Junger Mann spricht Frau auf der Straße an

Neuevangelisierung

Es gibt Regionen, in denen der Glaube zwar schon lange beheimatet ist, aber durch die fortschreitende Säkularisierung an Bedeutung verloren hat. Viele Generationen in manchen Kernländern des Christentums, zu denen Deutschland gehört, sind ohne Verbindung zu Gott und zum christlichen Glauben aufgewachsen.

Daher ist es notwendig geworden, wieder missionarisch zu denken und das  Evangelium neu zu verkünden. Das ist gemeint, wenn wir von Neuevangelisierung sprechen. Die deutschen Bischöfe haben ein schönes Bildwort dafür gewählt: Es ist „Zeit zur Aussaat“.

Und was hat das mit mir zu tun?

Was das mit mir zu tun hat

Niemand soll meinen, Neuevangelisierung wäre eine Aufgabe, die ihn nichts angeht oder die ihn überfordert. Neuevangelisierung bedeutet nicht, dass wir permanent versuchen müssen, andere vom christlichen Glauben zu überzeugen. Es geht im Grunde nur darum, das selbstverständlich Christliche neu anzunehmen und es überzeugt zu leben. Es genügt, das Evangelium in unser alltägliches Leben einzubeziehen, so gut wir es eben verstehen und vermögen. Das beginnt mit der Glaubensweitergabe in der christlichen Erziehung, durch Übernahme eines Patenamtes, durch ehrenamtliche Mitarbeit in der Pfarrgemeinde, durch caritatives Handeln, durch ein stilles Kreuzzeichen vor dem Essen in der Kantine oder im Restaurant...

Wir können versuchen, unsere Glaubensüberzeugung in unsere Gesellschaft einfließen zu lassen: im Elternbeirat an Kindergarten und Schule, durch unser bürgerliches und politisches Engagement, in Diskussionen im Freundeskreis am Arbeitsplatz… Papst Johannes Paul II. hat es so zusammengefasst: „Dieses Zeugnis wird möglich, wenn es den Laien gelingt, den Gegensatz zwischen dem Evangelium und dem eigenen Leben zu überwinden und in ihrem täglichen Tun, in Familie, Arbeit und Gesellschaft eine Lebenseinheit zu erreichen, die im Evangelium ihre Inspiration und die Kraft zur vollen Verwirklichung findet.“ (Christifideles laici, Zf. 34)

Neuevangelisierung - Ein Anliegen der Päpste

Es war Papst Johannes Paul II., der das Verdunsten des Glaubens klar benannt und die Neuevangelisierung zu einem der Hauptanliegen seines Pontifikats gemacht hat. Bereits 1985 hat er in einer Versammlung der europäischen Bischofskonferenzen erstmals angemahnt, die Kirche müsse sich insbesondere in den christlich geprägten Ländern der Aufgabe einer „neuen Evangelisierung“ stellen. Etwas später hat er in einem offiziellen Schreiben die Neuevangelisierung als eine Aufgabe aller Christen, gerade auch der Weltchristen, bezeichnet (Christifideles laici, insb. Zf. 34).

Seine Nachfolger, Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus, haben sich das Anliegen einer missionarischen Kirche zu Eigen gemacht und schreiben es fort: Papst Benedikt, indem er etwa den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung errichtete, Papst Franziskus, indem er nicht müde wird, „zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen“.

Man kann drei Zielrichtungen der Neuevangelisierung benennen:

Den Glauben neu verkünden

Mission ist ein Grundauftrag der Kirche (vgl. Mt 28,19). Es geht nicht darum, anderen die eigene Überzeugung aufzudrängen. Aber wer Jesus Christus als den Retter und Erlöser erkannt hat, in dem er für sein Leben Halt und Hoffnung findet, der darf nicht so egoistisch sein, diese Entdeckung für sich behalten zu wollen.

