„Kinder sind die beste Investition für die Zukunft!“

13.07.2004
Die Kinder und Jungendlichen von St. Josef sangen mit Einrichtungsleiter Josef Menges im Chor

(kjf) Mit einem Pontifikalgottesdienst hat die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e.V. das 100-jährige Jubiläum des Kinder und Jugendhilfezentrums St. Josef in Wunsiedel gefeiert. Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller zelebrierte zusammen mit Prälat Dr. Josef Schweiger, Pfarrer Helmut Heiserer, Monsignore Heinrich Benno Schäffler, Pfarrer Günther Vogl und Kaplan Albert Hölzl die Heilige Messe.

In seiner Predigt gab Bischof Gerhard Ludwig ein Plädoyer für eine kinderfreundliche Gesellschaft. Er zeigte sich verärgert über ein Umfrageergebnis aus England, nach dem die Mehrheit der Briten Hunde mehr liebe als Kinder und in bestimmten Restaurants Kinder keinen Zugang hätten, wie aktuell in einer Zeitung berichtet worden ist. Solche Kinder- und Jugendfeindlichkeit komme auch bei uns vor. Für uns gläubige Menschen ist dies jedoch „nicht nur eine Torheit, sondern eine Sünde gegen Gott, der die Menschen liebt.“ Bischof Gerhard Ludwig erinnerte an das Vorbild von Jesus, der zornig war, als die Jünger die Kinder von ihm fern halten wollten. Er sprach: „Lasset die Kinde rzu mir kommen, denn ihnen ist das Himmelreich.“ Er dankte allen, die zum Gelingen dieser langjährigen Arbeit für Kinder und junge Menschen beigetragen haben und ermutigte die Mitarbeiter für die Zukunft: „Wir Christen sind befähigt und aufgerufen, die Liebe Gottes greifbar zu machen!“

Beim anschließenden Festakt brachte Prälat Dr. Josef Schweiger, Direktor der KJF, die langjährige Geschichte des „Josefsheims“, wie es früher genannt wurde, in Erinnerung und dankte dem großartigen Wirken der Mallersdorfer Schwestern, die bis vor wenigen Jahren hier tätig waren. Dr. Schweiger schloss mit einem Zitat von Don Bosco: „Das Glück eines Kindes ist das Bewusstsein, geliebt zu werden.“ Leider gebe es auch ungeliebte Kinder, denen dieses Glück nicht beschieden sei. Alle, die in Staat und Kirche Verantwortung tragen, müssten dafür sorgen, dass jedes Kind die Chance erhalte, sein Glück zu machen.
Staatssekretär Jürgen W. Heike überbrachte die Glückwünsche von Sozialministerin Christa Stewens und lobte die „moderne Jugendhilfeeinrichtung mit einem fachlich anspruchsvollen Angebot auf hohem Level.“ Er dankte der KJF, „einem bewährten Partner“, der in vielen Bereichen sein Gespür für die Entwicklung neuer Angebote zeige. Die KJF „hilft sinnvolle Traditionen zu bewahren und beweist auch mit dem heutigen Jubiläum, am Puls der Zeit zu sein!“

Ein Beispiel für moderne Pädagogik erlebten die Ehrengäste bei Besuch des Lehmbaudorfes auf dem Heimgelände, das von Pädagogen und Künstlern gemeinsam mit Kindern aus der Einrichtung und aus dem Landkreis gebaut wurde. Bischof Gerhard Ludwig hatte sichtlich Freude am Gespräch mit den Kindern. Mit Jugendlichen zog er sich in eine Lehmbauhütte zurück und sprach mit ihnen über ihre Ausbildung. Die Bedeutung dieser aktions- und erlebnispädagogischen Projekte stellte Prof. Dr. Werner Michl von der Fachhochschule Nürnberg in den Mittelpunkt seines Festvortrages. „In der Natur kann man gut lernen,“ so Michl, der sich „mehr Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ wünschte. Auch die Schulen sollten weniger „Erkläranlagen sein und die Schüler mehr machen lassen.“ St Josef zeige dies beispielhaft mit Projekten wie Klettern, Hüttenwandern, dem Lehmbauprojekt und vieles mehr. In einem Interview brachten Landrat Dr. Peter Seißer, Bürgermeister Horst Geißel, Marktredwitz und Bürgermeister Karl Willi Berk, Wunsiedel ihre Verbundenheit zu St. Josef zum Ausdruck. Sie betonten auch den Wert der Einrichtung für die Region, indem die Pädagogen jungen Menschen Perspektiven aufzeigen und den Weg in das Arbeitsleben ebnen.

