„Jeder Schüler ist einzigartig“ - Christine Lohse, die neue Schulleiterin des Domspatzengymnasiums, im Interview

05.09.2019
Freut sich auf Ihre neue Aufgabe als Schulleiterin: Christine Lohse.

Seit Anfang August hat Christine Lohse die Leitung des Gymnasiums der Regensburger Domspatzen übernommen. Im Interview zeigt die Studiendirektorin, wie sehr sie sich freut, mit Beginn des neuen Schuljahres ihre berufliche und musikpädagogische Expertise in den Dienst der Schüler und Lehrkräfte bei den Domspatzen stellen zu können.

 

Frau Lohse, Sie sind gebürtige Straubingerin und in Landshut aufs Gymnasium gegangen. Die Region Ostbayern kennen Sie vermutlich gut. Wie gut kennen Sie die Regensburger Domspatzen?

Ich kenne die Domspatzen musikalisch seit meiner Kindheit, da sich in der Schallplattensammlung meiner Eltern auch Aufnahmen der Domspatzen fanden. Ich habe ein Faible für Knabenchöre. Es berührt immer besonders, wenn Kinder und Jugendliche musizieren und da Erstaunliches leisten. Genauer werde ich die Domspatzen aber erst jetzt kennenlernen.

 

Erstmals eine Frau an der Spitze des Domspatzen-Gymnasiums, einer reinen Knabenschule. Sehen Sie darin ein Manko oder einen Vorteil - oder ist das für Sie schlicht irrelevant?

Wichtig ist an erster Stelle, dass eine Schule gut geführt ist, egal ob von einem Mann oder einer Frau. Viele Gymnasien hatten übrigens noch nie eine Frau an der Spitze. Das ist ja eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage, warum Frauen in Führungspositionen immer noch unterrepräsentiert sind. Allerdings wird die Besetzung der Schulleitung der Regensburger Domspatzen mit mir als Frau in der Öffentlichkeit doch mit großem Staunen und als Signal der Beweglichkeit der Katholischen Kirche wahrgenommen. Als Frau an der Spitze und Musikerin bin ich eine neue Farbe an der Schule, und Farbauffrischungen tun im Leben gelegentlich gut. Aber nur mit einer Farbauffrischung ist die Schule natürlich noch nicht gut geführt. Da gehört schon viel mehr dazu, und das hat mit der Mann-Frau-Thematik, wie gesagt, nichts zu tun.

 

Das Domspatzen-Gymnasium ist eine traditionsreiche Schule. Welchen Wert hat für Sie Tradition?

Traditionen sind in jeder Gesellschaft wichtig für die geistige und emotionale Verwurzelung der Menschen, also ihrer Identitätsfindung. Gemeinsame Rituale lassen uns immer selbstverständlich zusammen kommen, ohne dass man Gemeinschaft immer wieder neu definieren müsste. Auf der Basis einer stabilen Identität können wir aus einem Gefühl der Sicherheit heraus offen, neugierig und einladend der vielseitigen Welt begegnen. Ich bewege mich gerne in Traditionen, die offen und lebendig sind. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch immer wieder mal lustvoll unkonventionell bin, besonders wenn ich Ideen habe, Veränderungen anzustoßen. Im schulischen Bereich sind Stillstand und Routinen, die nicht mehr hinterfragt werden, meine Sache nicht. Diese Haltung wird meinen Führungsstil bei den Domspatzen prägen - bewährte Traditionen erhalten und diese mit den Kollegen von Gymnasium, Grundschule, Chor und Internat mit einer guten Mischung aus Pragmatismus und Kreativität weiterentwickeln.

 

Ihr beruflicher Werdegang weist Sie als erfahrene und sehr kompetente Musikpädagogin aus. "Ich weiß, wie musikalische Kinder ticken", haben Sie einmal gesagt. Wie ticken musikalische Kinder?

Beim Musizieren bewegt man sich in totaler Vergegenwärtigung in einem geistig-seelischen Raum jenseits der Sprache und man verständigt sich spielend, singend oder hörend unmittelbar. Das tägliche Üben alleine und im Ensemble prägt die Persönlichkeit und verbindet die Musizierenden mit einem heimlichen Band, also natürlich auch mich als Musiklehrerin mit den musikalischen Schülern. Nebenbei werden auf angenehme Art Konzentration und Disziplin geschult. Kinder, die aktiv Musik machen, sind affektstabiler und weisen eine differenzierte, geistig-seelische Resonanzfähigkeit auf, die sie oft auch sozial sensibilisiert.

