wissenschaftler, durch Hans Küng. Seine theologischen Gegner kanzelt Küng stets dadurch ab, dass er ihnen wissenschaftliches Ungenügen nachweist. Im Dezember 1979 wurde Hans Küng schließlich im Skiurlaub in der Schweiz vom Entzug der Lehrerlaubnis überrascht. Papst und Bischöfe, die bisher stets nur auf die Medienkampagnen von Küng reagieren konnten, hatten inzwischen von ihm gelernt und waren diesmal einen Schritt voraus.

Um so heftiger fielen die Reaktionen in der Öffentlichkeit aus. Küng lehrte weiterhin außerhalb der katholischen Fakultät in Tübingen. Küng durfte die Leitung des von ihm 1964 in Tübingen gegründeten Instituts für ökumenische Forschung behalten, obwohl es eigentlich zur katholischen Fakultät gehörte. Erst mit seiner endgültigen Emeritierung 1996 gab er dieses Amt ab. Sozusagen als Gegenpapst kommentierte Küng weiterhin jede Enzyklika und jede Entscheidung der Glaubenskongregation. Noch bevor die Gläubigen ein Dokument in den Händen hielten, hatte Küng schon, von allen liberalen Meinungsmachern unterstützt, die Deutungshoheit errungen. Geschickt setzte er offene Briefe und Unterschriftenaktionen für seine Ziele ein.

Was lehrt Küng eigentlich? Nichts anderes als das Programm der Moderne, weshalb sie ihm auch so gewogen war: Fortschrittlichkeit an sich ist sein allumfassender Wertmaßstab. Glaubenssätze werden zu Hypothesen herabgestuft. Sie sind nur noch unverbindliche Deutungsvorschläge, die im Interesse der Fortschrittlichkeit überboten werden müssen. Wesensaussagen werden durch funktionalistische Äquivalente ersetzt und damit zum Verschwinden gebracht. Die Trinitätslehre, die Lehre vom Gottmenschen Jesus Christus, sein stellvertretender Opfertod, das Ehesakrament, das Weihepriestertum werden aufgelöst. Wahrheitsansprüche an sich sind intolerant und fundamentalistisch. Gott wird zur Funktion des Menschen.

Mit dem Buch „Projekt Weltethos” (1990) entdeckt Küng schließlich seine universale Sendung. Voraussetzung des Weltfriedens ist für Küng der Religionsfriede. Er kann nur durch den Verzicht auf Wahrheitsansprüche erreicht werden. Zugleich sollen sich die Religionen auf ein übergeordnetes Ethos einigen. Ihren Sitz hat die 1995 gegründete, weltweit agierende Stiftung Weltethos in Tübingen. Küng war bis 2013 ihr erster Präsident. Vierundzwanzig Bände umfasst die Werkausgabe von Hans Küng, die der Verlag Herder 2020 abgeschlossen hat. Küng selbst hat den einzelnen Bänden noch neue Einführungen voranstellen können.

Im zweiten Band seiner Autobiographie hat Küng seinen und Ratzingers akademischen Werdegang parallel erzählt und erringt dabei beständig Punktsiege gegen den Widersacher. Im Buch „Jesus” (2012), mit dem Küng auf das christologische Hauptwerk von Papst Benedikt XVI. „Jesus von Nazareth” (2007-2012) sofort reagiert hat, empfiehlt er sich ausdrücklich selbst als Gegenpapst: „Wer im Neuen Testament den dogmatischen Christus sucht, lese Ratzinger, wer den Jesus der Geschichte und der urchristlichen Verkündigung, lese Hans Küng. Dieser Jesus ist es, der Menschen damals wie heute betroffen macht …”. Zuletzt hebt Küng den Bekenntnisglauben ganz auf: Christ ist, „wer sich bemüht, sich an diesem Jesus Christus praktisch zu orientieren. Mehr ist nicht verlangt”.

 

 

Anti-theologische Theologie

Trotz aller würdigenden Nachrufe auch von Bischöfen: Mit der von Küng verlangten Rehabilitierung seines Denkens hätte sich die katholische Kirche letztlich abgeschafft

Von Michael Karger

Der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper hat in zwei Interviews zum Tod von Hans Küng Stellung genommen. Kasper, der in Tübingen promoviert und habilitiert wurde, war in den 60iger Jahren Assistent bei Küng und kehrte im Anschluss an eine Berufung nach Münster 1970 wieder als Dogmatikprofessor nach Tübingen zurück. Als Küng 1979 die Lehrbefugnis entzogen worden war, hatte auch Walter Kasper für Küngs Ausschluss aus der Katholisch-Theologischen Fakultät gestimmt.

