Misereor Fastenaktion 2020: Interview mit Pater Sami Hallak SJ aus Aleppo

23.03.2020

In diesen Tagen wäre Pater Sami Hallak SJ aus Aleppo im Bistum Regensburg zu Gast. Es ist die Zeit der Misereor Fastenaktion mit dem Titel "Gib Frieden!" und den Beispielländern Syrien und Libanon.

Die Verantwortlichen im Bistum Regensburg wollten Schulklassen, Pfarreien und weltkirchlich interessierte Kreise in Bodenmais, Neutraubling, Schwandorf, Waldthurn, Abensberg und Regensburg besuchen. Dort hätte Pater Sami von seiner Friedensarbeit in Aleppo berichtet und erzählt, wie ihm sein Glaube gerade in dieser schweren Situation hilft. Wichtig sei es, bei den Menschen zu bleiben, Respekt und Akzeptanz zu leben und Brücken zwischen verschiedenen Gruppen zu bauen, sagt er in seiner Mailkorrespondenz. Diese gelebte Versöhnungsarbeit sei der Kern aller Arbeit der Jesuiten in Syrien.

Für Pater Sami und genauso für Misereor stellt der Ausfall der Partnerreise 2020 nicht nur große finanzielle Einbußen dar, sondern auch den Verlust an Begegnungen und neuen 'Brücken' sowie einem gegenseitigem Perspektivwechsel. Msgr. Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor, bittet darum, die Kollekte am kommenden Sonntag, dem traditionellen MISEREOR-Sonntag, nicht ganz ausfallen zu lassen. Gemeinsam mit anderen Kirchenvertretern - und allen anderen kath. Hilfswerken - ruft er zu einer Spende an Misereor per Überweisung auf.

Sehen Sie hier den offiziellen Aufruf

 

Hierhin können Sie Ihre Spende richten:

Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e.V.
Pax-Bank eG
IBAN DE75 370602930000101010
Aktionsnummer: S07801 HAL

Pater Sami Hallak (Bildnachweis: Misereor, privat).

Um auch einen kleinen Trost für die nicht stattfindende Begegnung mit Pater Sami zu senden, hat er uns in einer Mailunterhaltung auf viele Fragen geantwortet. Einen Auszug davon möchten wir hier gerne mit Ihnen teilen:

 

Lieber Herr Pater Sami, wie sahen Ihre Aufgaben bei den Jesuiten in Aleppo vor dem Ausbruch des Krieges aus?

Vor dem Krieg konzentrierte sich unsere wesentliche Arbeit als Jesuiten auf den Dienst an der christlichen Gemeinschaft: Messen, pastorale Angebote für Gruppen wie die Pfadfinder oder andere christliche Bewegungen. Die Gaben des Herren ermöglichten es mir, viel Zeit damit zu verbringen, spirituelle Exerzitien zu halten, Theologie zu lehren und Bücher zu verschiedenen Themen zu schreiben: spirituelle und theologische Bücher, Kurzgeschichten, Bücher über sakrale Kunst usw. und auch einige Bücher zu übersetzen.

 

Wie hat sich Ihre Arbeit während des Krieges verändert?

Seit Beginn des Krieges hat sich der Alltag in Aleppo grundlegend verändert: Vertreibung der Bevölkerung, Auswanderung, Einstellung der Arbeit, Unsicherheiten aller Art usw. Hier hörten wir, die Jesuiten, einen neuen Ruf von Gott. Ein Aufruf, der unsere Mission auf neue Wege bringen wird.

Wir waren drei Jesuiten. Einer von uns war der Projektleiter von JRS (Jesuit Refugees Service), einem Projekt, das verschiedene Dienste für irakische Flüchtlinge anbot. Im Jahr 2011 strömten dann syrische Flüchtlinge nach Aleppo. Der JRS kümmerte sich auch um sie. JRS war die erste lokale NGO, die sich um die Opfer des Krieges in Syrien kümmerte.

Unser Dienst bestand zunächst darin, materielle Unterstützung anzubieten. Bald wurde uns aber klar, dass "ein Mann nicht nur von Brot lebt" (Mt 4, 4). Es wurde daraufhin ein Seelsorgedienst gegründet, der dringend notwendig war, um Menschen zuzuhören und bestimmen Fällen nachzugehen: ausgebeutete Frauen, Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden usw. Diesen Dienst habe ich übernommen.

Während dieser Art von Gottesdienst zeigte mir der Herr einen neuen Weg, dem ich folgen sollte. Als Ordensmann entwickelte ich eine enge und vertraute Beziehung zu Muslimen und sie zu mir, wobei einige von ihnen vorher noch nie in ihrem Leben eine christliche Person getroffen hatten. Die Menschen kamen, um über ihr Leiden, ihre Probleme und ihre Träume zu sprechen. Ich hörte ihnen zu und konnte ihnen zumindest einen spirituellen Trost geben. Diese Treffen fanden immer in einer Atmosphäre gegenseitigen Respekts statt. Sie respektierten mich und ich sie. Man konnte diese aufrichtige Liebe spüren. Auf diese Weise konnten wir unsere Vorurteile überwinden und den Weg zu einer Freundschaft ebnen.