Mit der KJF vollzog sich ein grundlegender Wandel
In einem Jahrhundert passiert viel. St. Josef war in den ersten 70 Jahren u. a. Kleinkinder-Bewahranstalt, Säuglingsstation, Kinderkrippe, Kindergarten, Mädchenschule, Erholungshaus und Kindererziehungsheim. Mit der Übernahme durch die Katholische Jugendfürsorge 1978 vollzog sich ein grundlegender Wandel. Die Einrichtung erfuhr eine Generalsanierung, allen voran das Haupthaus. Zwei neue Häuser wurden gebaut, ein weiteres dazu gekauft und in das Gelände integriert.

Die baulichen Veränderungen waren schon aufgrund der Heimreform, die Mitte der 70er Jahre in Kraft trat, notwendig geworden. Die pädagogische Vorgabe lautete: familienähnliche Strukturen, d. h. kleinere Wohneinheiten, mehr und fachlich besser qualifiziertes Personal. Über 70 Kinder, die zuvor alle im Haupthaus untergebracht waren, teilten sich in fünf Gruppen auf verschiedene Häuser auf.

Heute leben 57 Kinder am Senestreyplatz 5. Das heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef bietet in zwei Kinder- und zwei Jugendwohngruppen Vollzeitbetreuung an. Auf guten Kontakt zu den Familien der Kinder und auf Heimatbesuche werde – auch bei Vollzeitbetreuung – großer Wert gelegt, beschreibt Einrichtungsleiter Josef Menges das pädagogische Konzept. Des weiteren gebe es eine Fünf-Tages-Gruppe, in der die Kinder jedes Wochenende nach Hause fahren, und zwei heilpädagogische Tagesgruppen, für die keine Übernachtungen vorgesehen sind.

Stets im Mittelpunkt: das Wohl der jungen Menschen
St. Josef nimmt Kinder und Jugendliche auf, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen und oft an Persönlichkeitsstörungen leiden. „Unser Ziel ist es, dass die Kinder ihre sozialen Defizite soweit wie möglich aufarbeiten, dass sie einen Schulabschluss machen, einen guten Ausbildungsplatz erhalten und befähigt werden, später als Erwachsene ihr Leben zu bewältigen“, beschreibt Barbara Wolf das Anliegen, das ihre Kolleg/innen und sie mit ihrer Arbeit verbinden. Integration, so die Diplom-Sozialpädagogin und stellvertretende Leiterin, nehme einen wichtigen Stellenwert ein. Die Einbindung erfolge einmal über die örtlichen Kindergärten und Schulen, die die Kinder besuchen, aber auch über viele Projekte, die den Kontakt zur Bevölkerung förderten. Auch im Winter ist das Team um Einrichtungsleiter Josef Menges, das aus Erzieher/innen, Heilpädagog/innen, Heilerziehungspfleger/innen, Sozialpädagog/innen und einem psychologischen Dienst bestehe, um gute Ideen nicht verlegen. So suchte sich die Heilpädagogische Tagesgruppe einen geheimen Platz im Wald, baute einen Unterschlupf und übernachtete dann dort auch. Zeit für gemeinsame Abenteuer, um die man die Kinder von St. Josef fast beneiden möchte: „Heute nimmt man sich doch kaum noch Zeit, für sich nicht und auch nicht für Kinder. Da wird lieber in Sachmaterial investiert, die Kinder vereinsamen. Diese Wohlstandsverwahrlosung halte ich mit für das Schlimmste, was man jungen Menschen antun kann,“ so Josef Menges.

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