 

Eine Besonderheit des Domspatzen-Gymnasiums ist auch, dass es eine katholische Schule ist. Was gehört für Sie zum christlichen Profil einer kirchlichen Privatschule?

Das christliche Menschenbild prägt natürlich auch in staatlichen Schulen die Bildungs- und Erziehungsziele. An einer kirchlichen Schule werden diese zusätzlich im schulischen Alltag sichtbar durch christliche Symbole, durch Rituale wie gemeinsame Schulgebete und Gottesdienste und die Betreuung auch durch geistliches Personal. Die Domspatzen haben natürlich durch ihre Funktion als Domchor und ihren wichtigen Beitrag zur Gottesdienstgestaltung im Dom eine besonders enge Verbindung zur Katholischen Kirche. Am wichtigsten ist mir aber die gelebte Umsetzung der christlichen Wertehaltung in der Begegnung aller an dieser Schule Lernenden und Lehrenden. Auf der Basis von Wertschätzung und Fürsorge sollen sie sich zu freien Persönlichkeiten entfalten können.

 

Umsetzung der christlichen Wertehaltung: Können Sie dafür konkrete Beispiele nennen?

Da zitiere ich gerne Roland Büchner, der bei seiner Verabschiedung als Domkapellmeister im Juli im Wolfgangssaal des Gymnasiums als letzten Satz über seine Chorknaben sagte: "Die glauben das auch, was sie singen." Und der muss es ja wohl wissen! Diese Verwurzelung im Glauben an die biblische Offenbarung erleben die Buben ja täglich in der Chorarbeit. Wie sich die religiöse Erziehung im schulischen und Internatsalltag genau manifestiert, muss ich mir erst ansehen. Ich habe mir sagen lassen, dass die Kolleginnen und Kollegen im Internat selbstverständlich die kirchlichen "Jahreszeiten" und Feste aufgreifen, sie mit allen Sinnen erfahrbar werden lassen und kreative Angebote dazu machen. Aber, wie gesagt, muss sich das letztlich in der Art des Umgangs niederschlagen. Jeder Schüler ist einzigartig und er soll sich in der Art, wie er geführt und gefördert wird, wiederfinden und wohlfühlen. Dieser Anspruch, individuellen Persönlichkeiten und Begabungen gerecht zu werden, kommt aus der christlichen Tradition und er kann in der fast familiären Atmosphäre einer kleinen Schule wie dem Domspatzen-Gymnasium besser umgesetzt werden. Daran werden wir mit neuen Akzenten arbeiten. Das macht diese Schule neben der musikalischen Spitzenförderung auch besonders und attraktiv.

 

Sie sprachen auch davon, dass Kinder auf die Anforderungen "einer sich beschleunigenden Zeit" vorbereitet werden müssen. Können Sie das näher erläutern?

Wenn sich unsere Lebensverhältnisse im Äußeren so schnell verändern, brauchen wir einerseits die Bereitschaft, lebenslang zu lernen und uns das Know-how immer wieder anzueignen, um nicht aus der Gesellschaft herauszufallen. Andererseits müssen wir umso mehr Bereiche der Entschleunigung pflegen, um nicht der Selbstentfremdung in einer nur noch am Vordergründigen orientierten Lebenshaltung anheimzufallen. Dazu gehören gemeinsame Zeit in der Familie, Freundschaftspflege, aber auch Verlangsamung im Musizieren, Lesen, bei künstlerischer Betätigung, Sport oder beim Spazierengehen etc. Die Schule muss den Schülern also beides schmackhaft machen: digitales, naturwissenschaftliches, sprachliches und politisches Wissen und Können und den Erwerb sozialer und personaler Fähigkeiten.

 

Bei den Domspatzen gilt es, die Bereiche Chor und Schule zusammenzuhalten. Sehen Sie hier besondere Herausforderungen?

Natürlich! Das ist ja, was diese Schule von anderen unterscheidet und was mich bewogen hat, mich gerade auf diese Stelle zu bewerben. Damit die Buben eine sehr gute Schulausbildung erhalten und zusätzlich auf höchstem Niveau singen können, ohne total überlastet zu werden, braucht es eine verantwortungsvolle und permanente Zusammenarbeit aller für die Schüler Zuständigen in Schule, Chor und Internat.

 

Die Domspatzen haben Sie einmal als "Perle in der Bildungslandschaft" bezeichnet. Worauf freuen Sie sich besonders in Ihrer neuen Aufgabe?

Am meisten freue ich mich tatsächlich auf die Domspatzen, meine neuen Schüler, für deren Wohl ich alles geben werde. Und natürlich auf ihre Musik!

 

Interview: Stefan Mohr, Katholische Sonntagszeitung im Bistum Regensburg

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