Zu dieser Zeit wurde mir klar, dass Brücken und Beziehungen zwischen ganzen Gemeinschaften ermöglicht werden sollten. Nach einer Zeit des Abwägens beschlossen wir als Jesuiten, diesen Weg zu gehen: Wir wollten Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften aufnehmen, übereinander Lernen und gemeinsam an einer Gesellschaft des Friedens arbeiten.

Die Stimmen gegen unseren Entschluss waren laut. Die psychischen Mauern, die die Religionsgemeinschaften trennen, sind sehr dick. Aber der 'lateinische Bischof' (es gibt 6 katholische Bischöfe in Aleppo, 5 davon für 5 orientalische Gemeinschaften) hat dem zugestimmt, was wir taten. Er sagte zu uns: "Ich bitte Sie, ja ich befehle Ihnen, so weiterzumachen, wenn das Ihr Wunsch ist". Inzwischen ist nahezu unsere gesamte Mission inklusiv und offen für alle.

 

Wie gehen die Menschen in Syrien, die Kinder, mit dieser anhaltenden Kriegssituation um? (Woher) Bekommen sie Hoffnung?

Die Situation in Syrien ist vergleichbar mit einem brennenden Haus. Wenn das Feuer brennt, kommen alle Menschen, um zu helfen. Wenn das Feuer gelöscht ist, gehen alle Menschen wieder. Natürlich gibt es dann kein Feuer mehr, aber das ganze Haus ist zerstört und der Bedarf an Hilfe ist nicht zu Ende. Die Wiederaufbauarbeiten haben erst begonnen. Wir müssen wieder aufbauen, was das Feuer zerstört hat. Dies ist unsere momentane Situation in Syrien. Es ist noch viel zu tun. Zuallererst gilt es, die Erinnerungen und Erfahrungen zu heilen.

Sie haben mich nach Kindern gefragt. Vielleicht sind die Kinder die, die am wenigsten vom Krieg betroffen sind. Es liegt in der Natur des Kindes, flexibel zu sein und vergessen zu können. Was Kinder während des Krieges erlebt haben, kann überwunden werden. Natürlich gibt es Auswirkungen, aber es sind nicht die Schwerwiegendsten. Was wir tun müssen, ist die Erinnerungen unserer Kinder zu reinigen. Auf der Straße, in der wir arbeiten, sehen wir oft, wie Kinder den Krieg nachspielen. Jeder nimmt einen Stock oder ähnliches und benimmt sich wie ein Soldat, schießt auf seine Freunde und macht die Geräusche von Kugeln ("Ta Ta Ta"). Sie müssen andere Arten von Spielen entdecken, kennen- und lieben lernen!

Auf der Ebene des Verhaltens gibt es auch viel zu tun. Sie müssen lernen, wie sie andere respektieren, wie sie ihre Probleme friedlich lösen können - nicht durch Kämpfe. Sie müssen entdecken, dass Freude dadurch entsteht, dass man kooperiert und nicht auf seine Macht pocht. Vor all dem müssen sie lernen, dass jede Gewalt, die sie mit ansehen mussten, nicht normal ist. Sie müssen lernen, dass genau das Gegenteil normal ist: Respekt, Dialog, Kommunikation ... usw.

 

Was sind die Schlüsselelemente in Ihrer täglichen Arbeit mit den Menschen?

Vielleicht kann ich die Schlüsselelemente in einem Wort zusammenfassen: "Glauben". Meine Jesuitische Spiritualität drängt mich dazu, an die Menschheit zu glauben, weil auch Gott an sie glaubt und dies das Hauptmerkmal unserer Spiritualität ist. Ich versuche unsere Freiwilligen immer dazu zu ermutigen, an diejenigen zu glauben, mit denen sie zusammenarbeiten. Sie sollen darauf vertrauen, dass das, was sie tun, wächst und eines Tages Früchte bringen wird; dass sie nie aufgeben brauchen, weil wir es immer und immer wieder neu versuchen können. Wir sollen verstehen, dass der Sinn des Lebens nicht in den Ergebnissen liegt, sondern es ist als ob Menschen, unabhängig von ihrer Religion, Kultur und Herkunft, beschließen, eine gemeinsame Reise zu unternehmen - unabhängig davon, ob sie an ihrem Ziel ankommen oder nicht. Die Reise selbst ist ihr Vergnügen.

 

Welche Hoffnung haben Sie für Ihr Land?

Natürlich wünsche ich meinem Land Frieden - aber nicht irgendeinen Frieden. Ich wünsche einen Frieden, der jedem die Freiheit garantiert, sagen zu können, was ihn stört und seine Wunden und sein Leiden ausdrücken zu können. Ein vollkommen frei ersehnter Frieden, der weder durch Gewalt noch durch die Müdigkeit des Krieges erlangt wird. Ein Frieden, der auf Vergebung und auf Respekt vor Menschen und Gerechtigkeit beruht. Ein gerechter Frieden.

