Kardinal Ratzinger: Vorschläge des Bundespräsidenten zu den religiösen Symbolen „merkwürdige Belehrung“

31.12.2003

Beim Jahresschlussgottesdienst im Regensburger Dom vertrat Joseph Kardinal Ratzinger den erkrankten Bischof
(pdr). Joseph Kardinal Ratzinger hat beim Jahresschlussgottesdienst im Regensburger Dom deutliche Kritik an den Äußerungen von Bundespräsident Johannes Rau geübt, in denen dieser das muslimische Kopftuch und die Ordenskleidung beziehungsweise das Kreuz gleichgesetzte hatte. Solche „merkwürdige Belehrung“ diene letztlich nicht dem friedlichen Zusammenleben der Menschen und der Toleranz. Der Präfekt der Glaubenskongregation wies auch den Vorschlag deutlich zurück, nach dem die Ausübung der Religion auf den privaten Bereich beschränkt werden solle. Ein friedliches Zusammenleben der Menschen bedürfe einer öffentlich gelebten Wertordnung, die die Politik selbst nicht hervorbringen könne. Auf eine solche öffentlich lebendige Wertordnung müsse die Politik vielmehr zurückgreifen und darauf aufbauen können. Wenn der christliche Glaube, der eine solche an Frieden und Versöhnung orientierte Wertordnung begründet, aus der Öffentlichkeit verbannt werde, beraube sich die Politik und die Gesellschaft einer ihrer wesentlichen Quellen für ein friedliches Zusammenleben. Joseph Kardinal Ratzinger, der traditionell zum Jahreswechsel seinen Bruder Georg Ratzinger, den früheren Domkapellmeister und Leiter der Regensburger Domspatzen besucht, hatte bei dem Gottesdienst den Regensburger Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller vertreten. Dieser war Anfang der Woche am Blinddarm operiert worden.

Das vergangene Jahr sei wesentlich vom Krieg im Irak und seinen Folgen geprägt gewesen, blickte Kardinal Ratzinger zurück. „Was immer man über Sinn oder Unsinn, Recht oder Unrecht dieses Krieges danken mag. Eines ist offenkundig: Er hat die Kette der Gewalt nicht zerbrechen können. Er hat die Quellen des Terrors nicht zu verstopfen vermocht.“ Der Terror werde immer mehr zu einer Signatur unserer Zeit. „Es wird sichtbar, wie wahr das Wort ist, das uns der Heilige Vater an den Anfang des kommenden Jahres stellt, so Kardinal Ratzinger: „Gewalt kann letztlich nicht durch Gewalt überwunden werden, sondern nur dadurch, dass ihre Wurzeln bloßgelegt werden.“

Gewalt durch Recht und tiefe Versöhnung überwinden
„Welche Kräfte sind imstande, diese Wurzeln absterben zu lassen und Heilung zu bringen“, nannte Joseph Kardinal Ratzinger die entscheidende Frage. Ohne Zweifel sei es zuallererst die Aufgabe der Politik , Macht und Gewalt durch eine gerechte Ordnung unter das Maß des Rechtes zu stellen, „so dass nicht das Recht des Stärkeren gilt, sondern die Stärke des Rechts die Gewalt bannt“. Dieses Recht, das die Gewalt begrenzt, müsse sich speisen aus den wahren Werten, die „das Menschsein aufbauen, auf denen die Welt gründet und die die Welt zusammenhalten“. Hier werde sichtbar, dass die Politik Kräfte brauche, die nicht in ihr selber begründet sind. Diese Werte müssten in der Gesellschaft lebendig gegenwärtig sein und „in Kraft und Bewusstsein der Menschen“ stehen.

Religion als Privatsache verliert gesellschaftsprägende und friedensstiftende Kraft
„In diesem Betracht hat uns der Herr Bundespräsident am Ende dieses Jahres eine sehr merkwürdige Belehrung erteilt“, kritisiert Kardinal Ratzinger dessen Ausführungen, nach denen muslimisches Kopftuch und die Ordenkleidung in gleicher Weise „missionarische Textilien“ seien und dass alle religiösen Symbole, so zum Beispiel auch das Kreuz, gleichermaßen nicht in die Öffentlichkeit gehörten. Unsere Öffentlichkeit sei vielgestaltig und alle Religionen hätten das gleiche Recht auf Religionsfreiheit, so die Argumentation. „Daran ist richtig, dass alle das Recht haben, auf ihr Gewissen zu hören und dass der Staat niemandem seine Religion vorschreiben darf“, betonte der Präfekt der Glaubenskongregation. „Daran ist falsch, dass damit zugleich behauptet wird, dass die Religion und die moralischen Kräfte, die sie in sich trägt, ins Private hineingehören, weil es davon vielerlei Sorten gibt und alle gleichartig angesehen werden müssen.“ Wenn dies gelten würde, wenn die Religionen und ihre werteschaffende Kraft, nur im Privatleben Geltung haben, dann „wird die Öffentlichkeit, in der wir doch Recht brauchen und in der Gewalt durch Recht überwunden werden muss, leer von Werten und Moral“, verdeutlichte der Kardinal die dramatischen Folgen der Verdrängung der Religionen aus der Öffentlichkeit. Dann werde in der Konsequenz kein Raum der Freiheit geschaffen, sondern ein Chaos der Anarchie.

