Kinderzentrum St. Martin: Seit 40 Jahren ganzheitliche Diagnostik und Therapie zum Wohle von Kindern und ihrer Familien

12.09.2018
Beim Pressegespräch mit dabei: (v.li.:) KJF-Direktor Michael Eibl, Andrea Brauchle (Logopädin) Angelika Aisch (ärztliche Leiterin des Kinderzentrums St. Martin), Anne Liegel (Physiotherapeutin), Dr. Christiane Kirndörfer (Kinder- und Jugendärztin), Annekatrin Selchert (Psychologin), Bertin Abbenhues (Abteilung Teilhabeleistungen für Kinder und Jugendliche)

Was tun, wenn sich ein Kind nicht so entwickelt wie es zu erwarten wäre? Wenn eine Erkrankung oder eine Behinderung auftritt? Eine interdisziplinäre fachärztliche Diagnostik, medizinische und therapeutische Behandlung bietet das Kinderzentrum St. Martin der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e.V. in diesen Fällen seit 40 Jahren. Jährlich erfahren in dem Sozialpädiatrischen Zentrum mit entwicklungsneurologischer Ambulanz rd. 1.600 Kinder und Jugendliche mit ihren Familien wertvolle Hilfen. 2017 wurden insgesamt 1.687 Patienten im Regensburger Kinderzentrum St. Martin behandelt.

 

Störungen bei (Klein-)Kindern möglichst früh erkennen

Zwar gibt es in Bayern 19 sogenannte Sozialpädiatrische Zentren (SPZ). Dass diese als medizinische Einrichtungen wichtiger Bestandteil der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen sind, ist jedoch der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt. Erstaunlich, denn sie ergänzen die Leistungen der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte sowie der Frühförderstellen um wichtige Angebote in der Diagnostik und Behandlung bei Kindern und Jugendlichen mit einer Entwicklungsauffälligkeit oder -störung, mit einer Behinderung oder bei einer drohenden Behinderung.

„Sozialpädiatrische Zentren bieten eine ambulante Krankenversorgung von Kindern und Jugendlichen. Je früher sie an unser Kinderzentrum St. Martin überwiesen werden, desto besser“, sagt KJF-Direktor Michael Eibl. „Denn die frühe Intervention bei Kindern mit Entwicklungsproblemen, chronischen Krankheiten und Behinderungen ist wichtig, um bestmögliche Behandlungserfolge zu erzielen.“ Je früher, desto wirksamer, das gelte für alle der sogenannten Frühen Hilfen, zu denen zum Beispiel auch die Leistungen der 6 Frühförderstellen mit 7 Außenstellen der Katholischen Jugendfürsorge in der Oberpfalz und Niederbayern gehören.

 

 

 

Was ist das Besondere am Kinderzentrum St. Martin?

Darüber gibt die ärztliche Leiterin des Kinderzentrums St. Martin, Angelika Aisch, Auskunft: „Sozialpädiatrische Zentren gibt es seit etwa 50 Jahren in Deutschland, unser SPZ wurde 1978 in Betrieb genommen. Ihre Entstehung resultiert aus der Erkenntnis, dass die häufig komplexen Symptomatiken und Störungsbilder bei Kindern mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen eine spezialisierte und interdisziplinäre Behandlung erfordern.“ Aisch verweist auf die im SPZ tätigen Berufsgruppen: Kinder- und JugendärztInnen, PsychologInnen und TherapeutInnen aus den Bereichen Heilpädagogik, Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie und Neurophysiologie. Angeboten werden Diagnostik und Therapie, insbesondere auch bei Bewegungsstörungen, Sozial- und Elternberatung, Einzeltherapie und Gruppenangebote. Im Kinderzentrum St. Martin wird also fächerübergreifend gearbeitet. Darüber hinaus ist die Einrichtung gut mit niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten vernetzt, der Kinderklinik St. Hedwig der Barmherzigen Brüder und mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Regelmäßig werden in die Behandlung der Kinder Lern- und Förderorte wie Kindergarten und Schule sowie die Familie einbezogen. Das heißt die ÄrztInnen und TherapeutInnen sprechen und arbeiten auch mit Eltern, ErzieherInnen und Lehrkräften.

 

Wer wird im Kinderzentrum St. Martin behandelt?

Im Jahr 2017 wurden insgesamt 1.687 Patienten im Regensburger Kinderzentrum St. Martin behandelt. Mit 31,4 % (529 Patienten) ist die Altersgruppe der 6 bis 10-Jährigen am häufigsten vertreten, gefolgt von der Altersgruppe der 10 bis 15-Jährigen mit 23,9 % (403 Patienten). Zu rd. 45 % stammen die Kinder und Jugendlichen aus Stadt und Landkreis Regensburg. Der Einzugsbereich der Einrichtung erstreckt sich allerdings über die gesamte Oberpfalz, Niederbayern, Teile Mittelfrankens, Oberfrankens und Schwaben.

Zu den Erkrankungen und Entwicklungsauffälligkeiten, die im Kinderzentrum St. Martin behandelt werden gehören zum Beispiel: Epilepsie, ADHS, Autismus, Chronische Schmerzen und Kopfschmerzen, Regulationsstörungen, Spina Bifida, Cerebrale Bewegungsstörungen, Entwicklungsstörungen und -verzögerungen, Fütter- und Schluckstörungen, neuromuskuläre Erkrankungen, psychosomatische Störungen, Sprachentwicklungsstörungen und Verhaltensprobleme.

