Zwei Bräute in der Kunst – Prof. Dittscheid sprach über die Darstellung von Christen und Juden in Regensburg

24.10.2019

Die Weinschenk Villa im Westen Regensburg gehörte einst dem jüdischen Bankier und Stadtrat Maximilian Weinschenk. Dieser besaß das erste Telefon in Regensburg – mit der Telefonnummer 1. Das verriet Prof. Dr. Sigmund Bonk, Direktor des Albertus Magnus Forums, seinen Gästen zu Beginn der Veranstaltung. Der Mäzen Weinschenk etablierte in seinem Hause im frühen 20. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Regensburger Salonkultur. Der Veranstaltungsort für den Vortrag des Kunsthistorikers Prof. Dr. Hans-Christoph Dittscheid war sehr gut gewählt. Unter den zahlreichen Besuchern waren Bischof Rudolf Voderholzer und Weihbischof Josef Graf. Den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde versicherte Bonk, dass diese Veranstaltung auch ein Zeichen der Solidarität sein soll – besonders im Hinblick auf die jüngsten verheerenden Vorkommnisse in Halle.

 

Gleichrangigkeit des Besitzers

Dr. Dittscheid stellte das Programm des Abends vor: Anhand zahlreicher Werke aus der Bildenden Kunst aus den vergangenen Jahrhunderten sollten die wechselvolle Beziehungen zwischen den Religionen, dem Christentum und dem Judentum veranschaulicht werden. Zuvor nahm auch er Bezug zu dem Veranstaltungsort: Die Weinschenk Villa mit ihrer kirchturmartigen Warte, so Dittscheid, war wohl als eine Art programmatisches Gebäude gedacht, das die Gleichrangigkeit des Besitzers mit der christlichen Bevölkerung demonstrieren sollte.

 

Ecclesia und Synagoga

Am Anfang der christlich-jüdischen Beziehung in der Bildenden Kunst stehen zwei Frauengestalten: Ecclesia und Synagoga, die beiden Bräute Christi. Das frühe Christentum stellte diese Frauen, die allegorisch für das Christen-. bzw. das Judentum stehen, noch als gleichberechtigt dar. Im Laufe der Jahrhunderte jedoch änderte sich dieses Bild. Ecclesia erscheint zwar weiterhin als stolze und erhabene Gekrönte. Synagoga aber wird nach und nach zu einer verletzlichen, angeschlagenen, gebeugten Frau, die manches Mal gar eine Augenbinde trägt – eine polemische Anspielung darauf, dass Synagoga und damit das gesamte Judentum mit Blindheit geschlagen sei und in Jesus den Messias nicht erkannt hat. Diese Art von Ungleichbehandlung der Religionen ist u.a. im Uta-Codex von Niedermünster zu sehen. Das Evangelistar aus dem 11. Jahrhundert zeigt in einer kunstvollen Miniatur die Kreuzigung Christi. In der Szene erscheint die erhabene Christus zugewandte Ecclesia als Vita. Synagoga hingegen wird mit Mors gleichgesetzt und erhält aus einem Auswuchs des hölzernen Christuskreuzes einen Schlag, der sie niederringt.

Von der Synagoge zur „Schönen Maria“

Der Künstler und spätere Stadtbaumeister Albrecht Altdorfer ist weithin ein Begriff. Als Ratsherr der Stadt Regensburg war er mitunter an der Ausweisung der Juden im Jahre 1519 beteiligt. Doch er soll beim Abriss der Synagoge um zeitlichen Aufschub gebeten haben – ihre besondere Architektur sollte noch dokumentiert werden. So sind uns zwei Radierungen erhalten, die detailgenau Aufschluss über das Innere der Synagoge von 1227 geben. Dank dieser beiden Radierungen wissen wir heute, dass die jüdische Gemeinde in Regensburg damals eine sehr große Synagoge besaß, die architektonisch der Wormser Synagoge von 1174/75 ähnelte und in vielen Teilen sogar ganz in der Tradition der christlichen Baukunst steht – die Baumeister der Synagoge kamen von der Reimser Dombauhütte. Für wenige Jahrhunderte lebten Juden und Christen in Regensburg weitgehend friedlich nebeneinander her. Unmittelbar nach der Zerstörung dieses einmaligen Bauwerks und der Vertreibung der Juden aus der Stadt wurde ein christliches Wallfahrtszentrum errichtet: genau dort, wo die Synagoge stand. Die Anbetung der „Schönen Maria“ wird eindrucksvoll auf einem Holzschnitt von Michael Ostendorfer festgehalten. Der Schnitt ist auf 1520 datiert und zeigt einen riesigen Pilgerzug, der fast schon ekstatisch die Schöne Maria verehrt.