In seiner Funktion als Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz hatte Kasper die zentralen Kritikpunkte benannt: Küng bestreite nicht nur die Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramtes, sondern auch die Verbindlichkeit der Lehraussagen der Konzilien sowie die Irrtumslosigkeit der Dogmen. Durch seine Ablehnung der Wesensgleichheit Jesu Christi mit Gott, dem Vater, sowie der Leugnung der Präexistenz des Sohnes falle bei Küng auch der Glaube an den trinitarischen Gott weg. Fazit von Kasper war damals: „Hier steht der zentrale Inhalt des christlichen Credo … in Frage.” Zudem wies Kasper darauf hin, dass mit der Infragestellung der Wesensgleichheit Jesu Christi mit dem Vater auch die Erlösungslehre hinfällig werde: „Nur als wahrer Gott kann uns Jesus Christus aus Sünde und Tod erlösen. In dieser Frage darf und muss die Kirche von ihren Theologen Eindeutigkeit verlangen, denn die Gläubigen haben das Recht, das unverfälschte Wort Gottes zu empfangen.”

Heute sagt Kurienkardinal Kasper: Küng sei „in der Tiefe seines Herzens immer ein Mann der Kirche und in der Kirche geblieben”. Im Sommer letzten Jahres wurde Kasper aus Tübingen signalisiert, dass der schwer an Parkinson erkrankte Küng dem Tode nahe sei. Daraufhin habe Kasper Papst Franziskus angerufen. Dieser habe ihm aufgetragen, Küng Grüße und Segenswünsche „in der communio christiana” (in christlicher Gemeinschaft) zu übermitteln. Was Kasper auch telefonisch weitergegeben habe. Küng sei allerdings nicht mehr in der Lage gewesen, darauf zu antworten. In den Interviews deutete Kasper dies folgendermaßen: „Es war, als fühlte sich Küng in Frieden mit der Kirche und mit Franziskus, eine Art Versöhnung.” Im zweiten Interview hieß es ähnlich: „Auf pastoraler und menschlicher Ebene war es eine Aussöhnung.” Daraufhin hatte sich der Generalsekretär der Stiftung Weltethos, Stephan Schlensog, zu Wort gemeldet und die behauptete Aussöhnung als „schlicht unwahr” bezeichnet. Küng habe noch kurz vor Weihnachten einen Brief an Papst Franziskus geschrieben „und sich traurig darüber gezeigt, dass die Kirche nicht die Größe habe, ihn angesichts seiner Verdienste zu rehabilitieren“. Abschließend: „Aussöhnung klingt anders.” Daraufhin präzisierte Kasper nochmals seine Aussagen: Die Wortwahl „Küng hat sich mit der Kirche ausgesöhnt” stamme nicht von ihm, „dass Küng mehr erwartet hat, war mir bekannt”. Eine „juristische und amtliche Rehabilitierung” sei aber in der gegebenen Situation unrealistisch gewesen. Er habe getan, was ihm möglich schien „um auf der menschlichen und seelsorglichen Ebene zu einer Versöhnung in der zur Verfügung stehenden Zeit beizutragen”.

So ehrenwert das kollegial-pastorale Bemühen Kardinal Kaspers auf dem informellen Weg auch gewesen sein mag, hinsichtlich der zentralen Glaubensfragen hat Küng nichts angenommen oder zurückgenommen. Unter Rehabilitierung hat er bis zu seinem Tod verstanden, dass seine Auslegung des Glaubens als richtig, um nicht zu sagen maßstäblich anerkannt werde. Wobei sich ein offener Widerspruch zeigt: Küng hat dem Lehramt der Kirche die Legitimation und die Autorität entschieden abgesprochen, letztverbindliche Entscheidungen über Glaubensinhalte treffen zu können. Warum lag ihm dennoch so viel daran, dass eine in seinen Augen illegitime Institution seiner Auslegung des Glaubens die Approbation zu erteilen habe?