 

Wie unterstützt die Hilfe von Misereor Ihre Arbeit?

Misereor hilft uns bei unserem Klinikprojekt. Wie ich vorhin erwähnte, haben wir unsere Arbeit mit den syrischen Flüchtlingen zunächst mit materieller Hilfe begonnen. Im Jahr 2017, als der Konflikt in Aleppo sich etwas beruhigte, haben wir erkannt, dass diese Hilfe nicht mehr die Notwendigste ist. Deshalb haben wir damit aufgehört und uns auf die Bereiche Bildung und Bewusstseinsbildung fokussiert. Der medizinische Bedarf blieb jedoch Priorität. In Syrien können nur sehr wenige Menschen für ihre Operationen oder Medikamente für chronische Krankheiten bezahlen. Mit dem hohen Dollarkurs (ein Dollar entspricht 1000 Syrian Pound) sank der Wert der Gehälter der ArbeiterInnen enorm, da sie in syrischen Pfund gleich blieben. Wenn jemand früher, vor dem Krieg, 800 Dollar (40.000 SP) verdient hat (der Dollar entsprach 50 SP), bekommt er oder sie jetzt nur noch 40 Dollar.

Nach Beratungen mit Misereor, begannen wir begleitend zur Gesundheitsversorgung  auch Sensibilisierungsmaßnahmen abzuhalten. Bald schon wurden diese Sitzungen zu einem Ort für ganz offene Gespräche. Es wurden soziale Probleme geteilt und es konnte diskutiert werden. Durch diesen Austausch wurden sich die Teilnehmenden immer mehr bewusst, was die Hauptursachen ihrer Probleme sind. Davon inspiriert versuchten viele, die Beziehungen zu ihren Kindern und ihrer Familie auf eine neue Art und Weise zu gestalten.

 

Worauf haben Sie sich in Bayern besonders gefreut?

Naja, Bayern ist von hoher kirchengeschichtlicher Bedeutung, München ist eine berühmte Stadt und natürlich auch bekannt für Weißwürste und Bier... Ich habe mich sehr viel mit deutscher Kultur und Geschichte beschäftigt. In der Tat ist es so, dass viele Syrer deutsche Produkte lieben und auch die deutsche Persönlichkeit sehr schätzen. Ein Drittel der Syrer ist sogar Fan der Deutschen Fußballmannschaft! Aber wissen Sie, wenn jemand direkt aus dem Krieg und aus einem komplett zerstörten Land kommt, dann ist schon ein warmes Zimmer und stabiler Strom für mehr als zwei Stunden mehr als man sich wünschen kann.

 

Sie haben per Email geschrieben, dass Sie 2019 einmal in Deutschland waren und sich auch den Wunsch erfüllen konnten, nach Berlin zu fahren.Was würden Sie den jungen Menschen hier in Deutschland mit auf den Weg geben?

In Berlin traf ich auch einen alten Freund, der dort seit 25 Jahren lebt. Sein Sohn ist 21 Jahre alt. Ein junger Christ. Er stellte mir die Frage: "Warum müssen wir glauben?" Ich habe ihn verstanden. Er stammt aus einer gläubigen Familie, er ist selbst ein Gläubiger, und er muss Gründe finden, in einer säkularisierten Gesellschaft zu glauben, die manchmal dem Glauben und insbesondere dem christlichen Glauben feindlich gesinnt ist. Meine Antwort an ihn gebe ich jedem Deutschen Christen:

"Als Gott den Fisch erschuf, sprach er mit dem Wasser. Als er die Bäume schuf, sprach er mit der Erde. Als er den Mensch erschuf, sprach er mit sich selbst. Halten Sie den Fisch vom Wasser fern, so stirbt er. Reiße den Baum von der Erde, so stirbt er. Der Mensch, der sich von Gott entfernt, stirbt, denn Gott ist die natürliche Umgebung des Menschen. Gott ohne Menschen ist immer Gott. Aber der Mensch ohne Gott ist ohne Ressource. Ohne Ressourcen, die es ihm ermöglichen, in Fülle zu leben, und die sein Verlangen nach Ewigkeit und Unendlichkeit befriedigen. Ohne Gott stoßen wir ständig auf unsere Endlichkeit, die zu einer Sackgasse wird."

Am Ende möchte ich mich bei allen Deutschen bedanken, die an uns denken und eine so edle

Großzügigkeit zeigen.

Wir danken Ihnen!

 

Interview: Ruth Aigner

Rückmeldungen an Pater Sami sind herzlich willkommen!

Gerne können Sie sie an ruth.aigner@bistum-regensburg.de senden.

Online Welt wieder einblenden

Onlinewelt öffnen
Onlinewelt schließen