 

Die Judensau

Der Regensburger Dom, Notre Dame de Paris, St. Sebald in Nürnberg sowie zahlreiche weitere Kirchen in ganz Europa tragen sie in ihren Fassaden in Stein gemeißelt: die Judensau. Sie ist Zeugnis des wachsenden Antijudaismus auf dem gesamten Kontinent. Auch andere Schmähsymbole finden sich am Regensburger Dom. Und was außen am Dom zu sehen war, nahm auch in seinem Innenraum Gestalt an: Insbesondere der Domprediger Balthasar Hubmaier äußerte sich in seinen Predigten antisemitisch. Aus dem 15. und 16. Jahrhundert existieren viele bildhafte Zeugnisse eines latenten Antisemitismus. Ein Beispiel ist die Veit Stoß zugeordnete Votivtafel, die im Historischen Museum zu besichtigen ist. Sie zeigt Wallfahrer bei ihrer Marienverehrung. Doch im Hintergrund der Tafel drücken sich drei unvorteilhaft dargestellte Männer herum. Sie sind klar als Juden zu erkennen. Die Kunst machte keineswegs Halt vor den geläufigen Vorwürfen und Vorurteilen gegen die Juden. Ob Hostienschänderei, Giftmischerei oder Ritualmorde an Christenkindern, vieles wurde zu propagandistischen Zwecken verewigt. So zeigt ein Regensburger Kupferstich aus dem 15. Jahrhundert die Szene eines vermeintlichen Kindesmordes. Frei von Antisemitismus war auch das „Sensationsblatt“ der damaligen Zeit nicht: Die Schedelsche Weltchronik zeigt die grausame Hinrichtung von Juden als die „schmeher Christi“ in Feuergruben. Und noch 1758, als Juden in Regensburg längst wieder eine Heimat hatten, entstand ein Deckengemälde in St. Kassian, das die Vertreibung der Juden 1519 glorifiziert.

 

Friedliche Koexistenz

„Gab es denn keinerlei Zeugnisse der Toleranz? Musste alles so schrecklich ausgehen?“, fragte Dittmer in die Runde. Tatsächlich begegnen sich Judentum und Christentum in der bildenden Kunst äußerst selten auf Augenhöhe. Ansätze von Gleichberechtigung sind u.a. in der großen Manessischen Liederhandschrift aus dem 14. Jahrhundert zu finden. Hier tauchen allerlei Dichtungen des jüdischen Sängers Süßkind von Trimberg auf. Auch eine Abbildung in dieser Liedersammlung zeigt einen Juden, der gemeinsam mit einem Christen vor den Bischof, der hier wohl als Richter fungiert, tritt. Hinsichtlich ihrer Stellung, Haltung und Kleidung erscheinen Christ und Jude gleichberechtigt. In der Neuzeit und der heutigen Zeit könnten die zweite Regensburger Synagoge und der heutige Neupfarrplatz als architektonische Zeugnisse für eine friedliche Koexistenz der Religionen gewertet werden. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, der mit der Einweihung der Synagoge 2019 bis heute leuchtet und hoffentlich nicht erlischt. Nach dem Vortrag gab es Zeit und Raum für Diskussion.

Dr. Dittscheid studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Vor- und Frühgeschichte sowie Vorderasiatische Archäologie und Historische Hilfswissenschaften. 1983 promovierte er mit einer Dissertation über Kassel-Wilhelmshöhe. Zuletzt war er 26 Jahre lang Professor für Kunstgeschichte an der Universität Regensburg.

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