Wolfgangswoche: Predigt von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer im Rahmen der Heiligen Messe mit den Religionslehrern und pastoralen Mitarbeitern

02.07.2019

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
im Pastoralen Dienst und im Religionsunterricht,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Vor ein paar Tagen hat der Bundesverband der katholischen Religionslehrerinnen und Religionslehrer ein Positionspapier verabschiedet. Hintergrund ist die für viele deprimierende Erfahrung, dass die Lehre der katholischen Kirche immer weniger vermittelbar ist. Deshalb: Die Bitte an die Bischöfe, sich den Forderungen, die im Zusammenhang mit dem so genannten Synodalen Weg allenthalben erhoben werden, nicht zu verschließen: sich also zu eigen zu machen die Forderung nach Aufhebung des Zölibats, Öffnung der Weiheämter für Frauen, Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, usw.

 

Ich nehme dieses Positionspapier sehr ernst und möchte Ihnen sagen, dass ich mir der Dramatik sehr bewusst bin. Vieles von dem, was zu Recht als spezifisch katholisch gilt, ist dem allgemeinen öffentlichen Bewusstsein so fremd geworden, dass jeder, der dennoch daran festhält und keine Abstriche an seinem Katholisch-sein machen will, bestenfalls als ein Exot oder Fortschrittsverweigerer, schlimmstenfalls als Menschenfeind oder böswilliger Reaktionär betrachtet wird, dem mit Verärgerung, ja mit Wut und Aggression begegnet wird. Ich könnte Ihnen dafür viele Beispiele nennen.

 

Weil das so ist, haben es Ihnen meine jüngsten auch in der Presse ziemlich breit rezipierten Aussagen in diesem Zusammenhang wiederum nicht leichter, sondern vielleicht noch schwerer gemacht. Ich will nicht um den heißen Brei herumreden, sondern die Dinge beim Namen nennen und Ihnen sagen, dass mir das sehr wohl bewusst ist. Sollte es anders sein, dass Sie also nicht auch unter Beschuss stehen, umso besser.

 

Aber ich will die Begegnung mit Ihnen und die Predigten in der Wolfgangswoche dazu nützen, den Problemen auf den Grund zu gehen und nach Wegen zu suchen, wie wir die überlieferten Elemente des katholischen Glaubens selber besser verstehen und dann auch besser vermitteln können. Und da scheint mir nun, dass ein wesentlicher Grund für das zunehmende Unverständnis für den katholischen Glauben das zunehmende Unverständnis für das sakramentale Denken, für die Denkform der Sakramentalität ist. Der Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke hat die Sakramentalität sogar als das spezifisch Katholische überhaupt dargestellt. Ich kann Ihnen sein gleichnamiges Buch nur empfehlen.

 

Sakramentalität - sakramentales Denken, was heißt das?

Sakramentales Denken geht davon aus, nicht nur, dass es die sieben Sakramente der Kirche gibt, und dass die Kirche als Ganzes "gleichsam Sakrament", also Zeichen und Werkzeug der innigsten Verbindung zwischen Gott und den Menschen und der Menschen untereinander ist, wie es die Kirchenkonstitution Lumen gentium gleich einleitend sagt. Sakramentalität als Denkform setzt vielmehr voraus, dass die Wirklichkeit, die materielle Wirklichkeit selbst Träger eines über sie hinaus weisenden Sinnes sein kann und ist.

Sakramentales Denken heißt wahrnehmen: Die Welt, in der wir leben, ist nicht unsere Umwelt, sondern Gottes Schöpfung. Jedes Lebewesen verweist von sich aus auf den Schöpfer. Das Zwitschern der Vögel ist letztlich Lobpreis Gottes. Die Himmelsrichtungen bergen eine innere Symbolik: Die Ausrichtung auf den Osten hin, in Richtung auf die aufgehende Sonne, gibt auch eine innere "Orientierung", kann Ausdruck sein der Hoffnung auf das wahre Licht. Mein Leib ist nicht nur ein blutdurchströmter, hochorganisierter Zellhaufen, sondern Ausdruck meiner Seele.