Damit wird der eigentliche Problemkreis der Person Hans Küng betreten. Die zehn Jahre andauernde Auseinandersetzung des kirchlichen Lehramtes mit Hans Küng gipfelte im Dezember 1979 in dem Entscheid der Glaubenskongregation: „Professor Hans Küng weicht in seinen Schriften von der vollständigen Wahrheit des katholischen Glaubens ab. Darum kann er weder als katholischer Theologe gelten, noch als solcher lehren.” Unmittelbar nach dieser Feststellung hat der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar, er hatte Küngs Doktorarbeit über die Rechtfertigungslehre von Karl Barth in seinem Verlag herausgegeben, die eigentliche Problematik auf den Punkt gebracht. Küng habe von der Glaubenskongregation verlangt, dass sie ihre Autorität beweisen solle. Für ihn stehe die Theologie unter der Autorität des Wortes der Schrift, wie er es unmittelbar selbst auslege, nicht unter derjenigen der Kirche. Zwischen dem historischen Jesus und der Institution Kirche besteht für Küng keine Verbindung. Daraus folgt unweigerlich, dass definitive Lehrentscheidungen eines Konzils oder eines Papstes keine unfehlbar wahren Sätze sein können. Diese Leerstelle füllt die theologische Wissenschaft, die, nun befreit von kirchlichen Erkenntnisprinzipien, endlich uneingeschränkt forschen und lehren könne.

Wenn heute in Nachrufen von Journalisten, Theologen, aber auch Bischöfen, Küng als „großer Theologe” bezeichnet wird, kann dies höchstens für seine im Wesentlichen protestantischen Positionen gelten. Dabei wird sichtbar, wie weit diese bereits das katholische Glaubensbewusstsein unterminiert haben. Der katholische Glaube sieht im kirchlichen Amt der Bischöfe, der Konzilien und des Papstes von Christus selbst gewollte Instanzen. Dies schließt die apostolische Nachfolge unbedingt mit ein. Zudem ist die Autorität und Einheit der Kirche sowie ihres Lehramtes im Neuen Testament sehr wohl verankert. Wie bereits die Lehrentscheidungen in den Paulusbriefen bezeugen, gehört die reinigende Prüfung der Glaubensinhalte von Anbeginn der Kirche zu ihren Grundaufträgen.

Mit der von Küng verlangten Rehabilitierung hätte sich die katholische Kirche in einem noch weit umfassenderen Maße selbst relativiert und letztlich abgeschafft, als hier bereits sichtbar wurde. Genau ein Jahr nach dem Ende des Konzils stellte 1966 der wie Küng damals in Tübingen lehrende Joseph Ratzinger fest: „Es gibt eine Form von anti-theologischer Theologie, in der die große Sache der Hermeneutik verkehrt wird zu einer Methode, das Ganze der christlichen Botschaft in Worte ohne Inhalt umzudeuten und zu beweisen, dass sie ungefähr das Gegenteil dessen meinen, was normalerweise ihr Sinn sein müsste. Der Inhalt solcher Theologie besteht im Grunde nur noch darin, den Menschen zu erklären, dass alles eigentlich gar nicht so gemeint war, wie es gemeint ist; dass alles im Grunde nichts bedeutet …” Dies trifft so wohl auf Hans Küng zu.

Bereits 1980 hat der spätere Kardinal Leo Scheffczyk, bis 1965 als Dogmatiker Kollege von Küng in Tübingen, umfassend die totale Verfremdung des Glaubens durch Hans Küng benannt. Hier kann nur stichwortartig zusammengefasst werden, was leicht an jedem Buch von Küng verifiziert werden kann. Küng ersetzt den Glaubenssatz, dass Jesus für uns und um unseres Heiles willen gestorben ist, durch: Jesus Christus ist und bleibt für uns der Gekreuzigte. Es gibt keinen stellvertretenden Sühnetod, keine Erlösung von den Sünden. Wenn es den Erlöser nicht geben kann, bleibt nur Selbsterlösung. Auf die Sündelosigkeit Jesu Christi wird nicht hingewiesen. Ursache ist seine konsequente Leugnung der Gottessohnschaft Jesu Christi. Den Glaubenssatz, dass Jesus Christus Gott und Mensch in einer Person ist, ersetzt Küng durch: Jesus ist der Anwalt Gottes für die Menschen, der unüberbietbare Sachwalter Gottes, Treuhänder, persönliche Botschafter Gottes. Er bringt hier Surrogate für das verweigerte Bekenntnis zum Gottessohn. Alles bleibt indes bloße Behauptung, wenn es nicht im Gottsein Jesu Christi begründet wird. Grundsätzlich wird der Wunderglaube abgelehnt und der Auferstehungsglaube verzeichnet. Ohne Gottessohnschaft gibt es aber auch keine Trinitätslehre, die das Christentum ausmacht.