 

Hilfsmitteleinsatz in der Physiotherapie

Die Physiotherapeutinnen Anne Liegel und Almut Strinz im Kinderzentrum St. Martin haben ihr therapeutisches Angebot ganz darauf ausgerichtet, die Aktivitäten der kleinen und großen Patienten zu erhalten und zu entwickeln: „Sie sollen aus eigenen Kräften und durch Üben zu mehr Selbständigkeit geführt werden.“ Wichtig in der Physiotherapie ist die Zusammenarbeit mit der Orthopädietechnik, vor allem wenn die physiotherapeutische Behandlung, etwa in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit neurologischen Funktionsstörungen, an Grenzen stößt. Durch entsprechende Hilfsmittel wie Orthesen (Schienen), Korsetts, Rollstühle oder Sitzschalen können Kinder in ihrer Selbständigkeit unterstützt und aktiviert werden. Manchen Kindern kann der Weg zur Aufrichtung in Richtung Sitzen, Stehen oder Gehen ermöglicht werden. Das Kinderzentrum St. Martin bietet immer Mittwochnachmittag eine Hilfsmittelsprechstunde an.

 

Mobilität verbessern bei spastisch gelähmten Kindern

Dafür gibt es im Kinderzentrum St. Martin ein sogenanntes Ganglabor. Dort erfolgt eine videogestützte Ganganalyse. Ziel ist die optimale Versorgung mit den passenden Hilfsmitteln vor allem bei spastisch gelähmten Kindern. Diese legen auf einem Laufband eine vorgegebene Strecke zurück und werden dabei gefilmt. So kann der Bewegungsablauf der Kinder genau analysiert werden. Anhand von Computer-Simulationen kann visualisiert werden, wie sich eine Schiene am Bein auswirken würde und wie sie eingestellt werden muss, um die größtmögliche Verbesserung zu erzielen.

 

Was ist eigentlich Mutismus?

Von selektivem Mutismus spricht man, wenn bei einem Kind ein dauerhaftes, wiederkehrendes Schweigen in bestimmten Situationen und gegenüber bestimmten Personen auftritt, obwohl Sprechfähigkeit und Redebereitschaft grundsätzlich gegeben sind. Schon die Diagnosestellung ist nicht ganz einfach, ist die Erkrankung doch von anderen Sprachstörungen abzugrenzen. Es brauch nicht viel, um sich vorzustellen, wie belastend es sich auf die Familie und das soziale Umfeld auswirkt, wenn diese Störung auftritt. Als „Weg aus der Nussschale“ beschreiben die Diplompsychologin Ursula Niebauer, Diplompsychologin und Heilpädagogin Sylvia Fenzl die Therapie. Für die Behandlung kommen psychologische, familientherapeutische, logopädische, ergotherapeutische oder heilpädagogische Ansätze und wenn notwendig, psychiatrische Ansätze in Frage. Eine möglichst frühe Intervention bereits im Vorschulalter ist besonders erfolgsversprechend. Auch bei dieser Diagnose zeigt sich: Die Symptomatik erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, bei der auch die Eltern einbezogen werden. „Wir behandeln Vorschulkinder bis hin zu Jugendlichen und planen jede Therapie individuell.“ Methoden aus der Spieltherapie, der kognitiven Verhaltenstherapie, der Hypnotherapie und der systemischen Therapie zum Einsatz kommen zum Einsatz.

 

Weiterführende Informationen:

Das Regensburger Kinderzentrum St. Martin ist ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) im Sinne des § 119 SGB V. Dort werden Kinder und Jugendliche, die wegen Art, Schwere und Dauer ihrer bestehenden bzw. drohenden Krankheit oder Behinderung nicht ausschließlich von niedergelassenen ÄrztInnen, TherapeutInnen oder Interdisziplinären Frühförderstellen behandelt werden können, medizinisch versorgt.

30 MitarbeiterInnen eines multiprofessionellen Teams behandeln Kinder und Jugendliche vom Säuglingsalter bis zum 18. Lebensjahr und unterstützten deren Familien. Nach Genehmigung durch die Krankenkasse können auch junge Erwachsene über 18 Jahre behandelt werden, insbesondere dann, um eine begonnene Behandlung fortzuführen und eine Behandlung durch niedergelassene Arztpraxen nicht möglich ist.

Zum Kinderzentrum St. Martin gehört die im Jahr 2001 gegründete Epilepsie Beratung Regensburg und seit 2017 eine Sozialberatung, bei der Eltern von Kindern mit einer Entwicklungsstörung oder Behinderung kompetenten Rat und Hilfe bei der Suche nach Unterstützungsmöglichkeiten bekommen.

Das Kinderzentrum St. Martin wird seit 37 Jahren vom Förderverein Aktion Sonnenschein Regensburg e. V. finanziell unterstützt. Ohne das Engagement der Ehrenamtlichen, an deren Spitze Dipl.-Kauffrau Sissi Riebeling seit Jahrzehnten für richtig große Spenden sorgt, wäre vieles im Kinderzentrum nicht möglich gewesen.

 

Text und Bild: Christine Allgeyer