Oster: Müssen uns fragen, was weniger gut gelaufen ist

11.06.2018

Der Passauer Bischof Stefan Oster gehört zu den sieben deutschen Oberhirten, die sich im Kommunionstreit an den Papst wandten. Nun spricht er mit der Katholischen Nachrichten-Agentur darüber, wie es zwischen den deutschen Bischöfen weitergehen könnte. Im Kommunionstreit der katholischen deutschen Bischöfe sendet der Passauer Bischof Stefan Oster versöhnliche Signale an die Mehrheit. Aus seiner Sicht gibt es "keine Gewinner und Verlierer". In einem Interview wagte Oster am Samstag einen Ausblick, wie es jetzt weitergehen könnte.

 

Herr Bischof, ist der Streit der deutschen Bischöfe um die Kommunion

für evangelische Ehepartner von Katholiken jetzt entschieden?

 

Ich bin dem Heiligen Vater dankbar, dass er unser Anliegen gehört hat -

und die für uns wesentlichen Punkte klar beantwortet hat: Das Thema hat

weltkirchliche Relevanz und berührt nicht nur pastorale, sondern

Glaubensfragen. Weitere Klärungen sollen nun mit Hilfe der römischen

Dikasterien erfolgen, zum Beispiel, wie eng oder weit ein für diese Fragen

relevanter Paragraf des Kirchenrechts ausgelegt werden kann und welchen

Spielraum dann ein Diözesanbischof für die Anwendung hat.

 

Die von einer großen Mehrheit der Bischofskonferenz beschlossene

Handreichung ist nicht veröffentlichungsreif, hat der Leiter der

Glaubenskongregation geschrieben. Wie kann es jetzt weitergehen?

In jedem Fall werden wir zunächst in unserer Bischofskonferenz intensiv

miteinander sprechen müssen und uns auch alle miteinander ehrlich fragen, was

in den vergangenen Wochen gut und was weniger gut gelaufen ist. Und wir

müssen die Klärung aus Rom abwarten - und uns schließlich fragen, wie wir

damit umgehen.

 

Befürworter der Handreichung sprechen von "Doppelmoral", weil auch

die Kritiker eine in den Gemeinden längst übliche Praxis still tolerierten. Trifft

Sie dieser Vorwurf?

Ich teile dieses Urteil nicht. Es ist richtig, dass wir niemanden von der

Kommunionbank zurückweisen. In diesem Augenblick lässt sich kein Urteil über

die Gewissensentscheidung des einzelnen Empfängers sprechen. Da kann ich

niemanden bloßstellen. Aber wenn wir mit unserem Eucharistieverständnis ernst

machen, kann es keine nur oberflächliche Praxis der Kommunionausteilung für

quasi jeden geben. Daher bin ich als Spender gehalten, Menschen bei passender

Gelegenheit persönliche und geistliche Begleitung anzubieten - und unser

Eucharistieverständnis vertieft zu erläutern. Und ja, aus der Praxis der

Einzelseelsorge können sich dann tatsächlich singuläre und zeitlich begrenzte

Situationen ergeben. Aber aus meiner Sicht würde eine offizielle Regulierung

solcher Ausnahmen noch stärker dazu führen, dass Ausnahmen erst recht zur

Regel würden. Das zeigt ja schon die aktuelle Debatte. Es geht da im Grunde

kaum mehr um die "schwere geistliche Notlage einzelner", sondern fast immer

um die konfessionsverschiedenen Ehen generell.

 

Nach dem Klärungsversuch in Rom hieß es, die deutschen Bischöfe

sollten weiter nach einer einmütigen Lösung suchen. Wie könnte die aussehen?

Wir müssen intensiv miteinander sprechen und abwarten, was an

weiteren Klärungen aus Rom kommt - und dann sehen, wie wir gemeinsam

weitergehen können. Aber konkret antizipieren kann ich dieses "Wie" jetzt noch

nicht. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass wir keine politische Partei sind,

deren Abstimmungen manchmal Gewinner und Verlierer hervorbringen. Unser

Ziel reicht weiter: Wir suchen gemeinsam nach einem tieferen Verständnis

unseres Glaubens. Deshalb bin ich dankbar, dass Kardinal Marx als Impulsgeber

für die geplante Handreichung ein intensives Nachdenken darüber angestoßen

hat, was uns die Eucharistie eigentlich bedeutet, warum sie uns heilig ist, warum

sie Mitte unseres gläubigen Lebens ist - und wie Kirchengemeinschaft und

Eucharistiegemeinschaft zusammengehören.

