„Unter dem Patronat Marias, Urbild der heilen Schöpfung! - Bischof Rudolf Voderholzer erklärt die marianische Dimension des Schöpfungstages

02.09.2019

Papst Franziskus hat einer Passage seiner Enzyklika "Laudato si" (24. Mai 2015) nun auch eine konkrete Maßnahme folgen lassen, die das Gebet und das Kirchenjahr betreffen.

Papst Franziskus hatte sich in Nr. 7-9 von LS auch auf Patriarch Bartholomaios bezogen. Dieser wird von manchen schon "Grüner Patriarch" genannt, weil er sich seit Jahren für eine verstärkte Aufmerksamkeit der Kirche für Fragen der Ökologie einsetzt. Auf Anregung seines Vorgängers, Dimitrios I., feiert er jedes Jahr den 1. September als Schöpfungstag. Viele Kirchen und kirchliche Gemeinschaften begehen in ökumenischer Verbundenheit ebenfalls im September diesen Gebetstag für die Bewahrung der Schöpfung.

2015 hatte Papst Franziskus in einem Schreiben an die Verantwortlichen der zuständigen vatikanischen Dikasterien Kardinal Turkson und Kardinal Koch ebenfalls den 1. September zum "Schöpfungstag" erklärt. Warum ausgerechnet im September, wie kommt es zu diesem Termin?

Das hängt mit dem orthodoxen Verständnis des Kirchenjahres zusammen, das sich an den Festtagen der Gottesmutter Maria orientiert. Während nach katholischem Verständnis das Kirchenjahr mit dem 1. Advent beginnt und mit dem Christkönigsfest schließt, folgt die orthodoxe Frömmigkeit einer marianischen Logik. Das erste große Fest im orthodoxen Kirchenjahr ist am 8. September das Fest der Geburt Mariens, und das letzte Hochfest im orthodoxen Kirchenjahr ist das Fest der Koimesis, der Entschlafung der Gottesmutter, d.h. der Feier der Vollendung der Mutter Jesu Christi bei Gott in seiner himmlischen Herrlichkeit (in der römisch-katholischen Kirche das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel) am 15. August. Das Kirchenjahr erstreckt sich also von der Feier der Geburt bis zur Feier der Vollendung Mariens. Es nimmt nach orthodoxem Verständnis den Empfänger der Offenbarung, das Subjekt der Annahme der Offenbarung und des Heils in den Blick. Der neue Schöpfungstag am 1. September macht gewissermaßen das Fest Mariä Geburt zum Oktavtag des Schöpfungstages und setzt damit Schöpfung und Maria ausdrücklich in Beziehung zueinander. Dem entspricht die in ökumenischer Verbundenheit hochgehaltene Glaubensüberzeugung, dass Maria Gottes heilige und heile Schöpfung in Person ist, steht doch der 8. September noch einmal in Bezug zum Fest der Immaculata Conceptio (ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria) neun Monate zuvor am 8. Dezember. Um ihrer Berufung willen, den Erlöser zur Welt zu bringen, hat Gott Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins an vom Verhängnis der Erbschuld befreit und somit den Weg zur Heilung und Heiligung der ganzen Schöpfung vorbereitet.

Der 1. September ist somit als Termin für den Schöpfungstag gut gewählt. Er macht deutlich, dass es der Kirche mit der Einführung des Schöpfungstages nicht um eine isoliert betrachtete und nur politisch motivierte Maßnahme geht. Vielmehr fügt sich dieser liturgische Ausdruck der Sorge um das "Gemeinsame Haus der Schöpfung" ein in das Gesamtverständnis von Schöpfung, wie der Papst es auch in der Enzyklika "Laudato si" entfaltet hat. Wie ein roter Faden durchzieht den lehramtlichen Text ja der Gedanke des Zusammenhangs, der Verbundenheit von allem. Den Menschen, die dabei sind, ihre Lebensgrundlagen zu zerstören, ruft er in Erinnerung: "Wir vergessen, dass wir selber Erde sind (vgl. Gen 2,7). Unser eigener Körper ist aus den Elementen des Planeten gebildet; seine Luft ist es, die uns den Atem gibt, und sein Wasser belebt und erquickt uns" (LS 2). Den heiligen Franziskus rühmt er, weil man an ihm gewahr wird, "bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind" (LS 10). Das Klima, dem die besondere Aufmerksamkeit und Sorge des Heiligen Vaters gilt, ist für uns deshalb so wichtig, weil es ein kompliziertes System auf globaler Ebene ist, "das mit vielen wesentlichen Bedingungen für das menschliche Leben verbunden ist" (LS 23). Die Einsicht in die Verbundenheit des Menschen mit der Natur und der unterschiedlichen Dimensionen des Lebens miteinander ist dem Papst dabei nicht eine philosophische Erkenntnis oder das Ergebnis wirtschaftswissenschaftlicher Reflexionen über das Phänomen der Globalisierung, sondern Frucht des Schöpfungsglaubens, des Glaubens, dass das ganze riesige Universum nicht das Produkt eines blinden Zufalls ist, sondern sich dem liebenden Plan des Schöpfergottes verdankt. Jeder und jede ist eingeborgen in Gottes zärtliche Liebe. Und der Mensch ist es, in dem die Schöpfung, in die die Dynamik der Entwicklung hineingelegt ist, nach Jahrmillionen zu sich erwacht. Der Mensch ist es, der in der Betrachtung der Schöpfung den Schöpfergott erkennen kann, und wir Menschen sind es, die der gesamten unbelebten und vormenschlichen Schöpfung nun die Stimme leihen und den Schöpfer preisen.

Die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung 2007 in Hermannstadt/Sibiu empfahl den Schöpfungstag zu einer Schöpfungszeit auszuweiten. Diese solle mit dem orthodoxen Schöpfungstag beginnen, das Erntedankfest in sich einschließen und mit dem Gedenktag des heiligen Franz von Assisi (dem Schöpfer des Sonnengesangs "Laudato si") enden. Viele ökumenische Arbeitskreise haben diese Empfehlung aufgegriffen. Auch im Bistum Regensburg wird bereits seit 2005 in diesem Zeitraum der diözesane Schöpfungstag begangen. Zu Recht kann man daher sagen, dass der im Jahr 2015 für die katholische Kirche neu eingeführte Schöpfungstag am 1. September unter dem Patronat der Gottesmutter Maria und des heiligen Franziskus steht.

In Maria schauen alle Menschen, die die Krone der Schöpfung sind, das Vorbild für ein Leben im Gehorsam gegenüber Gottes Wort und somit auch in Harmonie mit der Schöpfung. In Maria preist die zur Vollendung berufene Schöpfung die Größe ihres Schöpfergottes. In Maria schaut die Schöpfung schließlich ihre Vollendung, nämlich mit Leib und Seele, also in ihrer konkreten geschichtlichen Gestalt, bei Gott aufgenommen zu werden.

Dr. Rudolf Voderholzer
Bischof von Regensburg

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