 

Sie alle, die Sie in der Vorbereitung der Sakramente mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, werden wissen, wie wichtig es ist, Verständnis, einen Blick, einen Sensus für die innere Zeichenhaftigkeit der Dinge zu wecken; oder sagen wir besser: wach zu halten, denn in ein unvoreingenommenes Wirklichkeitsverständnis hat ein natürliches Verständnis für die reinigende und belebende Bedeutung des Wassers, die nährende Bedeutung von Brot, die heilende und schützende Bedeutung von Öl sowie die tieferen Bedeutungen von Handauflegung und der Körperhaltungen von Stehen, Knien, Sitzen usw. Sakramentales Denken heißt anerkennen: Die Schöpfung, die leibliche Dimension meines Lebens weist über sich hinaus.

 

Vor dem Hintergrund des sakramentalen Denkens leuchtet ein: der freiwillige Verzicht auf die Erfüllung der Sexualität in der Nachfolge Jesu und in der Gleichgestaltung mit seiner Lebensform ist ein Zeugnis, ein Zeugnis für eine Hoffnung über alles Irdische hinaus.

Vor dem Hintergrund des sakramentalen Denkens wird verständlich, dass die Ehe von Mann und Frau, ihre gegenseitige Ergänzung, aber auch ihre gemeinsame Fruchtbarkeit ein Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen und seiner Liebe zur Zukunft ist.

 

Und vor dem Hintergrund des sakramentalen Denkens wird auch verständlich, dass das geistliche Dienstamt, das die realsymbolische Vergegenwärtigung Christi als des Hauptes der Kirche, als des bleibenden Voraus der Kirche, von seiner natürlichen Zeichenhaftigkeit her nur von einem Mann ausgeübt werden kann. Sakramentales Denken erkennt, dass der Wirklichkeit als solcher ein innerer Verweis über sich selbst hinaus innewohnt. Man könnte es auch "symbolisches" Denken nennen. Wichtig ist, dass dieser Mehrwert sozusagen nicht vom betrachtenden Menschen erst hineingelegt wird, sondern dass die Dinge von sich aus diesen Verweischarakter in sich tragen.

 

Der Gegensatz zum sakramentalen Weltverständnis, zum sakramentalen Denken ist das funktionale Denken. Ein Denken, das die Dinge und Wirklichkeiten der Schöpfung auf die Frage des Machen-Könnens verkürzt. Im Hinblick auf die Schöpfungswirklichkeit von Mann und Frau gesagt: die Reduktion auf Rollenmuster, die dann freilich in ihrer Austauschbarkeit durchschaut werden können.

Dazu schreibt Menke in dem genannten Buch: "Unabhängig von der längst bewiesenen Tatsache, dass die herkömmlichen Rollen von Frauen und Männern funktional gesehen auch vom jeweils anderen Geschlecht übernommen werden können, gibt es so etwas wie die 'reine Repräsentanz der Geschlechterpolarität'. Wo nicht das Frau und Mann Gemeinsame, sondern das Frau und Mann Unterscheidende repräsentiert wird, sind die Geschlechter nicht austauschbar." (Menke, Sakramentalität, 85)

 

Zum Phänomen der Sakramentalität gehört auch die Anerkenntnis, dass es, gerade im Blick auf die Geschlechterpolarität, seinsmäßige Bestimmungen gibt. Vater-Sein und Mutter-Sein sind nicht irgendwelche Rollen, die man zu spielen hätte, sondern seinsmäßige, ontologische Bestimmungen. Einmal Vater, immer Vater; einmal Mutter, immer Mutter. Es kommt darauf an, ein guter Vater, eine gute Mutter zu sein. Und die in die Schöpfung hineingelegte Komplementarität zeigt sich daran, dass nur die Frau den Mann zum Vater, nur der Mann die Frau zur Mutter machen kann.