Viele Menschen um uns herum machen diese Entdeckung nicht mehr. Weil sie mit dem christlichen Glauben noch gar nicht oder nur oberflächlich in Berührung gekommen sind, besteht die Aufgabe der Neuevangelisierung darin, diesen Menschen das Evangelium nahe zu bringen, das sie nicht kennen – Mission in einem ganz ursprünglichen Sinn also. Der Glaube ist kein Gemeingut mehr und muss deshalb neu verkündet werden.

Den eigenen Glauben erneuern

Gleichzeitig machen wir in den ehemals christlich geprägten Ländern die Erfahrung, dass viele Menschen zwar getauft sind und religiös erzogen wurden, dem Glauben aber gleichgültig gegenüber stehen oder ihn gänzlich abgelegt haben.

In öffentlichen Diskussionen zeigt sich oft, dass das Allgemeinwissen über christliche Themen nicht sehr tief reicht und von Klischees und Vorurteilen verfälscht ist. Die religiöse Praxis geht zurück, christliche Erziehung bleibt auf der Strecke, das Christentum hat in einer säkularen Gesellschaft zunehmend keine prägende Kraft mehr…

Es liegt auf der Hand, dass auch denen, die sich Christen nennen, das Evangelium neu vertraut werden muss. Neuevangelisierung beginnt mit der Erneuerung unseres eigenen Glaubens. Wir müssen als Kirche und als einzelne Glaubende dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnen, dass wir mit dem Evangelium vertraut sind und es überzeugend leben.

Neue Bereitschaft zur Verkündigung fördern

Eine Kirche, die aus einem erneuerten Glauben lebt, wird sich bewusst werden, dass sie sich nicht nur in den eigenen Kreisen bewegen und mit sich selbst beschäftigen darf. Alles kirchliche Tun muss davon Zeugnis geben, dass wir „die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen“ haben (1 Joh 4,16) – die Liebe, die in der Gestalt Jesu Christi, in seinem Wort, in seiner liebenden Hingabe greifbar wird.

Davon müssen wir sprechen, diese Liebe müssen wir sichtbar machen, damit das Evangelium durch uns greifbar und erfahrbar wird. Neuevangelisierung schließt die Bereitschaft der ganzen Kirche ein, der Gemeinschaft wie des einzelnen, der geweihten und auch der nichtgeweihten Christen, über die Hoffnung Auskunft zu geben, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15) und so zu leben, dass man uns nach unserer Hoffnung fragt. Glaube und Zeugnis gehören untrennbar zusammen.

Neuevangelisierung bedeutet, diesen missionarischen Grundauftrag als neue Herausforderung anzunehmen und nach neuen Wegen zu suchen.

Aus dem Hirtenbrief eines Bischofs aus den neuen Bundesländern

„Liebe katholische Mitchristen! Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt etwas. Es ist nicht das Geld. Es sind auch nicht die Gläubigen. Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können. Das ist ihr derzeit schwerster Mangel. … Ich habe die Vision einer Kirche in Deutschland, die sich darauf einstellt, wieder neue Christen willkommen zu heißen. … ‚Mission’ heißt für mich schlicht: das weitersagen, was für mich selbst geistlicher Lebensreichtum geworden ist. Und „Evangelisieren’ meint: dies auf die Quelle zurückführen, die diesen Reichtum immer neu speist: auf das Evangelium, letztlich auf Jesus Christus selbst und meine Lebensgemeinschaft mit ihm. Nicht die Begriffe sind wichtig. Es geht um die gemeinte Sache. … Dass eine Ortskiche nicht wächst, mag auszuhalten sein, dass sie aber nicht wachsen will, ist schlechthin unakzeptabel. Teilen Sie dieses Urteil? Wenn ja, dann muss uns Katholiken in Deutschland zum Thema ‚missionarische Kirche’ mehr einfallen als bisher“ (Bischof Joachim Wanke in einem Hirtenwort aus dem Jahr 2000, abgedruckt in „Zeit zur Aussaat“).