 

In der Auseinandersetzung spielen Stilfragen eine große Rolle, zum

wiederholten Mal wurde nun ein nicht zur Veröffentlichung bestimmter Brief

an Medien durchgestochen. Ist das zur Klärung der Probleme hilfreich?

Es ist gut und richtig, dass wir im Geiste der Mitbrüderlichkeit aufrichtig

miteinander diskutieren, wenn nötig auch kontrovers. Dass dann bisweilen

Indiskretionen passieren, die medial sehr interessant werden, schadet der Sache

natürlich. Nämlich weil die Bischofskonferenz ja nicht nur eine Botschaft hat,

sondern auch selbst eine ist. Dass der Brief von uns Sieben öffentlich wurde, war

nicht gut. Andererseits wurde unser Brief weltweit wahrgenommen, darin hat

sich die weltweite Relevanz des Themas noch einmal gezeigt. Deshalb lag in

diesem Schaden aus meiner Sicht am Ende auch noch etwas Gutes.

 

Erzbischof Ladaria favorisiert eine Lösung, bei der jeder einzelne Bischof

für sein Bistum entscheidet. Das Kirchenrecht schreibt aber zusätzlich "bzw. der

Bischofskonferenz". Diese Ebene ist in Ladarias Brief einfach weggefallen, oder

wie verstehen Sie das?

Nach meinem Verständnis beschreibt Erzbischof Ladaria mit seiner

Formulierung nicht einen Ist-Zustand, sondern visiert eine mögliche Lösung an.

Zugleich verstehe ich ihn aber so, dass die römischen Dikasterien zuvor

gewissermaßen die Weite des Spielraums einer solchen "schweren Notlage"

ausloten sollen, innerhalb dessen ein Diözesanbischof dann entscheiden kann.

Ob die vorgeschlagene Lösung der geplanten Handreichung im Rahmen dieses

Spielraums ist oder außerhalb, wird man sehen.

 

Ist es für Sie hinnehmbar, dass ausgerechnet im Land der Reformation,

wo es so viele katholisch-evangelische Ehen gibt wie nirgends sonst, künftig

möglicherweise je nach Bistum unterschiedliche Lösungen praktiziert werden?

Aufgrund dieser besonderen Situation bei uns in Deutschland haben wir

auch eine besondere Verantwortung, zu einer guten und einheitlichen Regelung

zu kommen. Unterschiedliche Handhabungen von Bistum zu Bistum hielte ich für

problematisch, sie könnten den Eindruck der Beliebigkeit wecken, auch im

Kontakt mit unseren Brüdern und Schwestern der orthodoxen Kirche.

 

Auch kirchliche Fachleute bezweifeln, ob Regeln sinnvoll sind, die sich

gar nicht durchsetzen lassen. Steht sich mit dem Beharren auf klaren Vorgaben

die katholische Kirche hierzulande ein bisschen selbst im Weg? Ist das "typisch

deutsch"?

Das Zweite Vatikanische Konzil hat festgestellt, dass die Eucharistie die

Mitte von allem ist, Quelle und Höhepunkt unseres Glaubens. Ich glaube daher,

dass man sich nicht genug darum bemühen kann, sie zu verstehen, zu vertiefen -

und sie als unser Allerheiligstes besonders zu ehren. Die Kirche hat daher immer

schon Kriterien formuliert, die ein Hinzutreten zur Kommunion ermöglichen. Wie

diese heute zu fassen sind, darum ringen wir. Aber die vielen Äußerungen aus

allen Teilen der Weltkirche haben mir deutlich gemacht, dass das wahrlich nicht

allein eine typisch deutsche Frage ist.

 

Von Christoph Renzikowski (KNA)