Das Kreuz steht für Versöhnung nicht nur unter Christen
„Deswegen gilt auch nicht, dass das Kreuz für uns irgendein Symbol sein kann“, hob der Kardinal die singuläre Bedeutung dieses Symboles nicht nur für die Christen, sondern für Europa und die Welt hervor. Der bekannte Theologe Johann Baptist Metz habe dem Bundespräsidenten schon vor einiger Zeit geschrieben, „dass Europa nun einmal nicht durch den Koran, sondern durch die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes auferbaut worden ist“. Von diesen Kräften, von Abraham und den Aposteln und deren Nachfolgern, habe es sein moralisches Gesicht und seine geistige Würde erhalten. „Durch das Kreuz wir niemand beleidigt und wird niemandem Gewalt angetan“, betonte Joseph Kardinal Ratzinger. Es sei vielmehr Ausdruck des Gottes, der uns bis in den Tod hinein liebt, es sei Ausdruck einer Kultur der Versöhnung, „denn es zeigt uns den, der im Sterben für seine Feinde gebetet und damit die Kette der Gewalt durchbrochen hat.“ Das Kreuz sei für alle ein Wort der Versöhnung und des Heiles. „Ich würde keiner muslimischen Frau das Kopftuch verbieten, aber noch viel weniger lassen wir uns das Kreuz als öffentliches Zeichen einer Kultur der Versöhnung verbieten“, hob Kardinal Ratzinger die entscheidende Bedeutung dieses Symbols hervor. Das Kreuz habe viele Dimensionen. Für den Gläubigen bedeute es weit mehr als für den Nichtgläubigen. Für den Gläubigen sei es die Summe all dessen was uns in der Offenbarung von Gott geschenkt ist. Über diese letzte Tiefe hinaus, die der Glaube schenkt, sage das Kreuz allen Menschen, „dass nicht die Gewalt die Welt rettet, sondern die versöhnende Liebe“.

Pontifikat von Johannes Paul II. hat Saat des Friedens ausgestreut
Als zweites, weniger die Öffentlichkeit bestimmendes Ereignis, nannte Kardinal Ratzinger das 25-jährige Pontifikatsjubiläum von Papst Johannes Paul II. „Gerade das Leise ist das Heilende. Wenn ein morscher Baum umfällt, gibt es einen großen Krach. Wenn ein Wald wächst, hört niemand etwas“, charakterisierte der Präfekt der Glaubenskongregation einen entscheidenden Aspekt des Wirkens des Papstes. „Auf allen seinen Wegen hat der Heilige Vater eine Saat des Friedens ausgestreut, Kräfte des Guten in diese Welt hineingetragen, über die die Zeitungen und Agenturen dieser Welt nicht berichten können und die doch im Stillen diese Welt in all ihrer Bedrängnis zusammenhalten.“ Der Papst selber habe mit der Seligsprechung von Mutter Theresa und der Enzyklika zur Eucharistie die zwei entscheidenden Schlüssel zum Verständnis seiner Amtszeit gegeben. Die Liebe von Mutter Theresa, die alle Menschen ohne Unterschied umfasst habe, sei aus der Eucharistischen Anbetung gespeist gewesen, „weil sie aus dem Hinschauen auf den Herrn lebte“. „Nicht um alles Geld der Welt würde ich diesen Dienst tun“, so habe ein Besucher einmal zu Mutter Theresa gesagt. „Ich auch nicht“, habe sie entgegnet. Sie tue es, weil sie die Liebe Christi erkannt habe und weil sie in jedem Menschen sein Bild sehe.

Eucharistie nimmt hinein in die verbindliche Gemeinschaft des einen Leibes Christi
In der Enzyklika über die Eucharistie und die Kirche habe der Papst gezeigt, wie das Leuchten von Gottes Antlitz in der Eucharistie gegenwärtig ist, indem er in diesem Brot sich selbst uns schenkt, sich uns „in Herz und Hände gibt“, so der Präfekt der Glaubenskongregation weiter. „Höchstnotwendigerweise“ habe der Papst in diesem Text auch gezeigt, dass die Eucharistie nicht ein bloßer Sozialisierungsritus ist, durch den wir uns einer allgemein christlichen Gemeinschaft versichern. Sie sei im Zentrum auch keine bloße private Seelenstärkung. „Der Herr hat sich an uns gebunden und will uns binden, damit wir in die Wahrheit hineinkommen“, nannte der Kardinal das vom Papst herausgearbeitete zentrale Geheimnis. Das „törichte Schlagwort, das die Runde macht“, nach dem Jesus einlädt und niemand hätte etwas anderes dazu zu sagen, habe die Enzyklika widerlegt. „Woher wissen wir denn, dass Christus uns einlädt und wozu lädt er uns eigentliche ein? Ins Unverbindliche?“, fragte der Kardinal. Christus habe sich vielmehr in den Sakramenten an uns gebunden und wolle uns „in die Verbindlichkeit seiner Liebe hineinführen“. Die Eucharistie diene dazu, dass der eine Leib Christi auferbaut wird, in der lebendigen und verbindlichen Gemeinschaft des Glaubens, die sich im Miteinender in der apostolischen Nachfolge und der lebendigen Einheit der ganzen Kirche ausdrückt.

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