 

Wo freilich das rein funktionale Denken beherrschend wird, verschwindet das Verständnis für die spezifisch katholischen Glaubensinhalte. Wenn dann zum Beispiel sogar die Liturgie, wo der Priester in Persona Christi die Wandlungsworte spricht, ganz der Perspektive der Machtfrage unterworfen wird und der Vorsteherdienst in der Eucharistie vor allem als ein Moment der Machtausübung betrachtet wird, die möglichst demokratisiert werden muss. Ausdruck des funktionalen Denkens ist die extreme Form des Gender-Mainstreams. In seinen extremen Formen geht es längst schon nicht mehr um Geschlechtergerechtigkeit, sondern um die Leugnung, ja die Bekämpfung der Ebene der natürlichen Zeichenhaftigkeit des Leibes. Der extreme Genderismus ist gekennzeichnet von einer Minimalisierung der geschöpflich-seinsmäßigen Dimension und einer Reduktion der Geschlechtlichkeit und der Geschlechterdifferenz auf eine menschlich zu gestaltende, geradezu technisch zu bestimmende und zu manipulierende Funktionalität.

 

Deswegen ist das Schreiben der römischen Bildungskongregation so wichtig, weil hier die sakramentale Dimension der geschöpflichen Geschlechterdifferenz und ihrer natürlichen Zeichenhaftigkeit als wesentliche Grundlage unseres biblisch begründeten Glaubens festgehalten wird. Die lehramtliche Bewertung der Gender-Theorie bleibt nicht beim Gender-Sternchen oder der Einführung neuer Toiletten stehen, sondern betrachtet die geistigen Wurzeln des Ganzen und fragt nach den Langzeitfolgen.

 

Es geht dabei nicht um moraltheologische oder pastorale Fragen. Es ist doch klar, dass jeder Mensch, ganz unabhängig von seinem Geschlecht oder seinen somatischen oder psychischen Besonderheiten, ein von Gott geliebtes Geschöpf, Ebenbild Gottes ist und umso mehr der Sorge der Kirche anvertraut ist, je mehr er sich ausgeschlossen oder diskriminiert fühlt. Letztlich steht die Frage der Sakramentalität auf dem Spiel, die sakramentale Denkform, die wahrnimmt und anerkennt, dass Gott in die Schöpfung eine natürliche Zeichenhaftigkeit hineingelegt hat, an der dann die sieben Sakramente der Kirche in einer besonderen Verdichtung anknüpfen.

 

Das Ursakrament oder auch Grundsakrament ist Christus selbst. In seiner Menschheit, die unvermischt mit seiner Gottheit verbunden ist, ist er in seiner Person die Gegenwart des Reiches Gottes, die Transzendenz und unser aller göttliche Berufung inmitten der irdischen Wirklichkeit. Die Kirche ist in Christus Sakrament der Einheit mit Gott und der Menschen untereinander. In ihren sakramentalen Vollzügen darf sie den Himmel offen halten und das Heil in Christus vermitteln.

 

Die Anerkenntnis der Sakramentalität bewahrt die Schöpfung vor der Ausbeutung durch die reine Funktionalität, vor der Reduktion auf die Materie und vor der Auslieferung an die Allmachtsphantasien einer immer selbstbewusster werdenden Technik, vor allem im Bereich der Genetik und der Medizin. Mit der Bewahrung des sakramentalen Denkens, die auch die Ehrfurcht vor der Schöpfung impliziert, mit der Wiederentdeckung des sakramentalen Denkens erweisen wir uns als katholische Kirche nicht nur nicht als "ewig-gestrig", sondern wir würden im Gegenteil nicht nur ein neues Verständnis für die konkrete Gestalt der katholischen wecken und darüber hinaus der ganzen Gesellschaft einen wichtigen Dienst leisten. Die sakramentale Dimension vergessen, hieße, Gott und letztlich auch seine Liebe aus unserem Leben still und heimlich zu verbannen. Ich jedenfalls werde mich nicht davon abhalten lassen, diese mir zutiefst wichtig erscheinende Sache um des Glaubens und der Kirche willen immer und immer wieder zu benennen und zu vertiefen suchen. Ich bitte Sie, mit mir darüber nachzudenken und nicht in Resignation zu verfallen, sondern frohgemut und selbstbewusst die Größe und Schönheit des Glaubens zu vermitteln suchen.

Der heilige Wolfgang, unser Diözesanpatron, möge uns mit seiner Fürsprache beistehen.
Heiliger Wolfgang, bitte für uns!
Amen.

 

 

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