Damit hat der gefeierte Ökumeniker Küng den Lehrkonsens mit der Orthodoxie hinsichtlich der alten Konzilien verlassen. Ebenso wenig wie es eine Präexistenz Christi beim Vater gibt, gibt es eine klare personale Existenz des verherrlichten Christus beim Vater. Hinsichtlich des Endgerichts schweigt Küng. Von der Personalität des Heiligen Geistes spricht Küng nie. Eine Menschwerdung Gottes kennt er nicht: „Gott kann nicht geboren werden.” Die Jungfrauengeburt wie die gesamte Mariologie der Kirche fällt weg. Es gibt bei Küng keine Ursünde, keine Erbsünde, auch die Schöpfungslehre entfällt. Jede Erkennbarkeit Gottes durch die Vernunft bestreitet Küng.

Zugleich vertritt er ein Urvertrauen, welches auch dem Atheisten zugänglich sei. Da Küng keine Gründe für dieses Urvertauen angibt, muss man ihn einen Fideisten nennen, weil die von ihm verlangte Entscheidung für Gott irrational bleibt. Ein solcher Glaube gründet sich auf die heutige theologische Wissenschaft. Allerdings kann die historisch-kritische Methode prinzipiell keine Heilstatsachen erkennen. Selbst die konturlosen Aussagen Küngs bleiben rein hypothetisch.

Damit ist deutlich geworden., was Ratzinger mit anti-theologischer Theologie meint: Die Auflösung der Substanz des Glaubens durch konsequente funktionale Umdeutung. Für Küng gibt es kein Ein-für-alle-mal, keine einmaligen Heilsereignisse. Es gibt keine Wesenseinsichten. Küng ist der Repräsentant einer funktionalistischen und hypothetischen Zivilisation. Nach dem Entzug der Lehrbefugnis stilisierte sich der unkündbar verbeamtete Professor zum Verfolgten der Inquisition. Die Auflagen seiner Bücher stiegen. Er wurde zum Gründungsvater der „Kirche von unten” und des „Kirchenvolksbegehrens“. Mit seinem offiziell nie zurückgenommenen Priestersein blieb Hans Küng in einem Selbstwiderspruch zu allen funktionalen Umdeutungen seines Denkens: Repräsentiert der Priester doch, dass der Mensch für Gott da ist.

 

 

Moral statt Dogma

Eine All-Religionen-Ökumene war das Ziel der theologischen Überlegungen des Kirchenkritikers Hans Küng. Eine Dissertation kommt zu dem Schluss, dass seine Theologie letztendlich in der Verwässerung mündet.

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Eine deutschsprachige Dissertation (2019) über Hans Küng an der Universität Alba Julia (Karlsburg) in Rumänien liegt nunmehr als Buch vor; der Autor Wolfgang Wünsch ist evangelischer Dorfpfarrer im rumänischen Petersdorf bei Mühlbach (Siebenbürgen), seit 2007 auch Dechant im Kirchenbezirk Mühlbach und selbst mit seiner Frau auf dem Weg zum orthodoxen Glauben. Die Arbeit wurde betreut von dem mit ihm befreundeten orthodoxen Priester und Professor Joan Emil Jurcan, der das Geleitwort verfasste mit dem Titel: „Analyse einer zeitgenössischen theologischen Provokation“. Für die umfängliche Analyse verfügte der Autor auch über die Kenntnis anderer deutschsprachiger und französischer Theologen vor allem aus dem katholischen Raum: so etwa Ratzinger, Bouyer, Balthasar. Es dürfte selten sein, dass Hans Küng aus einem orthodoxen Hintergrund einer so deutlichen Kritik unterzogen wurde.

Die Darstellung gliedert sich erstens in die Vita, zusammen mit der theologischen Entwicklung Küngs, darauf zweitens in eine breite Entfaltung seiner fast das ganze Gebiet der Theologie umfassenden Themen: Trinitätslehre, Christologie, Pneumatologie, Anthropologie, Ekklesiologie, Soteriologie, Kosmologie, Eschatologie und Ethik. Im dritten Teil wird Küngs angestrebte Ökumene der Weltreligionen kritisch dargestellt, wobei exemplarisch Stammesreligionen, Hinduismus, Buddhismus, die chinesische Religion, das Judentum und der Islam in die Untersuchung rücken und letztlich kriterial als Synkretismus unter Verrat der Offenbarung beurteilt werden. Als Ergebnis bleibt: Zugunsten einer gemeinsamen „Weltethik“ opfere Küng die spezifischen Inhalte der Offenbarung, insbesondere die Geschichtlichkeit Jesu und die daraus erwachsene kirchliche Glaubenslehre. In der Pan-Ökumene aller mit allen ersetze Moral das Dogma.

