Heilige Edith Stein: Sie vereint Glaube und Wissenschaft

08.08.2018

Manche Menschen meinen, Naturwissenschaft und Glaube wären unvereinbar. Wer einmal auf dem Fundament der exakten Wissenschaften begriffen hat, dass diese Welt erforschbar und zu vermessen ist, bedarf des Rückgriffs auf die Erklärung der Welt durch einen oder gar mehrere Götter nicht mehr. Wenn die Evolutionsbiologie uns erklären kann, dass die Welt, wie wir sie heute kennen, nicht in sieben Tagen entstand, so widerspricht das auf den ersten Blick der Schöpfungsgeschichte. Wenn wir heute Stürme und Gewitter nicht nur ganz einfach erklären, sondern auch vorhersagen können, bedürfen wir nicht mehr eines zürnenden Gottes, der Blitze auf die Erde wirft.

Also: Wer sich den Naturwissenschaften verschrieben hat, braucht weder Gott noch Glaube noch Religion. Doch diese These ist zu einfach und das erkennt der wissenschaftliche Diskurs schon seit längerem. Nur zu wissen, wie die Welt entstanden ist, erklärt noch nicht, warum sie entstanden ist, woher und weshalb dieser erste Impuls kam. Weil die Fragen nach dem Wie und dem Warum der Welt so eng zusammenhängen und niemals rein getrennt voneinander betrachtet werden können, bietet die Kirche eine ganze Reihe beeindruckender und heiliger Menschen, die Glaube und Wissenschaft zusammengeführt haben, beispielsweise die heilige Edith Stein.

 

Begnadete Philosophin

Edith wurde 1891 in Breslau geboren. Sie war Jüdin, distanzierte sich im Laufe ihrer Jugend aber von Gott und ihrer Religion. Sie selbst sah sich als Atheistin. Sie beschäftigte sich intensiv mit Philosophie und wurde Assistentin des berühmten Philosophen Edmund Husserl in Freiburg. Die hervorragende Denkerin promovierte „summa cum laude“, mit der höchsten erreichbaren Auszeichnung. Sie stürzte sich in unermüdlichem Eifer in weitere Arbeiten und wollte schließlich habilitieren. Eine Habilitation ist eine weitere wissenschaftliche Qualifikationsarbeit, die in den meisten Wissenschaften – so auch der Philosophie der damaligen Zeit – die Voraussetzung für den Erhalt eines Lehrstuhles an einer Universität war.

Diese Habilitation gelang ihr nicht. Nicht etwa, weil es der Arbeit an Qualität mangelte – im Gegenteil. Vielmehr sträubten sich die Universitäten im frühen 20. Jahrhundert, eine Frau zur Professorin zu machen. Das war schlicht undenkbar. Im Lauf der Zeit begann Edith Stein, sich wieder mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Sie merkte, dass ihre Philosophie einen erheblichen Beitrag dazu leisten konnte, die Realität zu erfassen und zu beschreiben, nicht aber, die dahinterstehende Frage nach dem Warum zu erklären. Sie lernte die katholische Kirche kennen, entdeckte ihren Glauben wieder und konvertierte.

Der Weg ins Koster

Damit aber war sie noch nicht an ihrem Ziel: Sie wollte Karmelitin werden und trat in den Karmel zu Köln ein. Dort erhielt sie einen neuen Namen: Theresia Benedicta a Cruce. Die Welt im Kloster war von ihren bisherigen Wirkkreisen an der Universität und in Schulen gänzlich unterschieden. Immer wieder wird im strengen Tagesablauf des Karmels die Arbeit durch gemeinsames Gebet und stille Betrachtung unterbrochen – so konnte die unfassbar fleißige Arbeiterin kaum mehr an ihren wissenschaftlichen Werken arbeiten. Es ist erstaunlich und bewundernswert, wie die deutschlandweit bekannte Philosophin demütig einfachste Handarbeiten im Kreise ihrer Schwestern übernahm. Und es ist bewundernswert, wie Edith Stein in der wenigen Zeit etwa ihr bedeutendstes philosophisches Werk überarbeiten und weitere Schriften in Angriff nehmen konnte.

 

Aufziehende Schatten

Edith Stein war glücklich im Kloster. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, zog das Dunkel auf. Ihre jüdische Familie war bedroht, viele ihrer Verwandten starben später im Konzentrationslager. Sie selbst war zunächst sicher hinter den Mauern des Klosters, musste 1938 aber trotzdem in ein niederländisches Kloster übersiedeln. 1942 wurde sie dort verhaftet und gemeinsam mit ihrer Schwester nach Auschwitz verschleppt. Dort mussten die beiden in den Gaskammern ihr Leben lassen.

 

Liebe zum auserwählten Volk Gottes

Die letzten Monate und Jahre des Lebens von Edith Stein sind geprägt vom Leiden für ihr Volk. Sie bat dem Herrn ihr Leben an für das ihres Volkes. Edith Stein ist ein großes Vorbild für jüdisch-christliches Zusammenleben: Sie, die in das auserwählte Volk Gottes hineingeboren wurde, konvertierte zum Christentum und blieb ein Leben lang dem Judentum in Liebe verbunden – auch und gerade dann, als dies durch die Schergen des menschenverachtenden NS-Regimes immer gefährlicher wurde.

Die begnadete Wissenschaftlerin Edith Stein ist zugleich auch lebendiges Zeichen dafür, dass Glaube und Wissenschaft nicht voneinander getrennt werden dürfen. Glaube muss sich immer wieder vernünftig reflektieren, Wissenschaft muss immer wieder anerkennen, dass auch ihr Grenzen gesetzt sind.

Die Kirche gedenkt der heiligen Edith Stein am 9. August.