In der Vita Küngs erscheint bemerkenswert: Schon der Schweizer Gymnasiast Hans Küng, geboren 1927 in Sursee, Kanton Luzern, fühlte sich zum Priestertum berufen und erhielt aufgrund seiner Begabung die Erlaubnis, das Theologiestudium sofort am Germanicum in Rom zu beginnen, also an der Begabtenschmiede der deutschsprachigen Theologen. Seine in Paris am Institut Catholique bei Bouyer angefertigte Dissertation von 1957 über Karl Barths Rechtfertigungslehre wurde von Barth selbst gelobt. Sie hatte zum Ziel, die Übereinstimmung der lutherischen Lehre mit der katholischen Auslegung der Rechtfertigung im Konzil von Trient zu zeigen. Allerdings moniert Wünsch bereits die Behauptung Küngs, außer dem Dienst der Priester an den Gemeinden gebe es keinen Unterschied zu den Laien (S. 63). Auch bezieht Küng in einem Basler Vortrag 1959 den Satz von der währenden Reform (semper reformanda) der „Kirche der Sünder“ auf die „sündige Kirche“ selbst (S. 73). Das bedeutet, das Augenmerk von Personen auf Strukturen umzulenken, oder: von der Buße (von Menschen) auf Reformen (der Lehre).

Küng war erstaunlicherweise nicht habilitiert, als er schon zwei Jahre nach der Dissertation 1959 auf die Professur für Fundamentaltheologie an der Universität Tübingen berufen wurde. Der Rottenburger Bischof Carl Joseph Leiprecht ernannte ihn 1962 zu seinem Ratgeber für das II. Vaticanum (S. 86). Der Entzug der Lehrerlaubnis durch Rom im Dezember 1979 beruht auf christologischen Häresien, die unter anderem die Trinität, die Gottessohnschaft und die Jungfräulichkeit Marias betreffen. Die Trinitätslehre sei nach Küng nichts anderes als ein Ausfluss der Hellenisierung des Christentums, also der Durchdringung der Evangelien mit griechischem (philosophischem) Denken. Insgesamt sei Küng an der dauernden (und wechselnden) Rekonstruktion des „historischen Jesus“ hängen geblieben, ohne den Christus des Glaubens einbeziehen zu wollen. Denn das Christentum „verfälscht (…) durch seine Christologie die Gestalt Jesu (…) zu einer exklusiven göttlichen Gestalt (Gottessohn).“ (Küng, Theologie im Aufbruch, 1987, 288)

Das „apostolische Urzeugnis“, auf das Küng sich beruft, werde zugleich mit den „Erfordernissen der Gegenwart“ abgeglichen (S. 119), also mit einem Paradigma ganz anderer Art., nämlich der Vernunft der Moderne. (Dahinter steht der seinerzeitige Entwurf von Thomas S. Kuhn vom Paradigmenwechsel als einer jeweiligen wissenschaftlichen Revolution.) Sofern ein solches Kriterium unabhängig von der Offenbarung überwiegt, kann diese selbst rasch als „veraltetes Paradigma“ entsorgt werden.

Küngs theologisches Feld ist so groß aufgespannt, dass er bis auf Kirchengeschichte und Kirchenrecht alle theologischen Disziplinen behandelt. Allein diese Fülle an Stoff ist schon problematisch, wenn man dazu die „kaum verborgenen Plagiate“ (S. 122) hinzunimmt, die mittlerweile auch bekannt sind. Je länger je mehr zielten Küngs Darlegungen auf eine „Theologie der Weltreligionen“, der sie zu einer gemeinsamen Weltsicht zusammenführen und daraus eine Moral ableiten will. Auch dies gehört zum „neuen Aufbruch“, für den das II. Vaticanum selbst die Vorlage geliefert habe.

Erhellend sind dabei vier Hypothesen, was die „Wahrheit“ der Religion angeht: a) keine Religion ist wahr; b) nur eine Religion ist wahr; c) jede Religion ist wahr; d) eine einzige Religion ist wahr, an der alle Religionen mehr oder minder Anteil haben, aber keine als solche und insgesamt. (S. 124) Die letzte Option ist evident jene Küngs, und er widmet ihr sein Lebenswerk, das im „Weltethos“ gipfelt.

Darin wird auch jener (gerne konstruierte) Atheist einbezogen, der „ein echt menschliches, also humanes und in diesem Sinn moralisches Leben führen (kann)“, nämlich garantiert durch „seine Selbstgesetzgebung und Selbst-Verantwortung für seine Selbst-Verwirklichung und Welt-Gestaltung“ (Küng, Existiert Gott?, 1978, 635). (S. 135) Damit wären Religionen also solche eigentlich überflüssig, wenn sie durch den Kantischen Imperativ ersetzt wären.

Entscheidend für die Untersuchung Wünschs sind die Folgerungen. Die behauptete Übereinstimmung aller Religionen in einer – wenn auch letztlich entzogenen – einzigen Wahrheit (oben unter d) müsste nur aufgedeckt werden. Um diese den Religionen freilich unbewusste Übereinstimmung ans Licht zu bringen, will Küng exemplarisch zeigen, wie das Credo des Christentums in anderen „(Welt-)Religionen „enthalten“ ist.

In einer „Steinbruchmethode“ (S. 201) werden in populärwissenschaftlichen Arbeiten drei große „Stromsysteme“ oder Religionskollektive miteinander abgeglichen: semitische = prophetische Religionen, indische = mystische Religionen und die chinesischen = weisheitlichen Traditionen. Letzteren gilt offenbar sogar eine Vorliebe Küngs.

In methodisch fragwürdigen Versuchen werden solche Überlieferungen zur grobflächigen Übereinstimmung gebracht: zum Beispiel die Trinität mit der Trimurti des Hinduismus oder mit der „taoistischen Dreiheit“ (S. 319). Auch Rituale und Gebetsweisen werden verglichen, wobei das „buddhistische Gebet“ einen Vorteil biete: „Hier finden sie (die Christen) innere Ruhe, größere Gelassenheit, besseres Selbstverständnis, feinere Sensibilität für die ganze Wirklichkeit.“ (Küng u. a., Christentum und Weltreligionen. Hinführung zum Dialog, 1984, 597)

Aus solchen Überblendungen ergibt sich fast zwangsläufig das gesuchte gemeinsame Ethos, ein Minimalkonsens in vier Geboten: nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, Sexualität nicht missbrauchen (S. 320). Wesentlich also: nicht schaden. In den Hintergrund treten dabei die historischen Stifter von Religionen ebenso wie die historische Ausbildung und Durchführung des beanspruchten Ethos ebenso wie die Frage nach der Motivation zum Guten.

Die Untersuchung von Wolfgang Wünsch zeigt letztlich die völlige Entkernung Jesu Christi in einem derart flächendeckenden ethischen Projekt. Ein „verzerrtes Torso“ (S 322) lässt von der Mitte des Christentums nur noch Bruchstücke übrig, die grundsätzlich auch von anderen Traditionen beigebracht werden könnten. Ortlos und zeitlos, nicht mehr geschichtlich, nicht mehr Mensch-werdend, sondern abstrakt-universal werden religiöse Konzepte über einen Kamm geschoren; ihre Verbindlichkeit muss sich an ihrem gesellschaftlichen Nutzen messen lassen.

Aber das beschworene Minimum „nichts Böses tun“ ist noch lange nicht dasselbe wie „Gutes tun“. Zu schweigen von den anthropologischen Folgen: Ist Erlösung wirklich dasselbe wie Verschwinden ins Nichts? Ist Auferstehung des Fleisches dasselbe wie Wiedergeburt? Ist Atmen wirklich schon Anbeten? Ist die bewundernswerte Abtötung des Schmerzes, deren die Yogis fähig sind, ähnlich der Seligkeit einer Begegnung mit dem lebendigen Gott?

Die Generation, die Hans Küngs dickleibige Bände noch las, ist am Verschwinden, aber seine suggestiven Gedanken wirken deutlich nach. Wünsch zeigt die Verwässerung, die an der Essenz des Christentums vollzogen wurde, in überzeugender Eindringlichkeit. Das Buch leistet den großen Dienst einer theologischen Augenöffnung – spannend zu lesen, eindringlich, gut nachzuvollziehen.

Wolfgang Wünsch: Hans Küng in der Theologie der Religionen. Von der offenbarten dogmatischen Wahrheit zum interreligiösen Synkretismus. Edition Hagia Sophia, Wachtendonk 2020, brosch., 343 S., ISBN 978-3-96321-007-5, EUR 22,50

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